# Writing Friday – Oktober, 40. Woche : The Killing Moon

 

Das Projekt „Writing Friday“ habe ich bei elizzy entdeckt – und darum geht es:

Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

Dies sind die Schreibthemen für den Oktober

1) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz: “Er wischte sich das Blut von den Händen und…” beginnt. +++ 2) Schreibe aus der Sicht eines Hexenbesens.   +++   3) Wovor fürchtest du dich am meisten? Erzähle uns davon.   +++   4) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter ein: erdrosselt, vergraben, blutig, Schrei, Blutmond +++    5) Das Böse herrscht – Egal ob Buch, Film oder Videospiel wer ist dein liebster Bösewicht und wieso? Könnte er auch gute Seiten an sich haben?

Diesen Monat geht es gruselig zu. Da brauche ich keine Horrorfilme – denn beim Writing Friday dürfen wir heute mal so richtige Schauergeschichten erzählen. Ich eröffne meinen literarischen Horrorctober mit einer Geschichte, die die vorgegebenen Wörter in blutigem Rot enthält.

 

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The killing moon

Freunde der Nacht, ich hab euch etwas mitgebracht…,“ stoppte plötzlich das vor sich hin plätschernde Radioprogramm. Plötzlich war Lara hellwach. Endlich Action, dachte sie und horchte auf. Was jetzt wohl kommen würde? Gespannt legte sie ihr Messer aus der Hand. „Macht euch bereit, denn morgen ist es soweit…“ – dramatischer Trommelwirbel – „… morgen ist Halloween – dann ist Blutmond! Und damit ihr in Stimmung kommt, gibt’s den passenden Song dazu: ‚The Killing Moon‘ von Echo & The Bunnymen.“

Na super,  stöhnte sie, sind wir hier wieder in den Achtzigern oder bei American Horror Story, wo eine gestörte Metzgerin ihr Unwesen treibt und die Erde mit dem Blut ihrer Opfer tränkt? Schauder! Das hatte sie nun davon, dass sie ihrem Bruder bei so einem Film Gesellschaft leistete, und das nicht zum ersten Mal, seitdem Julia weg war. Seufzend machte sie weiter mit dem Schneiden der Steaks, die noch auf ihr vierundzwanzigstündiges Bad in der Marinade warteten – auf Wunsch von Lukas, für seinen Grillabend an Halloween. Steaks, so blutig, dass man ihr Muhen noch hörte. Muhaha, der Witz war alt und hatte einen ellenlangen Bart, aber schön, dass Lukas inzwischen wieder so etwas wie Humor aufbrachte und jetzt sogar eine Party feierte, nachdem er sich tagelang in seiner Bude vergraben hatte. Und alles nur, weil er sich mit Julia gestritten hatte. Danach hatte niemand mehr etwas von ihr gehört. Gut so. Wenn es nach Lara ging, brauchte diese Tussi nie mehr wiederzukommen. Lukas war ohne sie so viel besser dran. So, jetzt noch die Barbecuesauce anrühren und über Nacht kalt stellen. Ihren Teil der Vorbereitungen hatte sie getan, und sie konnte beruhigt nach Hause gehen. Als sie die Tür hinter sich zuzog, war der Mond gerade erst aufgegangen und hing wie ein goldenes Ei tief über dem Horizont, inmitten von Nebelschwaden.

Nebel. Überall nur Nebel, und er wurde stetig dichter. Lange würde es nicht mehr dauern, bis sie ihre eigenen Hände nicht mehr sehen konnte. Orientierungslos durch diese Suppe zu irren, war nicht das, was sie sich für ihren Heimweg vorgestellt hatte. Geigenklänge und das schrille Pfeifen einer Flöte waberten auf sie zu, und jemand spielte Schlagzeug. Das Bogside musste sich ganz in der Nähe befinden, wenigstens ein Anhaltspunkt, wo sie sich befand. Aber wohin danach? Lara gefiel die Aussicht, die richtige Abzweigung zu verpassen, gar nicht. Was konnte es schon schaden, wenn sie einen Zwischenstopp in dem irischen Pub einlegte?

Offenbar war sie nicht die einzige mit dieser Idee gewesen. So voll wie beim Berlin-Marathon war es zwar nicht, aber außer zwei leeren Hockern an der Bar waren keine Plätze mehr frei. Unentschlossen ließ Lara ihre Blicke von rechts nach links wandern. Wenn sie nicht stehen wollte, sollte sie sich bald für einen davon entscheiden – die Wahl zwischen Pest und Cholera: Der Typ im speckigen Mantel auf der rechten Seite hatte das Stadium der Nüchternheit schon lange hinter sich gelassen. Wenn sie sich neben ihm platzierte, lief sie entweder Gefahr, von seinen Ausdünstungen ins Koma geschickt oder endlos zugetextet zu werden – etwas, das ihr aber auch von der anderen Seite blühen konnte. Sie kannte Tim nur flüchtig aus dem Fitnessstudio, wo man ihm den Spitznamen Crocodile Dundee verpasst hatte, weil er stets diesen komischen Hut trug, der ihrer Meinung nach schon seit Jahren out war. Manche Leute bleiben wohl für immer in den Achtzigern stecken, dachte sie, da sah sie die Zeitung auf dem Tresen liegen – ihr Rettungsanker. Wenn sie sich nur intensiv genug der Lektüre widmete, merkte Tim vielleicht, dass seine Sprüche bei ihr auf taube Ohren stießen.

The Devil’s Party“ sprang ihr die Titelzeile marktschreierisch entgegen. „Mord an der Uni. Studentin mit Seidenschal erdrosselt.“ Der unbekannte Serientäter hatte wieder zugeschlagen, diesmal auf dem Campus, in der Nähe einer Party. Wie überaus zuvorkommend, das grausige Geschehen so detailliert zu beschreiben, da fühlte man sich doch gleich viel sicherer. Sarkasmus war Laras Spezialität. Darin war sie Profi, besonders nach dem Hinweis auf den Blutmond zu Halloween. Untermalt von dem Song, der nach der Meinung des Radiofritzen der einzig richtige war und an dem heute alle Welt einen Narren gefressen hatte. Und der jetzt schon wieder lief. Jetzt gab auch noch Tim seinen Senf dazu: „Die Story bringen sie heute schon den ganzen Abend.“

Sie hätte wissen müssen, dass die Zeitung für ihn kein Hindernis, sondern eine Aufforderung darstellte. „Pardon?“ Lara musterte ihn über ihre Brille hinweg. Eine beiläufige Handbewegung von ihrem Gegenüber, in Richtung Fernseher oben unter der Decke erklärte alles. „n-tv… seit ich hier sitze, läuft die Geschichte schon zum dritten Mal. Und die Musik macht’s auch nicht besser.“

The killing moon?“ kam es von Lara zurück. Okay, diese rhetorische Frage hätte sie sich sparen können. Stating the Obvious… Lara, Du hast auch schon intelligenteren Output geliefert. Aber Tim schien der Blödsinn, den sie verzapfte, gar nicht aufzufallen. Er widmete sich lieber dem reißerischen Zeitungsartikel. „Das ist jetzt schon die fünfte Tote seit Ostern, und immer erwischt es sie auf die gleiche Art.“

Lara hatte sich mit der Geschichte nicht näher beschäftigt, aber dass hier ein Serienmörder am Werk war, lag für sie klar auf der Hand, so wie für die meisten – jetzt fehlte nur noch, dass sich der Unbekannte stets den gleichen Typ ausgesucht hatte… jung, blond, hübsch. Doch als Tim mit dem Zeigefinger auf das unscharfe Foto tippte und ihr die Zeitung unter die Nase schob, spürte sie, wie sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. „Vielleicht geht es ja nur mir so, aber ist es nicht auffällig, dass jeder von diesen Morden in einen bestimmten Zeitraum fällt?“

Entgeistert starrte Lara ihn an. So langsam wurde ihr mulmig. Warum hatte sie sich bloß neben Crocodile Dundee gesetzt? Schauergeschichten waren das letzte, das sie hören wollte, aber ihr Nachbar dachte gar nicht daran, aufzuhören: „Opfer Nummer Eins haben sie Anfang Mai in der Gärtnerei gefunden, stranguliert mit einem Stück Blumendraht. Sechs Wochen später die Nächste. Beim Gassigehen. Mit ’ner Hundeleine. Und bei den letzten beiden Morden….“ – Dass sich beide Dramen, jedes im Abstand von sechs Wochen, ereignet hatten, bekam Lara zwar noch mit, aber den Rest blendete sie mit Absicht aus. Ihr reichte es schon, dass ein Irrer anscheinend nach dem keltischen Jahreskreis mordete, aber auf welche Weise genau diese armen Frauen zu Tode gekommen waren, wollte sie gar nicht wissen.

Doch Tims Stimme ließ sich einfach nicht wegfiltern, da half auch kein Scotch, und was er sagte, gab ihr den Rest. „Und jetzt, zu Halloween, sie hier. Allein, mir vorzustellen, dass sie vielleicht neulich noch hier war und neben mir gesessen hat…“ Kaum hatte er seinen Monolog abgebrochen und seine Hand die Zeitung freigegeben, verstummte auch die Musik. Und im selben Moment, da sie sich das Foto endlich genauer ansehen konnte, durchfuhr es sie in der plötzlich eingetretenen Stille wie ein eiskalter Windstoß: Die Studentin auf dem Foto sah Julia verblüffend ähnlich. Julia, die wie vom Erdboden verschluckt war. Hatte sie sich nicht vorhin noch gewünscht, dass die Ex ihres Bruders bleiben könne, wo der Pfeffer wächst, und jetzt war diese Vorstellung womöglich real geworden? Lara fühlte sich vor den Kopf geschlagen und hatte nur noch einen Wunsch: Weg von hier und auf direktem Weg nach Hause. Ohne sich weiter um ihren linken Nachbarn zu kümmern, zog sie einen Schein aus der Tasche und warf ihn auf den Tresen. Dann verließ sie das Bogside.

Was für ein gruseliger Abend. Beinahe Vollmond. Dabei war Halloween doch erst in ein paar Stunden. Sie fröstelte noch immer, und daran war nicht die kühle, klamme Feuchtigkeit schuld, die der sich verziehende Nebel zurückgelassen hatte. Getrieben von Unwohlsein, schritt sie zügig voran und nahm erst wenig später wahr, dass ihr jemand folgte. Oh nein, nicht auch noch das. Sie war noch nie besonders ängstlich gewesen, aber nach diesem Abend lagen ihre Nerven blank. Sie beschleunigte ihre Schritte, die unbekannte Person hinter ihr auch. Noch schneller. Ging nicht. Sie war schon am obersten Limit, mehr gaben ihre Lungen und ihre Beine nicht her. Es reichte nicht. Wer ihr da auch immer folgte, gleich hatte er sie eingeholt.

Zwei Hände legten sich von hinten um ihren Hals. Laras Schrei erstarb auf ihren Lippen.

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Teil Eins des literarischen Horrorctobers wäre vollendet. Mit mehr als 1300 Wörtern ist er ganz schön lang geworden – ob meine restlichen Beiträge auch so ausufern?

 

 

 

 

 

 

 

 

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