Before they fade away : Es werden immer weniger

Dies wird kein Abriß der Firmengeschichte eines für meine Heimatstadt bedeutenden Unternehmens, das für die Herstellung von Druckmaschinen bekannt war, sondern eine persönliche Betrachtung einer einfachen Tatsache.

Lange Zeit waren die Namen jener Industriezweige mit der Geschichte meiner Stadt verknüpft. In meiner Stadt (zur Fastnachtszeit von unseren Karnevalisten auch Lederanien genannt) hatte es etliche große und kleine Betriebe, die Lederwaren herstellten, aber auch für sein Mineralwasser und den Buchdruck war Offenbach bekannt. Davon zeugen das Ledermuseum und das Klingspormuseum, das der Schriftkunst gewidmet ist. Außerdem haben hier die Hochschule für Gestaltung, der Deutsche Wetterdienst und die Bundesmonopoverwaltung für Branntwein ihren Sitz. Was für eine Mischung!

Was für Außenstehende auf den ersten Blick vielleicht nicht zusammenpasst, hat mich jahrzehntelang begleitet. Doch all diese Namen sind in einem schleichenden Prozeß, nach und nach verschwunden – ein Prozeß, der noch nicht zu einem Stillstand gekommen ist. Wer, so frage ich mich, wird sich in Zukunft noch erinnern an all die Firmen und Gebäude, die Gesicht und Geschichte Offenbachs geprägt haben? Wer wird in einigen Jahren noch wissen, dass – umgeben von einem Wohngebiet – hier eine Fabrik stand, in der Druckmaschinen hergestellt wurden? Eine Frage, die mich seit geraumer Zeit beschäftigt, denn nun wird das seit längerem leerstehende Werk abgerissen, um einem Neubaugebiet Platz zu machen. Es war reiner Zufall, dass ich davon erfuhr, obwohl diese Pläne schon länger im Gespräch waren; und so zog ich am Ende September 2013 mit meiner Kamera los, um die letzten Überbleibsel zu dokumentieren, bevor der Rückbau abgeschlossen ist.

Schon einmal habe ich es versäumt, alte Gebäude von außen und innen abzulichten, bevor sie der Abrißbirne zum Opfer fielen. Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Woran mir im Fall der Fabrik besonders lag, war das Hauptportal des Verwaltungsgebäudes mit seiner geschwungenen Treppe und einem Wandbild in der Eingangshalle, das mir bis dato noch nicht aufgefallen war, nun aber in meinen persönlichen Fokus rückte. Zu sehen ist darauf Alois Senefelder, der als Erfinder der Lithografie gilt, und eine Kombination aus Druckerpresse eine Druckmaschine, garniert mit den Inschriften „Senefelder 1796” und „Roland 1952”.

Irgendwie gelang es mir, mich am Bauzaun so zu postieren, daß ich mit der Kamera einzelne Ausschnitte heranzoomen konnte. Das Ergebnis ist nicht immer auf Hochglanz getrimmt, aber für mich hat so eine Industrieruine ihren eigenen Charme (auch ohne “Photoshopping”), surreal und morbide zugleich. Ich weiß ja nicht, von wem der Spruch “Ist das Kunst oder kann das weg?” stammt, aber in diesem Fall mache ich daraus Kunst, bevor es wegkommt. Und da wäre ich schon bei einem diffusen, jahrelang vor sich hin schlummernden Plan, der nun konkrete Züge annimmt.

Was so vage in meiner Vorstellung vor sich hingeistert, wird nun real, denn bald habe ich Urlaub, und das ist die Chance, Ansichten meiner Stadt in Bildern festzuhalten, bevor sie für immer verschwinden.

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