Enjoy the Silence – mit Glitzer

 

Am Donnerstag, dem 21. November war es soweit: Der von Anton Corbijn produzierte Film „SPIRITS in the Forest“ lief in zwei ausverkauften Sondervorstellungen im Cinemaxx (und nicht nur da – in anderen Kinos deutschlandweit auch). Vielleicht war die geschätzte Zahl von 600 erwarteten Besuchern leicht übertrieben, aber ich konnte mich glücklich preisen, eine Karte für einen vernünftigen Sitzplatz ergattert zu haben.

Gut, dass ich mich vorher noch kurz über den Film informiert habe, denn sonst hätte ich einen reinen Film über das Depeche-Mode-Konzert auf der Berliner Waldbühne, letztes Jahr im Juli, erwartet. Was er nicht ist – sondern eine Hommage an die Fans, von denen sechs aus zahlreichen Bewerbungen für dieses Projekt ausgewählt wurden. Sie erzählen während der 95 Minuten aus ihrem Leben und was sie mit der Musik ihrer Lieblingsband verbinden. Musik kann eine Brücke sein? Definitiv. Genau jene Lieder, die sie heiß und innig lieben und die ihnen Hilfe in schweren Zeiten waren, kommen dann in den entsprechenden Filmaufnahmen des Berliner Abschlusskonzerts zum Zug. Und immer wieder die Einblendungen der gefilmten Fans – nicht nur das ganze Publikum ist dann zu sehen, sondern auch genau jene speziellen Fans, die dicht beieinander stehen: die 22jährige Fremdenführerin aus der Mongolei, die den fast 8000 Kilometer weiten Weg (einfache Strecke) von Ulan Bator über Moskau nach Berlin auf sich nimmt – nur für drei Tage und für ein einziges Konzert.

Oder die Französin, die sich nach einem Unfall an nichts mehr erinnern kann, außer an ihre Liebe zur Musik von Depeche Mode. Der Vater aus Bolivien, der zusammen mit seinen beiden Kindern die Coverband DMK gegründet hat und deren selbstgedrehte Videos in Ausschnitten zu sehen sind (Quelle: https://youtu.be/a6J1fFpN3S0):

Der Rumäne, der den Sturz des Kommunismus miterlebt hat und mit zwei geduldigen Freunden ein Video zu „Enjoy the Silence“ gedreht hat… so könnte es stundenlang weitergehen – aber sollte nicht der Fokus auf der Musik liegen? Das tut er. Musik gibt es nicht zu knapp, und eine Band in Großaufnahme, mit brilliantem Sound. Gut abgemischt, kann man nur ahnen, wie viele Rückkopplungen das Publkum 2018 vermutlich gehört haben mag – ein Vorteil für die Kinogänger. Allerdings kommen die auch in den Genuß von Großaufnahmen von der Band, und nun wird es heikel.

Was habe ich mich darauf gefreut, Dave Gahan, Andrew Fletcher und Martin Gore ungefiltert auf der Bühne erleben zu können, ohne nerviges Handygefilme um mich herum oder Leute, die mir die Sicht versperren, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich mich bei Konzerten meistens weiter hinten aufhalte. Vorbereitet war ich jedoch nicht darauf, wie sehr die Herren gealtert sind. Das kommt davon, wenn man immer nur die alten Videos aus den 80er und 90er Jahren ansieht. Aber der Schock währte nur kurz – denn was schert mich die durch Glitzer aufgepeppte Optik, wenn die Musik absolut top ist und ich Songs hören kann, die ich bisher noch nicht gekannt habe. Und die größte Überraschung: Ausgerechnet „Just can’t get enough“, der Song, um den ich immer einen großen Bogen mache, konnte mich in dieser Fassung wirklich begeistern.

Absolute Highlights der Show waren für mich übrigens die Darbietung von „Personal Jesus“, „Never let me down again“, „Enjoy the Silence, „Walking in my shoes“ und „Heroes“. Ja, richtig, eine stimmungsvolle Coverversion von David Bowies bekanntestem Song, der eine besondere Bedeutung für die Band hat (Quelle: https://youtu.be/Sl0XlKlBgdk):

Alles in allem fand ich den Film äußerst gelungen, und das lag nicht nur an dem mitreißenden Konzert, sondern auch an den Geschichten der Fans, die mir einen ganz neuen Blick auf die Welt eröffnet und mich teilweise so berührt haben, dass ich öfters zum Taschentuch greifen musste, und ich hoffe, ich habe nicht zu viel verraten, denn den Film gibt es morgen noch einmal in den Kinos dieser Welt zu sehen.


Jetzt bin ich schon gespannt auf die Sondervorstellung am kommenden Mittwoch im Kinopolis (Main-Taunus-Zentrum), in der das INXS-Konzert vom 13. Juli 1991 im Wembleystadion in einer restaurierten und vervollständgten Fassung gezeigt wird, ohne Geschichten von Fans, ohne Glitzer, und vor allem ohne größere Überraschungen.