# Writing Friday – November, 46. Woche : Der Kontrolletti

 

Das Projekt „Writing Friday“ habe ich bei elizzy entdeckt – und darum geht es:

 

Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

 

Dies sind die Schreibthemen für den November

1) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz: “Jonathan war noch nie in seinem Leben so glücklich wie gerade in diesem Moment. Endlich … ” beginnt. +++ 2) Es ist Zeit für den Winterschlaf – Bruno der Bär berichtet von seinen Vorbereitungen. Gib Bruno einen einmaligen Charakter und sei kreativ! +++ 3) Dein Lesesessel startet eine Demo – wofür protestiert er? Berichte davon. +++ 4) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter ein: Wind, Comicbuch, klein, Avocado, Eule +++ 5) Welches ist dein Lieblingsgenre? Wieso ist das so? Und was magst du daran?

 

Versuch’s mal mit Gemütlichkeit. Nach Action & Musik wird’s Zeit für Literarisches. Aber gemütlich wird das heute auch nicht..

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Der Kontrolletti

Erschöpft ließen Andy und ich uns aufs Bett fallen. Es war Mitternacht, und soeben hatten wir die größte Möbelrückaktion, seit wir vor sieben Jahren hier eingezogen waren, hinter uns gebracht. Unser Möbeltetris war längst überfällig gewesen. Was hatten wir uns nur dabei gedacht, das größte Zimmer im Obergeschoss zu unserem Schlafzimmer zu machen? Dass es uns in dem kleinen Raum, den wir bisher unser Wohnzimmer genannt hatten, viel zu eng geworden war, hätte uns doch schon damals klar sein müssen. Und das lag nicht nur an den voluminösen Sesseln, die wir zu uns geholt und damit von ihrem Dasein auf dem Speicher bei Freunden erlöst hatten – spätestens da hätten wir den Zimmertausch durchziehen sollen, aber besser spät als nie. Eingeschlafen war Andy schnell, von mir konnte ich das nicht behaupten. Wirre Träume begleiteten mein eher sanftes Schlummern. An ihren Inhalt würde ich mich beim Aufwachen schon nicht mehr erinnern.

Du willst mich loswerden? Vergiss es!“ Die Stimme und die polternden Geräusche im Hintergrund waren so laut, dass ich erschrocken hochfuhr. Nein, das war nicht mein Ex gewesen, der cholerisch durch die Wohnung gewütet hatte, sondern nur einer dieser Träume gewesen. Neben mir lag Andy und schnarchte friedlich vor sich hin, und auch sonst war alles ruhig. Aber war es deshalb gut? Jetzt plagte mich auch noch Durst, und das um drei Uhr morgens. Ach, es half ja doch nichts. Ich würde wohl oder übel aufstehen und ins Bad schleichen müssen, in der Hoffnung, dass ich nicht lange wachbleiben würde. AUTSCH! Verdammte Axt, wieso war der Weg nicht frei? Mein Fuß funkte rote Schmerzsignale an mein Hirn, und schlagartig war ich wach. Na gut, dann konnte ich auch gleich das Licht einschalten. Einschlafen würde ich so bald nicht mehr. Ach, hätte ich es bloß gelassen, denn auf diesen Anblick hätte ich nur zu gerne verzichtet. Vor mir stand einer der Sessel, von denen ich sicher war, dass wir sie ausrangiert hatten, um für das neue Sofa Platz zu machen, das wir heute kaufen und aufbauen wollten. Entweder hatte Andy den Sessel gar nicht erst nach unten geschafft oder ein Witzbold hatte ihn wieder nach oben gebracht und mitten in den Gang gestellt, um mich zu ärgern. Von selbst war der Sessel garantiert nicht herauf spaziert. Ich schubste das gepolsterte Ungetüm wieder ins Wohnzimmer und setzte meinen Weg fort.

Stunden später, wir hatten den Sessel gemeinsam nach unten geschleppt und unseren Gang durchs Möbelhaus mit dem Kauf eines roten Zweisitzers beendet, fuhr Andy den geliehenen Hänger wieder zum Möbelhaus zurück, während ich die handlicheren der separat verpackten Einzelteile wie Füße, Armlehnen und Polster schon einmal nach oben trug, damit wir nur noch dem Gestell zu widmen brauchten und gleich mit dem Zusammenbauen loslegen konnten. Es ging doch nichts über einen durchdachten Plan. Ein Plan, der sich gut anhört und sich auch in der Praxis sicherlich bewährt hätte, wenn mir nicht der mitten im Zimmer thronende Sessel einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Mitten im Zimmer? Äh, Moment mal! Wieso stand dieses olivgrüne Monster schon wieder hier oben und nicht unten im Hof, wo wir es hingestellt hatten? Wenn ich den erwischte, der uns diesen schon beim ersten Mal nicht lustigen Streich gespielt hatte! Erst Chaos verbreiten und dann abhauen, nicht mit mir! Genervt gab ich dem Teil einen Tritt, um den Weg freizubekommen und staunte nicht schlecht, als mir ein zusammengefalteter Briefbogen vor die Füße flatterte, mit violetten Buchstaben auf fliederfarbenem Papier.

Sie ließ sich in seine Arme sinken und gab sich ganz seiner Liebkosung hin… Ich wollte, ich könnte das Gleiche mit Dir erleben!“ – Ja, spinn‘ ich denn, dachte ich. Wer schreibt mir denn so einen Brief?! Wer auch immer das geschrieben hatte – dieser mißglückte Scherz ging eindeutig zu weit. Andy würde dieses Geschmiere ebenfalls nicht lustig finden. Welcher Mann hat auch gerne einen Nebenbuhler? Da spielt es keine Rolle, dass das Interesse einseitiger Natur ist. Den Ärger sah ich jetzt schon kommen. Dinge, die die Welt nicht braucht. Aber das Pamphlet war noch lange nicht vollendet. „Jahrelang hatte ich Dich für mich allein…“ – Hä? – „Dass Du diese fürchterlichen Liebesschnulzen in meiner Gegenwart verschlungen hast, während der Typ im Sessel neben uns herumgelungert und mit der Chipstüte geraschelt hat, habe ich akezptiert!“ – Das wurde ja immer absurder. Bitte, bitte, flehte ich innerlich um Beistand, bitte lass das nur ein Traum sein. Ich wagte mir nicht vorzustellen, dass es das war, was ich dachte (nein, wir sind hier nicht bei Christine von Stephen King, und mein Sessel hat mir keinesfalls diesen schriftlichen Beweis seiner Eifersucht zukommen lassen) – „Ich habe mich damit getröstet, dass er durch diese komischen gelben Figuren auf dem Bildschirm abgelenkt war und ich wenigstens diese eine Stunde am Abend mit Dir genießen durfte. Aber dass Du mich jetzt rauswirfst, weil Du Dich in einen Jüngeren verguckt hast: DAS. GEHT. ZU. WEIT. So schnell wirst Du mich nicht los.

Die Stimme in meinem Traum war echt gewesen. Ich konnte es nicht fassen: Mein Sessel führte sich auf wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Schlimmer noch: Diese Drama Queen stalkte mich. Er war ein Kontollfreak, der beschlossen hatte, sich in meinem Leben festzukrallen wie ein Oktopus, und ich hatte nicht übel Lust, ihn Christian Grey zu nennen. Das hätte zu ihm besser gepasst als Sherlock. Obwohl… so ganz von dieser Welt war Holmes, der berühmte Meisterdetektiv ja auch nicht.

Ob der Sessel, in den ich mich beim Lesen von Krimis gekuschelt hatte, schon durch meine Lektüre von „Christine“ oder erst durch „Fifty Shades of Grey“ so paranoid geworden war, konnte ich nicht sagen, aber ich wusste nur eins: Wenn ich für dieses Problem keine Lösung fand, hatten Andy und ich keine ruhige Minute mehr. Den bösen Geist der Eifersucht und des Kontrollwahns konnte ihm nur ein Exorzist austreiben. Die Suche nach einem solchen würde nicht einfach werden, und bestmmt würde man uns für komplett bekloppt erklären, aber das nahm ich gerne in Kauf – auch wenn uns eine harte Zeit bevorstehen würde, bis es soweit war.

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Ja, manchmal muss man zu drastischen Maßnahmen greifen.