Full House – ein Wochenende in Berlin – Ende September

 

Was haben wir früher nicht alles unternommen: Für einen Tag mit dem Bus zur Expo 2000 nach Hannover oder ins Ruhrgebiet zu den Musicals „Starlight Express“ und „Joseph und der Wundermantel“ – oder übers Wochenende zur Tour über diverse süddeutsche Weihnachtsmärkte. Den Vogel haben mein Mann und ich vor einigen Jahren abgeschossen, als wir drei Stunden Fahrt mit dem Auto auf uns nahmen, um in der Schweiz zu frühstücken und wir dann noch spontan eine Übernachtung im Sundgau (Frankreich) dranhingen. Dachte ich, dass die Zeit für solche Aktionen schon lange zurückliegt, wurde ich nun vom Gegenteil überzeugt, indem ich mich ganz spontan für zwei Nächte in Berlin entschieden habe.

Anlass war das zum neunten Mal in einem Kino in Kreuzberg veranstaltete australisch-neuseeländische Filmfestival „Down Under Berlin“, und da mir noch ein Tag Sonderurlaub zustand, überlegte ich nicht lange und organisierte mir übers Internet Tickets für die rabenschwarze Komödie „Book Week“ und den Abschluss-Dokumentarfilm „Mystify Michael Hutchence“.  Aber ausschließlich wegen zweier Filme nach Berlin zu fahren, hielt ich nach erfolgreich abgeschlossener Buchung einer Übernachtungsmöglichkeit für witzlos und machte mich sogleich an die Planung. Mit dem Ergebnis, dass ich mein Glück im Berliner Zoo auf die Probe stellen wollte, wo Anfang des Monats zwei kleine Pandas auf die Welt gekommen waren.

Leider hatte ein Sturz am Tag davor mir eine schmerzhafte Schulterprellung beschert, und so hielt mich meine Unbeweglichkeit von längeren Wanderungen durch die Stadt ab. Dass just an diesem Wochenende auch noch der Berlin-Marathon stattfand, erklärte, warum die Zimmerpreise in exorbitante Höhen geschnellt waren und mein Einzelzimmer in einem Drei-Sterne-Hostel in Kreuzberg-Neukölln nicht ganz so günstig war wie erhofft. Aber es war immer noch bezahlbar und nur 350 Meter vom Kino entfernt, so dass ich nicht weit zu laufen hatte. Das war vor allem nachts von Vorteil.

Wegen des Marathons waren viele Straßen gesperrt, und so entpuppte sich dieser Umstand für mich als Glücksfall. Endlich Platz zum Laufen, auch abends, nachdem kein Läufer mehr unterwegs war, denn es entfiel die räumliche Beschränkung auf den Bürgersteig. Allerdings hatte ich ein ganz anderes Problem: Sämtliche Namen der Straßen und Plätze auf dem Stadtplan waren so winzig gedruckt, dass ich sie selbst mit Brille nur schwer entziffern konnte, und so habe ich die Orte, die ich suchte, wie z.B. das Motorradmuseum, nicht gefunden. Dafür aber andere Plätze, die ich überhaupt nicht auf dem Radar gehabt hatte. Zum Beispiel die Weltzeituhr am Alexanderplatz.

 

 

 

Und dass es nicht von Nachteil sein muss, wenn nicht rund um die Uhr die Sonne scheint, habe ich zwischen zwei Regenschauern in der Nähe des Gendarmenmarkts feststellen dürfen. Schon lange hatte ich kein so interessantes Licht zum Fotografieren gehabt, auch wenn es nur mit dem Handy geschah.

 

 

Gefunden habe ich im Zoo übrigens auch nicht die Babypandas, denn die waren mitsamt ihrer Mutter noch da, wo kein Zuschauer hinkommt, aber dafür stellten sich die Murmeltiere in Pose, und ich konnte den Pinguinen beim Plantschen und den Seelöwen beim Tauchen zuschauen.

 

 

Besonders interessant war für mich auch das Deutsche Technikmuseum, von dem ich nur einen Teil gesehen habe, und zwar den, der sich mit Textil-, Papier- und Kommunikationstechnik beschäftigt. Hier habe ich auch gelernt, dass Stallungen für Pferde aus Platzgründen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in höher gelegenen Stockwerken zu finden waren und man die Pferde über eine spezielle Treppe nach oben gebracht hat.

 

 

Und die Filme? Die waren das Tüpfelchen auf dem I – vor allem, weil es am Sonntagabend noch ein von der australischen Botschaft gesponsertes Büffet gab und der Erste Sekretär der australischen Botschaft eine Ansprache hielt, bei der ich mich gegen Ende fühlte wie in der Szene in „Das Leben des Brian“, wenn die Frage auftaucht, ob Weibsvolk anwesend sei („Ich glaube, ich muss Ihnen nicht erklären, wer Michael Hutchence ist“ – und der ganze Kinosaal unisono „nein, nein“). Die Frikadellen vom Büffet und der Wein haben mir übrigens auch sehr gemundet. Viel Werbung gab es vor den Filmen auch nicht, und vielleicht fahre ich nächstes Jahr wieder hin. 35 Euro für vier ganze Tage sind ein akzeptabler Preis (da dürften Karten für die Berlinale erheblich teurer sein). Aber nur, wenn kein Marathon stattfindet. Die Müllberge und gigantischen Menschenmassen haben mir weniger gefallen.