„Broken Strings“ : Chapter 9 – The strangest party

Elektromaus?! Ich hatte mich wohl verhört. Mit ihren Bemerkungen, wen ich wem gegenüber bevorzugte, hatten Sue und Mark ins Schwarze getroffen: sie in Bezug auf die Stars der 80er Jahre; er, was seine eigene Band betraf. Aber Elektromaus?! Na, schönen Dank auch für diesen „tollen“ Spitznamen. Wenn der erst mal die Runde gemacht hatte, nahm mich doch keiner mehr ernst. Sue konnte sich bereits jetzt schon nicht mehr einkriegen vor Lachen.

Elektromaus… ich kann nicht mehr!“

Ihr Lachen war so ansteckend, dass Dave, der sich aus dem verbalen Schlagabtausch bisher herausgehalten hatte, nicht mehr an sich halten konnte. Eigentlich hatte ich an dieser Stelle mit „Vorsicht, meine Liebe – die Vorsilbe ‚Elektro‘ kommt schließlich nicht von ungefähr“ kontern wollen; doch dann setzte Mark noch einen drauf mit seinem dämlichen Spruch „Welcome to the ministry of silly jokes“, frei nach Monty Python’s Flying Circus.

Da musste selbst ich kichern, weil sich mir plötzlich ein ganz anderes Bild aufdrängte: Stell Dir vor, neben Dir hält ein schwarzer Chevrolet, und Du erwartest, darin zwei Typen zu sehen, die auf Geister- oder Dämonenjagd sind; aber statt dessen gackert ein Haufen Bekloppter, die wider Erwarten kein Gras geraucht haben, wild durcheinander und schaukelt sich mit dämlichen Witzen gegenseitig hoch. Some jokes are sillier than others. Wie das auf Außenstehende wirken musste, wollte ich mir nicht vorstellen; denn ehrlich gesagt, war es mir egal.

Wenn ich geglaubt hatte, dass mit unserem Eintrudeln am Zielort die Party zu Ende war, hatte ich mich geirrt. Dave und Mark wuchteten den Marshall aus dem Kofferraum.

„Schatz, geh ruhig schon mal duschen und ruh‘ dich aus“, nahm Mark sein Herzblatt beiseite. „Bis wir fertig sind, kann das noch etwas dauern“.

Noch ein Küsschen und eine Umarmung für Sue, dann war auch er startklar und kam uns hinterher. Dave und ich hatten uns den Verstärker geschnappt und trugen ihn schon mal zum Hintereingang. Jetzt, wo sich Sue und Mark wieder prächtig verstanden, hatte ich eigentlich gedacht, dass ihr Intermezzo länger dauern würde.

Das ging aber schnell“, zog Dave ihn auf.

Je früher wir hier fertig sind, desto eher bin ich wieder bei meiner Süßen. Dann können wir uns alle Zeit der Welt lassen…“ seine Antwort ließ er unvollendet, aber wir waren auch so im Bilde.

Kleiner Irrtum, Mark Kelly, Ihr habt heute Abend noch einen Auftritt, schon vergessen? Das Happy End zu ihrem Beinahe-Drama würde noch warten müssen.

Und je eher wir hier fertig sind, desto schneller kann ich unter die Dusche“, fügte ich hastig hinzu, bevor Dave noch mehr flapsige Bemerkungen machen konnte.

Ich wollte wirklich nur noch eins: das Gerät anschließen, duschen, und mich umziehen. Wurde ja auch langsam Zeit, das schon lange nicht mehr taufrische INXS-Shirt, das mir Jenny geschenkt hatte und das ich seit gestern Abend getragen hatte, loszuwerden. Wenn ich mir zur Feier des Tages schon ein eiskaltes Bier gönnte, dann bitte in anständigen Klamotten und nicht zerrissenen Jeans und einem ausgeleierten Shirt. Als ob ich nicht genug Kleidung dabeigehabt hätte. Außerdem ließ uns der Tourneeplan noch genug Zeit für Besuche in den örtlichen Waschsalons.

Im Geiste ging ich meinen Vorrat an Oberteilen und Hosen durch. Hatte ich tatsächlich nichts anderes dabei als Jeans und Shirts? Wenn man wegen begrenzter Transportmöglichkeiten nur mit einem Rucksack reist, kann es mit dem Platz schon knapp werden, und man beschränkt sich auf das Wesentliche: eine überschaubare Anzahl untereinander kombinierbarer, hauptsächlich praktischer Kleidungsstücke und maximal drei oder vier Paar Schuhe. Was in meinem Fall Chucks, Sandalen, Bikerboots, drei Paar Jeans und ein knappes Dutzend, vorwiegend schwarzer T-Shirts bedeutete. Schick auszugehen, war in diesem durchdachten Plan nicht einbezogen. Leslie war mir auch keine Hilfe. Selbst wenn sie den Wunsch gehabt hätte, mir etwas zu leihen – wir hatten nicht dieselbe Größe.

Eingewickelt in ein riesiges Duschtuch und mit einem Handtuchturban um den Kopf, hielt ich mich gar nicht erst damit auf, in meinem Rucksack herumzuwühlen. Kurzerhand kippte ich den gesamten Inhalt auf den Boden. Das Suchen ging so bedeutend schneller, und innerhalb weniger Minuten hatte ich etwas gefunden, was nicht ganz so trist war: eine schwarze Jeans, ein rotes Shirt mit dem Logo der italienischen Metalband Lacuna Coil und schwarze Sandalen mit schwarz-weiß gemustertem Keilabsatz – die einzigen schicken Schuhe, die ich mitgenommen hatte, abgesehen von dem Paar, das ich in Vancouver verloren hatte. Getragen hatte ich die bisher noch nicht sehr oft, in Ermangelung passender Gelegenheiten. Und heute war so eine Gelegenheit; jedenfalls nach dem Konzert.

Einige von uns wollten noch in den Pub, um etwas zu trinken und eine Runde Darts oder Billard zu spielen. Wenn also nicht heute, wann dann? Doch jetzt war erst mal Arbeiten angesagt. Seufzend stellte ich die Sandalen neben das Bett und stopfte meinen ganzen Krempel wieder in den Rucksack zurück. Die Party würde noch etwas warten müssen… aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Warum machte ich mir ausgerechnet jetzt Gedanken über meine Garderobe, wo ich es doch sonst nicht tat? Überhaupt war heute Abend so einiges anders. Am Publikum und an der Band konnte es nicht liegen. Dank des neuen Verstärkers konnten sie wieder so spielen, wie sie es gewohnt waren… irgendwie schade, fand ich, denn der Akustikabend vom Tag davor hatte etwas besonderes gehabt.

Wie war das nochmal? Wer ohne Strom spielen konnte, hatte wirklich etwas auf dem Kasten und war bestens gewappnet für den GAU? Wer mir diese Weisheit bei einem Glas Bier näherzubringen versucht hatte, wusste ich jetzt auch nicht mehr, tat aber auch nichts zur Sache und war im Grunde völlig irrelevant.

Die Stimmung war genau so, wie sie sich jede Band gewünscht hätte, und doch schien meine Feierlaune gerade eine Pause zu machen. Zu tun gab es für mich vorerst nichts, also schlenderte ich zum nächsten Getränkestand, um meinen Flüssigkeitshaushalt auszugleichen. Dass ich mich so seltsam fühlte, lag bestimmt nur daran, dass ich zu wenig getrunken hatte. Heute Nachmittag hatte ich mich doch noch so blendend amüsiert, und die Tatsache, dass an diesem Abend mehr Leute als sonst zu dem Konzert gekommen waren, wäre ein weiterer Grund zum Feiern gewesen.

Ich ließ mir eine große Cola geben und beschloss, mir einen Teil des Konzerts vom Rand aus anzusehen.

Der Mix von OxyGen aus eigenen Songs und Klassikern anderer Bands aus den 80er Jahren kam bei den rund 600 Leuten, die sich vor der Bühne drängten, prima an. Das würde man auf den Bildern, die Miss Cooper von diesem Auftritt schoss, unzweifelhaft erkennen. Der Jubel war unbeschreiblich, als das mir wohlbekannte Intro von „By my side“ erklang und ich im selben Moment ein Déjà-vu hatte: Aber diesmal war es nicht ich, die in der Menge mitten in einem grellen Lichtkegel stand und von der Bühne aus angesungen wurde – heute hatte eine andere das große Los gezogen, sichtlich beseelt von der Art und Weise, wie der Sänger sie anschmachtete. Jetzt fehlten nur noch die fliegenden Teddys, Rosen oder BHs! Wie peinlich!

Wie hatte ich nur auch nur einen Moment lang denken können, dass ich beim letzten Auftritt dieser Art persönlich gemeint sein konnte? Andrea McAllister, Du dumme Nuss – das hier gehört zur Show: Gebt auch den weiblichen Fans was fürs Auge und fürs Herz. Nach der Show ist die Dame, die für fünf Minuten im Scheinwerferlicht gestanden hat, sowieso aus den Augen und aus dem Sinn verschwunden. In dieser Hinsicht hatte ich mich wohl gründlich geirrt.

„Wer aus der Band bei unserer Elektromaus wirklich einen Stein im Brett hat…“ –  In diesem Zusammenhang klangen Marks Worte vom Nachmittag in meinen Ohren wie blanker Hohn. Ja, wer wohl? Der Gitarrist jedenfalls nicht, und wenn er ein noch so heißes Auto fuhr. So you’ve got a car?

Fine, but that don’t impress me much. Because the lead singer of this band is so much hotter, even if he’s not the one who has beaten Steve Perry in the competition by far.

Huch! Da war wieder meine alte Angewohnheit, dieser deutsch-englische Kauderwelsch, ein eindeutiges Zeichen, dass ich komplett durch den Wind war, und eine deutliche Warnung. Eine Warnung – aber wovor? Das blöde Herumgehampel unseres „Ministry of silly jokes“ im Auto war schuld daran, dass ich mir jetzt ernsthaft über so einen Quatsch den Kopf zerbrach.

Oh Mann, Andrea, komm wieder auf den Teppich! Jetzt gab es nur noch eins zu tun: Warten, bis das Konzert vorbei war, den Strom abschalten, alles abschließen und auf direktem Weg in den Pub. Das würde mich auf andere Gedanken bringen.

Als Dave und ich im Pub eintrudelten, waren die meisten, die wir kannten, schon da, und an der Theke gab es erfreulicherweise auch noch Platz. So, die Arbeit war getan, jetzt konnte der gemütliche Teil kommen. Endlich stand es vor mir, das ersehnte Feierabendbierchen. Schön kalt und frisch vom Fass. Genüsslich ließ ich es mir die Kehle hinunterrinnen und reckte mich wohlig der Länge nach. Besser gesagt, ich versuchte es. Autsch! Mein Gott, war ich eingerostet!

Nach dem anstrengenden Tag und der viel zu kurzen Nacht davor, spürte ich jeden Knochen im Leib und war froh, dass ich am Ende doch auf einen Schuhwechsel verzichtet und meine schicken Sandalen im Hotelzimmer zurückgelassen hatte. Für das, was der Rest der Truppe noch vorhatte, wären sie sowieso ungeeignet gewesen. Ein Turnier sollte es sein. Wer war denn auf diese groteske Idee gekommen? Kandidaten, die begeistert dabei sein wollten, gab es auch schon, nur über die Sportart war man sich noch uneins. Darts oder Billard – mir war es gleich; in beiden war ich so la la.

Erst einmal in meinem Leben hatte ich das Bull’s Eye getroffen, und das auch nur mehr durch Zufall. Wenn ich zusammenrechnete, wie viele mitmachen wollten, hielt ich den Wettkampf im Pfeilwerfen für keine gute Wahl. Darts spielte man am besten zu dritt oder viert, aber nicht zu sechst. Nun also ein Billardturnier. Aber wer sollte gegen wen antreten? Road Crew gegen Band, war Leslies Vorschlag, aber den fanden Madlyn und Ryan unfair, weil dann vier gegen zwei gespielt hätten.

Warum losen wir nicht?“ fragte ich, bevor jemand mit dem abgedroschenen Vorschlag „Girls versus Boys“ ankommen konnte, denn das wäre die nächste, viel zu offensichtliche Möglichkeit gewesen: Team Eins aus Leslie, mir und Madlyn gegen Team Zwei, bestehend aus Dave, Ryan und Bradley.

Ja, super Idee,“, rief Bradley, „hat mal jemand ’ne Münze? Außerdem brauchen wir noch ’nen Schiedsrichter“.

Suchend schaute er sich um. Och, nö. Wozu das denn! Warum fingen wir nicht einfach an und warfen die besagte Münze? Aber er schien das Motto „Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht“ zu lieben oder wollte einfach nur, dass es fair und sportlich zuging. Tatsächlich fand er jemanden an der Bar, der sich den Spaß nicht entgehen lassen wollte. In der Zwischenzeit hatte Dave bereits den nächsten Billardtisch mit Kugeln und Queues für uns reserviert. Jetzt musste nur noch das Los entscheiden, wer in welchem Team spielte.

Okay Leute, aufgepasst!“ Endlich ging es los. „Hier nochmal die Regeln: Jacques“ – so hieß der Kerl, der sich bereit erklärt hatte, den Schiedsrichter zu spielen – „wirft jetzt gleich diese Münze…“

Aufgeregt fuchtelte er mit einer Dollarmünze herum.

„Die Queen steht für Team Eins – der Loonie steht für Team Zwei“.

Wie jetzt – „Loonie“ wie in Looney Tunes? Nee, kleiner Irrtum – mit „Loon“ oder „Loonie“ war das Bild eines Eistauchers gemeint. Ein hübsches Vögelchen. Mal sehen, wem von uns es zuzwitscherte. Mir jedenfalls nicht: Ich landete zusammen mit Bradley und Ryan im Team „Queen Elizabeth II“, Leslie, Dave und Madlyn im Team „Eistaucher“.

Das Ergebnis war nach vielen Versuchen zustande gekommen, weil so ein Münzwurf normalerweise niemals 50/50 aufgeht. Im ersten Durchgang hätte das eine Team vier Spieler und das zweite Team nur zwei gehabt, also wiederholten wir die ganze Prozedur, und am Ende lief das ganze Theater darauf hinaus, dass zwei Spieler nochmal untereinander die Teams tauschten. Im Prinzip war es mir egal, mit wem ich eine Mannschaft bildete – Hauptsache, es ging endlich los.

Es war zwar schon eine Weile her, dass ich Billard gespielt hatte, aber eine Einweisung, wie man den Queue handhabt, brauchte ich deswegen noch lange nicht, auch wenn Ryan diese Aufgabe nur zu gerne übernommen hätte. Ha, mein Freund, das hättest Du wohl gerne: mit mir auf Tuchfühlung gehen.

Oh je, das wird schiefgehen, dachte ich für einen Moment, als ich sah, welche Kugel Leslie anvisierte. Ihr Geturtel mit Dave hatte wohl ihr Urteilsvermögen beeinflusst, und das nicht gerade zu ihrem Vorteil. Nicht auf die Acht, schien auch Madlyn zu denken, aber es war zu spät… Sie hatte zwar die Zehn angesteuert, aber den Drall nicht berechnet, und nun trudelte die Zehn unweigerlich auf die Acht zu. Die kurz vor der Ecktasche stehenblieb. Äh, ja, da hatte sie aber enormes Glück gehabt. Blöd nur für unser Team.

So, und nun zeig ich Dir mal, wie man das macht“, klopfte sich Bradley gönnerhaft auf die Brust.

Wenn er sich dabei nicht verschätzt“, flüsterte mir Ryan, der verdächtig nah an mich heran gerückt war, ins Ohr.

Entschlossen, dies zu ignorieren, zuckte ich mit den Schultern und erwiderte scheinbar unbeeindruckt, dass er bloß den Teufel nicht an die Wand malen solle. Denn wenn er Pech hatte, dann landete die Acht genau da, wo wir sie nicht haben wollten. Wenn wir gewinnen wollten, dann sollten wir uns jetzt besser zusammenreißen, auch wenn es um nichts ging. Einen Wetteinsatz hatte es nicht gegeben, so weit ich mitbekommen hatte, und auch ein Preis war meines Wissens nicht festgelegt worden.

Ich wüsste zu gerne“, um was wir spielen, sinnierte ich halb abwesend ins Blaue hinein…

Oh, das erkläre ich dir gerne…“, flüsterte er weiter und rückte noch näher…

Hey, Andrea – it’s your turn!“

Leslie – meine Rettung! Ganz geheuer war mir Ryans Nähe nämlich nicht. Entschlossen schnappte ich mir den Queue und inspizierte den Tisch. Puh, die Acht lag noch immer unberührt an der Stelle, wo sie zuletzt liegengeblieben war. Was es mir nicht einfacher machte, zumal ich alles andere als gelassen war. Äußerlich wirkte ich zwar cool, aber innerlich… what a mess. Das Pokerface zu wahren, war das Schwierigste in dieser Situation, und hinzu kam noch, dass ich jetzt keinen Fehler machen durfte. Nachdem Bradley zwar die Acht nicht versenkt, aber auch keinen Treffer gelandet hatte, war auch Daves Versuch, eine andere Kugel ins Ziel zu befördern, erfolglos geblieben. Nun sollte ich es richten.

Viele Kugeln lagen nicht mehr auf dem Tisch. Und keine davon günstig. Tief durchatmen, einmal um den Tisch gehen und die Lage genau unter die Lupe nehmen. Die Fünf? No way, wenn ich die anstieß, träfe die die Zwei und kollidierte automatisch mit der Acht. Diese verfluchte Acht. Da hatte Leslie ganze Arbeit geleistet. Welche Kugel hatte Dave nochmal nicht getroffen? Vielleicht versuchte ich es mal mit der und überließ Madlyn die Arschkarte… Mit etwas Glück würde es klappen – concentration, please! Oh ja, und wie konzentriert ich war: Luft anhalten, Augen schließen, ein letztes Mal tief durchatmen.. es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte dem Queue im Geiste ein Luftküsschen zugeworfen, aber das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen.

Halbwegs gefasst, öffnete ich die Augen, beugte mich nach vorne und plazierte meinen Queue so, dass ich Daves um Haaresbreite verfehlte Kugel genau im Fokus hatte und gab der weißen Kugel den erforderlichen Schwung. Scheinbar wie in Zeitlupe, rotierte die Kugel auf das Objekt der Begierde zu und… traf gegen besseres Wissen tatsächlich. Und näherte sich unaufhaltsam der verflixten Acht. Dieses Fiasko wollte ich mir nicht länger ansehen und legte einen U-Turn hin.

„Tja, Leute, that’s it!“ konstatierte ich mit dem Ausdruck der vollständigen Niederlage in meiner Stimme, denn so wie es aussah, hatte Team „Loonie“ gewonnen. Dank meines Unvermögens, uns aus der misslichen Lage herauszumanövrieren, besser gesagt, ich Loser hatte die Acht, um die alle halbwegs erfolgreich herumgekommen waren, als Einzige sauber eingelocht. Oh, diese Blamage.

Hast Du sie noch alle?“ gab Bradley verständnislos zurück. „Schau mal genauer hin.“

Was wollte er denn jetzt? Mich veräppeln? Dennoch drehte ich mich um und schaute mir die neue Konstellation mit der Acht am Rand an. Am Rand? Meine Drei war förmlich an der Acht klebengeblieben und hatte diese am Rand festgenagelt.

What the…?“ rief ich entgeistert aus. „Aber das ist doch….“

Nicht möglich?“ grinste Ryan mich an. „Andrea McAllister, Du erstaunst uns immer mehr.“

Wow. Mit so viel sportlicher Anerkennung hätte ich jetzt nicht gerechnet, vor allem nicht von ihm. Auch Bradley war sichtlich beeindruckt. Mit einem „Hier, für Dich.“, reichte mir eine Flasche Guinness. „Das hast Du Dir verdient. Jetzt können die anderen nur noch verlieren. Und wir haben den Sieg in der Tasche.“

Hoffentlich hatte er damit Recht. Aber wenn ich mir Sorgen gemacht hatte, dass unser Team verlieren könnte, dann hatte ich mich gründlich geirrt. Die nächste Runde war auch zugleich die letzte. Dave als bester Spieler des Teams „Loonie“ konnte die drohende Niederlage auch nicht mehr abwenden. Er traf zwar die letzte Kugel im Spiel, doch die landete an der Stelle, an der die Acht gelegen hatte – und die rollte in nervenzerreißender Langsamkeit auf die Ecktasche zu, wo sie mit einem sanften Plopp! verschwand. Aus. That’s it! Aber diesmal wirklich. Und zwar für das andere Team. Ich konnte kaum glauben, dass wir um Haaresbreite gewonnen hatten.

Bradley konnte sich vor Begeisterung kaum mehr einkriegen – er warf seinen Queue auf den Tisch, riss mich an sich und wirbelte mich herum.

„Der Wahnsinn! Wir haben echt gewonnen. Mensch Andie, wieso hast Du uns nicht verraten, dass Du wie ein Profi spielst?“

Uiuiuiuiui… you make me dizzy… Und daran war nicht das Guinness schuld. Bisher hatte ich nur daran genippt. An meinem Schwindelgefühl war allein Bradley Schuld. Dass er damit Ryan in die Hände spielte, hatte ich in diesem Moment nicht auf dem Radar. Das einzige was ich wahrnahm, war ein „Wow! Das müssen wir feiern!“

Feiern… das war das Stichwort, denn dazu waren wir ja schließlich hergekommen; nicht nur die gewonnene Runde Billard, sondern das eigentliche Highlight des Tages – das erfolgreich abgeschlossene Geschäft. Da war unser kleiner sportlicher Wettbewerb eher Nebensache und eine nette Zugabe. Und da das Team „Loonie“ sowieso keinen Wert mehr auf eine Revanche legte, sondern lieber etwas trinken wollte, konnte ich genauso gut die nächste Runde spendieren. Guinness für alle erschien mir angemessen – the only real thing – für die teuren Shots wollte ich mein sauer verdientes Geld nicht gleich wieder rauswerfen.

„Hey Andrea, heb Dir lieber noch ein paar Münzen für die Jukebox auf“, rief mir Bradley entgegen, als ich mich zur Theke umdrehte, um die Bestellung aufzugeben, „etwas Musik könnte nicht schaden.“

Im Prinzip keine schlechte Idee, nur fragte ich mich, ob das, was da schon den ganzen Abend im Hintergrund lief, etwa für ihn keine Musik war. Schade, dass sie nicht nach seinem Geschmack war. Aber darum würde ich mich kümmern, sobald alle mit Getränken versorgt waren.

♪♫ ♪ Let’s dance! Put on your red shoes and dance the blues!“ ♪♫ ♪

David Bowie. Rote Schuhe trug ich keine, aber es musste auch so gehen. In Boots. Die waren zum Arbeiten prima, aber zum Tanzen denkbar ungeeignet. Aber groß darüber nachzudenken, dass ich dabei eine wenig graziöse Figur machen würde, blieb mir nicht, denn Ryan zog mich unvermittelt auf die Tanzfläche, mitten in die Menge hinein. Hoppla, mein Freund, heute haben wir es aber besonders eilig… wenn ich eines nicht mochte, dann waren es abrupte Szenen- oder Tempowechsel: Denen folgte ich meist nur widerstrebend. Normalerweise. Denn wie ich schon vor ein paar Stunden festgestellt hatte, war an diesem Abend einiges anders als sonst.

Well, my friend, I am not totally clueless about what you are going to do. Aber warum sollte ich es ihm leicht machen? Davon war nie die Rede gewesen. Welche Taktik er genau verfolgte, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Anscheinend hatte er beschlossen, die Zeit für sich arbeiten zu lassen und den Stein nur langsam ins Rollen zu bringen. Manche glauben ja nur zu gerne, dass sie mit Beharrlichkeit am ehesten ans Ziel kommen. Was ich darüber denke, behalte ich lieber für mich, denn mit sogenannten Patentrezepten sind schon so einige böse auf die Nase gefallen. Aber nun war ich schon mal hier, zwischen all den anderen, die zur Musik aus der Box tanzen wollten. Da konnte ich auch das beste draus machen und versuchen, den ganzen Stress zu vergessen. Wenigstens war die Musik nicht so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Dann haben wir also Dir zu verdanken, dass wir endlich wieder vernünftiges Equipment haben?“ rief mir Ryan zu. Das war zwar stark übertrieben, dennoch nickte ich ihm durch den Lärm zu.

Konversation mitten im stärksten Gewühl betreiben zu wollen, während um uns herum die Menge nichts anderes im Sinn hat, als zu tanzen und ein wenig Spaß zu haben, really? Während die Jukebox einen Klassiker nach dem anderen spielt? Tatsächlich? Ist das wirklich Ihr Ernst, Mr. Miller? Lange Pausen gab es nicht – an Kandidaten, die die Jukebox mit einer Münze nach der anderen fütterten, bestand kein Mangel. Wie hatte Bradley mir nochmal zugerufen? Auch ich sollte mir noch etwas Kleingeld dafür aufheben; die Sache hatte nur einen Haken – andere waren bei der Musikauswahl schneller als ich. Zack! Schon hatte der nächste für Nachschub gesorgt.

♪♫ ♪ „Clean shirt, new shoes, And I don’t know where I am goin‘ to…“ ♪♫ ♪

Sharp dressed man, oh yeah. Ja, dieser Titel war absolut geeignet, etwas mehr Stimmung in den Laden zu bringen. ZZ Top? Weit gefehlt. Was hier durch den Raum schallte, war die Coverversion von Nickelback. Das passte ja wie die Faust aufs Auge. Mit Coverversionen kannten sich Ryan und seine Kollegen bestens aus. Seine Kollegen?

Wenn man vom Teufel spricht… kommen sie auch schon herein. Unser unzertrennliches Pärchen zuerst. Natürlich. Dann der Bassist. Dicht gefolgt von Danny und John, dem Keyboarder; beide plauderten angeregt mit dem Sänger. So, wie es aussah, hatten sich die drei bereits woanders ein paar Drinks genehmigt. Deswegen hatte es also so lange gedauert. Aber so wie es aussah, war das nur der Auftakt gewesen, denn ihr nächstes Ziel war die Bar, wo es wider Erwarten doch noch ein paar freie Plätze gab.

Und unser verliebtes Pärchen? War in der Menge verschwunden. Hatte Mark nicht am Nachmittag noch verkündet, er und seine Süße würden sich alle Zeit der Welt lassen? Natürlich nach dem Konzert, wann auch sonst. Hach, muss Liebe schön sein, auch wenn ab und zu die Eifersucht dazwischenfunkt. Nanu, wo kam denn dieser seltsame Gedanke her? Wenn ich den nicht schnellstens abschüttelte, war’s das mit dem entspannten Abend. Schlechte Stimmung brauchte heute kein Mensch! Für meinen Geschmack war es sowieso an der Zeit, die Musik zu wechseln.

Das war meine Chance, nicht ohne noch einen kurzen Umweg an der Bar vorbei zu nehmen und mir einen Single Malt zu genehmigen. Einen Caol Ila, und zwar einen Doppelten, denn doppelt genäht hält besser. Oder sollte es nicht eher „doppelt eingeschenkt, dröhnt besser“ heißen? Auch wenn das meinem Urteilsvermögen nicht sonderlich auf die Sprünge half. Entscheidungsfreudigkeit sah anders aus. Schade, dass sie nicht Florence & the Machine im Angebot hatten – „Queen of Peace“ oder „Ship to Wreck“ wäre jetzt genau das Richtige gewesen. Fehlanzeige! Leider… dafür aber jede Menge Scheiben aus den 80er Jahren. Was sollte ich bloß wählen? Das aktuelle Lied war gleich zu Ende, da musste der passende Anschluss her, und zwar schnell.

Doch so richtig bei der Sache war ich nicht. Zerstreut ließ ich meinen Blick zuerst in Richtung Tür, dann hinüber zur Bar schweifen. Danny und John hatten längst den Ort gewechselt, mit einem Satz Pfeile, aber ohne Mike. Der stand, mit einem Drink in der Hand, lässig an den Tresen gelehnt. Dressed in Black. Unsere Blicke trafen sich, blieben aneinander hängen – zwar nur für Sekunden, aber das genügte. ‚Oh Lord, won’t you leave me just like this…‘

Verdammte Axt, ich war ja völlig durch den Wind. Hatte ich nicht die Musik aussuchen wollen? Ja, toll! Jetzt stand ich hier wie vom Blitz getroffen und jeglicher Inspiration beraubt. Statt dessen machte es sich ein Teufelchen auf meiner Schulter bequem und trieb mich dazu, Dinge zu tun, die ich in nüchternem Zustand niemals getan hätte. Die wenigen Sekunden, in denen ich in meiner Hosentasche nach Münzen fischte, dehnten sich scheinbar zu Minuten aus. Erneut hob ich den Kopf und blickte ihn diesmal direkt und mit voller Absicht an, während ich die Münzen einwarf.

Ich drückte die Taste und bewegte mich mit provozierender Langsamkeit zurück zu meinem Tanzpartner, den ich für meinen kurzen Ausflug zur Jukebox alleingelassen hatte.

♪♫ ♪ „Don’t you forget about me…“ ♪♫ ♪

Ryan war begeistert; dass ich mit den Simple Minds einen Nerv bei ihm getroffen hatte, war nicht meine Absicht gewesen und dass er mich in seine Arme zog, noch viel weniger. Geplant war das nicht, aber es ebnete spontan einer ganz neuen Taktik den Weg, denn ich wusste ganz genau, dass Mike uns beobachtete. Wie gut, dass ich meinen Drink noch hatte. Die rauchige Flüssigkeit erzeugte ein wohliges Wärmegefühl, das mir ein trügerisches Gefühl von Sicherheit gab.

Andrea McAllister, you’re walking on thin ice! Du begibst Dich auf verdammt dünnes Eis mit deinem spontan gefassten Entschluss, den Typen, den Du die ganze Zeit am liebsten gar nicht mehr aus den Augen lassen würdest, eifersüchtig zu machen. „Don’t you forget about me“ als Denkzettel? Das würde er sicherlich überhaupt nicht lustig finden, und wenn ihm wirklich etwas an mir lag, dann würde er diesem Theater ein Ende machen. So weit die Theorie. Die Realität sah anders aus.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, frage ich mich, wie ich damals so dämlich sein konnte, zu glauben, dass der Versuch, Mike zu provozieren, zum gewünschten Ergebnis führen würde. Wenn ich ehrlich bin, haben solche Versuche noch nie funktioniert. Ich hätte wissen müssen, dass dieser Plan von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Anstatt dazwischenzugehen und die Farce zu beenden, kippte er seinen Drink in einem Zug hinunter und verließ den Ort des Geschehens sichtlich wenig begeistert, während sein Kollege nun beim Flirten erst so richtig Gas gab.

Wäre ich nüchtern gewesen und Ryan mir nicht so sympathisch, hätte ich es erst gar nicht erst so weit kommen lassen und mich wie eine Idiotin aufgeführt. Aber ich dumme Nuss musste ja sein Spiel unbedingt mitspielen und auf seinen Annäherungsversuch eingehen. Im Nachhinein betrachtet, ist das womöglich genau der Grund, warum ich seitdem Caol Ila in Faßstärke meide wie der Teufel das Weihwasser.

In nüchternem Zustand hätte ich spätestens an dieser Stelle die Reißleine gezogen und wäre gegangen, anstatt auch dann noch bei ihm zu bleiben, als die Musik langsamer wurde… wir wären uns nicht noch näher gekommen; und ganz bestimmt wären wir nicht in einer schummrigen Ecke gelandet. Oh yes, please kiss me…