# Writing Friday 2020 – Januar, 3. Woche : Blinder Passagier – Teil 2

 

Fünf Themen gibt es im Januar 2020 beim Schreibprojekt #Writing Friday auf dem Blog von elizzy– für jeden Freitag eines. Schöne Idee, und erneut gibt es eine Aufgabe, die ich am liebsten habe – eine Geschichte zu schreiben, in der fünf bestimmte Begriffe vorkommen soll. Bisher hat das immer funktioniert, und da ich noch eine Fortsetzung der Story vom 10. Januar geplant hatte, geht es heute mit der zweiten Aufgabe weiter: Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Geschenk, Pinguin, Tintenfass, ruhig, zart.

 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Blinder Passagier – Teil 2

Die vom Abend zuvor blitzblank zurückgelassene Küche morgens um fünf in einem solchen Zustand wiederzufinden, war nicht die Art von Morgengruß, die Chris üblicherweise erwartete. Stiefelabdrücke aus getrocknetem Lehm überall, zwei benutzte Gläser, auf der Spüle und auf der Theke Tims Schlüsselbund, an dem ein silberner Pinguin baumelte: Chris hatte eindeutig einen Gast. Und zwar einen, der schon öfters bei ihm logiert und einen Schlüssel für den Bereich über der Werkstatt hatte. Für den Fall, dass er mal wieder Stress mit seiner Lady hatte. Unwillkürlich fiel Chris wieder ein, was er schon häufiger gedacht hatte: „Die einen haben’s mit Zahlen – die anderen sind eher so die Praktiker.“ Und dann gab es da noch solche, die zwar nichts richtig geregelt bekommen, aber dafür gut im Verbreiten von Chaos sind und sich beim Durchmogeln auf ihren Charme verlassen. Tim. O ja, dieses Durcheinander sah ihm ähnlich. Zu faul zum Spülen, also nehmen wir ein zweites, wenn wir mit dem ersten fertig sind? Sein bester Freund war noch nie der Ordentlichste gewesen, aber so ging das auch nicht.

Chris würde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen. Inzwischen konnte er ja schon mal die Gläser zusammenräumen. Und noch während er sich über die Lippenstiftspuren wunderte, hörte er von oben plötzlich ein Geräusch. Bleib ganz ruhig, sagte er sich, als der erste Schreck verflogen war, das wird Tim sein. Umso besser. Jetzt, wo der feine Herr wach war, konnte er auch gleich die Küche aufräumen und sich endlich mal für die Gastfreundschaft revanchieren. Bei der Gelegenheit konnte er dann auch gleich mal erklären, von wem die Abdrücke stammten. Von Delia jedenfalls nicht, die bevorzugte dezentere Farben. Außerdem hätten sie ihre Versöhnung bestimmt nicht hier gefeiert. Dass Tim jetzt seine Eroberungen schon mit hierher brachte und für die Privatparty den teuren Scotch zum Abschuss freigab, der ein Geschenk von Delia zu seinem letzten Geburtstag gewesen war, setzte dieser Dreistigkeit die Krone auf.

Er hatte schon die Hand an der Klinke, da wurde die Tür aufgerissen. Aber vor ihm stand nicht sein Freund. Der saß in Jeans auf dem Bett und hatte die Beine lässig übereinandergeschlagen. Wenigstens ein Shirt hätte er sich anziehen können. Da bewies sein Damenbesuch mehr Anstand. Sie war nicht nur vollständig bekleidet, sondern huschte diskret an ihm vorbei aus seiner Sichtweite. Schön für sie. Er hätte schwören können, dass er sie schon einmal irgendwo gesehen hatte, aber vor Ärger kam er nicht drauf – Ärger, so schwarz wie das Tintenfass, das er jetzt am liebsten gegen die Wand dicht über Tims Kopf gefeuert hätte. Oh Mann, Tintenfässer waren nicht verfügbar, aber verdient hätte er es. Hieß es nicht, dass Freundschaft ein zartes Pflänzchen war, das gehegt und gepflegt werden wollte? Aber mit dieser Aktion hatte er nicht nur die Geduld von Chris überstrapaziert, sondern das Pflänzchen mitsamt Wurzeln aus der Erde gerissen. Heimlich und ohne vorherige Absprache einen Übernachtungsgast einzuschmuggeln, ging gar nicht, auch wenn dieser noch so hübsch war. Sein Vertrauen so zu missbrauchen! Bald schon lagen sie sich in den Haaren.

Für Tim stellte sich Chris nur unnötig an, weil dieser wegen dieser Sache jetzt so ein Riesenfass aufmachte. Ja, hätte er ihn denn nachts aus dem Schlaf klingeln sollen, weil er dringend für jemanden ein Dach über dem Kopf brauchte? – Dringend! Wenn Chris das schon hörte… ihm reichte es, dass er für seinen Kumpel der Depp vom Dienst war, und der sich anscheinend in seiner chaotischen Beziehung mit Delia ziemlich bequem eingerichtet hatte. Sollten sie sich gefälligst endlich versöhnen oder trennen – aber dieses ewige Hin und Her, das er jetzt schon seit einem Jahr miterlebte, stand ihm schon längst bis hier! Er war doch nicht die Heilsarmee! Und auch kein Obdachlosenasyl für irgendeinen wahllosen One-Night-Stand. „Krieg endlich Deinen Mist auf die Reihe!“ Fehlte nur noch, dass Tim jetzt mit dem saublöden Spruch um die Ecke kam, dass er sich langsam mal wieder einkriegen könne. Aber Fehlanzeige. Statt dessen platzte die junge Dame, die sich vor dem nahenden Gewitter in Sicherheit gebracht hatte, in die Kampfpause der beiden Streithähne hinein: „Ich sollte besser gehen.“

Ganz Deiner Meinung, dachte Chris sarkastisch, für Tim aber waren diese Worte das falsche Signal. Warum tat sie so, als sei alles ihre Schuld? Okay, den Seitensprung hatte sie absichtlich herbeigeführt, aber dass Lukas ihr das Gepäck vor die Tür gestellt und bereits für den Austausch der Schlösser gesorgt hatte, war der GAU. Nicht nur, dass sie nicht hinein konnte und sich so ihr Plan, ihm die Affäre brühwarm aufs Brot zu schmieren, in Wohlgefallen aufgelöst hatte, aber mitten in der Nacht dazustehen und nicht zu wissen, wohin… Zufälle? Gibt es nicht, und so war Tim auf die ihm einzige praktikabel erscheinende Lösung verfallen, zumal er sich an dem ganzen Debakel mitverantwortlich fühlte: Sie stand auf der Straße, und er hatte einen Zimmerschlüssel. So einfach war das. Warum Chris mitten in der Nacht unnötig behelligen? Und da der Rest ohnehin bekannt war…

Chris fragte sich zwar, seit wann sein Freund die Mitleidstour bevorzugte, ließ sich dann aber schließlich doch dazu breitschlagen, sich Tims seltsamen Vorschlag, Julia für ein paar Tage bei sich wohnen zu lassen, wenigstens anzuhören. Gut, dass Tim ab morgen die ganze Woche mit dem Laster unterwegs war und erst am Freitagabend wiederkam. Es konnte nicht schaden, wenn hier mal etwas Ruhe einkehrte, und diese Julia schien ja so ganz in Ordnung zu sein und nicht so eine aufgedrehte Tussi wie die Ladys, die sein Kumpel sonst so abschleppte. „Meinetwegen“, brummte er und ließ die beiden stehen, um sich der Harley zu widmen, die unten auf ihn wartete. Nur ein paar Tage, dann würden sie weitersehen.

(Fortsetzung folgt)

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Kommt dieser Text nur mir so lang vor? 957 Wörter sind nicht ganz so viele wie im ersten Teil. Wann der dritte Teil folgen wird, steht auf einem anderen Blatt. Die restlichen Aufgaben für den Januar geben eine sofortige Fortsetzung nicht her. Wer’s ganz genau wissen will – hier sind die restlichen Themen für den Januar:

1) Erzähle von einem Vorsatz für 2020. Wieso willst du dieses Ziel erreichen? Wie sieht dein Plan aus? +++ 2) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Geschenk, Pinguin, Tintenfass, ruhig, zart +++ 3) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz: “Dieses Jahr wird fabelhaft, weil…” beginnt. +++ 4) Dein Tannenbaum möchte nicht entsorgt werden, berichte von seiner Flucht. +++ 5) Welches ist das erste Buch, das du dir im neuen Jahr gekauft hast? Stelle es kurz vor – wieso war es dieses?

Regeln gibt es auch, und zwar diese: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.