„Broken Strings“ : Chapter 4 – Work & Travel II

 

 

Work & Travel mal anders: Nicht durchs Land reisen und dabei Arbeit finden, sondern arbeiten und dabei reisen. War das die moderne Version von Handwerkern auf der Walz? Nur dass ich in meinem Fall keine sieben Jahre dazu brauchen würde, sondern wahrscheinlich höchstens sieben Wochen. Vorausgesetzt, ich stellte mich beim Probearbeiten nicht all zu dämlich an, dann würde ich noch nicht mal auf sieben Tage kommen. Natürlich konnte mir auch immer noch jemand, dem meine Nase nicht passte, Steine in den Weg legen – unabhängig davon, was dabei herauskam, sobald Mike die Kollegen während unseres Spätaufsteherfrühstücks angerufen und ihnen das Ergebnis des Brainstormings mitgeteilt hätte. Nur, dass es ein gemeinsames Brainstorming nie gegeben hatte, sondern eher eine unausgegorene Idee, von niemandem weiterverfolgt.

Ich sah sie schon auf mich zukommen, die Fragen: Was kann sie? Wo soll sie wohnen? Und bilde Dir ja nicht ein, dass Deine neueste Flamme eine Extrawurst bekommt! Beware of Intruders – diese Idee fände bei einem Teil der Crew herzlich wenig Anklang. Kerle halt. Aber auch verständlich, dass es niemand gut findet, wenn plötzlich ein Kollege ausfällt und das eingespielte Team jemand völlig neues als Ersatz bekommt. Allerdings hatte ich mit Vorurteilen gegenüber „dahergelaufenen Tussis“ ein ernsthaftes Problem, egal wer sie pflegte. Es war ja auch so einfach, in der Neuen den protegierten Eindringling zu sehen, der sich auf Steves Platz breitmacht, weil der Leadsänger einen Narren ihr gefressen und sie sowieso nur mitgenommen hat, weil er sie bei der erstbesten Gelegenheit vernaschen will.

Meine Meinung steht fest, verwirrt mich nicht mit Tatsachen!“. Was für ein passender Aufdruck auf dem Shirt des einen Kollegen, der hinter der Bühne zusammen mit den anderen für einen reibungslosen Ablauf sorgen sollte. Mit dieser Einstellung war er nicht der Einzige. Verkaterter Zustand im Endstadium hin oder her: Bei dem Gedanken wurde mir übel. Aber jetzt schon alles hinschmeißen, wo ich noch nicht einmal angefangen hatte? Knifflige Herausforderungen waren mir nicht unbekannt, aber ich bezweifelte, ob ich mir dieser Feindseligkeit umgehen konnte. Der Typ hatte ja wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Mit dieser Meinung stand ich offenbar nicht alleine da.

Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Brian“

Aha. Der sechste im Bunde. Derjenige, der den Abend in der Klinik verbracht hatte. Und anscheinend der Boss in diesem Zirkus. Hoffentlich jemand mit mehr Verstand, denn die Fronten schienen von vornherein festgelegt: Hier die Musiker, denen die Zeit fortlief – da die Crew, die lieber jemand anderes im Team gehabt hätte.

Angenehm. Andie“

Schön, Andie. Die anderen haben mir gesagt, worum es geht. Vielleicht erzählst Du mir nochmal, was Du bisher so gemacht hast…“

Ich wusste es, ohne ordentliches Bewerbungsgespräch würde hier nichts laufen. Also gut, dann trat ich die ganze Story ein weiteres Mal breit. Schaden konnte es nicht. Wenigstens war der Typ, der mich so „herzlich“ empfangen hatte, erst einmal zweitrangig. Brian wollte sich selbst ein Bild von der Lage machen und von dem, was ich konnte. Dazu hatte er auch schon einen aus dem Team ausgewählt, der mir alles zeigen und den genauen Ablauf erklären sollte. Anscheinend hielt er mich für fähig, mit Werkzeug umzugehen, und war der Ansicht, dass man sich schon unglaublich dumm anstellen musste, um mit dem ganzen Kabelwirrwarr nicht klarzukommen.

Allerdings, soviel wusste ich von dramatischen Beschreibungen aus dem Internet, dass auch 2017 immer noch genügend haarsträubende Unfälle bei Liveauftritten passieren konnten, wenn zum Beispiel nicht geerdete Mikrofone zu tödlichen Fallen für Gitarristen oder Sänger werden oder gleich der ganze Bühnenboden bei Nässe unter Strom steht. Okay, bei Auftritten in Hallen, Pubs und Clubs reduzierte sich die zuletzt genannte Gefahr eher gegen Null, aber die Möglichkeit, dass unterwegs Kabel oder Leitungen beschädigt wurden, konnte theoretisch immer bestehen. Wie gut, dass Steve, den ich vertreten sollte, nicht der einzige Elektriker in der Crew war. So hatte ich gleich mit David einen Partner, der mir als erstes den groben Ablauf erklären sollte.

Die endlosen Beschreibungen technischer Details spare ich mir an dieser Stelle, denn nichts ist langweiliger, als einem Laien mit Fachchinesisch zu kommen. Nicht umsonst bin ich Energie- und Gebäudetechnikerin und nicht Berufsschullehrerin geworden. Lernen fällt mir immer noch leichter, als anderen etwas beizubringen, und in diesem Fall gab es noch einiges zu tun in diesen wenigen Tagen, die uns noch blieben, bis es endlich losging.

An Brians Stelle hätte ich ja alle Hebel in Bewegung gesetzt, um noch eine weitere Kraft zu finden, mit der er weit weniger Stress haben würde. Schon allein die Unterbringung hätte mir einiges Kopfzerbrechen bereitet. Eine Frau in der männlich dominierten Crew unterzubringen, war gleichbedeutend mit einem Himmelfahrtskommando. Wenn ich mir vorstellte, dass ich in der gleichen Bude wie dieser grässliche Frank hausen sollte. No way! Aber die berühmte Extrawurst, die darin bestand, dass ich mir ein Zimmer mit dem Sänger teilte, war für mich erst recht keine Option.

Klar hätte er sich darüber gefreut, aber auf das Getratsche über ihn und seine neueste Eroberung hatte ich keine Lust. Als ob es außer mir hier keine anderen weiblichen Wesen mehr geben würde, wo ich hier doch hier täglich welche ein- und ausgehen sah. Für meinen Geschmack wurde es so langsam mal Zeit, dass mich der Chef in die Pläne einweihte, wer OxyGen auf ihrer Tour alles begleiten würde.

Mittlerweile kannte ich zwar Mike, den Sänger, und seine Kollegen und wusste auch, wer welches Instrument spielte; neu war für mich jedoch, dass Mark und Danny ihre Freundinnen Madlyn und Sue dabei haben würden, die praktischerweise auch im Hintergrund mitsingen würden. Wenn’s in der Familie bleibt, wird’s günstiger? Tolle Devise. Als ob es dadurch Rabatt bei den Zimmern geben würde. Und weil wir schon beim Thema waren, konnte man jetzt auch sofort die Zimmerverteilung durchgehen, denn eine Lösung musste her, und zwar so schnell wie möglich.

„Lindsay können wir schon mal außen vor lassen.“

Wer war Lindsay? Anscheinend war sie für die Band wichtig. Mir war nur noch nicht klar, inwiefern. Das zu erklären, oblag Brian, denn wenn hier jemand etwas zu entscheiden hatte, dann war das Brian Kelly, der nicht nur Bass spielte, sondern auch die Band managte. Okay, das war zur Abwechslung mal etwas ganz anderes: Wir managen uns selbst und haben, um unseren Wirkungskreis auszudehnen, jemanden für PR und Fotos an der Hand. Und dieser Jemand war Lindsay Cooper. Die gehörte zwar nicht zur Band, hatte aber ein Einzelzimmer im gleichen Motel. Außerdem würde sie nur bei einem Teil der Tournee anwesend sein, weil sie als Freelancerin noch andere Jobs hatte. Wie Brian an sie gekommen war, interessierte mich zunächst erst mal herzlich wenig, dafür aber umso mehr ihre Fotos. Diese sprachen für sich – alle in 1A-Qualität. Jedenfalls bei den wenigen, auf die ich zwischendurch einen Blick hatte werfen können. Was hätte ich dafür gegeben, auch so fotografieren zu können.

Mein amateurhaftes Geknipse mit dem Handy war weit entfernt von dem, was ein Anton Corbijn zu Papier brachte. An dessen Kunst erinnerten mich ihre Aufnahmen nämlich, aber damit hatte es sich auch schon mit meiner Bewunderung, und ich war ehrlich froh, dass ich kein Zimmer mit ihr teilen musste, sondern mit Leslie, der Tontechnikerin; denn so, wie ich einen ihrer kurzen Auftritte erlebt hatte, wusste ich nicht, was ich von ihr halten sollte.

Lindsay Cooper, eine Zicke, wie sie im Buche steht? Exzentrische Künstlerin? Oder knallharte Geschäftsfrau, die nicht mal Getty Images ihre Werke zur Verfügung stellt und sich in direkter Nachfolge von Anton Corbijn sieht? Oder Helmut Newton? Wetten, dass es ihr Traum war, einmal im Leben die wahren Superstars abzulichten? Oder halbwegs bekannte Rock- und Popgrößen? In Schwarz-Weiß und gewollt grobkörnig, manchmal aber auch gestochen scharf, aber immer ohne Photoshop oder andere Hilfsmittel. Ich musste zugeben, die Frau hatte Talent.

Meine einzigen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Fotografie war es, Leute im entscheidenden Moment ihrer Bewegung so einzufangen, dass sie nur noch als verwischte, leuchtende Farbkleckse zu erkennen waren. Die Schlangentänzerin oder der Dudelsackspieler auf dem Mittelaltermarkt? Käme ich je auf die Idee, diese Aufnahmen von ihnen zu veröffentlichen, ihre Identität bliebe für immer geheim – der einzige Vorteil meines fotografischen Amateurdaseins. Was ich bisher von meiner Zeit auf dem fremden Kontinent festgehalten hatte, waren Landschaftsaufnahmen aus einem fahrenden Bus heraus mit Unmengen von Bäumen. Oder endlose Felder mit Bäumen im Hintergrund.

Bären und andere wilde Tiere: Fehlanzeige. Die üblichen Sightseeingfotos durften nicht fehlen, aber ob die meine Leute zu Hause genauso interessant finden würden wie ich, konnte ich mir kaum vorstellen, weil die Space Needle von Seattle dabei fehlte. Sorry Leute, aber die fünfunddreißig Dollar für ein Ticket waren es mir echt nicht wert – das Geld konnte ich woanders sinnvoller investieren. Zum Beispiel in ein paar Drinks in einer Bar in Vancouver. Wo sich der Kreis wieder schloss. Und ab hier ohne Fotos. Wie auch – ohne Equipment? Mein Telefon hatte sich ja in der auf bekannte Weise verschwundenen Jacke befunden…

Angeberfotos zu schießen oder das Internet mit Selfies von mir und den Leuten von OxyGen zuzuspammen, lag mir nicht. Take a selfie, fake a life? Mein Lieblingsspruch, den ich mir auf ein Shirt hatte drucken lassen. Da diese Band bei mir zu Hause sowieso niemand kannte, hätten sie sich höchstens gewundert, mit welchen Leuten ich so um die Häuser zog. Und dann würde das große Rätselraten einsetzen, mit wem von denen ich zusammen war. Oh, Nerv! Obendrein ließ mir mein neuer Job kaum Zeit dafür. Ich konnte ja schon froh sein, wenn ich mal zu einer kurzen Pause kam.

Kaffee für alle zu holen, gehörte mit zu den kleinen Dingen und war ungeschriebenes Gesetz für Neulinge. Überall auf der Welt. Das hatte ich schon bei meiner Ausbildung zur Genüge gehabt. Nur war ich da noch das unbedarfte Küken gewesen, das sich kaum etwas zutraute. Aber das lag lange zurück, und nach drei Jahren um jede Menge Erfahrungen und einen Gesellenbrief reicher, war ich nicht mehr der Frischling, den die Gesellen und älteren Azubis herumschubsen konnten. Leider gab es immer irgendwo noch irgendwelche Vollidioten, denen nichts größere Freude bereitet, als andere grundlos zu schikanieren, weil ihnen deren Nase nicht passt. Also bekam ich für zwischendurch jede Menge Kabelsalat zum Sortieren: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Das hatte sich Frank ja toll ausgedacht. Aschenputtel 2.0 ?

Irrtum, Lady, hier ist Dein Eimer, da Deine Zange, und mit der befreist Du sämtliche Kabel von ihren Ummantelungen. Fürs Metall gibt’s schließlich Geld. Und das können wir gut gebrauchen.“

Ich wollte gar nicht wissen, woher er die vielen Reste hatte, die er eimerweise anschleppte, wer auf die grandiose Idee gekommen war, dass ich die Richtige für diese Sisyphusarbeit war und wer das abgesegnet hatte. Sollte er sich doch um seinen eigenen Mist kümmern. Ich war doch nicht der Depp für seinen Privatkram. Klar, dass er am Ende die ganzen Kröten einsacken würde, obwohl dabei unmöglich viel herausspringen konnte. „Mach deinen Scheiß doch selber“, hätte ich ihm am liebsten an den Kopf geworfen, aber warum tat ich es nicht? Gute Frage, vielleicht wollte ich nur nicht, dass man mir am Ende mangelnde Teamfähigkeit vorwarf – zumal niemand von den Anwesenden die Herkunft des Gemischs aus Altmetall, Plastik und Gummi in Frage stellte.

Und dann tutete Franks Partner Paul auch noch in das gleiche Horn: „Oder bist Du Dir zu fein dafür?!“

Klar, Madame hält sich für was Besseres, weil sie was mit dem Sänger hat. Ha ha. Also biss ich die Zähne zusammen, verzog mich in den Pausen mit dem Bottich in eine Ecke und hantierte nicht gerade erfreut mit dem Werkzeug. Was für eine beschissene Plackerei. Das fand auch David, dem gar nicht gefiel, wie ich mir die Finger wund scheuerte.

„Hey, übertreib’s nicht, Du brauchst Deine Hände noch. Für die eigentliche Arbeit.“

Für die eigentliche Arbeit? Hatte er mir gerade damit sagen wollen, was er von dem Blödsinn, den Frank und Paul mit mir abzogen, tatsächlich hielt? Das ganze erinnerte mich gerade fatal an meine hinter mir liegende Ausbildung. Von wegen „artfremde Tätigkeiten, die nicht zum Ausbildungsziel gehören“: Mein Ausbilder war damals dazwischengegangen, als einer der Gesellen auf die Idee kam, mich vorwiegend zum Schleppen des tonnenschweren Materials einzusetzen oder mich eine Woche lang nur Schlitze klopfen und Wände aufstemmen zu lassen. Im eigentlichen Sinn waren diese Tätigkeiten nicht artfremd, aber sich ausschließlich darum zu kümmern, war nicht Ziel der Ausbildung und auch sicher nicht im Interesse des Ausbildungsbetriebs gewesen.

„Highway to hell“ als Testlauf für die Lautsprecheranlage ausgerechnet in einer Kirche in voller Lautstärke durch die Boxen zu jagen, aber auch nicht. Meine kleine, aber feine Rache an dem Kerl, der mich damals getriezt hatte und nun rein zufällig genau da gestanden hatte, wo es ihn mit Sicherheit aus den Latschen gepustet hätte. Der Schreck war ihm hoffentlich eine Lehre gewesen. Aber so etwas konnte ich hier nicht bringen. Wenn das Equipment ruiniert wurde, schadete das am Ende nur allen.

Instrumente. Check. Mikrofon. Check. Beleuchtung. Check… Die Liste war lang, und am Ende des Tages kam David, nahm mir die Zange aus der Hand und entschied, dass es jetzt genug war. „Lass uns was trinken gehen. Das haben wir uns verdient. Und Franks blöder Schrott kann auch noch einen Tag warten. Der läuft ihm nicht weg.“

Die Idee, zusammen etwas trinken zu gehen, fand ich gar nicht so übel, vor allem, weil die Einladung nicht als Date gemeint war. Das fanden die anderen, die mitkommen wollten, auch. Und weil wir alle eine große, glückliche Familie waren, fand sich immer jemand, der sich dem „Leading Couple“ anschloss, in diesem Fall Madlyn und Sue.

„So lange die Jungs proben, können wir ja schon mal vorgehen.“

Ja, und vorglühen, aber bitte nicht zu doll, denn am nächsten Morgen mussten wir alle wieder fit auf der Matte stehen. Okay, die beiden Frauen vielleicht jetzt nicht unbedingt, aber dafür Dave und ich. Ein Bierchen oder vielleicht auch zwei, aber mehr auch nicht – das schwor ich mir – und auf keinen Fall mehr dieses Killer Ale. Killer Ale? Was für ein Witz. Diesen zweifelhaften Genuß brauchte ich nicht noch einmal; da zog ich diesem ach so angesagten, hippen Getränk dann doch lieber ein Ginger Ale vor. Das schmeckte zwar auch nicht prickelnder, hinterließ bei mir aber wenigstens kein schales Gefühl.

Wie schön, dass es den Leuten, mit denen ich das Sofa belagerte, egal war, was ich trank. Hier musste ich mich zur Abwechslung mal nicht dafür rechtfertigen, dass ich keinen Alkohol brauchte, um einen netten Abend zu haben. So langsam begann ich mich hier heimisch zu fühlen. Couchsurfen ging zwar anders, doch das konnte kein Zufall mehr sein, dass es außer mir und denen, in deren Gesellschaft ich mich jeweils befand, niemanden an diesen Ort zog.

Nüchtern betrachtet, konnte niemand dieses dunkelrote Plüschungetüm bequem finden: Durchgesessene Sitzfläche mit sich in den Allerwertesten zu bohren drohenden Sprungfedern und eine in ihrer Höhe nicht zu unterschätzende Rückenlehne brachten viele dazu, lieber woanders zu sitzen, zum Beispiel auf den Barhockern. Die wiederum waren für mich nichts, wenn ich mich länger irgendwo niederlassen wollte: zu hoch, um mit den Füßen auf den Boden zu kommen und keine Möglichkeit, sich überhaupt irgendwo anzulehnen. Wenn dann noch High Heels als essentieller Bestandteil des Outfits hinzukamen, drohte schon der Hexenschuss.

Wie gut, dass solche Schuhe nicht zu meiner Garderobe zählten, Bikerboots, Wanderschuhe oder Chucks dafür schon eher. Da ich viel laufen und schwere Gegenstände schleppen musste, war ich froh, wenn ich einigermaßen sicher und ohne Einschränkung von A nach B kam, ohne das Gefühl, in einem spanischen Stiefel zu stecken. Davon war ich zum Glück weit entfernt, war aber trotzdem froh, endlich meine Beine ausstrecken zu können.

Hey Ladies, was geht?“

What the ****. Was für eine blöde Anmache! Das war mir der Richtige. Kaum war Dave aufgestanden, um uns eine Runde Guinness zu spendieren, sah ein Vollpfosten vom anderen Ende des Raumes seine Chance gekommen, bei einer von uns zu landen, frei nach dem Motto „werfen wir einen abgedroschenen Spruch in die Runde und schauen wir, wer von den drei Grazien anbeißt“. Da hatte er sich jedoch verrechnet. Sich mit Sue anzulegen, oder gar ihrem Freund, der plötzlich wie ein Pilz hinter ihm aus dem Boden wuchs, war nicht ratsam; und schon gar nicht, wenn auch Madlyns Herzblatt im Anmarsch war.

Ich sah sie schon vor mir, die Kneipenschlägerei. Zank oder schlimmer werdender Ärger gehörte nicht zu dem, was ich mir unter einem entspannten Abend vorstellte, und so hievte ich meine 55 Kilo von meinem Sitz und steuerte die Theke an. Dave brauchte doch sicher jemanden, der beim Tragen der vielen Flaschen für die schlagartig größer gewordene Runde half. Wie schön, dass von uns keiner Sonderwünsche hatte und mit Guinness aus Flaschen zufrieden war, denn das ging schneller, als wenn wir noch extra auf das Zapfen von Fassbier gewartet hätten. Trotzdem war Warten angesagt.

Warten und dabei herumblödeln und sich einen Flachwitz nach dem anderen wie Bälle zuspielen. Was weitaus angenehmer war, als noch einen Blick an den Deppen zu verschwenden, der seinen vermeintlichen Charme völlig umsonst versprüht hatte. Der gab übrigens ein hervorragendes Lästerobjekt ab. Jetzt musste nur noch die passende Musik kommen. Was sie dann auch prompt tat. Als ob der DJ meine Gedanken erraten hätte.

Don’t look back in anger“, der Tip in Form eines Songs, mit dem der DJ eine Runde Britpop einläutete, war Gold wert, auch wenn er von Oasis kam. Sich über so eine Pfeife zu ärgern, war Zeitverschwendung. Anscheinend hatte es schon gereicht, dass die ersten von der Band aufgetaucht waren. In this thriller, I can’t leave the field as a winner... schön, dass er das einsah und sich verzog, bevor es für ihn ungemütlich wurde. Das war nochmal gutgegangen, und weil wir jetzt endlich wieder unter uns waren, beschloss Ryan, dass die nächste Runde auf ihn gehen würde.

So, diesen Bereich des Pubs hatten wir nun wieder für uns, und wo vier Leute Platz fanden, galt das auch für acht oder neun. Inzwischen waren außer dem Drummer noch weitere Bandmitglieder eingetroffen und schlossen sich uns an. Das war hier ja wie auf einem Bahnhof. Da Madlyn und ihr Schatz nur noch Augen füreinander hatten, verließen sie die Runde nach kurzer Zeit. Sue, der es eingequetscht zwischen Ryan und mir zu eng wurde, räumte ihren Platz, um ihr Herzblatt zu begrüßen. Weggegangen, Platz gefangen. Das Spielchen „mein rechter, rechter Platz ist leer“ kannte man auch hier – sehr zu Ryans Unmut: Da gibt man der gesamten Mannschaft eine Runde aus, und dann schnappt sich zum Dank ein anderer den einzigen freien neben dem Mädchen, mit dem man bis eben noch so nett geplaudert hat, in der Hoffnung, ihr im Laufe des Abends näher zu kommen. In diesem speziellen Fall Mike.

Das war nicht die feine englische Art, wo die Frauen Dir in Scharen hinterherlaufen und der Drummer auch sonst die zweite Geige spielt, aber warte nur, warte… Vor uns liegen Wochen, in denen ich meine Chance nutzen werde… Stop. Dachte er das wirklich? Love Baby Love, it’s written all over your face? Ich konnte das nur anhand seiner wenig begeisterten Miene vermuten und hoffte, dass nur meine Fantasie mit mir durchging.

Drama, baby! Obwohl es nach Drama zunächst gar nicht aussah. Dazu wirkte Mike zu relaxt oder „gechillt“, wie meine beste Freundin zu Hause sein entspanntes Zurücklehnen bezeichnet hätte. „Chill mal ’ne Runde bei relaxtem Smalltalk“ wäre ihre Devise gewesen. Alles gut und schön, aber lockerer Smalltalk war das schon lange nicht mehr. Die Zeit verging, und irgendwann musste ich das WC aufsuchen.

Wie lange wir tatsächlich so zusammengesessen hatten, erkannte ich erst nach einem Blick auf die große Bahnhofsuhr, an der Wand über dem Eingang. Wenn ich die Zeit vergaß, war das normalerweise ein Gradmesser dafür, wie wohl ich mich fühlte und wie gerne ich mich an solche Abende auch später noch erinnern würde. Ob das auch auf diesen zutraf, wollte ich mir lieber nicht vorstellen. Rauchgeschwängerte Luft, chaotisches Stimmengewirr um mich herum. Und dann der erste, der sich wunderte, dass sein Kollege am Mikrofon heute schon den ganzen Tag so merkwürdig gewesen und jetzt immer noch so komisch drauf war.

Ja, seltsam, nicht wahr? Wo er doch sonst mit allem flirtete, was seinen Weg kreuzte. Diesmal konnte ich dieses Geläster nicht ausblenden. Aber warum nur? Vielleicht, weil ich es nicht ganz fair fand, wie man sich über meinen charmanten Gesprächspartner das Maul zerriss. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, dass ihm endlich mal einer die Augen öffnete.

Dir würden die Ohren klingen, wenn Du hören könntest, was die anderen so über Dich erzählen.“ – Diese Bombe hatte ich gut plaziert…

Ach ja, was erzählt man sich denn so?“

aber sie wollte nicht hochgehen. Kein Wunder, wenn die Zündschnur zu kurz war. Das sah nicht gut aus für mich. Was ich für einen echten Kracher gehalten hatte, stellte sich nun als Blindgänger heraus. Verlegenes Räuspern. „Äh, ich glaube, das möchte ich dann doch nicht wiederholen.“

Jetzt komm schon. Mach’s nicht so spannend.“

Ja – ja, ich wusste selbst, dass das ganz blöd von mir war: Erst Andeutungen machen und sich dann in Schweigen hüllen. Aber ob es schlauer war, ihm zu verraten, wie die anderen sich über seinen Ruf in Bezug auf Frauen ausließen? Klar, dass ich dann als eifersüchtige Zicke rüberkam, die nur neidisch auf die auserwählten Damen war und froh sein konnte, wenn sie überhaupt einen abbekam. Ja, klar, mein ganzes Leben drehte sich ja nur darum, einen Mann zu finden, und wenn auch nur für kurze Zeit… dass ich als Single vielleicht besser dran war, kam natürlich niemandem in den Sinn.

Andererseits: Warum sollte ich den Moralapostel spielen? Sollte er doch so viele Flirts oder Dates haben, wie er wollte, was ging es mich an… schließlich waren wir alle erwachsene Menschen und das hier ein freies Land.

Na ja, eigentlich geht es mich überhaupt nichts an, und Grunde kann es mir auch egal sein…“ – gut, dass wir darüber gesprochen haben – „… wo ich doch sowieso nicht dein Typ bin.“ KLATSCH! Gut gemacht, Andrea. Das hatte ich ja echt prima hingekriegt. Jetzt hörte ich mich entweder an wie der Fuchs, dem angeblich die Trauben zu sauer sind oder, was noch viel bescheuerter war, wie ein verliebter Teenager, der zu seiner Enttäuschung von seinem Schwarm ignoriert wird.

Ach wirklich? Ist das so?“ – die Kunst, eine Augenbraue ironisch hochzuziehen, beherrschte er ausgezeichnet. „Wenn das alle sagen, dann wird es wohl stimmen.“

Oh, dieser Sarkasmus in seiner Stimme: Klar, hirnloser Blödsinn wird nicht besser, wenn man ihn anderen nachplappert, von wegen getretener Quark und so… Und weil wir nicht alleine waren, hatte der ein oder andere diese Peinlichkeit bestimmt mitbekommen und meinen IQ als knapp unterhalb der Zimmertemperatur eingeschätzt. Wo war das Mauseloch, in das ich mich verkriechen konnte, während im Hintergrund, wie zum Hohn, „Die another day“ von Madonna gespielt wurde.

Ja, genau: Stirb an einem anderen Tag. Aber welcher Tag sollte das sein? Morgen? Übermorgen? Oder noch später? Mit einer TARDIS hätte ich das Gesagte ungeschehen machen können. Leider war diese Box nicht verfügbar, und war es auch völlig Wurst, welcher Tag Madame genehm gewesen wäre, und so blieb ihr nur eines: Madame empfiehlt sich, so wie Catherine Deneuve im gleichnamigen Film. Aber der wäre so ein Fauxpas nicht passiert. Sich auf französisch zu empfehlen, hatte nur einen Nachteil: Wenn man am nächsten Tag und allen weiteren zusammenarbeiten muss, ist diese Art des Abschieds der denkbar ungeeignetste, den ich mir vorstellen kann, und unhöflich noch dazu.

Ach… nicht? Und ich Dummerchen dachte, Deine Freunde und Kollegen kennen Dich besser.“ Ob ich damit noch die Kurve bekam? „Dachte ich jedenfalls. Aber wie auch immer, wir leben in einem freien Land. Von mir aus kann jeder tun und lassen, was er will…“

Na bitte: ging doch,

„… und wenn wir schon dabei sind – ich glaub‘, ich mach‘ mich jetzt besser auf den Weg. War ein anstrengender Tag heute. Dann bis morgen, und viel Spaß noch.“ 

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Warum ich dieses Kapitel jetzt schon hochlade und nicht erst am Sonntag? Es ist Ostern, und ich hatte keine Lust, zu warten. Außerdem ist Ostern immer für eine  Überraschung gut.

# Writing Friday 2020 – April, 15. Woche : Ein gutes Buch

 

In meinem letzten Beitrag zum #Writing Friday (einer Aktion von elizzy) ging es um Freunde, die einen Kurs für kreatives Schreiben belegt haben und mit Kritik am Werk des jeweils anderen nicht sparen. Nun beschäftige ich mich mit der folgenden Frage:  Was macht für Dich ein gutes Buch aus?

In letzter Zeit habe ich sehr viele Romane online gelesen und für mich im Kopf sortiert, was ich lieber lese und was nicht. Mein heutiger Beitrag bezieht sich ausschließlich auf gedruckte Bücher und keine E-Books oder Online-Romane.

 

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Ein gutes Buch

Wenn man mich fragt, was für mich ein gutes Buch ausmacht, muss ich kurz überlegen, denn nicht immer sind es dieselben Gründe, die mich zu einem bestimmten Werk greifen lassen. Möchte ich auf spannende Weise unterhalten werden? Gebt mir einen Thriller. Suche ich einfach nur leichte Kost zur Zerstreuung? In Anthologien unterschiedlichen Charakters werde ich meist fündig. Oder möchte ich meine Gehirnzellen herausfordern? Die 1Q84-Romane von Haruki Murakami sind da nicht die schlechteste Wahl.

Es hat schon seine Gründe, weshalb ich nicht immer dasselbe Genre lese.

Was ich nicht mag, sind eindimensional gezeichnete Charaktere, gestelzte Dialoge oder Bücher, denen man anmerkt, dass der Verlag am Lektorat gespart hat oder die Recherche durch den Schriftsteller hätte gründlicher ausfallen dürfen.

Gute Unterhaltung garantieren mir Bücher von Schriftstellern wie Ken Follett, Andreas Eschbach und Andreas Franz. Früher war ich vernarrt in die Bücher von Stephen King, aber mittlerweile ist mir der ganze Stil viel zu detailverliebt und zu ausufernd. Und wenn man mich so richtig ärgern möchte, gebe man mir einen Roman von John Grisham oder Dan Brown zu lesen. Bei dem sich ständig wiederholenden Schema der Handlung kann ich mir förmlich schon vorstellen, wie die Geschichte ausgeht. Wie langweilig.

Zur Zeit herrscht übrigens Flaute in meinem Lesestapel. Die Bücherei hat zur Zeit ihre Pforten fest verschlossen; wie gut, dass ich noch diverse Ratgeber und eine AC/DC-Biografie habe, die noch darauf warten, von mir endlich zu Ende gelesen zu werden.

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Die Schreibthemen im April:

1) Was macht für dich ein gutes Buch aus? +++ 2) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hoffnung, genüsslich, Wind, verletzt, Hindernisse +++ 3) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Klara schmiss das Bild an die Wand, es war nun Zeit für…” beginnt +++ 4) Dein Netflix Konto packt aus – was lief dort die letzten paar Wochen? +++ 5) Versuche “Er war verliebt” in einer Szene zu beschreiben, ohne die Wörter “Liebe” oder “verliebt” zu gebrauchen.

Und hier nochmal die Regeln:

Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.