30-Days Song Challenge – Day #4

 

 


 

Heute schreiben wir Tag 4 der 30-Days Song Challenge, vorgestellt von aequitasetveritas – und die Aufgaben haben es echt in sich. Hier musste ich länger grübeln, bis mir jemand eingefallen ist.

 

Day #4 : A song that reminds you of someone you’d rather forget

Gut, dass ich Microsoft Edge nicht nutze, sonst bekäme ich ständig Bilder des aktuellen amerikanischen Präsidenten angezeigt – jemand, an den ich nicht ständig erinnert werden möchte und der deshalb auf der Liste derer, die ich lieber vergessen würde, ganz weit oben steht.

 

 

Gemeint hat Pink in ihrem offenen Brief an Dear Mr. President (https://www.youtube.com/watch?v=wmMS9XVIa00) zwar einen anderen, nämlich George W. Bush – aber man kann nie wissen, wer oder was als nächstes kommt. Pink ist in dem Video übrigens nicht zu sehen. Suchen ist zwecklos.

 

„Broken Strings“ : Chapter 11 – Karaoke 2.0

 

Die Karaoke-Bar ist eröffnet“, alberte Leslie hinter ihrem Mischpult herum. „Bühne frei für Andrea McAllister, the upcoming star of the 21st century mit ihrer ganz eigenen Interpretation von… äh, Mist, jetzt bin ich im Text verrutscht.“

Oh Mann, Leslie. Wir sind doch hier nicht bei Amy MacDonald, die mitten im Konzert ihren eigenen Text vergisst. Ihre Ansage war so over the top, dass Dave grinsen musste, und auch mir ging es nicht anders, ich hoffte nur, dass Kevin sich gut festhielt, um nicht vor Lachen vom Gerüst zu fallen.

„Okay, jetzt hab ich’s. Also, Andie, dann mal los“, rief sie mir zu, während sie sich ein am Bühnenrand abgestelltes Root Beer griff und sich die geöffnete Flasche wie ein Mikrofon vors Gesicht hielt: „Ladies and Gentlemen, Bühne frei für Andrea McAllister, der Newcomerin des Jahres, mit ‚Mother‘ von Florence and the Machine!“

Nanu? Hatten wir uns nicht auf Conjure One geeinigt? Und anscheinend war unser Herumgeblödel von neulich schon vergessen, denn von Journey war auch keine Rede mehr. Also kein Song von denen, wo ich nun Mike Mitchell am Mikrofon vertrat… Ha Ha. Diesen Joke hatte ich mir selbst vermasselt, und nun war es zu spät für eine Korrektur, obwohl – eigentlich vertrat ich ihn ja gar nicht, sondern half nur beim Soundcheck aus.

Okay, dann eben „Mother“, eins meiner Lieblingslieder – sehr zur Verwunderung von Dave und Kevin, denn die hatten eher mit einem Song aus den 80er Jahren gerechnet. Aber warum eigentlich nicht… Protest gab es auch keinen, meinem Ausflug in die Musikwelt auf Probe stand also nichts mehr im Wege. Mit genau null Zuhörern, von meinen Kollegen mal abgesehen. Wie beruhigend, dachte ich, mal sehen, was Leslie aus ihrer Anlage alles herausholen würde. Mehr Bässe und fette Beats rein, die weibliche Gesangsstimme konnte sie ruhig runterdimmen oder ganz wegnehmen, falls das überhaupt möglich war – wir wollten ja schließlich die Mikrofone testen.

Statt des obligatorischen „Test. Test. Test“ übernahm ich Florence Welchs Part

Oh Lord, won’t you leave me. Leave me on my knees. Cause I belong to the ground now And it belongs to thee. And oh lord, won’t you leave me, Leave me just like this. Cause I belong to the ground now. I want no more than this

Wow. Das klang ja so viel besser als wenn ich ihre Lieder beim Autofahren in voller Lautstärke mitsang. Die Akustik in der Halle war besser, als ich erwartet hatte. Und dabei stand ich noch nicht einmal am Mikrofon 1 für die Leading Vocals, sondern arbeitete mich nach Leslies Plan von den Mikrofonen für die Gitarristen über die für Bass und Keyboards zu denen vor, an denen Sue und Madlyn abends stehen sollten. Inclusive dem für Ryan gab es insgesamt acht Mikrofone, und bis wir die alle durch hatten, würde das eine ganze Weile dauern.

How I long for the older, the sun keeps burning deep. Every stone in this city keeps reminding me. Can you protect me from what I want? The love I let in, it left me so lost

So langsam begann ich, Gefallen an diesem Test zu finden. Das „Daumen hoch“ von Leslie und Dave galt zwar eher der Technik als meiner Gesangsdarbietung, dennoch fühlte ich mich motiviert, um richtig Gas zu geben. An Florence Welch kam niemand heran, aber warum sollte ich das Experiment abbrechen und Leslie einen anderen Song aussuchen lassen? Begleitet von dem Text, in dem ich mich in Teilen wiedererkannte, mäanderte ich mich über die gesamte Bühne und wieder zurück an das erste Mikrofon, das ziemlich genau in der Mitte zwischen denen für Mark und Danny stand.

All these couples are kissing and I can’t stand the heat. I lost my shoes and left the party, I wander in the street

Oh ja, das klang ganz nach jenem Abend, mit dem alles angefangen hatte. Hätte ich bloß die Party rechtzeitig verlassen.

Mother, make me, make me a big grey cloud. So I can rain on you things I can’t say out loud

Dinge, die ich nicht aussprechen konnte oder wollte; davon konnte ich ein Lied singen. Warum ich das, was mir auf der Seele lag, nicht aussprechen konnte, sondern lieber durch den passenden Song auszudrücken versuchte, war mir noch immer ein Rätsel. So langsam kam ich mir vor wie das Mädchen in „To look at you“, das zwar wusste, was es fühlte, aber die richtigen Worte nicht finden konnte. „What is the name to call for a different kind of girl who knows the feelings but never the words.“

So. Und das ganze jetzt mit Beleuchtung!“ rief Kevin von oben und unterbrach meine ebenfalls mäandernden Gedanken. Zustimmung von Bradley, der sich um die Steuerung der einzelnen Spots kümmerte: „Ja, damit wir realistische Bedingungen haben.“

So, liebe Andrea. Diese ätherischen Klänge sind ja ganz nett“, schaltete sich Leslie ein.

Oh nein: Nett ist der kleine Bruder von Scheiße.

„Aber jetzt hätte ich doch gerne etwas mit mehr Power!“

Noch mehr Power? Da fiel mir nur noch „Premonition“ oder der Serenity-Remix von „Sleep“ ein. Also doch Conjure One. Warum nicht gleich von Anfang an? Tatsächlich wählte sie den von Jeff Martin gesungenen Bonus-Track, der den Abschluß meiner Playlist bildete. Die schweren Beats des im Original drei Minuten langen Stücks dröhnten durch die ganze Halle und waren nach dem elfengleichen Gesang von eben ein regelrechter Kulturschock. Ambient/Worldbeat? Really? Elektronische Klänge mit Ethno-Touch? Schön, dass meine Kollegen jetzt auch mal andere Seiten von mir kennenlernten.

My soul is a desert when nothing is comfort, sheltered from chaos and sheltered from you

Stimmlich konnte ich mich auch mit diesem Sänger nicht messen, für meine Ohren klang das Resultat jedoch gar nicht so übel, und es war ja auch nur ein Test, niemand außer uns fünf würde dieses Gejaule jemals hören…

Can’t feel you anymore, don’t need you anymore, don’t believe you anymore, I don’t need you anymore

Warum wir diesen ganzen Test erneut durchexerzierten, war zwar die große Preisfrage des Tages, weil wir ja schon festgestellt hatten, dass die acht Mikrofone einwandfrei funktionierten, aber so zu tun, als sei ich Leadsängerin einer Band, machte mir dann doch zu viel Spaß, wie ich insgeheim zugeben musste.

Enough with temptations, illusions are evil. We exist in confusion – soulless and vain

Hier oben zu stehen, war zwar nicht das, was ich jeden Abend gebraucht hätte, aber so zu tun, als wäre ich eine Sängerin, hatte definitiv etwas. Andrea McAllister, the last Rockstar? Yes, my dear – aber die drei Minuten waren gleich um, Zeit für das letzte Mikrofon und die Gelegenheit, mich nochmal so richtig ins Zeug zu legen.

Can’t feel you anymore, don’t need you anymore, don’t believe you anymore, I don’t need you anymore

Gut, dass ich mich drei Meter vom Bühnenrand entfernt befand. Bei der Dunkelheit im Saal und auf der Bühne bestand sehr leicht die Gefahr, die Orientierung zu verlieren und womöglich obendrein noch von der Bühne zu stürzen. Die Verdunkelung war Kevins Idee gewesen, damit Bradley seine Lightshow durchspielen konnte.

Realistische Bedingungen? Zu der Show gehörte auch, dass der Sänger von einem einzigen Spot in bläuliches Licht getaucht wurde. In diesem Fall also ich. Zum ersten Mal bekam ich einen Eindruck davon, wie warm es auf der Bühne wirklich werden konnte. Kein Wunder, dass eine zweistündige Show eine schweißtreibende Angelegenheit war.

Bradley wechselte die Lichtfarbe von Blau über Weiß zu Gelb ließ das Spotlight durch den Saal wandern. Fehlte nur noch Rot. Oder Grün. Noch stand im Saal niemand, aber später würde sich der Bereich vor der Bühne füllen.

It’s broken me down now

Der Spot hatte seine Wanderung beendet und fixierte eine einzelne Person, die an dieser Stelle vorher noch nicht gestanden hatte. Mike. Shit. Wo war der denn jetzt auf einmal hergekommen? Sollten die Proben nicht wesentlich später anfangen. Irritiert zog ich das Mikrofon aus seiner Halterung und bewegte mich drei Schritte vorwärts, während ich ihm direkt in die Augen sah…

This hurts and it’s hopeless

Schon seltsam, dass dieser Text so gut passte wie die berühmte Faust aufs Auge? Mit ihm etwas anzufangen, war sinnlos und hatte keine Zukunft.

♫  Can’t look to the future. The window is stained. Can’t feel you anymore, don’t need you anymore, don’t believe you anymore, I don’t need you anymore

Ob die Message angekommen war, konnte ich seiner Reaktion nicht entnehmen. Es hätte aber auch nichts daran geändert, dass ich nur noch weg wollte und das Mikrofon gar nicht erst wieder in der Halterung befestigte, sondern es auf dem Boden ablegte, bevor ich die Bühne verließ und im Dunkel verschwand.

Der Wein roch wie Pinselreiniger und schmeckte auch so. Was für eine Plörre. Aber um mich zu besaufen, war er genau das Richtige. Hoffentlich gab das einen ordentlichen Kater am nächsten Morgen, der alles andere übertünchte, wie zum Beispiel den Schmerz. Better to have a hangover than being lovesick – aber dann „Better not – denn Blau ist nur als Farbe schön“. Typisch. Dann, wenn’s drauf ankam, einen Rückzieher machen.

Wenn ich nur an meinen wenig heldenhaften Abgang dachte, nachdem Mike plötzlich im Scheinwerferlicht gestanden hatte, wo ich mir da oben auf der Bühne anfangs so überaus mutig vorgekommen war. An das, was danach folgte, konnte ich mich nur bruchstückhaft erinnern, aber an eins auf jeden Fall – nämlich dass mir ein Besäufnis aus Frust mit einem Mal verlockend erschienen war. Aber nicht mal das bekam ich hin…

Wieder und wieder spulte mein Hirn diese Szene vom Abend zuvor ab. Mein Blick wanderte zum Radiowecker hinüber, dessen leuchtend rote Ziffern 3:43 Uhr anzeigten, während Leslie leise vor sich hin schnarchte. Um ihren festen Schlaf beneidete ich sie wirklich; im Gegensatz zu ihr wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Quälend langsam verging die Zeit, und am Ende, nachdem ich mindestens eine Stunde lang vergeblich versucht hatte, wieder einzuschlafen, richtete ich mich mühsam auf.

Oh, wie gut, dass ich das mit dem australischen Fusel doch noch gelassen hatte; ich fühlte mich auch so schon gerädert genug. Alle Knochen taten mir weh. Verdammter Muskelkater! So schlimm war er doch vorher nicht gewesen. Ächzend schleppte ich mich ins Bad und betrachtete mich im Spiegel. So wie meine Arme schmerzten, musste ich Schultern wie ein Preisboxer haben, aber Fehlanzeige. Statt dessen prangten frische blaue Flecken an den Stellen, an denen mich Frank so grob angefasst hatte.

Das hatte mir gerade noch gefehlt. Zum Verarzten war nach der kurzen, aber heftigen Konfrontation wegen der vielen Schlepperei keine Zeit geblieben, und später hatte ich mich auf andere Dinge als auf mein Wohlbefinden konzentriert. Dafür aber spürte ich die Folgen jetzt umso mehr. Auch mein Rücken sah nicht besser aus: Kratzer und Abschürfungen, die von der Wand stammten. Mit einem T-Shirt drüber würde es gehen. Und über das Verdecken der Blessuren an meinen Oberarmen konnte ich mir bei einem warmen Bad noch Gedanken genug machen.

5:27 Uhr – um diese Zeit die Wanne füllen und womöglich Leslie aus dem Schlaf reißen? Keine gute Idee. Also schlüpfte ich in meinen Badeanzug, der über der Duschvorhangstange zum Trocknen hing. Der verdeckte zwar die schlimmsten Stellen nur notdürftig, aber erstens war ich alleine im Pool und zweitens war es noch dunkel. Falls doch noch jemand rein zufällig unterwegs war (was ich nicht glaubte), würde er oder sie das nicht sehen.

Ungefähr eine Viertelstunde später ließ ich mich in den Pool gleiten. Wie warm das Wasser war, trotz der frühen Morgenstunde! Die Luft um mich herum war erfüllt vom Zwitschern der ersten Vögel. Oh ja, das war definitiv besser, als im fensterlosen Badezimmer in der Wanne zu liegen. Schwimmen sollte bekanntlich Wunder bei verspannten Muskeln wirken und zudem eine der schonendsten Sportarten sein. Sofern ich nicht den Fehler machte, den Kopf ständig über Wasser zu halten, denn damit tat ich meinen Nackenmuskeln keinen Gefallen.

Langsam und beinahe lautlos zog ich meine Bahnen durchs Wasser und legte dann und wann eine Pause am Beckenrand ein, um das Wasser aus der nicht ganz dichten Schwimmerbrille herauszulassen und die Aussicht zu bewundern, die ich für mich ganz alleine hatte. Was für ein spektakulärer Anblick: In der Ferne erhoben sich schneebedeckte Gipfel aus dem Dunst. Schon bald würde die Sonne aufgehen. Doch bis es so weit war, konnte ich ruhig noch ein paar Bahnen schwimmen. Diese Art von Frühsport beruhigte mich. Nicht.

Jemand ließ sich geräuschvoll in das Becken fallen und riss mich aus meiner Meditation. Wie ungeschickt, so einen Lärm um sechs Uhr morgens zu veranstalten. Noch so eine Arschbombe, und das halbe Hotel wäre wach. Aber so unelegant, wie er durch das Becken pflügte, brauchte es noch nicht einmal das. Ich hatte schon begnadetere Schwimmer gesehen. Sportlichkeit sah anders aus, denn die beinhaltete Fairness und Rücksichtnahme gegenüber anderen Mitschwimmern, die sich in derselben Bahn befanden. Und diese „Sportskanone“ dachte gar nicht daran, mir die Bahn zu überlassen, denn sie hielt genau auf mich zu.

Nach drei weiteren Zügen dämmerte mir, dass dieser Frühsportler mir den Weg mit voller Absicht versperrte. Leider sah ich durch die angelaufenen Gläser meiner Brille nicht sehr viel, außer dass dieser Idiot es anscheinend auf einen Frontalzusammenstoß anlegte. Als ich versuchte, ihm auszuweichen, zog er in die gleiche Richtung. Zufall konnte man das nun wirklich nicht mehr nennen. Genervt brach ich mein Sportprogramm ab und steuerte den seitlichen Beckenrand an, wo ich die vollgelaufene Brille abzog; und erstarrte. Der aufdringliche Schwimmer war Mike. Noch ein Zug, und er war so dicht vor mir, dass es für ihn ein Leichtes war, mich gegen den Beckenrand zu drängen. Weder nach links noch nach rechts war Wegschwimmen möglich, und Abtauchen erst recht nicht. Ich saß in der Falle.

So, jetzt hab ich Dich. Jetzt entkommst Du mir nicht mehr.“

Fand er das etwa witzig? Ich war alles andere als begeistert, und das war noch stark untertrieben. Aber er schien es wohl ernst zu meinen.

„Was soll das, Andrea? Warum gehst Du mir aus dem Weg?“

So ein Quatsch, war meine Reaktion.

Halt mich nicht für blöd. Seit Tagen bekomme ich Dich kaum zu Gesicht; und wenn dann doch, bist Du furchtbar beschäftigt!“

Natürlich hatte ich viel zu tun. Da konnte er gerne Dave und dessen Kollegen fragen.

Und komm mir nicht mit faulen Ausreden.“

Inzwischen war er so nah an mich herangerückt, dass ich seinen Atem spüren konnte. Noch näher ging nicht. Das grünliche Braun seiner Augen war verschwunden; sie schimmerten dunkel. Das würde Ärger geben.

Also sag schon: Was ist los?“ insistierte er und packte mich dabei an den Oberarmen, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Dummerweise erwischte er meine blauen Flecken. Verdammt, warum mussten die Leute immer gleich handgreiflich werden? Vor Schmerz zuckte ich zusammen. Sofort rückte er ein Stück von mir ab, um mich genauer zu betrachten. Dass es immer heller geworden war, kam ihm dabei entgegen.

„Oh Shit!“ rief er erschrocken aus. „Sag jetzt nicht, dass es das ist, was ich glaube.“

Klar, dass er wissen wollte, wer das getan hatte. Aber ich konnte es ihm nicht sagen.

„Ist das der Grund, warum du auf Distanz gehst?“

Eine Antwort konnte ich ihm darauf unmöglich geben. Aber ich musste es auch gar nicht. Er wusste auch so Bescheid.

„Oh Mann,“ flüsterte er, sichtlich schockiert, „wer war das? Und ich Idiot wollte ihm nicht glauben…“

Ihm glauben – wem? Bradley? Hatte der ihm gegenüber etwa Andeutungen gemacht? Und das, wo ich ihn doch inständig gebeten hatte, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Typisch! Manche Leute konnten einfach ihren Mund nicht halten! Und ausgerechnet Bradley hätte ich so nicht eingeschätzt. Innerlich sträubte sich bei mir in diesem Moment alles gegen Mike und seine Nähe. Warum konnte er mich nicht in Ruhe lassen, damit die mir noch verbleibenden Tage so ereignisarm wie möglich verstreichen konnten? Aber nein, die Inspektion war noch nicht beendet. Jetzt nahm er auch noch die Blessuren auf meinem Rücken unter die Lupe.

Wow. Das darf doch alles nicht wahr sein!“ entfuhr es ihm, und ich spürte, wie er verzweifelt um Fassung rang – aber diesen Kampf gegen seine Wut würde er verlieren; die aufwallenden Tränen sprachen eine deutliche Sprache. „So eine verdammte Scheiße! Wenn ich den erwische, kann er sich warm anziehen!“

Wann hatte ich schon einmal jemanden so hilflos erlebt? „Mike, nicht…“

Jetzt war auch ich davor, die Fassung zu verlieren. Lass es, wollte ich noch hinzufügen, aber weiter kam ich nicht mehr. Er zog mich in seine Arme und strich mir die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Dass auch mir jetzt die Tränen kamen, ging auf das Konto dieser Umarmung, in der er mich so fest hielt, dass ich kaum noch vernünftig Luft bekam.

Im Normalfall wäre mir das zu weit gegangen, aber in dieser Ausnahmesituation, in der ich noch nicht einmal logisch denken konnte, hatte ich mit einem Mal das Gefühl, dass alles bisher Geschehene plötzlich unwichtig geworden war. Hier standen wir, und es fühlte sich seltsamerweise richtig an. Es war egal, wie lange wir hier schon standen und mir langsam kalt wurde; alles, was zwischen uns schiefgelaufen war, hatte keine Bedeutung mehr und war ausgelöscht.

Also liegt es nicht an mir?“, flüsterte er.

Ich konnte nur entgegnend den Kopf schütteln. Was gab es noch groß zu sagen? Dass ich mich wie eine Idiotin aufgeführt hatte: mein „I don’t need you anymore“ beim Soundcheck, und mein Geturtel mit Ryan nach dem Billardturnier.

Dann war also alles nur eine riesengroße Show?“ Ja, das war es. „Aber warum?“

Ich konnte wetten, wenn ich ihm noch ein paar Sekunden gab, dann kam er von selbst darauf, aber in diesem Punkt hatte ich ihn dann doch unterschätzt. Nein, darauf war ich wirklich nicht stolz. Jetzt, wo fast alle Karten auf dem Tisch lagen, sprach nichts dafür, die Wahrheit noch länger zurückzuhalten, auch wenn ich mich furchtbar schämte und mich am liebsten in Luft aufgelöst hätte.

Was glaubst Du wohl?“ fing ich umständlich an; Zeit zu schinden, war jetzt so ziemlich das Unvernünftigste, und innerlich stauchte ich mich selbst zusammen.

Verdammt nochmal, Andrea, reiß dich gefälligst zusammen und bring es endlich hinter dich. Auch wenn es wehtut. Kleinlaut versuchte ich, mich von ihm wegzudrehen. Ihn anzusehen, brachte ich nicht fertig. Aber er hielt mich fest, und zwang mich, ihm in die Augen zu schauen. Offenbar verstand er immer noch nicht.

„Mensch, Mike – kannst Du Dir wirklich nicht vorstellen, dass ich Dich eifersüchtig machen wollte?“ Was für eine Offenbarung. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Oder doch eher der Offenbarungseid?

Mich eifersüchtig machen?“ Jetzt, wo er es wiederholte, klang es wirklich bescheuert. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?! Jetzt noch mal langsam und zum Mitschreiben. „…. mit Ryan?“ – Ich konnte den Groschen schon fallen sehen „Du meinst, zwischen Euch läuft überhaupt nichts….. Aber wieso…“

Wieso was? Wieso ich mit Ryan keine Affäre hatte oder wieso ich mich wie ein liebeskranker, verbohrter Teenager benommen hatte? Doch wohl eher das Zweite. Aber wieso eigentlich? Ich wusste doch selbst am besten, dass die so überaus romantische und das Publikum begeisternde Gesangseinlage, adressiert an einen im Lichtkegel stehenden weiblichen Fan, Bestandteil der Show war, und das jeden Abend. Und dennoch… Wenn es wenigstens ein anderer Song als ausgerechnet „By my side“ gewesen wäre.

Eifersüchtig machen. Mich. Mit Ryan.“

Ja – wie oft denn noch? Wie oft wollte er das noch wiederholen?

„Dann bin ich Dir also nicht gleichgültig?“ Schweigen. „Du empfindest also etwas für mich.“

Ja. Und wenn es so war: Welchen Sinn hatte das jetzt noch? Das mit uns hatte keine Zukunft. So gesehen, passte das, was ich beim Soundcheck von mir gegeben hatte, doch einwandfrei: „This hurts and it’s hopeless, can’t look to the future.“

Schon in ein paar Tagen wäre die Show für mich hier gelaufen. Brian hatte sich zwar immer noch nicht geäußert, wie mein Abschied zu regeln war, aber spätestens am nächsten Tag hätte einer von uns Nägel mit Köpfen gemacht, selbst hier, am Arsch der Welt.

Ja, und wenn schon! In ein paar Tagen bin ich weg von hier. Und zwar für immer. Wir werden uns nie wiedersehen.“

Die Notbremse zu ziehen, zeugte entweder von Mut oder unbeschreiblicher Feigheit.

„Warum tun wir uns beide nicht den Gefallen und beenden das Ganze, bevor es überhaupt angefangen hat?“

Ich konnte nicht verstehen, dass ich das soeben wirklich gesagt hatte, und auch Mike schien kaum seinen Ohren zu trauen.

Sag das nochmal.“ stieß er ungläubig hervor. „Sag es nochmal, und dann sag mir, dass ich Dir völlig egal bin.“

Mist. So war das bei ihm angekommen? Some kind of twisted reality. I could not believe it. Believe it or not, aber vielleicht wollte er mich auch absichtlich missverstehen.

Sag es.“ Unsere Blicke trafen sich.

Und da wusste ich, dass ich es nicht konnte. Ihm zu sagen, dass er sich zum Teufel scheren sollte? Dass er mir gestohlen bleiben konnte und ich froh darüber war, endlich nach Hause fliegen zu können? Dass die vergangenen Wochen die größte Zeitverschwendung meines Lebens gewesen waren? Dass ich wünschte, ihm nie begegnet zu sein? Und vor allem… dass ich ihn nicht liebte? Ich konnte es nicht. Weil es eine riesige Lüge gewesen wäre. Und das brachte ich einfach nicht fertig.

„Du kannst es nicht.“

Eine einfache Erkenntnis. So einfach, dass ich mich nicht länger dagegen wehrte, dass er mich küsste. In seinen Armen lag ich ja schon. Wie praktisch. Das machte es so viel einfacher.

„Ich will nicht, dass du gehst.“

Dies war der Moment, in dem sich mein mühsam aufgebauter Widerstand auflöste.

„Bitte geh nicht!“, wiederholte er leise.

Als ob ich das jetzt noch konnte – alles, was ich wollte und vermutlich je gewollt hatte, war hier vor mir. Ich musste nur noch zugreifen.