Soundtrack of my life : essay on vocal ranges – the encores

 

 

the encores (engl.) = die Zugaben

Diesen Begriff habe ich in einem australischen WordPress-Blog kennengelernt. Der vierte und letzte Teil fungiert als Zugabe und Abschluss meiner Serie, als Fortsetzung zu Teil 3 – „the graph on the wall“ und beschäftigt sich mit den unschönen Seiten, die man bei Konzerten oder auf Festivals erleben kann. Daher auch die Triggerwarnung.

 

Vocal ranges – part IV – „Hear that sound“ *) – mit Triggerwarnung

Geht mir mit den ganzen gehypten „Singer/Songwritern“ fort: noch so ein neumodisches Wort. „Singer/Songwriter“ sind für mich Bob Dylan oder Leonard Cohen, Joan Baez oder Nathalie Merchant – aber doch nicht Mark Forster, Max Giesinger oder Andreas Bourani. Gerade bei dem Lied „Ein Hoch auf uns“ muss ich an eine schlecht geschriebene Werbung für ein bierähnliches Getränk denken. For me this is the end! The end of all guten Geschmacks. Spaß beiseite, in dieser Hinsicht bin ich ein Oldschool-Dinosaurier und bleibe bei den Sängern aus meiner Playlist, auch wenn davon zwei leider schon lange tot sind (Cash / Hutchence) und der dritte aus diesem Kreis vor ein paar Jahren auch fast ins Gras gebissen hätte (Gahan), wie er in einem Interview erzählte. In dieser Hinsicht wäre der H.I.M. Song „Join me (in death)“ ein makabrer und sarkastischer Zufall gewesen.

Deshalb freue ich mich umso mehr, dass es Depeche Mode tatsächlich noch gibt, aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass deren Zeit der Auftritte in „kleineren“ Hallen vorbei ist (auch wenn selbst da noch welche kollabieren) und ich mich zur Commerzbank-Arena in Frankfurt aufmachen muss, wenn ich ein Konzert von ihnen sehen möchte. Doch genau darin liegt die Crux. Nach meinem unschönen Erlebnis auf dem M’Era Luna Festival in Hildesheim war ich nämlich an keinem Veranstaltungsort mehr, der größer ist als die Festhalle in Frankfurt oder die Jahrhunderthalle in Höchst.

Die Aufnahmen der Live-Aid-Konzerte oder die des INXS-Konzerts 1991 im Wembley-Stadion sehe ich zwar gerne gemütlich zu Hause von der Couch aus, aber hätte ich heute eine Tardis, würde ich um die Wembley-Arena einen riesigen Bogen machen, INXS hin oder her. Genau wie ich andere Fußballstadien meide, egal wer da auftritt, und wenn der Papst persönlich dort eine Audienz geben würde. Deshalb ist für mich auch Hogmanay in Edinburgh gestrichen.

 

Zwischenruf: Wer an Klaustrophobie leidet oder generell Angst vor großen Menschenansammlungen hat, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen, sondern erst wieder nach „this is the end“, denn dieser Abschluss enthält eine unerfreuliche Episode, die ich erlebt habe.

Wer sich noch an die Katastrophe auf der Love-Parade in Duisburg erinnert, wird mein Erlebnis auf dem M’Era Luna als geradezu lächerlich empfinden, aber genau daran wurde ich bei den Nachrichten über die Veranstaltung, bei der 21 Menschen in einer Massenpanik zu Tode kamen, wieder erinnert.

Passiert war, das mein Mann und ich in den Sog zwischen zwei in konträre Richtungen strebende Menschenmassen gerieten. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nicht gewusst, was Panik heißt, aber nun war sie da. Andy und ich hatten gerade ein Open-Air-Konzert genossen, als ein Gewitter nahte. Die Menge, in der wir uns befanden, wollte von der Open-Air-Bühne weg und zurück zum Zeltplatz, vielleicht auch noch zu den Getränkeständen, aber Hauptsache erst mal weg. Wir hatten es bis zum Rande dieser Menge geschafft, als uns ein riesiger Pulk entgegenkam, der zum in Kürze angesagten Konzert im Flugzeughangar wollte. Und zwar genau dort, wo wir nun waren, trafen beide Massen aufeinander – wir mittendrin, und wie wir es geschafft haben, aus diesem Hexenkessel heil wieder herauszukommen, ist mir danach vollkommen entfallen. Nur, dass ich für den Rest des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen war. Schlimmer noch, ich weiß nicht einmal mehr, wen wir da live erlebt haben. Der Blackout ist größer, als ich bisher angenommen hatte.

Sind am Ende absurd hohe Kartenpreise für mich gar nur ein Vorwand, nicht zu einem Depeche-Mode-Konzert zu gehen, denn in Wahrheit ist es die Location? Kleinere Hallen oder Clubs sind mir inzwischen tatsächlich lieber, aber ich habe auch schon 92,– Euro für den Eintritt zu dem besagten Konzert von Jean-Michel Jarre ausgegeben, in dem Glauben, er träte nur alle Jubeljahre mal auf. Ein paar Jahre später kosteten die Karten dann schon 100,– Euro, und trotz dieser preislichen Schallgrenze habe ich die Tickets genommen. Über den Ausgang jenes Abends breite ich dann doch lieber den Mantel des Schweigens.

This is the end“ **)

Doch wo beginnen Ticketpreise, mich abzuschrecken? Eine passende Antwort wäre „Im dreistelligen Bereich“ gewesen. Wenn ich sehe, in welchen Regionen sich die Preise inzwischen bewegen, muss ich damals schön blöd gewesen sein, keine Karte für Loreena McKennit gekauft zu haben, nur weil diese damals 62,– Euro kosten sollte. Die Zeiten, dass man für ein Konzert der Stones noch 76,– DM bezahlt hat, sind schon lange vorbei. Doch das ist ein Thema, das separat behandelt werden sollte.

Lange vorbei sind anscheinend auch die Zeiten, in denen das Publikum nicht bloß herumstand und auf seinen Smartphones herumdaddelte oder das Konzert filmte. Die einzigen Fotos, die ich mit meinem Handy gemacht habe, war ein winzig kleines Männchen namens Jean-Michel Jarre (auf der Bühne mit seinem Theremin) oder das Beleuchtungsgestänge unter der Decke bei Apocalyptica. Wenn ich gute Aufnahmen von einem Star haben möchte, kann ich mich auf pinterest umschauen und das entsprechende Foto in einem Album festpinnen. Da das Album aber privat ist, und für die Öffentlichkeit nicht einsehbar, hat außer mir sonst keiner was davon. In dieser Hinsicht bin ich dann doch vielleicht kein echtes Fangirl, denn es gibt keinerlei Fotos, die mich zusammen mit meinen Lieblingsschauspielern oder -sängern zeigen und beweisen könnten, dass ich denjenigen tatsächlich persönlich getroffen habe.

Ja, meine Begabung zum Abschweifen verdirbt mir eines Tages nochmal den Spannungsbogen und führt zu Abzügen in der B-Note. Es ging um mich faszinierende Stimmen, und zum Glück fällt mir genau da, passend zum Schluss, tatsächlich noch eine Begebenheit ein, für die es, wie gesagt, kein Beweisfoto gibt.

Als die Band Chamber L’Orchestre de Chambre Noir (auch „Chamber“ abgekürzt) in Frankfurt vor ein paar Jahren gastierte, spendierte jemand den Fans ein sogenanntes Meet & Greet in einem Elektronikmarkt in Frankfurt am Main. Wir waren eine Handvoll Leute, die sich mit der Gründerin des Fanclubs und dem Sänger der Band dort trafen, angeregt plauderten und herumalberten, so dass andere Kunden sich schon über die Ansammlung „Grufties“ zu wundern begann. Warum das so gut passt? Als ich Chamber zum ersten Mal hörte, dachte ich, der Frontmann der Crash Test Dummies hätte eine neue Band gegründet, nur diesmal mit klassischer Instrumentierung. Aber bei Chamber könnte man wirklich von einem „schwarzen Kammerorchester“ sprechen, das auch ein paar sehr interessante Coverversionen (hier: Engel) auf Lager hat. Rammstein, Alanis Morrissette und Depeche Mode dürfen sich geehrt fühlen.

Mit dieser Erinnerung im Gepäck hatte ich einen sehr beschwingten und wundervollen Konzertabend, der mir wieder einmal vor Augen führte, dass nicht die Größe des Publikums ausschlaggebend ist, sondern die Begeisterung und Hingabe der Fans, die für einen unvergeßlichen Abend sorgen. In diesem Sinne war dann auch das Konzert von Zola Jesus im November 2017 für mich ein voller Erfolg – noch eine Tieftönerin.

Zwar habe ich die Künstlerin bei dieser Verantaltung nicht getroffen, aber der Abend war trotzdem sehr gelungen.

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Fußnoten:

*) „Hear that sound“ (INXS – Hear that sound)

**) „This is the end“ (The Doors – The end)

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