# Writing Friday – November, 45. Woche : Das Praktikum

 

Das Projekt „Writing Friday“ habe ich bei elizzy entdeckt – und darum geht es:

Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

 

Dies sind die Schreibthemen für den November

1) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz: “Jonathan war noch nie in seinem Leben so glücklich wie gerade in diesem Moment. Endlich … ” beginnt. +++ 2) Es ist Zeit für den Winterschlaf – Bruno der Bär berichtet von seinen Vorbereitungen. Gib Bruno einen einmaligen Charakter und sei kreativ! +++ 3) Dein Lesesessel startet eine Demo – wofür protestiert er? Berichte davon. +++ 4) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter ein: Wind, Comicbuch, klein, Avocado, Eule +++ 5) Welches ist dein Lieblingsgenre? Wieso ist das so? Und was magst du daran?

 

Jonathans Geschichte gab’s in der letzten Woche – heute ist der Text mit den fünf eingeflochtenen Wörtern dran. Ein umgearbeitetes Manuskript von 2018, das eigentlich für einen anderen Zweck vorgesehen war, aber nicht zur Veröffentlichung.

 

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Das Praktikum

Im Studio, drei Türen von unserem entfernt, versuchen sie seit Tagen, ein Musikvideo zu drehen, was sich aber als schwieriges Unterfangen entpuppt: eine kleine, noch nicht bekannte Band will dieses Video über unseren Regionalsender ausstrahlen, anstatt es bei Youtube zu versuchen. Ab und zu bekomme ich einen kurzen Einblick in die Serie ihrer Pleiten und Pannen, und jedes Mal geht irgend etwas anderes schief. Entweder fällt der Strom aus oder es klappt nicht mit dem Zusammenspiel. Als Produzent wäre ich schon längst verzweifelt.

Verzweiflung macht sich auch bei uns breit. Während nebenan die Musik zwischen ein paar zusammengewürfelten Schrottautos und Ölfässern spielt, soll in unserem makellos hergerichteten Studio eine Kochsendung entstehen, mit der Betonung auf „soll“, denn auch wir kommen kein Stück weiter. Kein Wunder, wenn der Meister nicht nur Perfektionist, sondern auch der größte Geizhals unter der Sonne ist. Aber mich darf man ja nicht fragen. Ich mache hier in dieser Klitsche ein schlechtbezahltes Praktikum und bin unterbezahltes Mädchen für alles, das den Caterer spielen darf und darauf achten muss, dass der Spaß nicht viel kostet. Ständig müssen wir etwas anderes wiederholen, weil unser Monsieur Chef de Cuisine, die alte Eule, sein künstlerisches Empfinden gestört sieht: Mal sind die Karotten nicht glänzend genug glasiert oder die Avocados zu weich. Würde der Meisterkoch nicht so einen Wind um seine Sendung machen, wären wir längst fertig. Je länger das dauert, desto hungriger werde ich. Kaffee wäre jetzt auch nicht schlecht. Weit laufen muss ich ja nicht, aber jetzt mal ehrlich: So hatte ich mir mein Praktikum nicht vorgestellt. Bei einer Produktion dabeizusein und den Kameraleuten oder den Technikern am Mischpult über die Schulter zu gucken, hätte mir bestimmt irre viel Spaß gemacht und wäre um einiges spannender gewesen.

Als ich dann mit dem Tablett zurückkomme, wird schwungvoll die Tür aufgerissen, und ein aufgebrachter Typ stürmt heraus. Ausweichen kann ich nicht mehr, und ich fühle mich wie in einem Comicbuch – mit Sprechblasen: Rrrrums, Schepper, Dengel, fliegt das Tablett mit den Bechern durch die Luft, und ich werde geduscht. Alles Gute kommt von oben? Ha Ha Ha: heute mit Kaffee. Heiß und in allen Variationen – dreimal Kaffee schwarz und je einmal Latte Macchiato und Café au Lait. Vorher war die Lieferung auf dem Tablett noch sortiert gewesen, aber jetzt… Die Brühe trieft aus meinen Haaren, und mein vormals weißes Shirt hat nun ein nasses Flecktarnmuster und klebt vor Zucker. Die Wespen haben ihren Spaß – hui, endlich jemand, auf den sie fliegen können. Ich eher weniger, denn das Zeug ist so heiß, dass ich vor Schmerz und Schreck jaule. Der Typ ist weg. Statt dessen naht Hilfe von anderer Seite. Eine Musikerin von der Band nebenan ordnet als Erste-Hilfe-Maßnahme für mich eine kalte Dusche an, bevor sich auf meinem ganzen Oberkörper Brandblasen bilden können. Langsam aber sicher mutiere ich zu einem Eiszapfen. Nach einer Weile kommt Caro, meine Retterin mit einem überdimensionalen Shirt zurück, ich schlüpfe hinein und freue mich, dass ich mich wieder halbwegs zivilisiert unter die Leute wagen kann.

Aber ich habe mich zu früh gefreut. Der Witzbold, der mir entgegen kommt, lässt einen dämlichen Spruch fallen: „High Voltage – uuuuuh! Ssssexy!“ Na toll, ich weiß selbst, wie ich mit dem AC/DC-Aufdruck auf der Brust aussehe. „Besser Starkstrom als überhaupt keine Spannung“, gebe ich prompt zurück und registriere, wie der Typ grinsend durch die Tür verschwindet. In dem Studio, wo sie das Musikvideo drehen. Kann man diesen Tag noch steigern? Die Antwort ist „Ja“, wenn dein Team unter Koffeinentzug leidet und hochgradig verstimmt ist. Daran ist aber nicht mein Malheur mit dem Kaffee schuld, sondern der Unbekannte, der das Auto meines Chefs beschädigt und sich dann aus dem Staub gemacht hat. Ich schätze, für heute hat der Job sich erledigt, und ich kann zum gemütlichen Teil des Tages übergehen.

I would walk five hundred miles“ – für einen Kaffee? Ich komme noch nicht mal hundert Meter weit, denn ich pralle mit Caro zusammen. Sie ist stinksauer, denn ihr Auto ist weg, und sie kann sich denken, wer es sich einfach genommen hat, ohne zu fragen. Ihre Schlüssel lagen ja gut sichtbar für alle im Studio, und der einzige, der fehlt, ist ihr Schlagzeuger. Ach, ihm habe ich meinen unfreiwilligen Outfitwechsel zu verdanken? Na warte – willkommen im Club derer, die noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen haben. Zieh Dich lieber schon mal warm an, denke ich, bis wir Dich finden, ist es nur eine Frage der Zeit, denn früher oder später kriegen wir Dich. Und wenn wir uns zu Fuß auf die Socken machen wollen, kann es später werden. Der Meinung ist auch Caro, und als sie zurückkommt, hat sie auch schon die zündende Idee, von der ich bezweifle, dass es sich dabei um einen gut durchdachten Plan handelt: Ihr Bruderherz weiß mit Sicherheit, wohin sich Josh verkrümelt hat, und da er der einzige ist, der jetzt mit ihm noch vernünftig reden kann, soll er ihn einsammeln, sofern Josh sich nicht bereits sämtliche Lichter ausgeschossen hat. Wenn wir uns beeilen, könnte es noch nicht zu spät sein. Wir. Ich höre immer „wir“; was zum… Ja, ich habe Caro richtig verstanden. Mit „wir“ meint sie nicht sich und meine Wenigkeit, sondern mich und Alex, weil sie nämlich keine zehn Pferde auf sein Motorrad bringen würden. Ach – aber mich etwa? Sehe ich so aus, als ob ich freiwillig bei jemandem mitfahre, den ich nicht kenne? Doch sie bittet mich so sehr, dass ich mich breitschlagen lasse und schließlich doch noch zu ihrer großen Erleichterung zustimme. Wer jetzt noch fehlt, ist Alex.

Surprise, surprise – der Preis ist heiß… Als er dann auftaucht, schlage ich mir innerlich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Der Typ mit dem High-Voltage-Spruch von vorhin? Und bei dem soll ich auf dem Soziussitz mitfahren? Na, das kann ja was werden! Können wir bitte diesen Tag ganz aus dem Kalender streichen? Ich will nicht, aber leider habe ich Caro bereits versprochen, dass ich ihr helfe und ihren Bruder auf dem Motorrad begleite. Wenigstens hat er einen zweiten Helm dabei: Safety first. Das sind die Regeln. So geht das Spiel. Hoffen wir mal, dass hier nicht falsch gespielt wird.

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1025 Wörter – nicht zur Veröffentlichung bestimmt? Nun denn… offenes Ende oder nicht, ob’s weitergeht, weiß ich noch nicht.

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