ABC -Etüden – Wochen 21 & 22 : Die Maschine

 

Wir haben Mitte Mai, und auf Christianes Blog gibt es eine neue Etüde – eine Fingerübung, bei der drei vorgegebene Wörter in einen Text aus maximal 300 Wörtern eingebaut werden sollten – in welcher Form auch immer. Ob Lyrik, ob Prosa oder Sachtext – alles ist möglich. Ich habe mich mal wieder für die mir liebste Textform entschieden: eine Kurzgeschichte, in die ich die von Gerhard (Blog „Kopf und Gestalt) gespendeten Wörter eingebaut habe. Sie lauten:

Zeitplan
schlimm
fallen

Ein Gedicht schreibe ich diesmal übrigens nicht auch noch, denn ich habe andere Pläne. Die Illustration stammt übrigens von Christiane:

Und nun geht es auch schon los mit einer Momentaufnahme, die die Obergrenze von 300 Wörtern komplett ausreizt.

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Die Maschine

Diese Sauklaue ist echt schlimm! Wer soll denn das lesen können? K.Mahoney, K.Mallory, K.Marley… dieses Geschmiere könnte alles mögliche heißen.“

Julia seufzte genervt. Die Unterlagen waren ein Chaos, die Steuer machte sich nicht von selbst, und die Kaufabrechnung für die Harley würde dem Finanzamt sicherlich nicht gefallen, wenn weder Name noch Adresse leserlich darauf ausgewiesen waren. Noch lagen sie gut im Zeitplan, aber wenn noch mehr solche Highlights auf sie warteten, sah sie schwarz. Sie würde wohl Max danach fragen müssen. Der hatte die Maschine schließlich angeschleppt, aber der wäre erst wieder am Samstag da.

Eine tolle Aufgabe hatte sie sich mit diesem Chaosbüro aufgehalst. Berge von Papier: Das war keine Zettelwirtschaft mehr, sondern eine ausgewachsene Gastronomiekette. Bildlich gesprochen. Sie hatte jetzt schon keine Lust mehr, und dabei war erst Montag. Aber à propos Gastronomie. Ein Kaffee wäre jetzt schön. Während die schwarzbraune Flüssigkeit in der altersschwachen Kaffeemaschine vor sich hin blubberte, ließ Julia ihren Blick durch die Glasscheibe der Trenntür zwischen Büro und Werkstatt fallen.

Da stand die Maschine, an der Chris jetzt schon seit Wochen herumwerkelte. Max hatte sie zu einem Spottpreis erworben. Ein unschlagbar günstiges Angebot, hatte er gesagt; ob das Teil aus einer Konkursmasse stammte oder aus einem Nachlass, entzog sich ihrer Kenntnis, spielte aber auch keine Rolle. Vermutlich war das Bike weit unter Wert zwangsversteigert worden, und so wie sie Max einschätzte, würde er es mit einem satten Gewinn weiterverkaufen, wenn Chris mit seiner Arbeit fertig war. Ach ja, seufzte sie, manche Dinge änderten sich eben nie.

Wozu leider auch gehörte, dass sie nie selbst in den Genuss einer Fahrt darauf kommen würde. Selbst wenn er nur die üblichen Kosten auf den Kaufpreis drauf rechnete, würde die Harley für Julia nur ein Traum bleiben. Ein Traum in Rot und Silber, maßangefertigt, für wen auch immer.

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Falls die Personen in dieser Momentaufnahme jemandem bekannt vorkommen: Ja, es sind die gleichen wie in einer meiner letzten Etüden, denn das hat einen Grund. Während eines anderen Projekts, bei dem ich seit letztem Sommer mitmache, habe ich kurze Storys geschrieben, die zum Teil aufeinander aufbauen und sich aufeinander beziehen; und mir schwebt vor, daraus ein Buch zu machen.

Der grobe Plan steht bereits, nun fehlen nur noch eine ganze Reihe von Kapiteln, eine sinnvolle Reihenfolge und ein gewisses Feintuning.

 

 

30-Days Song Challenge – Day #22


 

Day #22 : A song that moves you forward

 

Den hatte ich zwar schon einmal im Dienstagsgedudel zu Gast, aber Gossip mit „Move in the right direction“ passt hier so richtig gut rein. Ein knackiger Beat und mit dem Text die Aufforderung, sich den eigenen Ängsten zu stellen. „Looking forward?“ – Passt!

 

 

 

Gossip – Move in the right directionhttps://www.youtube.com/watch?v=12zPU-8bsTE

„Broken Strings“ : Chapter 17 – Burning down the house

 

Andie, bitte…“

Sein Betteln zu ignorieren und mich voll und ganz meinem Kaffee zu widmen, fiel mir nicht leicht, aber nach dem vergangenen Abend konnte ich nicht einfach so zur Tagesordnung zurückkehren, als wäre nichts gewesen.

„… es tut mir leid.“

Ach ja, Mike Mitchell? Es tut dir leid? Zuerst solltest Du Dich erst mal bei Deinem Kollegen entschuldigen – egal, für was für ein Arschloch du ihn hältst, der keine Gelegenheit auslässt, sich an Deine Freundin heranzumachen; und, ja, ich habe auch noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen, wenn dich das beruhigt! Doch anstatt ihn damit zu bombardieren, hielt ich mich erst mal zurück und schaltete mit eisiger Stimme auf Sparflamme.

So. Es tut Dir also leid. Und was, bitte, genau?“

Auf diese rhetorische Frage erwartete ich keine Antwort. „Dass Du Deinen Kollegen zusammenschlagen wolltest, dass Du inzwischen mit allen über Kreuz bist…“

Okay, das war geraten.

„… oder Deine verdammte Eifersucht?“

So, jetzt war die Katze war aus dem Sack. Was er mit dieser Information anfing, überließ ich ihm. Und dazu würde er gleich noch ausreichend Gelegenheit haben, denn Brian kam geradewegs auf uns zu.

Wusste ich doch, dass ich Dich hier finde! Komm mit – wir müssen reden.“

Da ich mich mit vor der Brust verschränkten Armen demonstrativ wegdrehte, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als mich unverrichteter Dinge stehen zu lassen (sofern er nach meiner Reaktion überhaupt noch etwas vorgehabt hatte) und seinem Boss nach drinnen zu folgen. Mit gemischten Gefühlen schaute ich beiden hinterher. Einerseits wünschte ich mir, dass Brian ihm aus denselben Gründen wie meinen ihm ins Gewissen redete, andererseits aber hoffte ich, dass er nochmal mit einem blauen Auge davon kam.

Obwohl er ein blaues Auge bereits hatte, das unzweifelhaft von Ryan stammte. Zu gerne hätte ich jetzt Mäuschen gespielt. Aber wenn man schon vom Teufel spricht… Genau dieser Kandidat tippte mir von hinten auf die Schulter, so dass ich vor Schreck beinahe den Rest meines Kaffees verschüttet hätte. Vive la France, Ryan Miller – einen besseren Zeitpunkt hätten Sie sich nicht aussuchen können. Wenn Dich Dein Boss zur Schnecke macht, kommst Du zur mir gerannt und hoffst auf eine Tüte Mitleid? Aber daraus wird nichts werden, denn ich setze noch einen oben drauf. Es ging doch nichts über einen durchdachten Plan, aber man sollte jederzeit mit dem Showdown rechnen, egal wie früh am Tag.

Hey, alles okay bei Dir?“ holte mich Ryans Stimme wieder in die Wirklichkeit zurück. Als ich mich zu ihm umdrehte, zuckte er mit einer entsprechenden Grimasse zusammen: „Autsch. Das sieht wirklich schlimm aus.“

Ja, nicht wahr? Dreimal dürfen Sie raten, wem ich das zu verdanken habe.

„Sorry, Andie, das habe ich wirklich nicht gewollt.“

Hinterher tut euch immer alles leid. Hättet ihr mal vorher euer Hirn eingeschaltet.

Entspann Dich,“ anwortete ich im selben unterkühlten Tonfall wie vorhin bei meinem vorübergehend in Ungnade gefallenen ‚Lover‘, wie Leslie ihn so unfein bezeichnet hatte. „was ist denn schon groß passiert? Ich kann von Glück sagen, dass meine Nase nicht gebrochen ist. Sonst wäre ich jetzt nicht hier, sondern säße in der Notaufnahme, und Euer Zeitplan wäre endgültig im Eimer. Aber ich hatte einen guten Sanitäter und noch bessere Pillen. Also alles bestens.“

Bestens war nichts, und das ließ sich auch nur schwer überhören. Aber warum sollte ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen? Von dem klingonischen Sprichwort über die Rache als kalt genossenes Gericht habe ich noch nie etwas gehalten. Mit einer gesunden Portion Ärger ließ sich anderen doch viel besser die Meinung geigen. Das Geheimnis dieser Methode lag darin, sich nicht zu weit fortreißen zu lassen, damit es nicht zu einer Neuauflage des Fight Clubs der letzten Nacht kam.

Alles bestens? Hau mich, aber das glaube ich dir nicht.“ Schnellmerker! „Kann es sein, dass Du sauer auf mich bist?“ Kann es sein, dass Du nicht der Hellste bist?

Och – warum sollte ich? ‚Sweetheart‘ …?“ – dem ‚Sweetheart‘ ließ ich nach einer kurzen Pause eine besonders frostige Betonung zukommen, bevor ich fortfuhr, „… ist es nicht der Traum einer jeden Frau, wenn sich gleich zwei Kerle um sie prügeln? Oder sollte ich besser sagen: two bloody idiots?“

Mist. Wollte ich mich nicht zusammenreißen?

Okay, Baby. Du bist sauer.“ – Welch bahnbrechende Erkenntnis!

Was dachtest Du denn? Und dreimal darfst Du auch raten, auf wen“, fuhr ich ihn an, „Ach ja, noch eins: Und nenn‘ mich nicht Baby!“

Das war jetzt hoffentlich deutlich genug. Leider doch nicht, denn sonst wäre mir die folgende dumme Frage erspart geblieben.

Ach, und wie soll ich Dich sonst nennen?“

Am besten nichts davon. Nicht Baby, nicht Süße, nicht Sweetheart oder Darling.“ Diese Ignoranz brachte mich so richtig auf die Palme. „Genau das ist nämlich dein Problem, Ryan Miller: Du respektierst keine Grenzen.“

Grenzen? Ich wüsste nicht, dass es hier irgendwelche Grenzen…“

Okay. Mein Fehler. Und deshalb jetzt ein für alle Mal: ‚Breaking News – There is no us!‘ Ein ‚uns‘ gibt es nicht. Hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben. Niemals!“

Eigentlich dachte ich, mit dieser klaren Ansage, die gleichzeitig eine ganz direkte Absage war, alle Unklarheiten beseitigt zu haben, aber da lag ich falsch. Warum wusste ich im Voraus, welcher dämliche Spruch wie eine Landmine mitten in der zum Greifen in der Luft hängenden Stille hochgehen würde?

Niemals? Really? Und ich dachte, es heißt ’sag niemals nie’…“

Mit welchem abgedroschenen Spruch würde er dieses schwachsinnige Statement des Tages als nächstes toppen?

Jetzt pass mal auf, und ich frage dich das nicht nochmal“, schleuderte ich ihm mit in die Hüften gestemmten Händen entgegen, „Welcher Teil meiner Message ist bei Dir nicht angekommen?“

So langsam machte sich Frust breit, und nicht nur bei mir. Entweder verstellte er sich absichtlich, indem er den Ahnungslosen spielte, oder sein Weltbild stürzte gerade ein.

Das ist jetzt nicht wirklich Dein Ernst?“, musterte er mich fassungslos und trat dabei unwillkürlich einen Schritt zurück. „Und was war das neulich?“

Ich wusste nur zu gut, welchen Abend er meinte: Unser Billardturnier. Aber diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Sollte er sich doch selbst die Antwort darauf geben. Was er auch prompt tat: „Der Billardabend – ‚Don’t you forget about me‘ – Unser Flirt…“

Ich wusste genau, dass ihm meine Antwort nicht gefallen würde, aber an dieser Stelle gab es kein Zurück mehr. Die Karten wollten auf den Tisch, und ich spielte sie nur zu gerne aus: „Unser sogenannter Flirt…. ach, wenn Du das meinst, mein Lieber… Das kannst Du getrost vergessen. Falls Du es noch nicht gemerkt haben solltest: Leider warst Du an diesem Abend zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Sein Gesicht wurde aschfahl, während er sichtlich erstarrte: „Sag, dass das nicht wahr ist!“

Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, wollte er jetzt nicht wirklich detailliert erklärt haben. Offensichtlich aber doch, aber wie verpackte ich am schonendsten die Tatsache, dass er in meinem Plan, Mike an diesem Abend eifersüchtig zu machen, nur Mittel zum Zweck gewesen war? Naheliegende Antwort: Überhaupt nicht. Und genau so lautete diese dann auch, mit den abschließenden Worten „Deal. With. It.“

Dem Ausdruck in seinem Gesicht nach zu urteilen, hatte diese Enthüllung gesessen. Weiß vor Wut, kniff er die Augen zusammen, dann trat er dicht vor mich und flüsterte mit heiserer Stimme: „Respekt, Andrea McAllister. Wenn Du mich verarschen wolltest, dann ist Dir das wirklich gelungen. Vielen Dank für diese aufschlussreiche Lektion. Das werde ich mir gut merken.“

Aber gerne doch“, fügte ich zum Schluß noch hinzu. „Es ist mir doch immer wieder eine Freude, anderen behilflich zu sein.“

Was dieses Nachtreten sollte, konnte ich mir selbst nicht erklären, und ich fragte mich, warum ich das gesagt hatte. Wenn das mal kein Nachspiel hatte. Aber um meine Worte zurückzunehmen, war es zu spät.

Okay,“ kam es nach einer sich in die Länge ziehenden Pause von ihm zurück, „meine Liebe. Sarkasmus ist nicht notwendig. Ich erkenne, wenn ich verloren habe.“

Dann musterte er mich von Kopf bis Fuß, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ließ mich stehen.

„Herzlichen Glückwunsch, Mitchell“, rief er seinem Kollegen zu, der ihm entgegen kam, „zu Deinem Hauptgewinn. Ab jetzt hast Du freie Bahn. Das hat mir Deine Süße gerade klargemacht. Viel Spaß, ihr zwei. Ihr ergänzt euch wirklich prima.“

‚Freie Bahn? Viel Spaß uns beiden? Wir ergänzen uns prima?‘ – Vielleicht in Deinen Träumen… Dass er seine Niederlage zugab und freiwillig das Feld räumte, hatte ich zwar gehofft; aber warum konnte ich mich darüber, dass mein Plan schließlich doch noch aufgegangen war, nicht freuen? Mich beschlich das dumpfe Gefühl, dass dieser Brand noch nicht gelöscht war, sondern tief unter den Trümmern noch vereinzelte Reste schwelten.

Heute gaben sich anscheinend alle die Klinke in die Hand. Hier draußen ging es ja zu wie auf einem Bahnhof. Genervt rollte ich mit den Augen. Fehlte jetzt nur noch der vierte von vier Leuten, die aussahen, als wären sie unter einen Bus geraten: McAllister, Miller, Mitchell und Parker – die vier Reiter der Apokalypse, in alphabetischer Reihenfolge, die mehr oder weniger Ähnlichkeit mit Zombies hatten. Wenn ich mir Mikes Gesicht so ansah, hatte er bei dem Gerangel auch nicht den Joker gezogen. Rein äußerlich betrachtet, hatte er jedenfalls am wenigsten abbekommen, wie es dagegen in ihm aussah, konnte ich nur ahnen.

Die sarkastisch gemeinte Gratulation zu seinem Hauptgewinn ließ er unerwidert und ignorierte mit ausdrucksloser Miene Ryan Millers Bemerkung, dass wir uns prima ergänzten. So wie er dreinschaute, war die Standpauke heftiger ausgefallen als erwartet. Schließlich hatte Brian ihn sich bereits direkt nach dem Konzert vorgeknöpft. Ich konnte nur raten, warum er erneut zu mir auf den Parkplatz zurückkehrte. Um eine Zigarette zu rauchen, sicherlich nicht – das hätte er auch woanders haben können. Aber er wäre nicht er gewesen, wenn er nicht auch noch seinen Senf dazugegeben hätte: „Hey, hat er jetzt endlich begriffen, dass seine ständigen Versuche sinnlos sind?“

Genauso sinnlos wie Dein Tobsuchtsanfall gestern Nacht?“ Ich hatte ihm zwar darauf keine Antwort geben wollen, aber diese Bemerkung konnte ich dann doch nicht zurückhalten.

Okay. Du bist immer noch sauer“, stellte er fest. Zum Glück verzichtete er auf Baby und Süße. „Aber wenn es Dich beruhigt: Ich musste Brian versprechen, dass ich nicht nur ihn und Miller um Entschuldigung bitte, sondern vor allem Dich.“

Aha. Du hast ihm versprochen, dass Du Dich bei mir entschuldigst?“ – Von alleine bist Du nicht auf die Idee gekommen? Sehr überzeugend klang das nicht.

Ich hätte es ja auch längst getan, wenn…“ – Wenn was? Wenn gerade kein Vollmond wäre? Wenn Dir Dein eigenes Ego nicht ihm Weg stehen würde? Oder welches Hindernis gab es sonst noch? „… Du mir eine Chance dazu gegeben hättest.“

Ich Dir eine Chance gegeben?“ Aber sonst, Herr Doktor, geht’s uns gut?

Du wolltest ja nicht mit mir reden!“

Was erwartest Du, mitten in der Nacht?“ Hatte Leslie ihm nicht ausführlich erklärt, warum es eine schlechte Idee war, mich um zwei Uhr morgens zu belagern, noch dazu in einer Lautstärke, die Tote aufgeweckt hätte. Das halbe Hotel aus dem Schlaf zu reißen, hätte niemanden für ihn eingenommen, und mich schon gar nicht.

Okay. Lass uns deswegen nicht streiten. Dazu bin ich nicht hergekommen.“ – Stimmt. Ich vergaß. Du sollst dich ja bei mir entschuldigen. – „Andrea, Süße…“ – Süße? – „… es tut mir leid…“ – und was genau? – „Es tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin. Ehrlich.“

Ach, und hast Du das auch Ryan so gesagt?“ Dieser Name war immer noch ein rotes Tuch für ihn, aber wenn ich die Lage geklärt haben wollte, musste ich dieses Risiko eingehen. Von meiner Seite war das Thema gegessen, und der vermeintliche Rivale hatte am Ende das Feld freiwillig geräumt, nachdem ihm nichts anderes übrig geblieben war.

Wollte ich. Tue ich auch noch…“ – wer’s glaubt – „… aber zuerst wollte ich zu Dir.“

Zu mir? Wieso zuerst zu mir?

„Andie, bitte. Ich hab mich wie ein Idiot aufgeführt.“

Mit einem Blick, wie ein Welpe, der weiß, dass er etwas angestellt hat, von dem sein Herrchen nicht begeistert ist, kam er näher. Wie ein zu groß geratener Welpe. Border-Collie oder Husky. Wer da nicht weich wird, hat ein Herz aus Stein…

„Nimm meine Entschuldigung an.“

Wollte ich ihn wirklich noch weiter zappeln lassen?

„Bitte…“

Innerlich hakte ich die „Entschuldigt bei“-Checkliste ab. Kelly? Check. McAllister? Check. Miller? Check. – Parker? Nö, bei dem nicht! Auf schadenfrohe Art erheiterte mich die Vorstellung, dass man Frank nicht nur ansah, dass er genau das bekommen hatte, was längst überfällig gewesen war, sondern dass Brian ihn in den Senkel stellen würde, sobald er ihn in die Finger bekäme.

„Andie? Süße?“

Oh, Shit, er wartete immer noch auf meine Antwort. Warum auch nicht? Zu meiner Verwunderung musste ich mir selbst gegenüber zugeben, dass sein Eingeständnis, sich wie der größte Idiot unter der Sonne benommen zu haben, das Eis bereits zum Schmelzen gebracht hatte, ohne es zu merken. Ihm noch länger böse zu sein, fiel mir zusehends schwerer….

„Bitte sei nicht länger sauer…“

Als ob ich das noch könnte…“ flüsterte ich und zog ihn an mich heran.

Waffenstillstand?“

Nur Waffenstillstand? Oh Mike, da kennst Du mich aber schlecht. Ich mich anscheinend aber auch, denn sonst würde ich jetzt nicht mit Dir hier auf dem Parkplatz stehen und damit anfangen, Dich zu küssen. Normal ist das nicht! Stop it. Aber warum eigentlich? Nach Kämpfen war mir schon lange nicht mehr zumute: „Kannst Du Dir die Anwort nicht denken?“

Und beantwortest Du eine Frage immer mit einer Gegenfrage?“

Nur wenn die Antwort klar auf der Hand liegt.“ The treasure that you’re looking for is right under your nose. „Und ich dachte, das hier…“ zur Demonstration ein weiterer Kuss, aber diesmal nicht ganz so leidenschaftlich „… wäre deutlich genug gewesen.“

Meine Antwort schien ihm zu gefallen. „Hmmm, ich könnte stundenlang so weitermachen.“ Eine Katze hätte kaum wohliger schnurren können, ein Geräusch, von dem ich mich gerne einlullen ließ.

Stundenlang? Eine angenehme Schläfrigkeit hüllte mich ein. Stundenlang…. hmmm… aber war da nicht noch was? Mussten wir nicht irgendwann aufbrechen? Ach, wenn doch dieser Moment nie vorüberginge… Dennoch: So schön ich es auch fand, hier draußen Versöhnung zu feiern, so langsam mussten wir wieder in die Realität zurückkehren.

„Orbit an Erde, Mr. Mitchell, ich glaube, wir sollten das hier auf später vertagen.“

Also gut“, seufzte er und wickelte nachdenklich eine meiner Haarsträhnen um seinen Zeigefinger.

Manche Angewohnheiten sterben nie aus und sind so durchschaubar. Und in Deinem Fall ist dieser Tick ein Zeichen dafür, dass Dir die ganze Situation furchtbar peinlich ist und Du das Thema wechseln möchtest.

„Lass mich Dir was versprechen. Dass ich so in die Luft gehe, sollst Du nicht nochmal erleben.“

In Gedanken ging ich noch einmal durch, was er wem alles versprochen hatte; mir, dass er sich zusammenriss und sich in den Griff bekam; Brian, dass er in Zukunft auf Alleingänge verzichten und nichts mehr eigenmächtig ändern würde. Brian war der Boss, auch wenn er selbst noch teilweise in der Band mitspielte. Und er hatte ihm eine weitere Chance gegeben; vorausgesetzt, er hielt sich von nun an endlich an seine Anordnungen. So eine Respektlosigkeit wie die vom letzten Abend würde Mr. Kelly kein zweites Mal dulden. Das hatte er ihm unmissverständlich klargemacht. Mich wunderte dabei nur eins: Wenn Brian mit der letzten Programmänderung nicht einverstanden gewesen war, warum hatte er dann mitgemacht?

Ganz ehrlich, Süße? Was blieb ihm denn auch schon anderes übrig? Er kann sich ja mitten im Auftritt unmöglich querstellen und sich weigern, weiterzuspielen.“

Also beißt er in den sauren Apfel und zieht mit?“

Jetzt konnte ich verstehen, dass er explodiert war. An seiner Stelle hätte ich bei dieser perfiden Erpressung auch einen Anfall bekommen.

„Willst Du wissen, was ich denke? Ganz ehrlich, Mr. Mitchell – das hast Du Dir selbst eingebrockt.“ Dass ihm das Donnerwetter meiner Meinung nach ganz recht geschah, ließ ich unausgesprochen.

Wollen wir das jetzt hier wirklich ausdiskutieren?“ brummte er unwillig. „Brian war auf keinen von uns gut zu sprechen, und er hat uns allen die Meinung gegeigt. Nur bei mir…“ oooch, eine Tüte Mitleid bitte…

Ja, ich weiß… “ unterbrach ich ihn. „Nur bei dir ist er so ausgeflippt. Poor guy…“

Stirnrunzelnd sah er mich an: „Machst Du Dich etwa lustig über mich?“

Ich?“ Gespielte Entrüstung. „Das würde mir im Traum nicht einfallen.“

So so. Im Traum nicht einfallen, Du Biest“

Oh yeah, wusste ich doch, dass es nicht lange dauert, bis Du wieder in Deinem alten Element bist. Sonst würdest Du nicht so unverschämt grinsen und mir erneut auf die Pelle rücken.

„Fragt sich nur, was Dir sonst so in Deinen Träumen einfällt.“

Alleine oder mit Dir?“ kicherte ich albern. „Ich…“

Hey, ihr zwei Turteltauben!“ riss uns jemand aus dem intensiver werdenden Flirt. „Eigentlich wollte ich Euch ja vorschlagen, dass Ihr Euch ein Zimmer nehmt, aber dafür ist keine Zeit mehr. In einer halben Stunde geht’s los.“

Ach, du Schreck. Wäre Mark nicht aufgetaucht, hätten wir doch glatt vergessen, dass bereits die nächste Location auf uns wartete. Schließlich hatten wir in der vergangenen Nacht eine Extraschicht eingelegt, um rechtzeitig startklar zu sein. Höchste Zeit für mich, ins Zimmer zurückzuflitzen und meinen Kram in Rekordzeit einzupacken.

Noch einen letzten Kuss, dann drückte mir Mike mit den Worten „Wir sehen uns heute nachmittag“ eine Tüte in die Hand: „Hier. Frische Brötchen mit Schinken und Käse für unterwegs. Du wirst sie brauchen. Und natürlich das hier…“

Kaffee! Meine Rettung! Sie sind ein Schatz, Mike Mitchell, auch wenn Sie mich manchmal echt auf die Palme bringen.

Oho! Ein Smartphone!“ Bradley stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Congratulations, Andrea. Der Kerl muss dich ja wirklich lieben. Bei dem Geschenk.“

Entgeistert starrte ich auf den Gegenstand, der aus der Brötchentüte gefallen war. Und ich hatte mich schon gewundert, wie schwer der Beutel war, als ich unterwegs endlich Zeit gefunden hatte, mich näher damit zu beschäftigen. In der Hektik des Einpackens hatte ich nicht so darauf geachtet. Aber jetzt, wo ich auf der Rückbank zwischen Bradley und Kevin mein Frühstück verzehren wollte, wurde dieses Präsent Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit.

Natürlich hatten alle mitbekommen, wer mir das Frühstück spendiert hatte. Zwei belegte Brötchen und ein Telefon? Wie war er denn darauf gekommen? Und woher hatte er die Zeit genommen, so ein Gerät zu besorgen? Zu welchem Zweck, war mir sonnenklar.

♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live, now that the day is over ♪♫ ♪♫ ♪: „Erhalten – 1 Nachricht“, plärrte das Gerät in voller Lautstärke los. Meine erste WhatsApp-Nachricht: Von wem die kam, war nicht schwer zu erraten. – MM: „Hey, Süße, wie gefällt Dir mein Geschenk? Überraschung gelungen?“

Für einen Moment war ich sprachlos, dann schaltete ich das Gerät auf stumm, bevor ich zurück textete: „Kann man wohl sagen. Aber wieso?“ Das konnte eine längere Konversation werden, besonders wenn er vorhatte, per Smartphone zu flirten. „Hast Du mich etwa so sehr vermisst, dass Du mit mir unterwegs WhatsAppen willst?“

MM: „Was glaubst Du denn? Das – und noch viel mehr. Nachdem wir vorhin so unsanft gestört wurden… Außerdem: Wer wollte denn die Konversation auf später vertagen?“

AM: „Touché!“

MM: „Und das Allerbeste: Für eine bestimmte Art von ‚Konversation‘ müssen wir uns noch nicht mal ein Zimmer nehmen…“ Oh mein Gott. Das war jetzt nicht das, was ich vermutete, so wie er das Wort „Konversation“ in Anführungszeichen gesetzt hatte, war damit bestimmt kein Geplauder gemeint.

„♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live.. ♫ ♪♫ ♪♫ ♪“

Noch eine Meldung, diesmal ein Link zu einem Video, begleitet von den Worten „Follow me – youtube.com/watch?v=6zwPVU92-XQ“  

Ein Musikvideo? Neugierig klickte ich auf den Link und wurde knallrot: Auf dem Display führte Olivia Newton John in schrillen Farben Aerobicübungen aus, während sie „Physical“ in die Kamera trällerte:

♪  I gotta handle you just right, you know what I mean. I took you to an intimate restaurant, then to a suggestive movie. There’s nothing left to talk about unless it’s horizontally.

Das war mehr als eindeutig, aber bis auf den Teil mit dem Kinobesuch (mit welcher Art von Film auch immer) stimmte alles.

I’ve been patient, I’ve been good, tried to keep my hands on the table, it’s gettin‘ hard this holding back If you know what I mean.

Ha ha, netter Versuch – wer hier die Hände nicht bei sich behalten konnte, war ja wohl nicht ich, sondern er. Schnell das Gedudel abschalten, bevor es noch peinlicher wurde. Warum hatte ich dumme Nuss auch den Ton auf maximale Lautstärke zurückgestellt? Jetzt hatte bestimmt jeder diesen musikalischen Gruß mitbekommen und wusste obendrein noch, wie die Botschaft gemeint war.

Hektisch fummelte ich an dem Handy herum und schaltete es erneut auf stumm. Verstohlen warf ich einen Blick auf meinen Nachbarn, der unbeteiligt dreinzuschauen versuchte, aber amüsiert in sich hineingrinste.

Sorry für die Störung“, rief ich mit hochrotem Kopf, „ab jetzt bleibt das Ding auf stumm.“

Dann schickte ich eine WhatsApp-Nachricht an den Absender: „Telefonsex in der Öffentlichkeit? Sie sollten sich was schämen.“

MM: „War das Lied etwa nicht nach Ihrem Geschmack?“

AM: „No comment. Diese Konversation werde ich gleich beenden, wenn Sie sich nicht benehmen.“

MM: „Ich mich benehmen? Wie darf ich denn das verstehen?“

AM: „Das wissen Sie genau. Tun Sie doch nicht so unschuldig. Noch so ein Klopper, und das Ding fliegt aus dem Fenster.“

MM: „Das würde ich mir an Deiner Stelle nochmal gut überlegen, Baby.“

AM: „Ach ja, und wieso?“

MM: „Weil Du dann das Beste verpasst. ‚I’m sure you’ll understand my point of view
We know each other mentally, You gotta know that you’re bringing out the animal in me‘
.“

Aaargh! Den Ton abzuschalten, war ja gut und schön, aber wenn einem so ein Text in riesigen, knallroten Buchstaben entgegen springt und man nicht in der Lage ist, das Display vor neugierigen Mitlesern zu schützen, was dann? Na super – nun war mein Nachbar über den aktuellen Stand unserer Affäre in vollem Umfang informiert und würde mich bestimmt bald damit aufziehen.

Bevor es noch schlimmer wurde, schickte ich eine letzte Textnachricht an den Absender zurück: „Ihre Bosheit kann ich noch toppen, Mike Mitchell – machen Sie sich auf eine Revanche gefasst.“

Und als wirklich letzte Nachricht ein PS: „Das Phone fliegt nicht aus dem Fenster, aber ich schalte es jetzt komplett ab – für den Rest des Tages.“