# Writing Friday 2020 – Mai, 18. Woche : Das älteste Buch

Fünf Freitage hat dieser Mai, und fünf Schreibthemen. Habe ich einen Stapel ungelesener Bücher? Mehr als zwei oder drei Bücher, die noch aufs Gelesenwerden warten, werden es nicht sein. Trotzdem gibt es da ein Buch, und das möchte ich heute mal näher unter die Lupe nehmen. Eines der Themen des #Writing Friday auf dem Blog von elizzy lautet nämlich:

Welches ist das älteste Buch auf deinem Stapel ungelesener Bücher? Stell es uns vor, wieso hast du es noch nicht gelesen?

Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Warum nur, warum….

 

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Das älteste Buch

Liegt es daran, dass ich dieses Buch geerbt habe und ich wegen der Erinnerungen an den Menschen, der es mir hinterlassen hat, es nicht weiterlesen konnte? Oder vielleicht daran, dass über 560 Seiten eine Menge Stoff sind? Am Thema kann’s nicht liegen, denn schließlich behandelt Selma Lagerlöfs nobelpreisgekrönter Klassiker

Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen

eine denkwürdige Reise durch Schweden, hoch in den Lüften, inmitten einer Schar Wildgänse.

Es ist nicht nur das älteste der noch nicht von mir gelesenen Bücher, sondern liegt dort auch schon so lange, dass die Handlung bereits aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Auf dem Vorsatzblatt heißt es:

Diese Ausgabe von SELMA LAGERLÖF WUNDERBARE REISE DES KLEINEN NILS HOLGERSSON MIT DEN WILDGÄNSEN – Nobelpreis 1909 – Schweden – ist eine auf den Kreis der Nobelpreisfreunde beschränkte Auflage und erscheint mit Genehmigung der Nymphenburger Verlagshandlung, München, im Coron-Verlag Zürich

Alter Schwede! Erfunden haben’s also nicht die Schweizer, und ich hätte gerne gewusst, wie eine solche Rarität in unseren Nachlass geraten konnte. Ist aber auch egal… nach so vielen Vorschusslorbeeren ruft dieser Klassiker geradezu nach einem zweiten Versuch. Bei H.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ habe ich auch drei Anläufe gebraucht, war dann aber Feuer und Flamme.

Und wer weiß, vielleicht geht es mir mit Nils Holgersson jetzt wie seinerzeit mit der Reise durch Mittelerde. Und heißt es nicht, dass Reisen bildet? Dass es genau so bildet wie Lesen? Und wenn es nur auf dem Papier ist… Und da ich ja nun nirgends hin muss, zieht auch die Ausrede, der Wälzer sei zu schwer zum Mitnehmen in Bus und Bahn, nicht mehr.

Dabei ist das Buch noch in zwei anderen Punkten interessant: Zum einen erfährt man aus dem Vorwort einiges über die Geschichte des Literaturnobelpreises an sich und dem Hadern der Kommission mit der Tatsache, dass scheinbar weit und breit kein schwedisches Schriftstellergenie zu finden war, das eines Nobelpreises würdig war; und über den Roman an sich, der Kindern auf unterhaltsame Weise Lehrreiches über die Geografie und Geschichte Schwedens beibringen sollte.

Und wenn dies durch die Erlebnisse eines vierzehnjährigen Jungen geschieht, der für seine Missetaten zur Strafe in ein Wichtelmännchen verwandelt wird, warum nicht…

Ach, wie unglücklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewiß noch nie ein Mensch so unglücklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern ein verhexter Zwerg.“ (…) „Aber es war gar nicht leicht, sich auf dem glatten Rücken zwischen den beiden schwingenden Flügeln festzuhalten. Er mußte mit beiden Händen tief in die Federn und den Flaum hineingreifen, um nicht hintüber zu fallen.“

Da ich dieses Jahr nicht verreisen werde, bietet sich diese literarische Reise doch geradezu an.

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Die Schreibthemen im Mai lauten:   1) David wird aus dem Gefängnis entlassen. Berichte in Rapport Form, was seine Straftat war. +++ 2) Welches ist das älteste Buch auf deinem Stapel ungelesener Bücher? Stell es uns vor, wieso hast du es noch nicht gelesen?  +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Warnung, unglaublich, Windmühle, vergessen, gelogen +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Er war sich seiner Sache so sicher, dass er…” beginnt. +++ 5) Schreibe die letze(n) Szene(n) einer Geschichte und beende diese mit “Das war doch Mal ein richtiges Abenteuer!

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

30-Days Song Challenge – Day #6

 

Bei mir fällt der sechste Tag dieser Challenge auf den 1. Mai. Wie passend: Day #6 : A song that makes you want to dance

 

 

Den Songe hatte ich in letzter Zeit öfters. Tanzen im Home-Office, nach Feierabend im gepflasterten Hof und ein Fall für die Rubrik „Misheard Lyrics“, wenn man statt des titelgebenden Wortes „mysterious girl“ versteht:

Nelly Furtado & Timbaland – Promiscuous (https://www.youtube.com/watch?v=0J3vgcE5i2o)

„Broken Strings“ : Chapter 12 – Hürdenlauf

Aufgewacht, die Sonne lacht!

Huch! Was war das denn?! Jemand war ins Zimmer gekommen und warf die Tür mit einem Knall hinter sich zu. Autsch! Für meinen armen Kopf fühlte sich das wie der Schuss aus einer Pistole an.

Vielen Dank, John: Mit meinem Schlaf war es vorbei. Dennoch konnte ich kaum einen klaren Gedanken fassen oder gar den Filmriss kitten. Doch die Nervensäge machte es mir nicht gerade einfach. „Hach, muss Liebe schön sein…“ Nüchtern hörte sich das nicht gerade an. „Hicks!“ – Lall und Fall.

What The ****! Verdammt, John, was soll das?“ Mike klang verärgert. „Halt einfach die Klappe und schlaf deinen Rausch aus.“ – Uiuiui, da war aber jemand angesäuert.

Mike… John… Moment mal… Ächzend hievte ich mich in die Senkrechte. Mein Zimmer war das nicht… Sondern das von Mike und dem Keyboarder? John, der gestern Abend mit Mark und Danny losgezogen war, kehrte nun offenbar von seiner Kneipentour zurück. Um ein Uhr mittags. Ein Uhr? Das war normalerweise nicht die Zeit, in der ich – eingewickelt in einen mir viel zu großen Bademantel – noch im Bett lag, schon gar nicht in einem fremden, und erst recht nicht in Mikes Armen, der mit Jeans und T-Shirt bekleidet war.

Wenn John gedacht hatte, uns bei einer heißen Nummer zu stören, mussten wir ihn enttäuschen. Nichts war passiert. Das wurde mir in diesem Augenblick blitzartig klar. Oh ja, so langsam kam die Erinnerung daran zurück, wie es weitergegangen war, nachdem ich Mikes Kuss erwidert hatte.

So abgedroschen das auch klang, aber sein Zimmer lag nicht nur näher am Pool als das von Leslie und mir, es war auch der einzige Ort, der uns einfiel, um ungestört zu sein. Jedenfalls so lange, bis John, mit dem er sich das Zimmer teilte, von seinem nächtlichen Ausflug zurückkommen würde. War mit ihm alleine zu sein nicht genau das, was ich mir insgeheim schon länger wünschte? Doch darüber nachzugrübeln, wie lange schon, dazu kam ich gar nicht erst. Kaum in seinem Zimmer angekommen und die Tür hinter uns geschlossen, ging es dort weiter, wo wir zuletzt stehengeblieben waren. Kiss me, kiss me, kiss me….

Dass der Tag mit einem heißen Flirt beginnen würde, hätte ich mir am Abend vorher auch nicht träumen lassen. Aber war das wirklich nur ein Flirt? Eigentlich war das ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, ausgerechnet jetzt eine Beziehung anzufangen. Und trotzdem… Früher hätte ich jeden, der von Wolke Sieben schwafelte, für verrückt erklärt. Jetzt hatten wir selbst eine für uns reserviert. Aber das war kein heiteres, weißes Wattewölkchen, sondern eine schwefelgelbe Gewitterfront mit grauen Rändern, die mich buchstäblich unter Strom setzte, als er mich an sich zog. Vielleicht etwas zu stürmisch.

Bei dem Versuch, mir die Träger meines Badeanzugs über meine Schultern zu streifen, erwischte er eine meiner am übelsten zugerichteten Stellen, und ich zuckte vor Schmerz zusammen. Baby, there are not only stars in your eyes but stars before your eyes. Jaul!

Autsch!“ kam es dann auch prompt von ihm zurück, als er den bunten Regenbogen auf meinem linken Oberarm sah.

Die Blutergüsse schimmerten in allen Farben und waren jetzt noch deutlicher zu sehen als heute Morgen, kurz nach dem Aufstehen.

„Das tut mir ja schon beim Hinschauen weh.“

Dann schau halt nicht hin, hätte ich am liebsten erwidert, aber er schien sich tatsächlich Sorgen um mein Wohlbefinden zu machen. Vom Ausziehen der nassen Sachen, in denen ich immer stärker fror, war in diesem Moment keine Rede mehr. Statt dessen wollte er wissen, warum ich nichts gegen die Schmerzen eingenommen hatte. Gute Frage. Auch wenn ich viel zu tun gehabt hatte, dafür wäre auf jeden Fall genügend Zeit gewesen. Jetzt hatte ich den Salat. Und Mikes Aufmerksamkeit. Wenn auch etwas anders, als ich erwartet hatte.

Dass er im Sinn gehabt hatte, mich von dem Badeanzug zu befreien, war nicht allein seiner Sorge um meine Gesundheit geschuldet. Natürlich konnte ich mir, wenn ich mich ganz naiv stellte, einreden, dass das nur geschah, damit ich mir keine Erkältung einfing. Ha ha. Aber dazu hätte ich jedoch einen IQ knapp über Zimmertemperatur haben müssen. Wohin diese Reise hingehen würde, konnte ich mir selbstverständlich denken. Zumal ich nicht mal abgeneigt war. Aber dann kam seine Bemerkung über die von mir so konsequent ignorierten Schmerzmitteln, und die Reise endete so abrupt, wie sie begonnen hatte.

Im Bad habe ich welche. Aber pass auf, wenn Du sie nimmst. Das sind nicht die herkömmlichen Paracetamol.“

Das war’s. Der Zug war zum Stehen gekommen; abseits der Hauptstrecke. Auf einem toten Gleis. Um Fassung bemüht, setzte ich mich tatsächlich in Bewegung und verschwand hinter der Badezimmertür, an der ein grauer Frotteemantel hing. Mir war egal, wem der gehörte. Wie ferngesteuert zog ich mir den Badeanzug vom Leib, trocknete mich notdürftig mit dem erstbesten Handtuch ab und schlüpfte in den Bademantel. Ich war wirklich nicht scharf darauf, das bunte Fleckenmuster auf meiner Haut noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Lieber noch einmal durchatmen und Mikes Bitte nachkommen, mir einen Painkiller einzuwerfen. Das würde mir den Tag bestimmt leichter machen. Gut, dass nur ein Glas mit Pillen im Spiegelschrank stand, denn sonst hätte ich ihn fragen müssen, was davon genau gegen was war.

Ich entnahm dem fest zugekorkten Glas erst eine und spülte sie mit einem Schluck Wasser aus dem Zahnputzbecher hinunter. Dann nahm ich noch eine. Eine dritte ließ ich in der Tasche des Bademantels verschwinden. Für später. Wenn ich mich umgezogen hatte. In meinem Zimmer. Aber so weit kam ich nicht mehr. Das letzte, das ich noch mitbekam, war Mike, wie er mich auffing, als mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Kaffee?“ Mit einem Thermobecher, den er mir unter die Nase hielt, bremste er mich erst einmal aus, bevor ich überstürzt aufspringen konnte.

Aber es ist schon nach eins, und ich muss…“

Du musst was? Aufstehen?“ Wie die Antwort lautete, konnte ich mir denken. „Vergiss es. Heute nicht, Süße. Heute ist ein freier Tag. Oder was glaubst Du, warum John mit den anderen unbedingt gestern Abend losgezogen ist. Der wusste, dass er heute zu nichts zu gebrauchen sein würde.“

Stimmt. John war inzwischen in voller Montur auf seinem Bett eingeschlafen und schnarchte friedlich vor sich hin.

„Der ist völlig weggetreten.“

A propos weggetreten. Was für ein Teufelszeug hatte ich da bloß geschluckt. Ich fühlte mich so schwummerig wie nach einer ausgiebigen Sauftour, nur ohne den Drang, den Porzellangott anbeten zu müssen.

„Aber wenn wir schon dabei sind: Wie viele, zum Teufel, hast Du genommen?“

Zwei“, krächzte ich zwischen zwei Schlucken Kaffee. Der war zwar nicht mehr so heiß wie direkt nach dem Aufbrühen, erfüllte aber seinen Zweck.

Mike stieß einen Pfiff aus. „Oh Mann. Kein Wunder, dass Du umgekippt bist. Gut, dass ich das Schlimmste gerade noch verhindern konnte.“

Das Schlimmste verhindern? Irgendein Wirkstoff in diesen Hämmern hatte mich K.O. geschlagen.

„Eine hätte voll und ganz gereicht. Stell dir vor, du wärst draußen zusammengeklappt.“

Ja klar, das hätte bestimmt einen Mordsaufriss gegeben, und dann… hätte jemand hier mächtig Ärger bekommen. Andere setzen ihre Opfer mit K.O.-Tropfen außer Gefecht; Mike Mitchell nimmt dazu seine eigenen Tabletten… Halt. Stop. Was für einen Blödsinn reimte ich mir da gerade zusammen? Das ergab doch alles keinen Sinn. Hatte er mich denn nicht sogar vorher noch gewarnt?

Im Bad habe ich welche. Aber pass auf, wenn Du sie nimmst. Das sind nicht die herkömmlichen Paracetamol. Wohl eher IBU 2400 oder noch stärker; und ich hatte fatalerweise die doppelte Dosis eingenommen. Die dritte, die in der Tasche des Bademantels schlummerte, verschwieg ich ihm lieber. Am besten legte ich die Tablette wieder zu den anderen zurück. Und bei der Gelegenheit konnte ich auch gleich wieder meinen Badeanzug anziehen, der inzwischen bestimmt schon so weit getrocknet war, dass ich auf dem Weg zu meinem Zimmer keine Spuren hinterließ. Aber vorher leerte ich den Becher.

Vielen Dank übrigens noch“, sagte ich und drückte ihm den Becher in die Hand.

Für den Kaffee?“

Dafür, dass Du die Situation nicht ausgenutzt hast.“

Autsch! Wie schräg klang das denn? „Für den Kaffee natürlich auch“, schob ich eilig hinterher, aber das konnte das, was ich davor gesagt hatte, auch nicht mehr relativieren. Die Stille war beinahe mit den Händen greifbar.

Ach ja?“ erwiderte er trocken. „Wofür hältst Du mich eigentlich?“

Ja, das wäre nicht nur eine unerhörte Frechheit gewesen, sondern schlicht und einfach kriminell. Ich und mein Talent, kein Fettnäpfchen auszulassen.

„Ich weiß ja nicht, was für Leute du so kennst, aber so bin ich nicht.“ Genauso gut hätte er auch „so ein Schwein bin ich nicht“, sagen können, und an seiner Stelle hätte ich genauso reagiert.

Tut mir leid, ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Wahrscheinlich gar nichts. Normalerweise rede ich nicht so einen Stuss, aber…“

Weiter kam ich nicht; nach meinem verbalen Fauxpas kam sein Kuss völlig unerwartet.

Hör zu“, sagte er, als wir uns langsam voneinander lösten, und wickelte nachdenklich eine meiner Haarsträhnen um seinen Finger, „Ich mach‘ Dir ’nen Vorschlag: Warum ziehst Du Dich nicht um, und wir gehen was essen?“

Erleichtert atmete ich auf. Jetzt, wo er es erwähnte, spürte ich, wie hungrig ich wirklich war. „Im Prinzip eine gute Idee, aber ich habe keine Ahnung, wo.“

Irgendein Diner werden wir schon finden. Und wenn nicht hier, dann in der nächsten oder übernächsten Stadt.“

Ungefähr eine dreiviertel Stunde später brachen wir in Marks schwarzem Impala auf. Um hier im Ort essen zu gehen, hätten wir ihn nicht gebraucht, aber Mike hatte zwanzig Kilometer weiter südlich ein Diner gesehen, wo es angeblich erstklassigen Kirschkuchen gab. Nur blöd, dass ich keinen Kirschkuchen mochte, aber das war hoffentlich nicht das einzige auf der Karte, das seiner Meinung nach erstklassig war. So lange man den Kaffee trinken konnte und es halbwegs genießbare Steaks gab, wäre der Ausflug nach Twin Peaks oder wie das Städtchen hieß, wenigstens nicht für die Katz.

Twin Peaks war natürlich nicht sein richtiger Name – ich hatte ihn nur so aus Jux genannt, wegen des Kirschkuchens; wie er tatsächlich hieß, war mir entfallen. Bei geografischen Bezeichnungen ließ mich mein Gedächtnis regelmäßig im Stich. Das hatten andere besser drauf. Zum Beispiel Brian, der die Tour organisiert hatte. Das musste er auch, denn er war derjenige, der die Pläne machte und über alles Bescheid zu wissen hatte. Perfekte Organisation war das A und O. Auf ihn verließen sich schließlich alle, und trotzdem hatten wir den einen, strittigen Punkt noch nicht geklärt: den meiner Abreise.

O Mann, und genau zu diesem Zeitpunkt kam mir jetzt die Geschichte mit Mike in die Quere. Wie gut, dass nicht ich, sondern er am Steuer saß, denn bei diesem ganzen Chaos wäre es mir schwer gefallen, mich auf die Straße zu konzentrieren. Für ihn war alles ganz einfach: Wenn es nach ihm ging, war Steves Rückkehr überhaupt kein Problem. Aber ganz ehrlich: Ich war ohnehin nur als Vertretung geplant gewesen und hätte mit seiner Rückkehr meine Schuldigkeit getan. Was für einen vernünftigen Grund gab es für mich, weiter mit ihm und seiner Band durch das Land zu reisen? Mit Vernunft hat das rein gar nichts zu tun, Baby.

Genau so stellte ich mir seine Argumente vor. Klar, was hat Liebe auch schon mit Vernunft zu tun? Fragte sich nur, wie lange die anhielt. Ewig bestimmt nicht. Irgendwann kam eine neue Schönheit des Weges, mit der er anbandeln konnte. Und dann war mein Typ nicht mehr gefragt. Warum also so lange warten anstatt gleich Bye-Bye zu sagen….

Hey, Süße, woran denkst du?“ riß mich seine Stimme aus meinen Gedanken, die sich schon wieder im Kreis drehten.

Wenn mich schon mein Hirn nicht zu einem brauchbaren Ergebnis führte, warum hörte ich dann nicht zur Abwechslung mal auf mein Herz? Am Steuer dieses traumhaften Wagens sah er einfach zum Anbeißen aus. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Männer mit längeren Haaren gehabt. Wenn dann noch Augen in so einer Wahnsinnsfarbe und eine Stimme zum Dahinschmelzen hinzukamen… mein Handschuhfetisch tat dann noch sein Übriges, um mich restlos zu verlieben.

Komplett in Schwarz gekleidet, passend zum Impala, hatten wir uns unbewusst farblich aufeinander abgestimmt. Partnerlook ging zwar anders, aber anscheinend hatten wir, was Klamotten anging, einen ähnlichen Geschmack. Mit schwarzen Brillen hätten wir beinahe als Men in Black durchgehen können. Oder doch lieber als Geisterjäger aus „Supernatural“? Seufzend warf ich ihm einen langen Blick zu. Woran ich dachte? Das wüsstest Du wohl gerne, Mike Mitchell. Also sagte ich lieber….

Nichts besonderes. Ich schaue dir nur gerne beim Fahren zu.“ Was ja auch stimmte; in meinen Ohren klang das unverfänglich genug.

„Ach übrigens, toller Wagen“, lenkte ich vom Thema ab. „Ganz schön großzügig von Mark, dass er ihn dir so einfach gegeben hat“.

Sehr großzügig sogar: Andere ans Steuer lassen, auch wenn er selbst daneben saß? Nur ungern. Ihnen sein Schätzchen überlassen, auch wenn es nur für einen kleinen Ausflug war? Das konnte ich mir bei ihm erst recht nicht vorstellen.

Hm. Na ja, Mark hat ihn mir schon öfters geliehen, da kommt es auf das eine Mal mehr oder weniger nicht wirklich an.“

Aha! Wusste ich es doch. Selbst wenn stimmte, was Mike sagte; er hatte ihn sich einfach genommen, und Mark hatte keine Ahnung, dass sein Kollege gerade versuchte, sein Date mit dem Impala zu beeindrucken. Wenn John schon so betrunken in sein Bett gefallen war, dann waren Mark und Danny bestimmt auch nicht nüchterner. Blöd nur, dass sein Geständnis etwas spät kam. Und den Ärger würde er bekommen, nicht ich.

Keine Sorge. Bevor er das merkt, sind wir schon lange wieder zurück.“

Na, wenn das mal stimmte. Ich konnte nur hoffen, dass er recht behielt. Ganz wohl war mir dabei nicht, aber ich wollte nicht den Teufel an die Wand malen. Und warum machte ich mir überhaupt Gedanken um ungelegte Eier? Und doch…

Hey Süße, da vorne ist es. Ich glaube, wir sind da.“

Auch wenn ich am liebsten noch stundenlang mit ihm so weitergefahren wäre, war ich doch froh, endlich etwas in den Magen zu bekommen. Während der Fahrt hatte ich sein Knurren ignoriert, aber angesichts der Essensdüfte, die uns schon draußen entgegenschlugen, meldete er sich umso stärker zurück. Beim Aussteigen merkte ich, dass ich doch noch nicht so fit war, wie ich gedacht hatte. Anscheinend war die Wirkung der Pillen immer noch nicht ganz verflogen. Das merkte auch mein Begleiter.

Formvollendet, der perfekte Gentleman ließ grüßen, führte er mich in das Lokal, das aussah wie aus den sechziger Jahren in die Gegenwart verpflanzt: in schwarz-weißem Schachbrettmuster gekachelter Fußboden, mit türkisem Kunstleder überzogene Stühle und Bänke, um Metalltische mit Platten in Marmoroptik gruppiert. In die Karte, die auf unserem Tisch in einer der Nischen lag, musste ich gar nicht erst hineinschauen, um zu wissen, was ich essen wollte – die Steaks am Nachbartisch sahen wirklich lecker aus, genauso wie der Krautsalat. In einer Portion, die man nicht gerade als klein bezeichnen konnte. In XXL gab es auch die Getränke. Solche riesigen Mengen war ich nicht gewohnt, also entschied ich mich für Root Beer, das kam wenigstens in Flaschen mit einer für mich annehmbaren Füllmenge.

Dass ich so wenig trank, gefiel Mike jedoch gar nicht. Meine Einwände, dass ich noch einen Wasserbauch bekommen würde und es später bestimmt nicht bei nur einer Pinkelpause bleiben würde, wollte er nicht gelten lassen. Er bestand darauf, dass ich noch eine große Cola oder wenigstens ein Milchshake zum Abschluß meines Mahls bestellte: „Und wenn es drei Stunden dauert – essen alleine reicht nicht. Du brauchst mehr Flüssigkeit.“

Mehr Flüssigkeit? Wie viel denn noch? Außerdem mochte ich gar nicht, dass er sich anhörte wie der Kontrollfreak aus „Fifty Shades of Grey“, der seine Herzensdame ständig zum Essen nötigte. Wollte ich wirklich einen Boss auch noch im Privatleben? Grey & Steele in Real life? Never ever….

Tut mir leid, Süße“, lenkte er ein. „Aber die Tabletten haben eine unschöne Nebenwirkung. Sie entziehen dem Körper Flüssigkeit. Und bei der Menge, die du eingenommen hast…“

Der Doktor hatte gesprochen. Seine Diagnose stand fest. Aber wenigstens war die Behandlungsmethode frei von Nebenwirkungen. Außer einem randvollen Magen.

„Sorry, Mike, aber ich bin pappsatt“, protestierte ich – es war ja schon ein Wunder, dass ich die soeben verdrückte Menge, überhaupt bewältigt hatte. „Mehr bekomme ich beim besten Willen nicht mehr hinunter.“

Aber das beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Dann lass dir Zeit. Dein Shake kann nicht schmelzen“

Na, er hatte ja die Ruhe weg. Das Gesetz, dass gerade dann die Zeit am schnellsten verflog, wenn es am schönsten war, schien er nicht zu kennen. Er bestellte noch einen Burger. Da hatte er selbsverständlich leicht reden, dass ich mich meinem Shake ganz ausgiebig widmen konnte. Gut, dass ich das, was ihm serviert wurde, nicht auch noch essen musste. An Supersize-Me reichte diese Menge nicht ganz heran, aber wenigstens wusste ich jetzt, wo Mikes Energie für zwei Stunden Bühnenshow herkam. Fast Food war einer guten Figur abträglich? Nicht in seinem Fall.

Während er genüßlich seinen Burger verspeiste, nuckelte ich in kleinen Schlucken an meinem Schokomilchshake. Wie gut, dass ich mir keinen Root Beer Float bestellt hatte. Das Vanilleeis darin wäre bestimmt längst geschmolzen, was bestimmt nicht allein an der Zimmertemperatur lag; aber diese nicht sehr appetitliche Mischung hätte ich bestimmt nicht hinuntergebracht. Im Gegensatz zu meiner Schoki im Glas, die auch ohne Kirsche auf der Sahne köstlich war.

Schokomilchshake ohne Sahne und Kirsche on top und ohne überflüssige Eiswürfel, oh ja, dieses Diner konnte man guten Gewissens weiterempfehlen. Jetzt noch einen Kaffee, und ich war wirklich ein neuer Mensch, wenn auch so satt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, auch nur noch einen Schritt ohne fremde Hilfe zu gehen. Aber immer noch besser als das Gefühl, das ich vor dem Besuch dieses Diners gehabt hatte. Das war nun endgültig verschwunden.

Jetzt hätte ich nichts dagegen gehabt, mit dem Impala noch einen kleinen Ausflug ins Blaue an unseren Lunch zu hängen, denn der Nachmittag war noch lange nicht vorbei. Obwohl das nicht vernünftig war – schließlich gehörte der Wagen nicht uns, und je eher ihn Mark zurück bekam, desto besser.