„Der Osten Kanadas“ – Tag 11

 

 

Der Aufreger des Tages erwartete uns auf unserer letzten Etappe

Niagara Falls – Toronto

denn es ging auf direktem Weg zum CN-Tower, wo für uns ein Tisch im schicken Drehrestaurant in luftiger Höhe von 356 Metern reserviert war.

 

Wie, wir kommen vorher nicht ins Hotel und haben keine Chance mehr, uns vor dem Essen umzuziehen? Das war für die meisten nicht das Gelbe vom Ei, und dabei hätten doch eigentlich alle informiert sein müssen, denn es wurde zu Beginn der Reise bekanntgegeben, und solche Pferdefüße merke ich mir immer, und dementsprechend sah dann auch die Wahl meiner Kleidung für diesen Tag aus. Sandaletten mit Absatz an die Füße und die Turnschuhe in den Koffer, und für etwas Schmuck ist auch im kleinsten Rucksäckchen Platz. Et voilà: Fertig ist der Lack.

You lift me up

So ein 360°-Drehrestaurant ist überaus praktisch: Man muss nicht lange nach einem WC suchen, irgendwann kommt eins vorbeigefahren, und wer ganz auf Nummer sicher gehen will, kann sich für eins für Männlein, Weiblein und Diverse entscheiden, muss aber dazu ein Stockwerk tiefer, wo sich die Aussichtsplattform mit Teilstücken aus Glas befindet.

Wer da nicht schwindelfrei ist, sollte den Gang über den Glasboden mit freiem Blick senkrecht nach unten lieber meiden. Ich habe zwar ab und zu auch Anflüge von Höhenangst, aber in diesem Fall war ich so mutig und habe es nicht bereut. Entstanden sind die schrägsten Selfies meines Urlaubs.

 

Den Besuch des Städtchens Niagara on the Lake auszulassen, hätte meiner Meinung nach nicht viel gebracht, da keine Garantie bestand, dass zu diesem Zeitpunkt unser Gepäck schon auf den Zimmern gewesen wäre. Dann lieber so und das schöne Wetter genossen, als im Schweinsgalopp nach Toronto zu hetzen und dann doch keinen Erfolg zu haben.

 

Trotz falsch gebrachten Bieres (ich hatte Porter bestellt und kein Lager) und etwas beengter Sitzanordnung am Tisch, weil für unseren Busfahrer auch noch ein Platz geschaffen werden musste (den neben mir) – oder vielleicht gerade wegen solcher kleinen Pannen – war es ein vergnügter Abend. Schade, dass er so kurz war.

 

 

Die meisten sind dann am nächsten Tag nach Hause geflogen. Ein Teil der Gruppe zog mit der Reiseleiterin weiter nach Calgary, eine nach Winnipeg und Vancouver, und ein paar wenige hängten, so wie ich, noch ein paar Tage in Toronto dran. So richtig schick ausgegangen war ich bisher noch nicht. Das sollte sich ändern.        

 


Das war das Ende der Busrundreise – aber ich hatte noch zwei weitere Tage in Toronto. Wird fortgesetzt.

„Der Osten Kanadas“ – Tag 9 und 10

 

Wir kamen der Natur auf die Spur, denn auf der vorletzten Teilstrecke

Ottawa – Midland – Niagara Falls

fuhren wir durch den Algonquin National Park. Der Wanderweg entpuppte sich als ein gut begehbarer Spazierpfad durch das Logging Museum, das sich der Geschichte der Holzfäller widmet. Besonders gut gefallen hat mir der See, auf dem sich gelbe und weiße Seerosen ausbreiteten. Zwar nicht ganz so üppig, wie in Dänemark oder im Taunus, aber dafür kündigte sich bereits der Indian Summer mit vereinzelten Laubverfärbungen an.

 

 

Die Mittagspause verbrachte ich lieber die ganze Zeit über an einem Aussichtspunkt mit Blick auf den Wald. Besser dort als in der rummeligen Picknick Area.

I am searching …

nach dem Besonderen, das es in Midland zu sehen geben sollte. Ja, okay, die Wandmalereien und das Hafengebiet dieses kleinen Städtchens waren sehr hübsch, aber da unser Hotel am anderen Ende der Stadt direkt am Highway lag, hatte ich nach diesem anstrengenden Tag kein Verlangen mehr danach, viele Kilometer zu laufen. Ich wollte nicht mal mehr das Hotel verlassen, und da hatte ich nun den Salat. In der Lobby hatte ich große Chipstüten gesehen, aber als ich vor dem Regal stand, erschien mir der Griff nach einem Mikrowellengericht sinnvoller. Eine nette Hotelangestellte gab mir statt dessen den Flyer eines Pizzalieferdienstes, den ich dann auch prompt mitnahm. „Ice Age“ in der Originalversion ohne Untertitel zu gucken und dabei eine leckere Pizza zu verspeisen, die bis vor die Zimmertür geliefert wird, hat definitiv was. Das einzig seltsame war, dass YTV denselben Film gleich danach nochmal gezeigt hat.

Das Frühstück gab es in der ehemaligen Missionsstation Sainte-Marie among the Hurons, die wir vor unserer Weiterfahrt nach Niagara Falls besichtigt haben.

 

Pretty Vegas

Warum bis nach Las Vegas fahren, wenn es Niagara Falls gibt. Wer allerdings mit dem Gedanken spielt, über die große Brücke zu spazieren, um einen Abstecher in die USA zu unternehmen, sollte gültige Papiere dabeihaben, sonst heißt es am Ende „Houston, wir haben ein Problem“. Neben einer Fahrt mit Hornblower Cruises zum Fuß der kanadischen Horseshoe Falls stand auf meinem Programm noch eine Fahrt auf den Skylon Tower hinauf eine Runde mit dem Sky Wheel, einem Riesenrad, das bis zwei Uhr morgens fährt.

 

 

Mittlerweile kannte ich das Programm in- und auswendig und hörte nur noch mit halbem Ohr hin, als plötzlich der Name „Hard Rock Café“ fiel.

 

Moment mal – hatte ich nicht vor meinem Urlaub noch dessen Seite im Internet besucht und den Informationen dort entnommen, dass das letzte in Kanada 2017 geschlossen wurde und es eines an den Niagarafällen geben würde, aber auf der amerikanischen Seite? Aber da war es tatsächlich. Damit war mein Programm um einen Punkt reicher, und meine Reisekasse um einige Dollar ärmer, denn ich es gab zu Hause zwei Leute, denen ich T-Shirts von dort mitbringen sollte. Wenigstens wiegen die Dinger nicht viel, und wo zwei neue Shirts im Koffer Platz haben, da kommt es auch auf ein drittes (für mich) nicht mehr an. Außerdem kann es nie schaden, ein frisches Shirt in Reserve zu haben, zumal bei Temperaturen um die 30°C und sengender Sonne.

 

Crash Boom Bang

Der Ausblick vom Skylon Tower und vom Riesenrad waren wirklich beeindruckend, schon allein wegen des Sonnenuntergangs und weil der Vollmond hoch über den Wasserfällen stand. Leider fing das Feuerwerk genau in dem Moment an, als ich aus dem Riesenrad stieg und mir einen Weg durch die Masse bahnte. Viel gesehen habe ich davon nichts, aber wenn ich meinen Mitreisenden glauben darf, war das Feuerwerk in Ottawa um einiges größer. Dafür war das Angebot an Süßwaren hier unschlagbar. Wenigstens ein Trost für mich – aber auf mich wartete noch der Besuch des Hard Rock Cafés.

Mister Brightside

Am Abend stand auf der kleinen Bühne draußen vor der Bar noch ein Musiker mit Gitarre, der gar nicht mal so übel aufspielte, aber die junge Sängerin mit Gitarre, die ich am Nachmittag hatte erleben dürfen, war dann doch mehr nach meinem Geschmack gewesen.

 

Richtig interessant fand ich jedoch nicht das Angebot an Merchandising-Artikeln, sondern die Gitarrenkollektion im Café selbst. Signierte Gitarren von Garbage, Lenny Kravitz, ZZ Top, Ozzy Osbourne, dem Tennisspieler John McEnroe und vielen anderen – und zwischendrin verschiedene goldene Schallplatten… besser gjng es nicht. Außer vielleicht noch der Mini Walk of Fame, mit Sternen für die Eagles, John Lennon und Rod Stewart.

 

 

Wie lange der Weg ins Hotel dann noch werden kann, bekam ich am eigenen Leib zu spüren. Wenn das nächste WC noch weit ist und die Ampeln im Schneckentempo arbeiten, ist man froh über jede Alternative – in meinem Fall war’s die Cocktailbar, wo ich noch einen letzten Absacker bestellte, bevor ich mir an der letzten Ampel vorm Hotel zu den Klängen der Originalversion von „Mister Brightside“ einen Wolf wartete.

 

 

Kleiner Nachtrag zu diesem erlebnisreichen Tag:

Den Wolf habe ich mir auch im Hilton gelaufen, da ich zuerst den Aufzug in den falschen von drei Türmen genommen habe. Und ordentlich nass geworden sind wir auf dem Niagarafluss schließlich doch, da konnten auch die verliehenen Regenponchos in schickem Pink nicht viel ausrichten. Mein Smartphone lag wasserdicht verpackt in seiner Tupperbox im Rucksack, der wundersamerweise trocken blieb. Aber zu einem Foto von mir vor den Fällen bin ich am nächsten Tag dann doch noch gekommen.                  

 


Endspurt: Als letztes warteten noch Niagara on the Lake und Toronto auf uns.

“Der Osten Kanadas“ – Tag 7 und 8

 

 

Nach so viel Stadt hätte ich jetzt gerne etwas mehr Natur gehabt. Einen Vorgeschmack davon bekamen wir auf der nächsten Teilstrecke

Québec – Ottawa

denn das Mittagessen gab es in der Sucrerie de la Montagne, da wo die Ahornbäume angezapft werden, um aus dem gewonnenen Saft Ahornsirup herzustellen. Das ist jetzt noch nicht wirklich das, was sich viele unter Natur vorstellen (mehr davon wartete auf dem Rest der Reise „Midland – Niagara Falls – Toronto“).

 

Das touristische Vollprogramm bestand aus einer Kutschfahrt, ein paar Worten über die Herstellung des Sirups, danach das mehrgängige Mittagessen mit musikalischer Begleitung, und zum Schluss konnte man die üblichen, beliebten Mitbringsel kaufen.

 

Shine

Ottawa, die Hauptstadt Kanadas erreichten wir am Nachmittag und nahmen die „Stadtrundfahrt“ nebenbei auf dem Weg zum Hotel mit, von dem aus die Flaniermeile am Parliament Hill zu Fuß bequem zu erreichen war.

 

 

Noch ein gutes Stück entfernt lag die Shopping Mall, die auch am Sonntag geöffnet ist und ein Viertel namens Byward Market, in dem es vor kleinen Läden, Bars und Restaurants nur so wimmelt – und dementsprechend voll ist es auch am Abend. Weil um viertel nach neun das große Feuerwerk und um viertel vor zehn die große Lichtshow „Northern Lights“ losgehen sollte, beeilte ich mich mit meinem Essen in einem Café und erreichte den Platz, an dem die Show stattfand, gerade noch rechtzeitig. Gefilmt habe ich nichts, das haben schon genügend andere getan, aber ganz ehrlich… Im Dunkeln auf einem freien Platz mit Blitz zu fotografieren – wie sinnlos ist das denn? Vielleicht spricht aus mir auch bloß der Neid; aber um nicht ganz ohne „Illuminationsfoto“ nach Hause zu fahren, habe ich das Haus gegenüber verewigt.

 

Dessen Fenster waren rund um die Uhr bunt beleuchtet und machten ebenfalls ordentlich was her, und das jeden Tag.

Mirror mirror on the wall : Goldfinger

We look at all that shines… In meinem Fall haben es mir spiegelnde Oberflächen und Lichtreflexe angetan.

 

Und da sich bei Ottawa ein Fluß und der Rideau-Kanal mit seinen Schleusen (die alle von Hand geöffnet werden) treffen, habe ich hier mein fotografisches Eldorado gefunden. Zuerst am Museum für Geschichte, wo wir am nächsten Tag zuerst frühstückten und uns dann eine Führung angediehen ließen – anschließend auf eigene Faust.

 

 

Bei meinem Streifzug durch Ottawa konzentrierte ich mich auf die Gauguin-Ausstellung in der National Gallery und eine Führung durch die Royal Mint, wo heute noch immer Gold- und Silbermünzen hergestellt werden. Den schwer bewachten Goldbarren zu heben, brachte mir einen ordentlichen Muskelkater ein.

 

Den Weg in das Stadtviertel New Edinburgh habe ich mir lieber gespart, so attraktiv war der Straßenzug, den ich dazu entlang laufen musste, dann doch nicht.

 

Auld Lang Syne

New Edinburgh, ein Dudelsackspieler vor dem Parlamentsgebäude, die kleine St. Andrew’s Church mit der schottischen Flagge davor – und dann lande ich im Byward Market ausgerechnet in einem Pub namens „The Aulde Dubliner“, laut meiner Schwester gibt es so eins auch in Dublin.

 

Ja, wo denn sonst! Und auch hier wie anderswo habe ich die Erfahrung gemacht, dass Singles mitnichten immer schauderhafte Plätze angeboten bekommen, von wegen Katzentisch und so… Hier bekam ich einen Spitzenplatz im oberen Stockwerk, direkt an der Ecke, mit Blumenkästen vor der Nase und konnte das Spektakel auf dem Platz unter mir in vollen Zügen genießen.

Kleine Nebenepisode: In „Die Tribute von Panem – Gefährliche Liebe“ zapfen Katniss und ihre Verbündeten bei den Hungerspielen mit einem Röhrchen einen Baum an, um Flüssigkeit zu gewinnen. Wie passend nach unserem Besuch der Sucrerie de la Montagne. Mit dem Buch war ich dank der vielen schlaflosen Stunden in der Nacht bald durch, also musste Nachschub her. In der auch am Sonntagabend geöffneten Buchhandlung mit angeschlossenem Starbucks entschied ich mich für „Crazy Rich Asians“ von Kevin Kwan als Reiselektüre. Der junge Mann, der mich in diesem Laden so überaus zuvorkommend bedient hat, stammt aus Niagara Falls – der vorletzte Ort auf unserer Strecke, dem wir nun unaufhaltsam näher kamen.    

 


Wird fortgesetzt, die erste Halbzeit ist vorbei.

„Der Osten Kanadas“ – Tag 5 und 6

 


Noch französischer wurde es auf unserer nächsten Teilstrecke

Montréal – Québec

wo wir noch näher an den Sehenswürdigkeiten übernachten würden. Das gab es bei dem Rest der Reise (Ottawa – Midland – Niagara Falls – Toronto) nicht mehr. Hier hatten wir am Nachmittag eine Stadtrundfahrt, denn der nächste Tag stand jedem zur freien Gestaltung offen. Wer keine Walbeobachtungstour gebucht hatte, konnte Québec auf eigene Faust erkunden. Da blieb für mich nur der Abend, denn beim „Whale Watching“ wollte ich unbedingt mit dabei sein.

Dass Québec mit seiner romantischen Altstadt den meisten aus meiner 39köpfigen Gruppe gefiel, erkannte ich sofort, als wir vor dem durchaus beeindruckenden Wandgemälde standen, auf dem nicht nur die Geschichte Québecs, sondern auch die vier Jahreszeiten und die Moderne dargestellt werden. Dass derselben Meinung auch die 5000 Passagiere eines vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffes sind, war für mich aber leider auch die Kehrseite der Medaille und des Romantik-Overkills.

 

There is a light

Viel mehr nach meinem Geschmack waren die direkt hinter unserem Hotel verlaufende Rue St. Jean mit dem ältesten Kaufhaus J.A.Moisan …

 

… und die Rue Cartier mit ihren Straßenlaternen: keine schmiedeeisernen Lampen im viktorianischen Stil, sondern Lampenschirme, die von Kunststudenten alle völlig unterschiedlich bemalt sind.

 

In der Dunkelheit leuchten die so wunderschön und farbenprächtig, dass ich sie alle ablichten musste. Und zwar jede einzelne. Das ist auch äußerst hilfreich, wenn man sich verlaufen hat: Einfach die Lampe suchen, die man zuerst fotografiert hat.

 

Don’t go chasing waterfalls

Die schönsten warten noch. Viel interessanter für mich als die Montmorency Falls außerhalb von Québec, die im Winter einfrieren und dadurch wie geschaffen für den Bau eines Eishotels sind, war der doppelte Regenbogen auf der Rückfahrt und natürlich die dreistündige Fahrt hinaus auf den Sankt-Lorenz-Strom zur Beobachtung von Belugawalen, Finnwalen und Zwergwalen.

 

 

Kein Scherz: Wir haben wirklich welche gesehen, nur mein Smartphone hatte ich wasserdicht verpackt, denn ich hatte keine Lust, von rempelnden und rennenden Zeitgenossen geschubst zu werden und das gute Stück für immer zu verlieren. Außerdem, wie war das nochmal mit der Postkarte, die ich neulich für den Writing Friday entworfen haben? „Do more things that make you forget to check your phone“ – Momente ungefiltert und echt zu erleben, das war genau das, was mir so vorschwebte. Dass mich auf diesem Ausflug jedoch alles an Schottland 2008 erinnern würde, konnte ich nicht ahnen. In diesem Moment wurde mir so richtig bewusst, dass wir damals ebenfalls im August mit dem Boot aufgebrochen waren, um Delphine und Tümmler zu beobachten, und schon befand ich mich mittendrin in einem Film, den ich am liebsten vorzeitig verlassen hätte. Dennoch war ich am Ende froh, dabei gewesen zu sein und tatsächlich so viele Wale gesehen zu haben. Spektakuläre Wolkenformationen krönten diesen Tag.

 

 

Erst sehr viel später auf dieser Reise habe ich erfahren, dass in diesen Teil Kanadas viele Schotten ausgewandert sind; kein Wunder, dass ich diesen Flashback hatte.      

 


Wird fortgesetzt.

„Der Osten Kanadas“ – Tag 3 und 4


Entspannt erste Eindrücke in Toronto zu sammeln, war mir dann doch noch gelungen, und die erste Teilstrecke wartete schon auf uns:

Toronto – Montréal

Free your mind, and the rest (Québec – Ottawa – Midland – Niagara Falls – Toronto) will follow. Und dank meines durcheinandergeratenen Schlafrhythmus‘ war ich auch schon vor dem allgemeinen Weckruf um sechs Uhr morgens wach. Manche brauchen morgens länger, aber zu denen gehöre ich nicht. Da ich auch nicht stundenlang frühstücke, war ich noch vor der für acht Uhr angesetzten Abfahrt am Bus.

Zwischen Toronto und Montréal (das die Olympischen Spiele ausgerichtet hat) lag noch ein Highlight als Teil unseres Programms: eine Fahrt mit dem Schiff zwischen den Thousand Islands – der Inselgruppe im Sankt-Lorenz-Strom, die dem Salatdressing zu seinem Namen verholfen hat.

 

 

If you come to San Francisco…

Nein, das ist nicht die Golden Gate Bridge, auch wenn die USA nicht weit weg sind, wie wir schon in dem malerischen Städtchen Kingston mit seiner Strandpromenade erfahren durften.

 

 

Anscheinend hat man aber in Kanada einen Narren an diesem Brückendesign gefressen, denn in der Nähe von Québec habe ich eine ähnliche Brücke über den Sankt-Lorenz-Strom gesehen. Die letzte, bevor dieses Gewässer in den Atlantischen Ozean mündet.

… be sure to wear some flowers in your hair …

oder einen guten Regenschutz, den ich grundsätzlich nicht dabei habe, egal wohin ich gehe. Denn wenn Wind dazukommt, nützt der beste Schirm oder Poncho nichts. Nass werde ich dann sowieso und muss dann auch noch unnützen Ballast mit mir herumschleppen. Aber ich hatte den perfekten Platz, direkt an einem geöffneten Fenster auf einem bequemen Stuhl und keine krakeelenden und selfieschießenden Dauernervensägen vor der Nase oder im Genick.

Why don’t you stay just a little bit longer? – Ein Quantum Trost

Und zwar in diesem gemütlichen Hotel in einer Nebenstraße, diesmal wirklich gar nicht so weit von den Sehenswürdigkeiten entfernt, in deren Genuß wir am nächsten Tag kommen würden. Die erste Überraschung des Tages: Während ich in Toronto, wo nun wirklich rund um die Uhr Straßenlärm zu hören war, einen Balkon vor dem Zimmer hatte und den durch eine Schiebetür betreten konnte, tat sich hier an diesem Schiebefenster zunächst nichts. Bis ich dann an der Rezeption erfuhr, dass sich einer dieses Problemchens gleich annehmen würde. Dieser nette Herr stand dann kurz darauf mit einem Akkuschrauber vor meinem Zimmer und erklärte mir, die Fenster wären allesamt zugeschraubt worden, um zu verhindern, dass Gegenstände aus dem Fenster geworfen werden – von betrunkenen Gästen. Aber für mich würde er eine Ausnahme machen und die Verschraubung wieder lösen. Da ich gerne bei geöffnetem Fenster schlafe, war das ein Trost für mich. Das hat aber auch nur hier funktioniert (in den restlichen Städten gab es nur noch verglaste Fronten).

Da blieb ich doch gerne im Hotel zum Essen, denn das war hier sehr gut – genau wie die Bar, an der ich schnell mit zwei anderen Gästen ins Gespräch kam: eine Urlauberin aus Alberta und ein Geschäftsreisender aus New Jersey. Obwohl der Herr nicht der Gesprächigste war, hatten wir doch einen lustigen Abend. Ob der mit Wodka gemixte und mit Olive dekorierte Martini dry (gerührt und nicht geschüttelt) seinen Teil dazu beigetragen hat?

I’ve got a hangover…

I’ve been drinking too much. Ouch! Beste Voraussetzungen, um an einer Stadtrundfahrt teilzunehmen, an der wir nicht nur das Olympiastadion aus der Ferne und die Habitation 67 (ein architektonisches Meisterwerk des Brutalismus) aus der Nähe zu sehen bekamen – sondern auch das wahre Highlight, das sich nur zu Fuß erkunden lässt: die Underground City (unterirdische Stadt), in der ein Geschenk der Stadt Berlin an die Stadt Montréal aufgestellt worden ist: ein Stück der Berliner Mauer. Die Mauer muss weg? Hier isse!

 

 

Dieser Spaziergang war genau das Richtige für mich, bevor wir uns noch am Place d’Armes versammelten, um zu erfahren, dass man für den Besuch der berühmten Basilika nicht nur einen Haufen Geld bezahlen, sondern sich in eine lange Schlange einreihen darf. Wie gut, dass ich andere Interessen habe.

I’m singing in the rain

Wenn es heißt, dass diese oder jene Gebäude abgerissen werden, um einem neuen Viertel Platz zu machen, wird bei mir ein Pawlowscher Reflex in Gang gesetzt: Ich muss dieses Gebäude ablichten, bevor es ganz verschwunden ist. In diesem Fall sind es die alten Getreidesilos am LaChine-Kanal. Für die einen sind diese alten Gemäuer ein Ausbund an Scheußlichkeit, für mich das Symbol einer zum Erliegen gekommenen Industriekultur.

 

Mit der richtigen Musik im Ohr läuft es sich auch ohne Schirm ganz gut durch den Nieselregen, und der Rummelplatz am Wasser sieht doch gleich ganz anders aus.

 

So ein Regentag ist geradezu prädestiniert für eine Ausstellung der indigenen Künstlerin Rebecca Belmore im MAC. Ob ihr Namensvetter Michael Belmore, dessen großflächige Kupferskulptur in der National Gallery in Ottawa ausgestellt wird, mit ihr verwandt ist, habe ich nicht herausgefunden. Den Kater bin ich übrigens losgeworden. Meine französisch-englische Sprachbarriere aber auch.

 


Wird fortgesetzt.

„Der Osten Kanadas“ : Rundreise mit dem Bus vom 4. bis 15. August 2019 – Tag 1 und 2

 

Ankommen – Einchecken – Entspannen und vielleicht noch erste Eindrücke in Toronto sammeln, bevor es losgeht mit zwei Wochen Ostkanada: So hatte ich mir das vorgestellt. Bloß keinen Stress, denn die Rundreise mit dem Bus war ja auch nicht zur Erholung gedacht, sondern zum Sammeln neuer Eindrücke. Und so sah die Strecke aus:

Toronto – Montréal – Québec – Ottawa – Midland – Niagara Falls – Toronto.

 

Ich war so frei, schon bei der Buchung meinen Aufenthalt in Toronto um zwei Tage zu verlängern. Doch manchmal kommt es anders. Nicht nur, dass ich den Nachmittag im Innenhof des Hotels verbrachte, weil das Zimmer erst viel später frei war, sondern dass ich bereits um 18 Uhr nach Ortszeit todmüde ins Bett fiel und am nächsten Tag um zwei Uhr morgens wieder hellwach war und mein Magen knurrte.

 

Wie gut, dass ab sechs Uhr der Swimming Pool im obersten Stockwerk geöffnet war: Da konnte ich noch vor dem Frühstück, das es schon ab halb sieben gab, noch ein paar Bahnen schwimmen und den Sonnenaufgang von der Dachterrasse aus bewundern. Das Essen vom reichhaltigen Büffett konnte man im klimatisierten Speisesaal oder im sonnigen Innenhof genießen. Da ich bereits ahnte, dass ich an diesem Tag noch einige Kilometer zu Fuß zurücklegen würde, verzichtete ich auf eine Wanderung durch den Speisesaal und blieb an der Bar sitzen.

Bei unserer Stadtrundfahrt durch Toronto, die den halben Tag dauerte, kamen wir u.a. am CN-Tower, dem Gebäude der Hudson Bay Company, diversen Museen und dem Casa Loma vorbei. Auch ein paar Rundgänge zu Fuß waren vorgesehen: der Distillery District, der Shopping Mall, in der sich die Hockey Hall of Fame befindet, und dem Hafen am Ontariosee, wo die zwischen Stadt und Toronto Islands pendelnden Fähren und Wassertaxis an- und ablegen. Für eine Überfahrt reichte die Zeit nicht, aber damit hatte ich ein Ziel für meine Verlängerungstage gefunden.

 

Just keep Walking“ : Ich war noch niemals in New York

New York hat das Empire State Building – Toronto den CN Tower. New York hat das Flat Iron Building – Toronto auch, und sogar ein zweites, wenn ich das moderne Hochhaus dazu zähle, das mir auf meiner Wanderung vor die Linse kam. Kennt jemand noch die Werbung, in der einer zu dem Lied „I’m Walking“ meilenweit mit einem Kanister zu seiner bevorzugten Tankstelle unterwegs ist? So ging es mir, als ich mich auf den Weg zum Distillery District machte und mich meine Wanderung am Hundebrunnen mit dem goldenen Knochen auf der Spitze, dem Flat Iron Building und dem St. Lawrence Market vorbeiführte.

 

 

Ich kam mir dabei vor wie einer meiner früheren Chefs, der – zum ersten Mal in New York – selbst die Erfahrung machen durfte, wie lang zwei Blocks werden können. „Unterschätzen Sie niemals die Entfernungen in Kanada“, heißt es in einem Reiseführer. Das gilt nicht nur für Überlandstrecken, sondern auch für Besichtigungen in Toronto, vor allem dann, wenn Ziele als „fußläufig“ beschrieben werden. Das mag ja noch für die „Elgin & Winter Garden Theatres“, ein über 100 Jahre altes Doppeltheater auf zwei Stockwerken zutreffen, denn das lag wirklich nur zehn Gehminuten von meinem Hotel entfernt, aber beim Distillery District kamen mir unterwegs so meine Zweifel.

Was auf der Karte so nah aussah, entpuppte sich als eine Strecke, für die ich fünfzig Minuten brauchte, in zackigem Tempo zu knackiger Musik gelaufen. Das kam meinen Trainingsplänen sehr entgegen, da ich nächstes Jahr vorhabe, beim Walken für den guten Zweck das Ziel in weniger als 45 Minuten zu erreichen. Da ich an diesem Tag noch an den Hafen wollte und dabei mit der Kirche ums Dorf gelaufen bin, schätze ich meinen persönlichen Laufrekord auf zehn Kilometer, wenn nicht gar noch mehr: Just keep walking!

 

I’m a creep, I’m a weirdo – what the hell am I doing here…“

Im Stechschritt Marsch“ kann der Sinn einer Stadtbesichtigung nicht sein. Warum nicht zwischendurch eine kleine Pause einlegen und sich einfach an dem schönen Wetter und der netten Atmosphäre um mich herum erfreuen? Den Hundebrunnen mit seinen vielen unterschiedlichen Hundefiguren, einer Katze und dem goldenen Knochen auf der Spitze hatte ich überraschend schnell gefunden. Check. Als nächstes wollte ich mir den als Highlight angepriesenen St. Lawrence Market anschauen: eine riesige Markthalle mit vielen kleinen Ständen, an denen man Lebensmittel kaufen kann. Doch zuvor noch wurde ich von einer bemalten Fassade angezogen, die sich als Rückseite des Flat Iron Building entpuppte. Check.

So langsam kam ich mir vor wie bei einer Schnitzeljagd oder Fußgänger-Rallye – einer mit musikalischer Untermalung, denn diese Straßenmusikerin war der Hit. Leider spielte sie gerade ihren letzten Song an diesem Nachmittag, für den ich gerne meinen mp3-Player abschaltete: „Creep“ von Radiohead, nur dass mich ihre Version doch sehr an die von Hailey Reinhart (Post Modern Jukebox) erinnerte.

Das Flat Iron Building sollte man besser am Vormittag fotografieren und nicht wie ich, am frühen Nachmittag, denn um drei Uhr nachmittags ist das Licht einfach viel zu grell und die Bilder werden überbelichtet, wenn man zum Fotografieren nur das Smartphone dabei hat. Da in meiner Reisebeschreibung stand, dass im Bus nur Platz für ein Stück Handgepäck ist, habe ich die Fototasche mit Kamera und Zubehör zu Hause gelassen (war vielleicht besser so; allerdings sollte ich in Zukunft wirklich nicht mehr alles einfach so glauben). Was man sich auch sparen kann: Im Distillery District eines dieser „Liebesschlösser“ für zehn Dollar zu kaufen, die man an einem Metallgestell mit dem Schriftzug „LOVE“ befestigen kann, um ein tolles Fotomotiv zu haben. Für den Händler ist es ein Bombengeschäft, für mich sieht das eher nach Beutelschneiderei aus – aber wer’s unbedingt so haben möchte …

 

 

Im Nachhinein hätte ich mir auch keinen Thermobecher kaufen müssen, aber ich hatte von den Papp- und Styroporbechern im Hotelzimmer und beim Frühstück schon bald die Nase voll und fand ihn schöner als die übliche, allseits beliebte Tasse mit Motiv vom Urlaubsort. Dass es in meinem Hotel in Toronto für Kaffee und Tee auch Pötte aus Porzellan gab, habe ich erst am nächsten Tag, an dem es nach Montréal weiterging, herausgefunden. Und das war dann auch der einzige Ort, an dem er noch einmal zum Einsatz kam.

 


Über den Rest der Reise sind weitere Berichte geplant. „Coming Soon“