Mein Kinojahr 2020 : Es lebe die Vielfalt im Februar

 

Meinen Rückblick auf den Februar gibt es an einem historischen Datum, dem 29. Februar – einen Tag, der nur alle vier Jahre im Kalender steht. In der Theorie ein Tag mehr zum Ins-Kino-Gehen, aber aus familiären Gründen musste ich meinen letzten Filmabend auf den Tag davor legen.

Filmtechnisch gingen der Januar und der Februar ineinander über. Ein Wochenende im Zeichen des Films? Nicht ganz, aber zwei Kinoabende hintereinander hatte ich erst letzten September (am 28. und 29.) – diesmal fielen die beiden Filme auf den 31. Januar und den 1. Februar, mit dem absoluten Kontrastprogramm: zuerst eine australische Filmbiografie in einem nahezu leeren Kino, am nächsten Tag eine neuseeländische Satire in einem komplett ausgebuchten Kino.

Die in der Überschrift genannte Vielfalt bezieht sich diesen Monat aber nicht nur auf die Art der Vorstellungen, sondern auch ihre Uhrzeiten. Da ist diesmal das ganze Spektrum dabei: Matinee, Vorstellung am frühen Abend, beliebteste Tageszeit und Nachtprogramm. Hier kommt meine Retrospektive des Februars unter dem Stichwort „Cinema-Scope“ – pro & contra beziehen sich nicht immer auf den Film, sondern teilweise auf die Vorstellung an sich:

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Februar

1. Februar – 19:30 Uhr – Astor, Frankfurt: Jojo Rabbit   +++   8. Februar – 23:00 Uhr – Cinestar Metropolis, Frankfurt: „The Lodge“   +++   15. Februar – 21:00 Uhr – Harmonie, Frankfurt: „La Gomera – verpfiffen und verraten“  +++   23. Februar – 11:15 Uhr – Cinéma Frankfurt: „Südwestengland für Fortgeschrittene“   +++   28. Februar – 20:05 Uhr – Cinemaxx Offenbach: „The Gentlemen

Nach meinem Ausflug nach Darmstadt war ich auf den Geschmack gekommen, mal woanders als sonst Filme zu sehen. Der nächste Kandidat auf meiner Liste war Jojo Rabbit von dem neuseeländischen Regisseur Taika Waititi. Bisher kannte ich nur seine Fake-Dokumentation „5 Zimmer Küche Sarg“ von 2014 über eine Vampir-WG. Und das habe ich auch erst jetzt herausgefunden. Den Trailer zu „Jojo Rabbit“, dem zehnjährigen Hitlerjungen Jojo Betzler, der den Führer zum imaginären Freund hat und der eines Tages entdeckt, dass seine Mutter (Scarlett Johansson) ein jüdisches Mädchen versteckt, fand ich so herzerwärmend und gleichzeitig so herrlich absurd, dass die Satire schon letztes Jahr zum Top-Kandidaten auf meiner „Will ich sehen“-Liste wurde. Gesehen und für positiv befunden.   +++   Pro: Der skurrile Plot und die „Gespräche“ zwischen Jojo und dem imaginären Freund  +++Kontra: nichts.


Eine Filmzeitschrift beschreibt The Lodge als eiskalten Psychothriller mit zermürbenden Bildern und vergibt für das Drama mit Alicia Silverstone und Richard Armitage vier von fünf Punkten. Dafür, dass sich solche Bewertungen nicht immer mit meinen Eindrücken decken, ist dieser Film den ich am 8. Februar im Spätprogramm gesehen habe, ein interessantes Beispiel, wobei ich das Attribut „unterkühlt“ für durchaus passend halte. Dass ich den Film trotz „nur“ 109 Minuten Laufzeit streckenweise als langatmig empfand, lag nicht daran, dass ich ihn in der 23-Uhr-Vorstellung gesehen habe. Den gleichen Eindruck hätte ich auch um 18:00 oder 20:00 Uhr gehabt: Erstens erinnerte mich der Schauplatz (eingeschneite Hütte am See, mitten im Nirgendwo) doch sehr an den Horror-Klassiker „The Shining“, und zweitens empfand ich die Darsteller in diesem kammerspielartigen Drama über ein eskalierendes Familienwochenende mitten im Nirgendwo als zu distanziert, um mit ihnen mitfühlen oder eine Beziehung zu ihnen aufbauen zu können. Dabei hätte man aus dem Thema des verzweifelten Versuchs, von den Kindern als neue Partnerin des Vaters akzeptiert zu werden, durchaus mehr machen können.  +++   Pro: Die Auflösung der mysteriösen Situation,bevor sie vollends aus dem Ruder läuft.  +++   Kontra: Leider halte ich Richard Armitage in seiner Rolle als größtenteils abwesender Familienvater für unterfordert.


Eine Woche später gab es das meteorologische und geografische Kontrastprogramm – mit „La Gomera – verpfiffen und verraten“, Rumäniens Anwärter auf den Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ mit dem klassischen Motiv des Gangsterfilms, der Femme Fatale. Es geht um 30 Millionen Euro: Ein korrupter Polizist, der mit der rumänischen Mafia gemeinsame Sache macht, soll Informationen über den inhaftierten Matratzenfabrikanten Zsolt (Sabin Tambrea, Ku’damm 56) herausbekommen, da nur der weiß, wo das Geld geblieben ist. Die Zeit drängt, denn verschiedene Gruppen wollen Zsolt befreien, und so bespitzelt jeder jeden. Um seiner nervigen Vorgesetzten Magda und deren Überwachung zu entkommen, setzt er sich auf die Kanareninsel La Gomera ab, um dort die Pfeifsprache „Silbo“ zu erlernen, mit denen sich die Ganoven verständigen. Als „Dolmetscherin“ fungiert die schöne Gilda, die zur Mafia gehört und mit der er in Bukarest „zum Schein“ eine heiße Affäre hatte. Klingt verwirrend, war es auch. Für mich war es einer der Filme, bei denen es auch die DVD getan hätte.   +++   Pro: Handlung & Landschaft, Zwischentitel in den Farben des Regenbogens.  +++   Kontra: Leider war die Handlung stellenweise etwas wirr.


Zur Vorbereitung auf meinen Sommerurlaub besuchte ich am 23. Februar einen Lichtbildervortrag im Cinéma in Frankfurt mit dem Titel „Südwestengland für Fortgeschrittene“ – aber da es ich bei dieser Veranstaltung um keinen Film handelt, zählt sie auch nicht dazu. Deshalb gibt es auch kein Pro und Contra.


Dafür aber gibt es noch eine kurze Bemerkung zu meinem letzten Kinobesuch im Februar. Nach einer extrem stressigen Woche hatte ich keine Lust mehr, bis nach Frankfurt zu fahren, also blieb ich in Offenbach und schaute mir die Gangsterkomödie The Gentlemen von Guy Ritchie mit Starbesetzung an: Matthew McConaughey (als Oberhaupt eines Cannabis-Imperiums), Charlie Hunnam (als dessen rechte Hand), Michelle Dockery (als dessen Ehefrau), Colin Farrell (als schmieriger Box-Coach) und Hugh Grant (als Erpresser)… eine wirklich „reizende“ Gesellschaft, die so „over the top“ agiert und mit derartig übertriebenen Sprüchen glänzt, dass ich das Gefühl hatte, der Film nimmt sich komplett selbst auf die Schippe. +++   Pro: Hugh Grant als selbstgefälliger Erpresser, schräge total an den Haaren herbeigezogene Story, Kostüme und Gags am Rande der Geschmacklosigkeit  +++   Kontra: die Deppen im Publikum, die lieber quatschten und ständig auf dem Smartphone daddelten.

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