Das Werk zum Wort 27/52 : Brief

 

Pünktlich zur Erhöhung des Briefportos zum 1. Juli 2019 lautet die neue Wochenaufgabe des Projekts „Das Werk zum Wort“ von Stepnwolf: „Brief“. Die 2. Halbzeit ist angebrochen, denn von insgesamt 52 befinden wir uns nun in der 27. Woche.

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Ein Jahr lang jede Woche ein Wort. Dazu ein passendes Werk. Musikalisch, filmisch, literarisch. Alles geht. Alles darf. Solange sich das Werk dem Wort widmet. Und einige Worte zum Werk entstehen. Mitmachen darf jeder. Eine Woche lang. Bis zum nächsten Wort. Einfach in den Kommentaren euer Werk zum Wort verlinken. Und hier jede Woche das nächste Wort erwarten.“

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Nach meinem Sprung von 30.000 Jahren in die Vergangenheit kehre ich nun wieder in die Gegenwart zurück und widme meinen Beitrag einer literarischen Gattung – dem Briefroman. Ähnlich wie bei Romanen in Tagebuchform erschließt sich die Handlung durch Briefe – egal, ob die Hauptcharaktere einander schreiben oder es sich um Briefe von nur einer einzigen Person handelt. Beispiele findet man bei Goethe (Die Leiden des jungen Werther – 1774), Choderlos de Laclos (Gefährliche Liebschaften – 1782), Bram Stoker (Dracula – 1897) oder Jean Webster (Daddy Langbein – 1912).

Bei dem von mir ausgewählten, 1991 erschienenen Roman „Griffin & Sabine“ von Nick Bantock *) handelt es sich um den ersten Teil einer Trilogie, die damit beginnt, dass ein Londoner Künstler namens Griffin Moss Post aus der Südsee erhält – von einer Unbekannten:

 

 

 

Eine Postkarte mit den Worten „Wie schön, endlich mit Ihnen Kontakt zu bekommen…“

 

 

Doch der Klappentext verrät: „Griffin war nie einer Frau namens Sabine begegnet. Wie konnte sie ihn und seine künstlerische Arbeit kennen?“ Getrieben von der Frage, wer Sabine ist, beginnt eine wechselseitige Korrespondenz. Zunächst nur mit Postkarten,

 

 

später dann mit …

Briefen

und die Briefe sind nicht einfach nur abgedruckt. Auf der Vorderseite erscheint das frankierte und eindrucksvoll gestaltete Briefkuvert als Druck:

 

Aber blättert man die Buchseite um, ist auf ihr ein Briefumschlag festgeklebt, den man öffnen kann, um einen echten, maschinengeschriebenen Brief herauszuziehen: „Sabine, ich bin ein anständiger Mensch (im großen und ganzen)…“

 

Sabines Briefe dagegen sind von Hand geschrieben: „Griffin, es ist sechs Uhr morgens, und ich bin seit einer knappen Stunde auf…“ So musste der Autor, der das gesamte Buch auch selbst illustriert hat, nicht seine Handschrift verstellen, um unterschiedliche Schriftbilder zu erzeugen.

 

Irgendwer hat mit der zunehmenden Beliebtheit von E-Books das Ende des gedruckten Buches prophezeiht, aber gegen diese Art von Kunstwerk wird ein E-Book keine Chance haben, denn das Abbild eines Briefs kann man nicht in die Hand nehmen oder auseinanderfalten.

 


*) Nick Bantock (* 1949 in England) ist Maler, Illustrator, Autor und Designer von Pop-up-Büchern und lebt mit seiner Familie abei Vancouver – Information im Klappentext des Buches „Griffin & Sabine“, Wolfgang Krüger Verlag, ISBN 3-8105-0342-8


Das nächste Wort: – Zigarette

 

ABC Photography : Ä wie Ähren

 

 

In der heutigen Ausgabe desneuen/alten Projekts ABC“ von wortman, das seit dem 6. Januar 2019 existiert, sind nach dem eigentlich letzten Buchstaben des Alphabets die Umlaute dran. Den ersten davon macht das Ä:

Ä wie Ähren

Meine Fotomodelle habe ich vor Jahren bei einem Campingurlaub in der Nähe von Bad Pyrmont gefunden – Getreideähren, die sich sanft im Wind wiegten…

dazu fällt mir eins meiner Lieblingsgedichte von Wilhelm Busch ein, gewidmet allen Mister Wichtigs dieser Welt

Ein dicker Sack – den Bauer Bolte,
Der ihn zur Mühle tragen wollte,
Um auszuruhn, mal hingestellt
Dicht bei ein reifes Ährenfeld –
Legt sich in würdevolle Falten
Und fängt ’ne Rede an zu halten.


»Ich«, sprach er, »bin der volle Sack.
Ihr Ähren seid nur dünnes Pack.
Ich bin’s, der euch auf dieser Welt
In Einigkeit zusammenhält.


Ich bin’s, der hoch vonnöten ist,
Daß euch das Federvieh nicht frißt;

Ich, dessen hohe Fassungskraft
Euch schließlich in die Mühle schafft.
Verneigt euch tief, denn ich bin der!
Was wäret ihr, wenn ich nicht wär‘?«


Sanft rauschen die Ähren:
»Du wärst ein leerer Schlauch,
Wenn wir nicht wären.«