ABC -Etüden – Wochen 17 & 18 : Room Service

Das Thema lässt mich anscheinend nicht los. Auf Christianes Blog habe ich gelesen, dass manche Etüdenschreiber richtig fleißig sind und weitaus mehr als eine Etüde schreiben. Und nachdem ich mit den von Myriade gespendeten Wörtern meine eigenen Reiseerinnerungen niedergeschrieben habe, habe ich mich an eine weitere Etüde mit den folgenden Wörtern gesetzt:

Teppich – gläsern – flattern

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Room Service

Gina betrat die Lobby. Die Schlüsselkarte in der Brusttasche ihres Trenchcoats pochte gegen ihr Herz. Noch zwölf Stockwerke mit dem Hotelaufzug, und sie stünde in dem langen Gang. Dort angekommen, gab es kein Zurück mehr. War der Boden gefliest oder mit weichem Teppich ausgelegt? Vorsichtshalber zog sie die Sandaletten aus. Besser, man hörte sie nicht. Der gläserne Mensch, rumorte es in ihr, und Steven war am gläsernsten.

Vertrauen gegen Vertrauen? Dass einmal ihre guten Vorsätze davon flattern würden, hätte sie sich nie träumen lassen. Aber er war ja auch selbst schuld, wenn sie sein Laptop mitbenutzen durfte und er seine Mailbox offenstehen ließ. Mit dieser einen, nicht gelöschten Mail. Von Jessica. Zimmer 1218.

1233: Die Schuhe wippten in ihrer Hand. 1228: Lautlos zählte sie die Nummern auf den Zimmertüren. 1223: Fünferweise abwärts. 1218: Da war es. Endlich. Steven würde Augen machen und sein blaues Wunder erleben, wenn sie das Zimmer betrat und nicht seine heimliche Affäre.

Room Service“ flötete sie mit verstellter Stimme das Codewort, bevor sie die Karte durch den Schlitz zog. Sie konnte sich schon vorstellen, wie er sich auf dem Bett verführerisch in Pose warf. Gina sog die Luft ein und öffnete die Tür, bereit für seine vor Entsetzen erstarrten Gesichtszüge, wenn er sich der falschen Frau gegenüber sah, und im Geiste rieb sie sich schon die Hände.

Das Triumphieren in ihrem Gesicht erstarb, als sie die Rosen und den Champagner erblickte und er sie mit seinem strahlendsten Lächeln begrüßte: „Hallo Gina. Schönen Valentinstag, Schatz. Tritt ein. Ich habe Dich schon sehnsüchtig erwartet.“

Volltreffer! Der Tip seines besten Freundes mit der gefälschten Mail war nicht der dümmste Schachzug gewesen, um seiner Liebsten einen Denkzettel für ihre Neugier zu verpassen und gleichzeitig herauszufinden, wieviel ihr noch an ihm lag und wie weit sie gehen würde.

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Eine kleine boshafte Rachefantasie mit 297 Wörtern: Ich nähere mich der 300er-Marke. Die Illustration mit dem Teppich wurde von Christiane zur Verfügung gestellt.

ABC -Etüden – Wochen 17 & 18 : Sky High

 

Noch bis Ende Juni erscheinen alle 14 Tage auf Christianes Blog drei neue Worte zum Bilden einer Etüde – eines Textes, der aus höchstens 300 Wörtern bestehen soll. Die diesmal von Myriade gespendeten Wörter lauten:

Teppich
gläsern
flattern

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Sky High

Next Stop CN-Tower!“ erklang die Stimme der Reiseleiterin, als sie während der Fahrt um unsere Aufmerksamkeit bat. Im Gegensatz zu den anderen, die in Gedanken schon im Hotel beim Umkleiden für den Abschiedsabend waren, wusste ich, dass daraus nichts werden würde. Von Niagara on the Lake ohne Zwischenstopp ans Ziel, das hatte sie uns schon am Anfang verkündet, aber das hatte die Mehrheit unserer Reisegruppe wieder vergessen.

Ja, heißt das, dass wir so, wie wir jetzt sind, dort zu Abend essen?“ fragte jemand fassungslos.

Yo, ergänzte ich in Gedanken, genau das heißt es. In Wanderklamotten. Und alle Eure schicken Sachen sind in den Koffern auf dem Weg zum Hotel, und Ihr seht sie erst nach dem Dinner. Was Ihr wüsstet, wenn Ihr gestern hingehört hättet. Also bleibt mal schön auf dem Teppich.

Wenn jemand Grund zur Aufregung hatte, dann ich. Weil ein Essen im Drehrestaurant hoch über Toronto für mich etwas Besonderes war, hatte ich mich ganz bewusst in Schale geworfen. Meinetwegen konnten die anderen underdressed sein und sich über mein Outfit wundern – mich als aufgeregt zu beschreiben, war stark untertrieben: Ich spürte meine Nerven flattern, aber nicht wegen des edlen Ambientes oder meines ausgesprochen sympathischen und attraktiven Tischnachbarn, sondern wegen der Aussichtsplattform in 350 Metern Höhe mit ihrem gläsernen Boden. Schon beim Gedanken an den Blick, senkrecht nach unten, wurde mir ganz anders.

Entspann Dich, Du hast schon ganz andere Hürden gemeistert, versuchte ich, mich zu beruhigen. Und tatsächlich: Lag es am Drei-Gänge-Menü, an der Konversation mit den anderen oder gar an dem langsam vorbeiziehenden Panorama? Dieses Dinner brachte mich auf andere Gedanken. Gewappnet schritt ich zur Tat und betrat den gefürchteten Boden, ohne meine hochhackigen Sandalen.

Barfuß auf Glas – es war ein herrliches Gefühl.

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Eine Reiseerinnerung mit 290 Wörtern, die Illustration mit dem Teppich, die mich dazu inspiriert hat, wurde von Christiane zur Verfügung gestellt.

„Broken Strings“ : Chapter 8 – An acoustic experiment

 

Bitte, bitte, dachte ich – geh darauf ein. So blöd ist die Idee nicht, und mit einem Mal stand wieder die Szene vor mir, als ich mir einen Weg durch den dunklen Saal gesucht und mich plötzlich in bläuliches Licht getaucht gesehen hatte, als Teil einer Ballade: „… in the dark, those small hours, I wish you were by my side…“ – wenn ich daran nur dachte, wurde mir ganz anders.

Für einen Augenblick war ich unkonzentriert und nicht bei der Sache, doch meine geistige Abwesenheit währte nur kurz. Diese Ablenkung konnte ich gerade zwar überhaupt nicht gebrauchen, aber dank ihr erinnerte ich mich wieder daran, dass diese Showeinlage niemanden in die Flucht geschlagen hatte. Im Gegenteil: Dem Publikum schien der Unplugged-Teil sogar ganz gut gefallen zu haben. Je länger ich darüber nachdachte, desto durchführbarer erschien mir der Plan. Allein die E-Gitarren-Version von Highland Cathedral mussten sie aus dem Repertoire streichen. Aber dieses kleinere Übel konnten sie leicht verschmerzen. Blieb nur noch zu klären, welche anderen Songs sie noch statt der geplanten am Abend bringen würden.

Zeit für Dave und mich, zu verschwinden und die Herren Musiker ihren Proben zu überlassen, während wir uns der Arbeit widmeten und durch eine gründliche Untersuchung das wahre Ausmaß des Schadens zu ermitteln. Was würde uns erwarten?

Ich betete inständig, dass es reichen würde, ein paar Buchsen zu löten oder Kontakte zu reinigen. Wenn aber alles Messen der Versorgungsspannungen für die Katz war und die Transistoren in der Endstufe hinüber waren, dann würde es bestimmt teuer werden, taugliche Varianten als Ersatz zu finden, die sich vor allem schnell auftreiben ließen. Was solche Teile kosteten oder gleich ein ganz neuer Verstärker, hatte ich keine Ahnung… mehrere hundert Dollar? Ich war ja generell fürs Reparieren, und wie Ryan schon richtg erkannt hatte: Er und seine Kollegen waren weder Iron Maiden noch AC/DC, bei denen die Kosten für neues Equipment keine Rolle spielen würden.

Sie waren es auch in anderer Hinsicht nicht: Ich konnte mich an kein Konzert der Superstars des Metal erinnern, bei dem es eine stromfreie Songeinlage gegeben hätte, obwohl Youtube voll von Aufnahmen war, in denen es solche Varianten von Maiden- oder AC/DC-Songs zu hören gab.

OxyGen hatten aber nichts davon in ihrem Repertoire. Ein paar Coverversionen aus den 80er Jahren, z.B. von Echo & The Bunnymen, den Simple Minds, U2, INXS und Depeche Mode. Gerade von U2 und Depeche Mode existierten Live-Mitschnitte von Auftritten, die trotz der sparsamen Arrangements einen ganz eigenen Charme versprühten. Nein, OxyGen durften, wenn es nach mir ging, ruhig so viele Songs meiner Lieblingsbands covern wie sie wollten; sie hatten weder mit Iron Maiden noch mit AC/DC irgendetwas gemeinsam, und das würde auch niemals der Fall sein. Aber für mich war das völlig in Ordnung.

Metal goes Opera, aber maskiert als Folk unplugged ?… Autsch! Das würde es nicht geben. Nein, dann doch lieber „One“ von U2 oder das Repertoire der Simple Minds.

Während aus dem Hintergrund die Band bei den Proben zu hören war, studierten Dave und ich gemeinsam die Angebote im Internet. In welcher Ecke von British Columbia standen neue oder gebrauchte Verstärker zum Verkauf? Und wenn’s ging, dann vielleicht auch gleich Ersatz für Ryans demolierte Drums.

Hier“, zeigte Dave auf einen Eintrag in der Suchmaschine. „Wie wäre es damit: Fender Champion – günstig abzugeben. Preis ab 200 C$ verhandelbar.“

Ich weiß nicht. 200 Ocken für einen Gebrauchten, wenn ein Neuer kaum teurer ist?“

Guter Punkt.“

Mein Einwand brachte ihn nicht aus der Ruhe. Anscheinend war zwischen uns wieder alles im Lot, seine merkwürdigen Avancen von neulich vergessen, was mir die Zusammenarbeit erleichterte. Nichts ist ätzender, als mit einem dauerbaggernden Kollegen ein Team bilden zu müssen. Von solchen Storys hatte ich schon öfters gehört, aber war zum Glück bisher von ihnen verschont geblieben. Bis jetzt; jedenfalls beinahe – dieser Kelch war nochmal an mir vorbeigegangen. Okay, ich scrollte mit der Maustaste weiter nach unten.

„Was ist mit dem hier?“ Gemeint war die Annonce für einen Marshall ICM 2000. „Das Beste unter der Sonne“. Huch! Hatte der Verfasser der Anzeige zu tief ins Glas geschaut?

Ja, klar doch“, lachte David sarkastisch auf. „Hast Du gesehen, was das Teil kosten soll?“

Bei den angegebenen achthundert Dollar musste selbst ich husten. Das war ja ein richtiges Schnäppchen. Da waren neue Becken und Snare Drums für Ryan ja fast geschenkt. Andere Frauen gaben beim samstäglichen Shoppen einen Tausender für neue Klamotten, Schmuck und Schuhe aus, während ich die vielen bunten Scheinchen gegen Elektronik und Musikinstrumente eintauschte. Träum weiter, Andrea! Diese Summe passte niemals in das Budget, und Brian würde uns zu Recht zusammenstauchen. Ja, wenn der Tag erst mal mit einem Anschiss begann…

I wear this crown of thorns… full of broken thoughts I can not repair. Beneath the stains of time The feeling disappears. You are somenone else. I am still right here

Nanu, das waren ja ganz neue Töne. „Hurt?“ Echt jetzt? Seit wann gehörte der Man in Black zu Mikes Favoriten? Ach ja, ich vergaß: Das Lied hatte Johnny Cash auch bloß gecovert, und die Originalfassung hätte sich perfekt in das Achtziger-Jahre-Repertoire von OxyGen eingefügt, auch wenn Industrial oder Ambient nicht zu deren bevorzugtem Stil gehörten. Stimmlich bewegten sich die Vorbilder zwischen Bass und Bariton, und insofern war diese Wahl gar nicht so abwegig.

What have I become, my sweetest friend? Everyone I know goes away in the end. And you could have it all…. I would let you down I will make you hurt. If I could start again a million miles away, I would keep myself, I would find a way ♫

Hey“, stieß mich Dave in die Seite. „Träumst Du, oder was? Hier spielt die Musik.“

Hier spielt die Musik: Ein super Vergleich, aber im Grunde hatte er ja recht. Mit den Anzeigen waren wir noch lange nicht durch, und so interessant sich das, was wir von den Proben mitbekamen, auch anhörte – es brachte uns kein Stück weiter, wenn ich mich davon ablenken ließ. So gerne ich auch weiter zugehört hatte. Bei der Stimme! Mike Mitchell, you are an absolute distraction, not an inspiration… not on this mission.

Ja, ja, schon gut. Ich geb ja zu, achthundert Dollar sind vielleicht doch etwas übertrieben, wenn wir einen vernünftigen Verstärker auch für die Hälfte bekommen können.“

Gerade noch rechtzeitig hatte ich die Anzeige gefunden, die auch Daves Interesse geweckt hatte: ein gebrauchter Verstärker zu einem akzeptablen Preis. Die Sache hatte nur einen kleinen Haken, vorausgesetzt, Brian genehmigte uns die dreihundertfünfzig Dollar: Der Verkäufer wohnte von unserem aktuellen Aufenthaltsort knapp über dreihundert Kilometer entfernt. Dummerweise nicht auf unserer geplanten Route.

Lust auf ’nen kleinen Abstecher?“

Ich konnte kaum glauben, was mich Dave gerade gefragt hatte… Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, dann würden wir uns entweder Mark oder Danny und ihre E-Gitarren schnappen, ins Auto springen und den weiten Weg auf uns nehmen, um das Gerät auszuprobieren; sofern es ihm gelang, mit ihm einen passenden Termin auszumachen. Ob wir es dann auch kauften, stand auf einem anderen Blatt, aber wir wären viele Stunden unterwegs. Zwar nicht mehr heute, weil die Zeit dafür nicht reichte und ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Herren den Deal mitten in der Nacht abwickeln wollten….

Aber was sprach gegen den nächsten Tag? OxyGen waren für zwei Abende hintereinander gebucht – mit etwas Glück würden wir es vielleicht sogar schaffen. Jetzt mussten nur noch der Verkäufer und vor allem Brian mitspielen.

Dass ich ihn unterschätzt hatte, wurde mir am nächsten Morgen klar, als Sue an meine Tür hämmerte und mich aus dem Schlaf riss. Nach einer viel zu kurzen Nacht, weil wir alle nach dem großen Auftritt, der wider Erwarten ein voller Erfolg geworden war, viel zu aufgedreht waren, um uns gleich aufs Ohr hauen zu können. Anscheinend waren Konzerte dieser Art anscheinend gerade groß im Kommen. Gähnend öffnete ich ihr die Tür. Im Gegensatz zu mir war sie vollständig bekleidet. Okay, Shorts und ausgeleiertes Bandshirt waren nichts Anstößiges, aber auch kein Outfit, mit dem ich mich im Hotel an den Frühstückstisch gesetzt hätte. Sechs Uhr dreißig. Viel zu früh, wenn man mich fragte. Aber mich fragte ja keiner, und am allerwenigsten Sue.

„Guten Morgen. Du ziehst dich besser an und kommst mit in die Lobby“, sagte sie.

Was für eine Laune – da hatte es aber jemand sehr eilig. Aber wenigstens hatte sie sich noch ein Guten Morgen abringen können.

Gib mir fünf Minuten, dann komme ich nach,“ erwiderte ich und zog die erstbeste Jeans aus meinem Rucksack, den ich bei unserer Ankunft achtlos in die Ecke geworfen und seitdem nicht ausgepackt hatte.

Wann denn auch? Wegen des ganzen Ärgers hatte ich keinen Sinn dafür gehabt. Nicht, dass mir mein Messie-Haushalt peinlich gewesen wäre, aber als sie mich allein ließ, war ich dennoch froh. Bei meiner Morgentoilette, die diesmal ausnahmsweise aus einer Katzenwäsche bestand, und beim Anziehen hatte ich nur ungern Zuschauer, auch keine weiblichen. Für ausgiebiges Duschen war jetzt keine Zeit, und da musste es reichen, wenn ich mir die Bürste durch die Haare zog und die Zähne putzte.

Knappe zehn Minuten später trudelte ich am verabredeten Ort ein, wo Sue und Dave auf mich warteten und mir erklärten, was unsere konspirative Zusammenkunft zu dieser frühen Stunde zu bedeuten hatte. Brian war tatsächlich auf Daves Vorschlag eingegangen, nachdem der Verkäufer bereit gewesen war, das Geschäft mit uns abzuschließen. Wenn es irgendwo etwas günstig zu erwerben gab, war er sofort dabei.

Theoretisch war der Schaden zwar von der Versicherung abgedeckt. Aber da wir alle wussten, wie viel Zeit sich Versicherungen oft gerne ließen… Ich hätte es nur schöner gefunden, wenn man mich rechtzeitig informiert hätte, dass es doch noch klappte mit unserer Shoppingtour.

Frühstück ist dann also gestrichen?“, seufzte ich.

Sieht wohl so aus“, antwortete Dave an Sues Stelle, die genervt mit den Augen rollte, „aber für ’nen Coffee to go sollte noch Zeit genug sein.“

Wie großzügig! Ich schnappte mir einen Becher, füllte ihn mit Kaffee und steckte mir noch etwas Obst für unterwegs ein, obwohl mir ein paar schöne Pancakes oder eine Portion Rührei mit Speck lieber gewesen wären. Dann stieg ich in den Wagen und schwang mich zu Dave auf die Rückbank.

Die Morgenstund‘ hat definitiv kein Gold im Mund, wenn man mich ohne Vorwarnung aus dem Bett scheucht und mir keine Zeit lässt, mich zu sammeln. Kaffee war für gewöhnlich mein Rettungsanker, und wenn man mir diesen auch noch kappte, dann konnte man bei mir nicht mit Freundlichkeit rechnen; schon gar nicht, wenn die besagte Person irgendeinen Groll gegen mich hegte und damit nur schlecht hinter dem Berg halten konnte.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum ausgerechnet sie unbedingt mit dabei sein muss…“

Sues Tonfall sprach Bände. Oha! Da war aber jemand sehr schlecht auf mich zu sprechen, nur hätte ich gerne gewusst, warum.

„Es hätte doch wirklich gereicht, wenn Dave mit Dir oder Danny zu diesem Mr. Trudeau gefahren wäre.“

Oh ja, liebe Sue – dass Du keine Lust hattest, genauso früh aus den Federn zu kriechen wie Dein Schatz, war ja klar. Aber von mir aus hättest Du auch ruhig liegenbleiben können. Dann wären der Fahrer und seine Passagiere von Deiner miesen Laune verschont geblieben.

Mark, der den Impala steuerte, sagte wohlweislich gar nichts. Das Reden überließ er Dave, der sich wie ich fragte, was ihr eigentliches Problem war.

„Ich weiß, Du bist nicht erbaut, trotz der kurzen Nacht so früh aufzustehen. Aber wenn wir warten, bis alle ausgeschlafen haben, schaffen wir es nie rechtzeitig vor dem Auftritt zurück. Ich bin schließlich derjenige, der wissen muss, ob das Teil auch funktioniert, und vor allem Mark und Danny müssen damit klarkommen.“

So weit war ja auch alles okay. Dennoch war Sue, die noch immer einen Flunsch zog, noch nicht restlos überzeugt.

„Und was Andrea betrifft – die muss auf dem gleichen Stand sein wie ich. Also krieg dich so langsam mal wieder ein.“

Chill mal ’ne Runde, so langsam nervt’s, hätte er genauso gut sagen können, was im Übrigen denselben Effekt auf ihre Stimmung gehabt hätte. Sie sagte zwar keinen Ton mehr, musterte mich dafür aber abschätzend im Rückspiegel während Daves Standpauke. Ja, das beste war wirklich, wenn sie ihre Stimmte schonte. Was glaubte sie eigentlich, warum ich ohne vernünftigen Koffeinpegel in das vermutlich tollste Auto des amerikanischen Kontinents eingestiegen war, ohne mich vor Begeisterung zu überschlagen?

Den coolsten Wagen, gleich nach dem Shelby 500 GT? Mit einem mindestens genauso coolen Typen am Steuer? Autsch! Na klar, zu wenig Kaffee bewirkte, dass meine kleinen grauen Zellen nur langsam in Fahrt kamen. Nur das konnte der Grund für ihre Verstimmung sein: Sie hatte Angst, dass ich ihr den Freund ausspannte oder mich zumindest an ihn heranmachte, und damit das nicht passierte, war sie im letzten Moment als Anstandswauwau mitgekommen. Ach nein, nicht schon wieder! Hatten wir dieses Drama nicht gerade erst gehabt?

Dave und Leslie hatte ich gerade noch davon überzeugen können, dass sich zwischen uns nichts abspielen würde, und die beiden waren wieder ein Herz und eine Seele. Dave, der begriffen hatte, dass ich wirklich nur an einer guten Zusammenarbeit interessiert war, hatte einen Strich unter diese kurzzeitige Verirrung gezogen und war wieder so freundlich wie am Anfang. In gewisser Weise hatte ich sogar Leslies Unmut verstehen können, denn mehr als einmal hatte ihr Freund versucht, mit mir zu flirten, wenn auch erfolglos. Aber Mark?

Herrgott, eine unrealistischere Konstellation konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Ein netter Kerl, charmant und in gewisser Weise auch attraktiv, wenn man auf dunkelhaarige Typen mit kurzen Haaren stand, dann war die Vorstellung gar nicht mal so sehr an den Haaren herbeigezogen, aber damit war man bei mir eindeutig an der falschen Adresse.

A propos Adresse: Gavin Trudau, 7189 Parkway Drive, in irgendeinem Kaff, dessen Name mir nicht einfiel, bot den Verstärker an, weil er sich einen neuen kaufen wollte und dafür dringend Geld brauchte. Womit er sicher nicht gerechnet hatte, war eine ganze Abordnung einer Band, die eine Fahrt von 320 Kilometern (einfache Strecke) auf sich nahm. Für uns waren das insgesamt über 600 Kilometer, und da ich die Straßen- und Verkehrsverhältnisse nur schwer einschätzen konnte, veranschlagte ich rund fünf oder sechs Stunden dafür, die Zeit noch nicht mitgerechnet, die wir brauchen würden, um das Gerät auf Herz und Nieren zu prüfen und den Deal abzuschließen… oder, wenn’s schlecht lief, auch gar nicht.

Stunden später, die sich wie Kaugummi in die Länge gezogen hatten, wunderte ich mich selbst, warum ich so misstrauisch gewesen war. Das Geschäft, das wir und der Verkäufer abschlossen, hätte kaum perfekter sein können. Nein, das war kein Schrott und Trudeau kein Ganove, der seine Kundschaft für teuer Geld nach Strich und Faden abzockte. Vor Freude, dass es auf der Welt doch noch ehrliche Menschen gab, vergaß ich den morgendlichen Fehlstart und freute mich geradezu auf den Abend und die Gesichter, die die anderen machen würden, wenn wir mit dem Marshall ankamen. Der Akustik-Gig vom Vorabend würde Geschichte gewesen sein, ein einmaliges Experiment.

Danny und Mark würden endlich ihr lange erwartetes Repertoire und meinen heimlichen Favoriten, die Highland Cathedral, spielen können. Oh ja, das würde ein Fest werden, gekrönt von den wahrscheinlich besten Fotos der kommenden Wochen…

And now for something completely different!“ plärrte es mir in einer höllischen Lautstärke von vorne aus dem Radio entgegen.

So toll Marks Straßenkreuzer auch war, das einzige, was gar nicht ging, war die vorsintflutliche Musikanlage, vor allem dann, wenn Leute, die keine Ahnung hatten, an den Knöpfen herumspielten. Man sollte halt nicht das Radio einfach einschalten, wenn der Lautstärkeregler weiter als sonst aufgedreht ist – diese Überlastung war nicht nur Gift für die Ohren aller, die im Wagen saßen, sondern auch für die armen Lautsprecherboxen.

Und hier ein Song, auf den ihr schon alle gewartet habt…

Oh, really? Was blühte uns als nächstes? ZZ Top? Saga? Foreigner?

„Freunde der 80er – let’s do the Time Warp again. Here they are: Journey mit ‚Don’t stop believing‘ Der perfekte Start in den Nachmittag“ – aber hallo! Wie geil war das denn?!

Normalerweise hasste ich die überdrehte Art mancher Radiomoderatoren, aber das hier war was anderes. Wir hatten was zu feiern, und dann noch einer meiner absoluten Lieblingssongs…

Just a small town girl living in a lonely world, she took the midnight train going anywhere

Mit dieser Vorliebe stand ich nicht alleine da. Zwischen uns allen herrschte eine ausgelassene Stimmung, und wer auch immer die Idee dazu gehabt hatte, plötzlich sangen wir abwechselnd, mehr oder weniger schief, eine Strophe nach der anderen mit…

Dass Sue diesen Part meisterhaft beherrschte, während die Herren den Refrain eher brummten, hatte ich nicht anders erwartet, aber was spielte das schon für eine Rolle. Wir waren unter uns und nicht bei einem Gesangswettbewerb oder einer Castingshow. And now it’s my turn, dachte ich und fiel in das Privatkonzert mit ein:  „… working hard to get my fill, everybody wants a thrill, paying anything to roll the dice just one more time…“

Hey, Leute, beim nächsten Soundcheck lassen wir unseren Frontmann durch Andrea vertreten“, witzelte Mark, der sich sichtlich blendend amüsierte.

Ja, nee, is klar“, blödelte ich in bester Atze-Schröder-Manier zurück, „aber nur, wenn Ihr auch was von Journey spielt.“

Ach ja“, beugte sich Dave gespannt nach vorne, „jetzt wird’s interessant. Was denn zum Beispiel?“

Wie wär’s mit ‚Don’t stop believing‘? Oder mit ‚Oh Sherry’…“ was besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein.

Okay, das wäre dann Steve Perrys Soloauftritt. Ich wusste gar nicht, dass Du darauf abfährst.“ warf Sue ein.

Sie schien wohl einiges nicht zu wissen. Was sollte daran so abwegig sein? Für einen Moment stand ich ganz schön auf dem Schlauch und schaute dementsprechend perplex aus der Wäsche. Jetzt war ich aber gespannt auf ihre Meinung, und auf meine Frage, was sie sich denn wünschen würde, wenn sie ich wäre, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen: „Na, zum Beispiel den hier!“

Und – zack! – hatte sie den Regler bis zum Anschlag aufgedreht, noch bevor Mark Protest einlegen konnte. Die armen Boxen!

♪♪♪ I’m standing here on the ground, the sky above won’t fall down, see no evil in all directions. Resolution of happiness. Things have been dark for too long ♪♪♪

Bingo! Was zum T*****… Don’t change?! Von INXS? Ja, super, das waren unverkennbar die frühen Achtziger Jahre, und dass ein Radiosender seinen Hörern alle möglichen Wünsche aus dieser Zeit erfüllte, war am Nächstliegenden, aber wie kam sie denn bloß darauf? Die Szene, die nun folgte, war filmreif. Während sich Mark aufs Fahren konzentrierte, drehten Sue und Dave synchron ihre Köpfe in meine Richtung und blieben mit ihren Blicken an meinem Bandshirt, das nur noch zum Herumgammeln taugte, kleben. Augenblicklich spürte ich auch schon, wie ich knallrot wurde. Wie eine Tomate.

Hey Baby“, verdrehte Sue in einem gespielten Anfall von romantischer Verklärung die Augen und zwitscherte ihrem Sweetheart am Steuer zu: „That changes everything: She prefers Michael Hutchence to Steve Perry!“

Aaargh! Mein lang gehütetes Geheimnis war aufgeflogen, die ganze Tarnung im Eimer. Meine ganz private musikalische Leidenschaft, Australia’s biggest rock band and best export to the world ever, schonungslos ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Wie kürzte man das bloß ab? ABRBABETTWE… äh, nee; stop being silly and return back to reality. Oh, wie behämmert. Aber noch war der Gipfel nicht erreicht – da ließ sich doch bestimmt noch einer draufsetzen.

Touché!“ exklamierte ich mit der gleichen gespielten Theatralik. „Jetzt habt Ihr mich. So war das zwar nicht geplant, aber schön, dass wir darüber gesprochen haben.“

Dass wir darüber gesprochen haben? Äh, was war denn das für ein Stuss, den ich da von mir gab? Wahrscheinlich hatte ich jetzt bei den anderen für den Rest des Tages den Ruf weg, eine Schraube locker zu haben. Das Gespött für die anderen… Die Mädels würden sich schlapp lachen und irgendwann damit beginnen, Vergleiche anzustellen.

Da war es nicht im Geringsten hilfreich, dass unser Fahrer mit einem süffisanten Grinsen noch zusätzlich Öl ins Feuer goss und mir dabei im Rückspiegel zuzwinkerte: „Yepp. Und jetzt wissen wir auch, wer aus der Band bei unserer Elektromaus wirklich einen Stein im Brett hat.“