Luminaletagebuch : „Liebling, ich laß‘ mich lasern“

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Für den Donnerstag hatten mein Mann und ich einen Besuch der Mainmetropole Frankfurt geplant, wo sich definitiv die meisten der über 200 Beiträge zur Luminale befanden. Wir trafen uns nach Feierabend vor der Festhalle und fuhren nach Hause zurück, um uns das Offenbacher Highlight „Schwarzlicht“ von Ulrich Wagner nochmal in Ruhe anzuschauen, etwas trinken zu gehen und uns umzuziehen.

Nach dem Abendbrot hieß es dann zunächst aber auf der Fahrt nach Frankfurt, vorbei an den bunt beleuchteten Sehenswürdigkeiten erst einmal im Stau stehen und sich den Platz vor dem Stern gegenüber der Messehalle mit gefühlt dreißig anderen Fotografen teilen, von denen die meisten mit Mega-Objektiv und Stativ unterwegs waren. Zum Glück brauchen weder mein Mann und ich dieses Zubehör nicht, weil wir in der Lage sind, bei Belichtungszeiten von bis zu einer Sekunde aus der Hand zu fotografieren, ohne dass verwackelte Bilder dabei herauskommen. So können wir uns freier bewegen und auch sehr nah an ein Motiv herangehen, wenn es erforderlich ist. So wie bei dem von innen leuchtenden, dreidimensionalen Stern, der sich bei den Besuchern großer Beliebtheit erfreute: Aus der Ferne gesehen, ist es zunächst scheinbar nur ein mehrzackiges, die Farben wechselndes Gebilde; steht man aber direkt davor, so kann man im Innern ein verkleinertes Modell dieses Sterns erkennen, das ebenfalls in changierenden Farben von innen heraus strahlt. Schööööön…

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„Star“

Schön anzusehen ist auch die Installation „Überlebenslicht“ auf dem Weiher in der Parkanlage gegenüber dem orange angestrahlten Messeturm: ein Rettungsring inmitten unzähliger kleiner Lichter; Seenotrettungsleuchten, die stellvertretend für all jene Flüchtlinge stehen, die mit teils hochseeuntauglichen Booten übers Mittelmeer übersetzen – „nicht alle kommen an“, um die Worte aus dem Begleitheft zu zitieren. Kunst mit ernster Botschaft; bereits zum zweiten Mal an diesem Tag (die Papier- und Lichtinstallation „Schwarzlicht“ kann man in dieselbe Kategorie einordnen – aber darauf werde ich sicherlich noch einmal zurückkommen).

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„Überlebenslicht“

Statt politische Inhalte umzusetzen, scheinen manche Künstler die Besucher auch vielleicht einfach nur verzaubern zu wollen. So wie der Licht-Poet Alfred Wolski, in Zusammenarbeit mit Dorte Sukavi: Im Senckenbergmuseum schwebten an der Decke hoch über den Dinosaurierskeletten bunte Objekte aus Metall und Filterglas und reflektierten bunte Lichtschnipsel, die über die in geisterhaftes Licht getauchten Wände glitten und über die Saurerknochen wanderten. Dazu erklang eine sphärische, futuristische Musik, die ich nur schlecht beschreiben kann… elektronischen Klänge, gemischt mit dem beinahe schon archaisch wirkenden Zusammenspiel aus Didgeridoo, Rasseln und anderen Instrumenten, vermutlich so alt wie die Menschheit selbst.

Hier fühlte ich mich beinahe wie in einer anderen, längst versunkenen Welt – ein Eindruck, der gewiß auch von anderen Besuchern, die sich des intensiveren Genusses wegen auf den Rücken gelegt hatten und auf diese Weise die kaleidoskopartigen Farbspiele an der Decke noch besser auf sich wirken lassen konnten. Kleine Anekdote am Rande: Bevor wir zu dieser Expediton aufgebrochen waren, hatten wir durch Zufall eine Dokumentation auf ZDF-info eingeschaltet, die sich mit Dinosauriern befasste. Aber solche Zufälle fallen mir meistens erst hinterher auf.

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Flugsaurier im Senckenberg-Museum

Irgendwo habe ich neulich in einem Reisebericht über Mailand gelesen, dass es besser ist, sich treiben zu lassen und offen zu sein für Unbekanntes anstatt stur eine Liste abzuarbeiten. Daran musste ich auf dem Rückweg zu unserem Motorroller denken, als wir an einem Haus vorbeikamen, durch dessen hellerleuchtete Fenster wir im Erdgeschoss ein rotierendes Band erblickten, dass sich in einer Art Doppelsinuskurve oder Doppelhelix bewegte.

Und richtig: Vor der Eingangstür befand sich ein Luminalebanner – der Hinweis, dass es hier auch etwas spannendes zu sehen gab. Ich zitiere aus dem Programmheft (#164 „Objets Trouvés):

Im denkmalgeschützten Chemag-Haus präsentiert Merlin Baum sein kinetisches Lichtinterface, das auf den Wind der Umgebung und den Luftzug der Besucher reagiert und somit ein interaktives Lichtfeld entstehen lässt. Die Installationen von Niklas Reiners untersuchen die Schnittstellen zwischen den Elementen: Zeit, Licht, Raum und Skulptur. Die Fadenwellenmaschine entwickelt aus Bewegung und Licht eine räumliche Dimension. Der Ventilatorlaser segmentiert den architektonischen Raum.“

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„Objets Trouvés“

Ah! Deswegen war die Luft im Treppenhaus auf einmal so geschwängert von Trockeneis, und dadurch konnten wir den roten Laserstrahl über uns hinweggleiten sehen, der von einem an einem Seil schwingenden Ventilator in Rotation versetzt wurde. Faszinierender als Ventilator und Laserstrahl war für mich jedoch das Treppenhaus selbst, das ich zu gerne schöner fotografiert hätte als so:

Doch leider, leider waren die Lichtverhältnisse nicht nach meinem Gusto, und bei Tag ist das Gebäude höchstwahrscheinlich nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Schade, schade… Gerne wäre ich noch länger geblieben, aber der Abend war schon weit fortgeschritten, und ich wollte mir auf keinen Fall die Projektion „Scheinbares“ von T.Groll (Programmheft #N1) entgehen lassen. Hier wurde die klassizistische Fassade der Deutschen Bank am Roßmarkt und nicht die modernen Glastürme in eine Fläche verwandelt, auf die die Abbildungen historischer Geldscheine geworfen wurden. Ob Zehnmarkschein mit seinem blauen Schiffchen, Einhundertmarkschein mit seinem blauen Adler, Eintausendmarkschein mit seinem Portrait eines Mannes in Brauntönen oder noch ältere Banknoten nach Ende des Zweiten Weltkriegs – die Bilder waren nicht sofort sichtbar und luden ein zum fröhlichen Geldscheinraten, und wir stellten fest, wie schön sie doch damals gestaltet waren.

Den Besuch der Katharinenkirche schlugen wir angesichts der langen Schlange vor dem Eingang dann auch sofort aus dem Kopf und traten lieber den Weg nach Hause an. Mein Fazit für den vorletzten Tag der Luminale: Das wahre Highlight für uns war die prähistorische Welt der Dinosaurier, getaucht in surreales Licht.

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Ergänzende Links:

#N1 „Scheinbares“: www.tomgroll.de

#OF 25 „SchwarzLicht“: www.klingspor-museum.de

#164 „Objets Trouvés“: www.hauserlacour.de

#162 „Überlebenslichter“: www.hgp-architekten.de/luminale/2016

#160 „Licht-Klang der Elemente“: www.senckenberg.de

#012 „Star“: www.sigibussinger.de

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