Niagara : Wenn nicht nur der männliche Hauptcharakter getäuscht wird


Zu Recherchezwecken habe ich mir heute den Film „Niagara“ von Henry Hathaway aus dem Jahr 1953 ausgeliehen. In den Hauptrollen Joseph Cotten als George Loomis und Marilyn Monroe als seine Frau Rose. Warum sie sich in ein Ferienresort eingemietet haben, obwohl Mr. Loomis angeblich die Niagarafälle nicht ausstehen kann, erschließt sich nicht, ist auch nicht von Belang. Recht schnell wird nämlich klar, dass es hier um Betrug geht und um Mord an George. Geplant hat das Verbrechen Rose, und ausführen soll es ihr Liebhaber, mit dem sie sich heimlich an den Niagarafällen trifft.

0519 vom tower 2

Angeschmiert ist aber nicht nur der eifersüchtige Ehemann, sondern das Publikum. Oder bin ich die einzige, der gewisse Logikfehler auffallen? Dabei bin ich keine, die gezielt nach Filmfehlern sucht. Wenn sie mir dagegen von selbst ins Auge springen, werde ich natürlich neugierig, ob es da vielleicht nicht noch mehr Unstimmigkeiten gibt. Meistens tauchen solche Fehler im weiteren Verlauf des Films auf – bei „Niagara“ fängt die Täuschung schon in der Anfangssequenz an, als Mr. Cotten am Fuße der Bridal Veil Falls ziellos umherstreift. Eigentlich müsste er pitschnass von seiner Wanderung in den frühen Morgenstunden zurückkehren, statt dessen betritt er knochentrocken sein Zimmer, in dem seine Frau friedlich vor sich hinschlummert. Selbst die Frisur sitzt perfekt. Respekt! Mir haben nur wenige Minuten auf der kanadischen Seite gereicht, um mir ein Handtuch zum Trocknen der Haare zu wünschen. Und dass es im Film um fünf Uhr morgens schon taghell ist, fiel mir erst im Nachhinein auf. Aber diesen Effekt konnte ich schon 2018 in „Poldark“ bewundern. Geändert hat sich nichts.

A propos „tiefer Schlummer“: Dass in Hollywoodfilmen die weiblichen Charaktere wie aus dem Ei gepellt, also perfekt frisiert und geschminkt, in jeder Lebenslage zu sehen sind, ist ja nichts neues. Die Haare werden beim Duschen mit einer Badekappe geschützt, aber das Make-up ist nach der Dusche noch immer makellos, und nicht nur da, sondern auch beim Rauchen im Bett (was man nicht tun sollte) glänzen Marilyn Monroes Lippen in einem satten Rotton. Aber wenigstens drückt sie die Zigarette ganz vorbildlich im Aschenbecher aus, bevor sie sich schlafend stellt, weil ihr Mann heimkehrt. Denn er soll ja denken, dass sie noch immer tief und fest schläft. Come on: Are you kidding me? Wenn jemand kurz zuvor eine geraucht hat, dann riecht man das, ob Raucher oder nicht. Oder haben Raucher unempfindliche Nasen, die den Geruch gar nicht mehr wahrnehmen? Fragen über Fragen…

Damit man mich nicht falsch versteht: „Niagara“ ist für mich ein wirklich spannender Film mit einem hohen Wiedererkennungswert, was den Ort Niagara Falls auf der kanadischen Seite angeht, und einer Marilyn Monroe in einer mal ganz anderen Rolle, nämlich der der skrupellosen und manipulativen Femme Fatale. Interessanterweise wurde die Rolle der Polly Cutler mit Jean Peters besetzt, die bereits zwei Jahre zuvor in dem Film „Die Piratenkönigin“ selbst eine berechnende und rachsüchtige Frauenrolle spielte, nämlich die der Anne Providence, die ein Piratenschiff kommandiert. Diesen Film habe ich noch am selben Abend gesehen und habe mich über den überraschenden Zufall, gleich zwei Filme mit Jean Peters erwischt zu haben, königlich amüsiert. Das kommt davon, wenn einem Wurst ist, welche Darsteller in winziger Schrift auf der DVD-Hülle aufgeführt sind und man darauf verzichtet, im Internet nach Besetzungsliste und Kritiken zu suchen. Und Joseph Cotten? Der gab 1943 in dem Hitchcock-Thriller „Im Schatten des Zweifels“ den Serienmörder, dem seine „Lieblingsnichte“ Charlie (Teresa Wright) auf die Schliche kommt. An den Stil der Hitchcock-Filme erinnert mich so manche Szene in „Niagara“ dank extralanger Einstellungen im Glockenturm oder auf der menschenleeren Straße.

Menschenleere Straßen und die Tatsache, dass die Hauptpersonen immer genau da einen Parkplatz finden, wo sie ihn brauchen, sind m.E. auch so eine Spezialität Hollywoods. In diesem Fall weist nur herumliegender Abfall auf der Straße darauf hin, dass Niagra Falls kein idyllisches, verschlafenes Nest ist, sondern ein kleines Las Vegas mit Vergnügungspark, Casinos und Remmidemmi.

Achtung: Der Film wurde in Technicolor gedreht und nicht in Schwarzweiß, wie der Trailer suggeriert (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=dCQB4qRYVEQ – okay, „the High Water Mark in Suspense“ ist angesichts des Hochwassers in Venedig jetzt nicht gerade der sensibelste Slogan, aber das konnte man in den 50er Jahren nun wirklich nicht ahnen):   

Liebe Leute – DAS ist Technicolor (ich wollte, heutiges Fillmmaterial hätte eine solch brilliante Qualität (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=aDIvP2nyb2E)…

und damals zerbröselten Schallplatten noch, wenn man sie grob behandelte und nicht nett zu ihnen war. Alles in allem, war es ein vergnüglicher Filmabend mit Klassikern, die ich schon lange einmal wiedersehen wollte.

Ein Kommentar zu “Niagara : Wenn nicht nur der männliche Hauptcharakter getäuscht wird

  1. Habe den Film noch nicht gesehen, da er lange nicht im TV gelaufen ist (oder es mir nicht aufgefallen ist), würde es aber bei Gelegenheit definitv machen. Logikfehler sind manchmal ein bisschen nervig, weil man sich denkt: Hat sich denn keiner die Mühe gemacht, darüber nachzudenken? Andererseits können sie auch Spaß machen, wenn man sie entdeckt.

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