ABC -Etüden – Wochen 19 & 20 : Sommergedicht

 


Übung macht den Meister, vor allem wenn ich einen neuen Versuch unter dem Motto „Fasse Dich kurz“ bei den abc-Etüden auf Christianes Blog wage: diesmal mit einem Gedicht aus maximal 300 Wörtern, in dem die von Olpo Olponator gespendeten Wörter „Katamaran“, „großspurig“ und „totschweigen“ vorkommen.

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Sommergedicht

Ein Sommertag…  ich seh Dich winken
an diesem See. Dort schwimmt ein Schwan
Du lädst mich ein, etwas zu trinken
mit Dir auf dem Katamaran.

Großspurig habe ich verkündet
„Bestimmt gibt’s jemanden da draußen
denn heißt es nicht ‚wer sucht, der findet?‘
– den Fernsehabend lass ich sausen“

Nun ist er da, der Augenblick
Dein Bild, es sprach mich an.
Von nun an gibt es kein Zurück
bei diesem Traum von einem Mann.

Ein Traum, zu schön um wahr zu sein,
das dachte ich, als ich Dich sah.
Nicht immer aber trügt der Schein
und ich bin Dir so nah.

Ein Rendez-vous auf einem Boot
gab’s immer nur in meinen Träumen
Nun steh’n wir hier im Abendrot
und nähern uns unter den Bäumen.

Du siehst mich an, reichst mir die Hand
mein Glück kann ich nicht fassen.
Du führst mich über diesen Strand
und kannst den Blick nicht von mir lassen

Vergessen hab ich Zeit und Raum,
Musik schwingt durch die Lüfte
Ich wand’le mit Dir wie im Traum
und schwebe durch die Blumendüfte.

Beseelt betrete ich die Planken
und fühle mich leicht schwummerig,
der Weg an Deck beginnt zu schwanken.
Im Kerzenlicht wirkt alles schummerig.

So schlidd’re ich, verlier den Halt,
entgleite Dir und fall‘ von Bord,
stürze ins Wasser, elend kalt.
und hasse diesen finst’ren Ort.

Du traust Dich nicht, mir nachzufolgen.
Mein Traumgebilde, es stürzt ein.
Ernüchtert fall‘ ich aus den Wolken:
Mein Rendez-vous sollt‘ wohl nicht sein.

Mein Date, es war mir nicht vergönnt,
an jenem Tag am See.
Totschweigen bis in den Advent
sollt‘ ich’s, wenn fällt der Schnee.

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Für den Schrifttyp kann ich nichts, der hat sich bei dieser Formatierung automatisch gezogen. Die Illustration zu meiner 268 Wörter kurzen Etüde stammt diesmal von mir.

30-Days Song Challenge – Day #15


 

Coverversionen gibt’s wie Sand am Meer – gelungen finde ich so einige, aber die hier schießt für mich den Vogel ab.

 

Day #15 : A song you like that’s a cover by another artist

 

Die Rache an der Coverversion des ABBA-Hits „ABBA-Esque“ von Erasure (https://youtu.be/L-d4J3YUQmU?t=1) – das Remake des Erasure-Hits „Respect“, gesungen von der australischen ABBA-Tribute-Band namens Björn Again aus Melbourne – A little respect (https://www.youtube.com/watch?v=HNBZQ_uQQBU). Und weil ich das so witzig finde, gibt’s heut beide Songs im Duell.

 

Zuerst Erasure

 

 

Und nun Björn Again

 

 

 

„Broken Strings“ : Chapter 15 – Coffee to go, reloaded

 

 

♫ ♪ ♫ Desire! ♫ ♪ ♫  schallte es quer über die Bühne.

Wie ich das Talent mancher Leute bewunderte, das passende Lied genau in dem Augenblick aufzulegen, in dem ich mir lieber Stille gewünscht hätte. U2 waren zwar meistens eine gute Wahl, aber bitte nicht gerade jetzt. Gut, dass niemand auf die Idee gekommen war, „Some like it hot“ zu spielen. Denn das hätte die Peinlichkeit nur noch länger andauern lassen, was aber anscheind nur mir auffiel. Der Rest war anderweitig beschäftigt. Und Mike… der hatte sich unauffällig verkrümelt und machte sich am Mikrofon zu schaffen, das ich vorhin als erstes verkabelt hatte.

Zeit für mich, meine Pause zu beenden, mit den letzten Kabelbindern die losen Kabel zu sichern und den restlichen Kram einzusammeln, bevor ich mich Dave anschloss, der mit Kevin, Bradley und Leslie ins Gespräch vertieft war. So wie die Männer in die Gegend schauten, war die Stimmung auch schon mal besser gewesen. Von den beiden Roadies war weit und breit nichts zu sehen.

Was ist denn bei Euch los?“ begrüßte ich meine Kollegen. „Wolltet ihr nicht die Lichtanlage testen?“ Oder den Sound? Irgendwie lief heute gar nichts nach Plan.

Frag das mal die Herren Musiker“, erwiderte Bradley, mit den Augen rollend. Oder besser nicht. „Die wollten ihre Probe vorverlegen, weil jemand es für eine gute Idee gehalten hat, die Setlist wieder einmal umzuschmeißen.“

Wer dieser Jemand wohl war? Aber so, wie er dieses Wörtchen betonte, hatte ich das Gefühl, die Antwort bereits zu kennen.

„Plötzlich sind ihnen die alten Songs nicht mehr gut genug. Jetzt soll mehr von Depeche Mode, U2 und INXS rein.“ Ich hatte es mir schon gedacht; es aber von einem Dritten zu hören, war eine ganz andere Hausnummer.

Tolle Wurst“, maulte jetzt auch Kevin. „ich wüsste zu gerne, wessen Schnapsidee das nun schon wieder war. Vorher waren die Coverversionen wenigstens noch bunt gemischt, und die Jungs hatten so was wie Abwechslung in ihrem Programm, bis auf den Schmachtfetzen in der Mitte und das schottische Instrumental am Schluss. Und jetzt? – Läuft das Programm auf ein ‚Tribute to – für wen auch immer‘ hinaus.“

Tribute to the greatest bands of the eighties or the greatest showmen? Und er hatte keine Ahnung, wem diese Änderung eingefallen war. Da war ich zwar schon bedeutend weiter, aber auf diesen Durchblick hätte ich lieber verzichtet. Mir fiel wieder unsere Fahrt nach dem Essen im Diner ein. ‚Geiler Song – so langsam kann ich verstehen, was Du an dieser Band findest.‘ Gut, dass Ihr nicht dabeigewesen seid, denn dann würdet Ihr wissen, wer diesen musikalischen Fußabdruck hinterlassen hat und dass U2 und Depeche Mode nur Füllmaterial mit Alibifunktion sind. Und dann – wärt Ihr noch angesäuerter als jetzt.

Ihre Aufregung konnte Leslie nicht teilen: „Leute, jetzt beruhigt euch wieder. Mir kann’s gleich sein, ob die Jungs Coverversionen von AC/DC, den Simple Minds oder irgendwelchen Pubrockern aus der Wüste Nevada proben…“

Australische Stadionrocker, bitte schön, dachte ich, wenn schon, dann bitte auch richtig.

„… für den Soundcheck spielt das nun wirklich keine Rolle. Umso besser, wenn es nicht zu sehr Kraut und Rüben ist. Dann hab ich’s an den Reglern einfacher.“

Insgeheim musste ich ihr Recht geben. Und es war ja nun nicht so, dass OxyGen brandneues und noch nie geprobtes Songmaterial ausprobieren wollten. Das ein oder andere Lied hatten sie immer mal zwischen ihren Eigenkompositionen verteilt, aber eben nicht so geballt. Schön, dass ein gewisser Jemand mir damit eine Freude machen wollte… aber ob die Fans das auch so sehen würden? War es dabei in dem erhitzten Wortwechsel zwischen Mark, Danny und John gegangen?

Eine Diskussion, aus der sich Ryan genauso wie Leslie heraushielt; dem einen machte die geplante Änderung anscheinend nichts aus, der anderen kam gar nicht so ungelegen, dass sich ein einheitlicher Stil durch das Programm ziehen würde. Nur eben nicht an diesem Abend, wie Brian unmissverständlich klarstellte. Dennoch konnte es nicht schaden, wenn sie die für kommende Konzerte vorgesehenen Songs jetzt schon mal probten oder beim Soundcheck anspielten.

„Okay, ich sehe schon, die Pause ist beendet“, stellte Leslie fest, „Gott sei Dank, ich dachte, die werden sich nie einig.“

Schön, dass sich alle wieder beruhigt hatten und das taten, wozu sie hergekommen waren. Für Dave und mich gab es im Augenblick nichts zu tun; so konnte ich endlich noch einen Kaffee trinken. Der, den mir Mike mitgebracht hatte, war zwar gut gewesen, reichte aber bei weitem nicht aus, um mir über mein biologisches Tief hinwegzuhelfen. Lange brauchte ich nicht zum Café, nur das Warten, bis ich an die Reihe kam, zog sich wie üblich in die Länge; wenn der Laden einen hervorragenden Ruf hatte, sprach sich das natürlich herum, und dementsprechend lang war auch die Schlange. Der Bäcker, bei dem Mike die Brötchen geholt hatte, würde es schwer haben, denn wenn es um Kaffee ging, war dieses Café unschlagbar.

Es gab hier zwar nicht x Sorten wie bei Starbuck’s, sondern exakt vier, aber was nützt mir eine Riesenauswahl, wenn die Baristas nichts taugen. Die hier schienen es aber wirklich drauf zu haben, aber das war es nicht allein; es dauerte nicht lange, bis mir ein Licht aufging, warum die Schlange so lang und der Kaffee bei der überwiegend weiblichen Kundschaft so heiß begehrt war. Die Besitzer des Cafés hatten ihr Geschäftsprinzip offensichtlich von Hollister abgekupfert, wo man die Kunden mit ganz besonders attraktivem Verkaufspersonal anzulocken gedachte.

Und so, wie die Mädchen den einen der Baristas anschmachteten, schien das Konzept aufzugehen. Die zweite Schlange war jedoch auch nicht kürzer. Kein Wunder, wenn Barista Nummer zwei eine brünette Schönheit war, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Mila Kunis aufwies. Die Schlange zu wechseln, hatte wenig Sinn, also blieb ich da, wo ich war und ergab mich innerlich seufzend in mein Schicksal.

Während ich wartete, ließ ich meinen Blick durch das mit Möbeln in hellem Holz eingerichtete Lokal schweifen. Die meisten Tische waren besetzt, und ich fragte mich, ob es noch freie Plätze geben würde, wenn ich erst mal an der Reihe war. Wahrscheinlich würde wieder nur der zugige Platz direkt am Eingang übrig bleiben. Oder ganz am anderen Ende des Raumes. Normalerweise war dort nicht viel los, weil die meisten keine Lust hatten, sich ganz hinten hinzusetzen. Nur war dieses Café sehr gut besucht. Auch dort saßen Leute. Unter anderen Umständen hätte ich sie eventuell gefragt, ob ich mich dazu setzen dürfte. Dummerweise waren jene Leute Paul und Frank. Wer weiß, wie lange die hier schon saßen, anstatt ihren Job zu erledigen.

Und ich dumme Nuss war auch noch so nett oder so blöd gewesen, ihnen den Teil abzunehmen, den keiner gerne machte, weil er so langweilig war. Am liebsten wäre ich auf der Stelle wieder gegangen, zumal ich schon länger als geplant weg war, aber da mich mein Verlangen nach Koffein nun schon mal hierher geführt hatte und ich ungern unverrichteter Dinge wieder ging, änderte ich mein Vorhaben. Als ich nach einer gefühlten halben Stunde endlich an die Reihe kam, bestellte ich einen großen, schwarzen Kaffee zum Mitnehmen. Trinken konnte ich ihn genauso gut auch woanders, Hauptsache weit weg von den beiden Vollpfosten.

Oder, warte, eigentlich ist Frank der eigentliche Vollpfosten. Paul als sein bester Kumpel tutet nur leider oft in das gleiche Horn. Wenn sich Frank nicht in seiner Nähe befindet, ist er halbwegs erträglich.

Mit etwas Glück hatten sie mich nicht gesehen. Mit dem halb leergetrunkenen Kaffeebecher in der Hand, näherte ich mich der Konzerthalle. Zu verlockend hatte das Gebräu geduftet, also war ich zwischendurch immer mal wieder stehengeblieben und hatte einen Schluck daraus genommen. Das war zwar nicht ladylike, aber die zwei Blocks wollte ich mit dem Energieschub nicht mehr warten.

„Na, ist schon wieder Pause angesagt?“ rief ich Ryan, der vor der Halle mit einer Zigarette zwischen den Fingern stand, quer über die Straße zu.

Für mich schon. Im Moment sind sie gerade bei ‚Highland Cathedral‘. Dazu brauchen sie weder einen Sänger noch einen Drummer.“

Stimmt. Das Instrumental, das den Zugabenteil einleitete, hatte ich vergessen. Dabei brauchten sie aber auch keinen Bassisten, sondern nur die Keyboards zur Unterstützung im grandiosen Schlussteil. Daher wunderte es mich, dass Ryan der einzige war, der sich hier draußen aufhielt. Wollte Mike denn keine rauchen? Sonst nutzte er doch auch jede Gelegenzeit, die sich zu einer Zigarettenpause bot.

Hey, Andie. Was ist los? Suchst Du jemanden?“

Frag doch nicht so scheinheilig, dachte ich. Du weißt sehr gut, wen ich suche. Und ich wette, du könntest mir auch sagen, wo er steckt – wenn Du denn wolltest. Aber auf eine Antwort konnte er lange warten. Ihn ignorierend, schnaubte ich in meinen Kaffeebecher und streckte die Hand nach der Türklinke aus, aber Ryan versperrte mir den Weg.

An Deiner Stelle würde ich da jetzt nicht reingehen.“

Ach, und warum nicht?“ Wenn es eines gab, das ich hasste, waren es Leute, die sich mir in den Weg stellen wollten, um mich aufzuhalten. Vor allem dann, wenn bei mir innerlich alle Alarmglocken angingen.

Dicke Luft! Glaub mir, zwischen die Fronten möchtest Du jetzt nicht geraten.“

Zwischen welche Fronten? Ich verstand nur Bahnhof: Wenn Mark und Danny mit ihrem Gitarrenduell beschäftigt waren und dabei von John begleitet wurden, wieso herrschte dann dicke Luft? Oder meinte er etwa die beiden anderen?

Deinen Kaffee trinkst Du wirklich besser hier“ – ach ja, und zwar mit Dir? Vergiss es. Trotzdem hatte er mich jetzt neugierig gemacht.

Dicke Luft? Zwischen wem?“ Oh, wenn man mir bei ‚Wer wird Millionär‘ diese Frage stellt und ich sie mit ‚Brian und Mike‘ beantworte, dann komme ich eine Runde weiter. Freuen konnte ich mich darüber jedoch nicht. Quizshows waren nun wirklich nicht mein Ding, und schon gar nicht solche.

Dreimal darfst Du raten“, lautete Ryans Antwort.

Ratespielchen schienen hier ja allgemein sehr beliebt zu sein, aber dafür war ich nicht in Stimmung.

„Brian und Mike natürlich“, fügte er hinzu, als ich nicht darauf einging. „Die sind so geladen, da reicht ein Funke, und alles fliegt in die Luft.“

Ach ja, und ich war dieser besagte Funke? Wie dramatisch noch? Ging es denn nicht auch eine Nummer kleiner? Das hatte mir gerade noch gefehlt. Wenn zwei Alphatiere aneinandergerieten, sah es für den Rest, der dazwischen geriet, trübe aus. Das war genau die Situation, die niemand haben wollte. Mike war zwar das musikalische Aushängeschild, aber Brian der Manager, und wenn die schon nicht an einem Strang zogen…

Immer wieder las man, dass sich Band X wegen unüberbrückbarer Differenzen aufgelöst hatte oder weil einer aus der Gruppe plötzlich Soloambitionen hatte. Das passierte gar nicht so selten, und davon in irgendwelchen Magazinen nur zu lesen, war eine Sache. Aber ganz anders sah es aus, wenn man plötzlich live dabei war. Im Prinzip war es gleich, worum sich der Streit drehte oder was ihn ausgelöst hatte – ausbaden durfte es der Rest. Und nicht nur der Rest der Band, sondern vor allem auch die Crew.

Die waren die ersten, die man entbehren konnte, und mir wurde mit einem Mal erschreckend deutlich, an welch dünnem Faden diese fragile Konstruktion hing, die nun wegen womöglich schon länger schwelender Differenzen auseinanderzubrechen drohte. Dass sich die beiden nicht zum ersten Mal in den Haaren hatten, war ein offenes Geheimnis, das Ryan nun auch noch vor mir ausbreitete. Was für ein Irrenhaus!

War ich wirklich so blind gewesen, dass ich von diesen Spannungen nichts mitbekommen hatte? Zu blöd, dass ich für mich alles nur noch komplizierter gemacht hatte, indem ich etwas mit einem der Hauptakteure in diesem Drama angefangen hatte, anstatt rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. In this thriller I can’t leave the field as a winner.

Ob jetzt überhaupt noch etwas zu retten war, konnte ich nicht beurteilen, denn dazu hätte ich mit dem Manager reden müssen, und das war laut Ryan jetzt eine ganz schlechte Idee. Andererseits hatte ich immer noch einen Job zu erledigen und wollte meine vier Lieblingskollegen nicht hängen lassen. Entgegen der scheinbar gutgemeinten Ratschläge Ryans, blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich in die Höhle der Löwen zurück zu wagen. Wenn man vom Teufel spricht.

Noch bevor ich mich an Ryan vorbei quetschen (der mir für meinen Geschmack viel zu dicht auf die Pelle gerückt war) und nach der Klinke greifen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Bradley kam mir entgegen.

Ach, hier bist Du…“ Las ich etwa so etwas wie Missbilligung in seinem Blick, als er uns beide musterte? „… wir haben uns nämlich schon gefragt, wo Du steckst.“

Der Kaffeebecher, den ich wortlos in die Höhe hielt, musste vorerst als Antwort reichen, bis ich meine Sprache wiedergefunden hatte; davon, was mich erwarten würde, konnte ich mir keine Vorstellung machen, rechnete aber mit dem Schlimmsten. Dennoch beschloß ich, ihn wenigstens noch darüber aufzuklären, wo die beiden Roadies geblieben waren.

Übrigens, falls ihr Frank und Paul ebenfalls sucht, die habe ich zuletzt in diesem Café zwei Blocks von hier gesehen.“ Insgeheim hoffte ich dass diese Information irgendwem von Nutzen sein konnte. Bradley zog daraus aber ganz andere Schlüsse.

Verstehe. Und deshalb hast Du Deinen Kaffee nicht dort getrunken, was mich auch gewundert hätte…“

Bingo! Damit haben Sie voll ins Schwarze getroffen, Mr. Jackson.

„… sondern lieber in angenehmerer Gesellschaft.“

Hä? Angenehmere Gesellschaft? Wie kam er auf dieses schmale Brett? Er glaubte doch hoffentlich nicht, dass Ryan und ich… Bloß nicht! Wenn so die Fortsetzung unseres Privatgesprächs aussehen sollte, dann verzichtete ich lieber darauf. Andererseits war jede Gesellschaft angenehmer als die von Frank. Mit solchen Vergleichen kam ich aber der Lösung für mein Problem trotzdem nicht näher. Hatte ich überhaupt versucht, Ryan auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen? Vor lauter Schweben auf Wolke Sieben hatte ich an ihn überhaupt nicht mehr gedacht; und gerade eben auch noch so getan, als sei alles wie immer. Dabei war es das überhaupt nicht.

Angenehm? Na ja. Ich kann mir schöneres vorstellen…“

Mal sehen, was er mit diesem Kommentar von mir anfing. Vielleicht verstand er jetzt, dass die Behauptung, ich würde zweigleisig fahren, allein wessen Fantasie auch immer entsprungen war; und wer das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, war nicht schwer zu erraten. Irgendwann war dieser Fiesmöpp fällig. Doch noch stand das Kräfteverhältnis leider zwei zu eins. Und so konnte ich nicht viel ausrichten. Meinetwegen konnte er gerne bei den Baristas übernachten. Ich würde ihn nicht vermissen.

Sag mir lieber, ob die Luft inzwischen rein ist.“, schwenkte ich zu einem anderen brisanten Thema über, auch auf die Gefahr hin, dass mir die Antwort nicht gefallen würde.

Hey, Andrea, na, das hat ja lange gedauert“, empfing mich Dave auf die gleiche Weise wie vorhin Bradley.

Hoffentlich kam er nicht auch noch mit der gleichen Leier. Aber das war gar nicht seine Absicht gewesen. Er bedauerte lediglich, dass ich beim Kaffeeholen nicht auch an den Rest der Mannschaft gedacht hatte. Mist. Innerlich klatschte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Darauf hätte ich ja auch von selbst kommen können. Erst als ich versprach, beim nächsten Mal eine Runde für uns fünf zu spendieren, gab er Ruhe.

„Okay, Entschuldigung angenommen. Jetzt aber an die Arbeit. Mit den Proben sind die Herren durch…“

Stimmt, im Saal war es auffallend ruhig.

„… Kommen wir nun zum schweißtreibenden Teil des Nachmittags.“

Jetzt waren wir gefordert, denn wenn es irgendwo einen Wackelkontakt gab, mussten wir als mobiles Einsatzkommando ran und die Ursache bekämpfen. Damit niemand zu Schaden kam.

„Und Action!“

Action!“ – der bevorzugte Spruch von Lindsay Cooper, die bei dem ersten von zwei Konzertabenden hintereinander haufenweise Bilder zu schießen hatte, war beinahe kaum zu hören gewesen vor lauter Lärm aus dem Publikum, das sich vor der Bühne drängte. Dies war zwar nicht die Loreley-Bühne und schon gar nicht die Wembley-Arena, aber immerhin… Power wie die Großen hatten OxyGen auf jeden Fall, und die paar hundert Leute vor der Bühne machten diesen Unterschied mehr als wett. Und an diesem Abend jubelten sie besonders frenetisch.

Täuschte ich mich oder war der Anteil der Eigenkompositionen höher als sonst? In diesem Fall fragte ich mich, woher der Sinneswandel gekommen war. Schließlich hatte Mr. Kelly darauf bestanden, dass diesmal nichts geändert würde. Anscheinend hatte er die Rechnung ohne den Rest der Combo gemacht. Mit einem Mischungsverhältnis von fünfzig zu fünfzig waren sie damit über den Status einer reinen Coverband längst hinaus. Nicht, dass sich die Stilrichtungen vergleichen ließen, aber hatten Apocalyptica mit ihren Coverversionen bekannter Metalhits, gespielt auf vier Cellos, nicht auch einst so angefangen?

Das einzige verbindende Element war die Tatsache, dass OxyGen ebenfalls keine Tributeband waren, sondern mit Vorliebe Songs der Achtziger Jahre spielten, doch heute abend hatten sie sich offenbar vorwiegend Material von U2 ausgesucht. Die Frage, die ich mir stellte, war die nach dem ‚Schmachtfetzen‘ in der Mitte des Konzerts, wie Kevin die Ballade mit einem Fan im Lichtkegel so respektlos genannt hatte. Wenn der heutige Abend den irischen Superstars gewidmet war, was wollte Mike dann an Stelle von „By my side“ singen? Ich sollte es bald herausfinden.

Aber nicht, indem ich mich auf dem Rückweg vom Getränkeholen vom Lichtkegel in gelb oder blau einfangen ließ. Mit dem vollen Tablett hätte das auch eine etwas lächerliche Note bekommen. Inzwischen wusste ich sehr gut, wann der Teil mit der Ballade kommen würde; also holte ich für meine vier Kollegen und mich frühzeitig eine Runde Getränke. Hatte ich Dave versprochen, dass die nächste Runde auf mich ging?

Hey, Andie“, winkte mich Kevin zu sich herüber, „das wäre jetzt aber nicht nötig gewesen. Schließlich haben wir hier alles, was wir brauchen“, und deutete auf die Kiste mit Mineralwasser, die jemand strategisch gut platziert hatte.

Schon wieder Wasser? So langsam konnte ich das Zeug nicht mehr sehen, und deshalb hatte ich ein paar Softdrinks organisiert, die etwas mehr Geschmack hatten: drei alkoholfreie Biere und zwei Cola, bitte schön.

Wie nett“, höhnte Frank im Vorbeigehen. Wie das gemeint war, wusste ich genau. „Schön, dass Du mal wieder an alle gedacht hast.“

Klar war er angesäuert, dass ich ihm und seinem besten Kumpel nichts mitgebracht hatte. Tja, Pech gehabt, mein Lieber!

Wer was von mir will, muss freundlich sein“, gab ich nonchalant zurück und tat so, als ob ich den von Neid durchdrungenen Sarkasmus in seiner Bemerkung nicht gehört hätte. Der Text ging eigentlich zwar anders, aber das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

So so, wer was von Dir will…“ Was sollte das denn jetzt? „… bist Du zu dem dann auch ganz besonders freundlich?“

So ein Blödmann. Am besten strafte ich ihn mit Verachtung und ließ ihn einfach stehen, ohne auf seine Stänkerei, die in Richtung Gürtellinie gerutscht war, weiter einzugehen. Lieber verteilte ich die geholten Getränke an Kevin, Bradley, Dave und Leslie und blieb bei meiner Kollegin am Mischpult stehen. Von diesem Punkt aus hatte ich noch keines der bisherigen Konzerte verfolgt, also beschloss ich, diese Premiere nun nachzuholen. Das einzige, worauf ich achten musste, war, Leslie nicht zu stören.

Mit meinem Bier in der Hand, stand ich an das Absperrgitter gelehnt und beobachtete gespannt das Geschehen; besser gesagt, die Spots, die Kevin und Bradley steuerten. Mich sahen sie nicht, also musste ich mir keine Gedanken darüber machen, dass sie mich in den Fokus stellten, wenn „By my side“ erklänge. „By my side?“ – ach nein, das passte nun doch nicht zu dem für heute Abend geplanten Programm, denn das stand ganz im Zeichen von U2. Vorstellen konnte ich mir für diesen Teil nur „With or without you“ oder „All I want is you“.

Als statt dessen die charakteristischen Klänge von „I still haven’t found what I’m looking for“ erklangen, hätte meine Überraschung nicht größer sein können. Kein Lied war als Liebeserklärung weniger geeignet als dieses. Warum ich deshalb ein merkwürdiges Gefühl hatte, verstand ich darum überhaupt nicht. Sonst hatte Mike doch auch nichts davon abgehalten, einer unbekannten Schönheit aus dem Publikum einen Love Song meiner Lieblingsband zu widmen. Warum jetzt dieses Kochen auf Sparflamme?

Wenn „By my Side“, mit dem ich bedacht worden war, seine Sehnsucht nach mir verkörperte, was wollte er dann mit „I still haven’t found…“ ausdrücken? Dass er noch immer auf der Suche war? Auf der Suche wonach? Du solltest aufhören, überall Gespenster zu sehen! Reiß dich zusammen und genieß das Konzert: Das ist alles nur Show, und wenn er „All I want is you“ ins Publikum geschmettert hätte, wäre dir das dann lieber gewesen? Seufzend kippte ich den Rest meines Bieres hinunter und machte mich auf den Rückweg zu Dave, der im Takt mitwippte.

Ich muss sagen, die Idee, das Programm umzustellen, war gar nicht so schlecht“, war seine Meinung.

Ach ja? Dass ihm diese Coverversionen von U2-Hits so gut gefielen, darauf wäre ich im Traum nie gekommen. Und wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass er Recht hatte. Die eigenen Songs und die „Greatest Hits“ der irischen Kultband ergänzten einander vortrefflich. ‚Nothing changes on New Year’s Day. I will be with you again. I will be with you again‘ … Wow! Das war unbeschreiblich. Sogar noch besser als der ursprüngliche Plan, den Mike gehabt haben musste. Stimmlich ähnelte er Bono überhaupt nicht, aber die halbe Oktave, die er tiefer sang, verlieh dem über zwanzig Jahre alten Song eine interessante Note mit Gänsehautfaktor. Kein Wunder, dass die Fans schier aus dem Häuschen waren.

Nun noch „Pride – in the name of love“ und „Sunday, bloody Sunday“, und die Halle würde überkochen! Aber wie schnell die Zeit doch verflog. Schon war der Zugabenteil erreicht und mit ihm bald schon das krönende Highlight zum Abschluss. Zuvor aber stimmten Mark und Danny mit ihren Gitarren das nächste, wohlbekannte Stück an.

♫ ♪ ♫ You say you want ♫ ♪ ♫

O nein. Bitte nicht das

♫ ♪ ♫ diamonds on a ring of gold. You say you want your story to remain untold. But all the promises we made from the cradle to the grave  ♫ ♪ ♫

Und bitte tu bloß nicht das, von dem ich glaube, das du gleich tun wirst. Noch ließ jedoch nichts darauf schließen, dass es gleich nicht mehr so gemütlich werden würde…

♫ ♪ ♫ when all I want is you  ♫ ♪ ♫

Da war es, mein Déjà-vu – ein Lichtkegel, der im Zickzack über die Bühne huscht, genau in meine Richtung… Ich sah die Katastrophe kommen, wie die Hauptperson in Final Destination, wenn sie zu Beginn des Films eine Vision der bevorstehenden, tödlichen Kettenreaktion hat. Ja, noch war alles ruhig.

♫ ♪ ♫ You say you want your love to work out right, to last with me through the night ♫ ♪ ♫

Und genau an dieser Stelle wurde meine Vision Wirklichkeit. Unaufhaltsam kam das weiße Licht näher, während Mike vom Publikum abwandte und mir in die Augen sah, während er die letzte Strophe anstimmte. Wie ich es hasste, im Mittelpunkt zu stehen. Eigentlich hätte Mike wissen müssen, dass es keine gute Idee war, mich so ins Licht zu zerren.

Damit gewinnen Sie keinen Blumentopf, Mr. Mitchell.

Mich umzudrehen und die Flucht zu ergreifen, war mein erster Impuls, aber etwas hinderte mich daran. Ich konnte nicht. Es war wie bei diesen Unfällen, bei denen man nicht hinschauen möchte, aber so fasziniert von dem Grauen ist, dass man es doch tut. Wenn er diese Showeinlage von Anfang an beabsichtigt hatte, um Hunderten von Leuten mitzuteilen, wie die Aktien tatsächlich standen, konnte ich so langsam verstehen, warum Brian ein Problem damit hatte.

Seine Aufgabe war es nicht nur, dafür zu sorgen, dass seine Band professionell auftrat, und dass der Leadsänger ein Crewmitglied im Backstagebereich vor allen Anwesenden ganz real anhimmelte, gehörte nicht dazu – er hatte sich auch darum zu kümmern, dass Steves Rückkehr gesichert war und mein Abschied reibungslos über die Bühne ging. Und dann machte ihm sein Leadsänger mit dieser Aktion einen Strich durch die Rechnung. Ein Liebesdrama und den daraus folgenden tränenreichen Abschied konnte er nicht gebrauchen. Was aber den Rest der Band bewogen hatte, dabei mitzumachen, hätte ich nur zu gerne gewusst.