# Writing Friday – Oktober, 43. Woche : Im Garten der Engel

 

Das Projekt „Writing Friday“ habe ich bei elizzy entdeckt – und darum geht es:

Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

Dies sind die Schreibthemen für den Oktober

1) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz: “Er wischte sich das Blut von den Händen und…” beginnt. +++ 2) Schreibe aus der Sicht eines Hexenbesens. +++ 3) Wovor fürchtest du dich am meisten? Erzähle uns davon. +++ 4) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter ein: erdrosselt, vergraben, blutig, Schrei, Blutmond +++ 5) Das Böse herrscht – Egal ob Buch, Film oder Videospiel wer ist dein liebster Bösewicht und wieso? Könnte er auch gute Seiten an sich haben?

 

 

Bis ich den idealen Bösewicht gefunden hatte, musste etwas Zeit ins Land gehen, war doch zunächst eine Romanfigur für diese Rolle vorgesehen, doch als ich meine Aufnahmen vom abendlichen Berlin durchsah, hat es plötzlich Klick gemacht. Kein Mensch, sondern ein Engel – und er gehört der Spezies „weinende Engel“ aus der Science-Fiction-Serie „Doctor Who“ an. Ihre perfide Methode, Leute zu killen: Sie schicken ihre Opfer in die Vergangenheit zurück und ziehen ihre Energie aus der daraus entstehenden Zeitspanne, wobei ihnen das Schicksal ihres Opfers gleichgültig ist. „Nett“, nicht wahr? Aber was, wenn einer von ihnen nicht so ist wie die anderen und anderes im Sinn hat?

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Im Garten der Engel

Der Doktor sagte einst, die weinenden Engel seien die einzigen Psychopathen im Universum, die dich auf nette Weise töten. Bisher hatte ich seinen Worten nur wenig Bedeutung beigemessen. Dabei waren Zeitreisen und außerirdische Lebensformen seine Spezialgebiete, aber so richtig glauben konnte ich nicht, was er uns erzählte. Zeitreisen waren für mich schon von je her faszinierend, aber ich hatte sie immer für pure Fiktion gehalten, und als ich das Gegenteil erkannte, war ich völlig unvorbereitet. An Halloween. Mitten in der Nacht.

Tim, mein Retter aus dem Bogside hatte den Angreifer mit einem Schraubenschlüssel niedergeschlagen und ich ihm beim Fesseln mit Kabelbinder geholfen. Die Zeit auf der Wache zog wie ein Film vorbei, und ich war damit einverstanden, dass Tim mich nach Hause bringen wollte. Anstatt zu versuchen, mir näherzukommen, blieb er ganz gentlemanlike ein Stück hinter mir, für den Fall, dass noch jemand aus dem Hinterhalt angreifen wollte, wie er sagte. Das hielt ich für genauso wahrscheinlich wie den Blitz, der an derselben Stelle zweimal hintereinander einschlägt. Außerdem konnte schon allein deshalb nichts passieren, weil es auf dem Weg, der mir vertraut wie meine Westentasche war, keine heiklen Stellen gab, außer vielleicht dem Park, der bald auftauchen würde, und den konnten wir getrost links liegen lassen. Nur noch einen knappen Kilometer bis zu meiner Haustür. Dann sah ich das Plakat: NEU IN DER STADT – DER SKULPTURENGARTEN – 2. NOVEMBER FEIERLICHE ERÖFFNUNG.

Am Eingang zum Park schimmerte ein Absperrband im fahlen Licht. Das musste neu sein. Am Nachmittag war es noch nicht dagewesen. „Wow“, rief Tim aus, „das ist ja schon morgen.“ Irritiert blinzelte ich. Meinte er das jetzt wirklich ernst? Wir hatten gerade erst einen Verbrecher der Polizei ausgeliefert, und jetzt tat er so, als wäre nichts gewesen und wollte sich einen Haufen uninteressanter Statuen anschauen? „Warum gehen wir zwei da ni…..“ Ein Windstoß – dann kam nichts mehr. Dass Tim mitten im Satz aufhörte, gefiel mir gar nicht. Jetzt blinzelte ich nicht mehr irritiert, sondern vor Nervosität. Langsam drehte ich mich um und sah nichts. Wo eben noch Tim gestanden hatte, gähnte mich der leere Bürgersteig an. Mich schauderte. Keine Seele weit und breit. Nur ein paar letzte Nebelschwaden, die in den abgesperrten Park hinein krochen. Irgendwo heulte ein Kauz. Wie sich die Gänsehaut in Wellen über meinen Körper ausbreitete, konnte ich förmlich spüren. Gab es aus diesem Alptraum denn überhaupt kein Erwachen? Seufzend öffnete ich die Augen. Geändert hatte sich nichts. Jedenfalls glaubte ich das. Doch nur wenige Sekunden später registrierte ich eine Bewegung außerhalb meines Gesichtsfeldes und zwang mich, ihr mit den Augen zu folgen. Etwas hatte das Absperrband zum Schwingen gebracht und war in den Park gehuscht. In den Skulpturengarten. Wider besseres Wissen setzte ich zum Sprint an und hielt im letzten Moment inne. Stop, Lara, denk nach! Würde der Doktor einfach in einen Park voller Skultpuren hinein stürmen, ohne vorher die Lage zu sondieren? Natürlich nicht. Aber warum musste ich jetzt an den Doktor denken? Und warum klammerte sich mein Gedanke an „uninteressante Statuen“ so hartnäckig an meinen Hirnwindungen fest?

Ich holte tief Luft und spähte vorsichtig in den wogenden Nebel. Außer einer kleinen weißen Putte aus Marmor sah ich nichts. Schau genauer hin, Lara, gab ich mir innerlich einen Ruck. Dann sah ich, wie die Putte sich bewegte. Das konnte nur vom Schlafmangel kommen, denn der gaukelt Dir Dinge vor, die nicht existieren. Anstatt ruhig zu bleiben, blinzelte ich nur noch heftiger. Zwinker. Da – wieder! Die Putte hatte sich noch ein Stück bewegt. Blinzel… Und noch ein Stück. Jetzt wollte ich es wissen. Zwinker zwinker. Die Figur wackelte provozierend mit dem nackten Hintern und verschwand feixend im Nebel. So eine Frechheit – Dich krieg ich. Aber was, wenn da drinnen noch etwas schlimmeres auf mich wartete als dieser Fratz? Wollte ich dieses Risiko wirklich eingehen? Und noch während ich das Für und Wider abwägte, knirschte es hinter mir auf dem Bürgersteig, gefolgt von einem Stöhnen. Es war Tim, er saß auf dem Boden und sah aus, als ob er einen Geist gesehen hätte. „Lara“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, wie spät ist es?“ Eine seltsame Frage – schließlich tickte an seinem Handgelenk eine Armbanduhr. Irgendetwas stimmte hier nicht. Erst verschwand er, und dann tauchte er wieder auf – und jetzt unsere Zifferblätter, die zwei verschiedene Uhrzeiten anzeigten: Ging es bei mir bereits auf zwei Uhr zu, ruckten bei ihm die Zeiger bei halb zwei auf der Stelle und kamen nicht vom Fleck. Die Zeit lief und doch wieder nicht, und noch während ich nach dem richtigen Teil für dieses Puzzle suchte, machte es plötzlich laut und deutlich Klick.

DON’T BLINK. Mit exakt diesen Worten hatte der Doktor uns vor den Statuen warnen wollen. DON’T EVEN BLINK AND YOU’RE DEAD. Statuen, die keine waren. Meistens tarnten sie sich als Engel. Oder Putten, wie in meinem Fall. Oder besser gesagt, Tims Fall. „Das Engelchen?“ flüsterte ich. Tims Nicken war Antwort genug. Diesen Wicht würde ich mir kaufen. Weit konnte er auf seinen kurzen Stummelbeinchen kaum gekommen sein. THEY ARE FAST. FASTER THAN YOU EVER BELIEVE. – Was auch geschieht, schärfte ich Tim ein, auf keinen Fall blinzeln! „DON’T TURN YOUR BACK. DON’T TURN AWAY AND DON’T BLINK – Wenn Du etwas Spiegelndes dabei hast, umso besser. Wenn so eine Fratze sich selbst erblickt, erstarrt sie zu Stein, und Du bist sicher.“ Damit war ich aber noch lange nicht aus dem Schneider. Aber ich wusste, was ich zu tun hatte: Das Smartphone auf Selfiemodus stellen, und wenn Dich dieser Knirps auch anspringen will, so wie bei Tim, dann strecktst Du ihm das Phone entgegen, und er darf in seine eigene Visage starren. Dann bist Du Geschichte, mein Engel! So weit die Theorie. Was ich nicht bedacht hatte, war das, was mich im Park erwartete. 

Glasskultpuren, funkelnd wie Eis… aus Holz geschnitzte Fabelwesen… Bronzestatuen… alle gefertigt von unterschiedlichen Künstlern, und mittendrin „Der Kuss“ von Auguste Rodin. Dargestellt waren Paolo Malatesta und seine Schwägerin Francesca da Rimini, in einer leidenschaftlichen Umarmung vereint. Ein verbotener Kuss, der in dieser Nacht nicht von dieser Welt schien. Niemals war das ein echter Rodin, das sinnliche Kunstwerk war viel zu kostbar, um in unserem Park Wind und Wetter ausgesetzt zu werden. Eine Fälschung bist Du aber auch nicht… eher eine von dem Meister inspirierte Kopie, die… Verdammt: Ein Windstoß wirbelte Sand und trockenes Laub auf, und ich kniff die Augen zu, um von dem Schmutz verschont zu bleiben. Böser Fehler. Irgendwo in der Nähe erklang ein leises Kichern wie von dem eines kleinen Kindes, und noch im selben Augenblick trennten sich Paolos Lippen von denen Francescas, er hob den Kopf und sah mir direkt in die Augen. Francesca sank reglos zu Boden, Paolo stieg über sie hinweg und kam langsam auf mich zu, ohne seine Blicke von meinen zu lösen. Dann ergriff er meine Hand und zog mich an sich. Das Smartphone in meiner Hand war nutzlos geworden, denn ich konnte mich seinem Kuss nicht entziehen – er ging mir durch und durch, brachte mein Herz zum Glühen und schickte mich gleichzeitig in ein eisiges Dunkel. Klar und deutlich konnte ich seine wohltönende Stimme hören. „Mia cara. Danke, dass Du mich befreit hast. Endlich hat diese Liaison ein Ende, und auf uns wartet…“

Was auf uns wartete, bekam ich nicht mehr mit, aber ich konnte zwei Männer in Overalls sehen, wie sie damit begannen, das Plakat für den Skulpturengarten auf einer Tafel aus Holz zu befestigen. Viel Zeit war nicht vergangen, ich konnte also immer noch Tim davor bewahren, von dem Engelchen aus Marmor erneut durch die Zeit geschickt zu werden. Kaum war ich wieder auf den Beinen, stand auch schon wieder Paolo vor mir. „Ich musste Dich wiedersehen. Lass mich Dir meine Liebe beweisen, indem ich…“ – Und wieder wurde ich in die Vergangenheit versetzt, diesmal noch weiter zurück. Und bei jeder weiteren Runde durch die Zeitschleife wurde ein neues Stück dieses Rätsels enthüllt.

Inzwischen weiß ich, dass Paolo aus der Art geschlagen ist und seine Energie nicht daraus zieht, dass er mich in längst vergangene Zeiten schickt, sondern durch allein unsere Berührungen, die nicht mehr flüchtig sind und nun länger andauern als zu Beginn. Warum sollte er mich um Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückschicken, wenn wesentlich kürzere Zeitspannen dazu geeignet sind, dass wir und öfter wieder begegenen? Lieber viele kurze Zeithappen als nur einen einzigen riesigen Bissen… Da bekommt das Sprichwort „Liebe geht durch den Magen“ eine ganz neue Bedeutung.

Inzwischen freue ich mich sogar auf unsere nächste Begegnung die leider aber erst in drei Monaten sein wird. Sollte mich der Doktor eines Tages fragen, was ich von Zeitreisen halte, dann werde ich ihm antworten, dass ich sie gar nicht so übel finde. Ich meine, wann bekommt man sonst die Gelegenheit, in der Vergangenheit an gewissen Stellschrauben zu drehen und Einfluss auf die Zukunft zu nehmen? Und Paolo ist der beste Beweis, dass nicht alle Weinenden Engel die einsamsten Kreaturen des Universums bleiben müssen und schon gar nicht alle böse sind.

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Kurze Anmerkung zum Schluss: Vermutlich heißt mein Engel gar nicht Paolo, aber da niemand seinen wahren Namen kennt, wird er damit leben müssen. Mit diesem außergewöhnlich langen Gruselmärchen in mehr als 1400 Wörtern als Spin-Off zur britischen Science-Fiction-Serie „Doctor Who“ schließe ich den Monat Oktober ab.

 

 

 

 

5 Kommentare zu “# Writing Friday – Oktober, 43. Woche : Im Garten der Engel

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