„Broken Strings“ : Chapter 19 – Carpe Noctem

An diesem Abend ging ich meiner Arbeit mit deutlich weniger Elan nach als sonst. Nicht mal das Konzert wollte ich mir anschauen. Wozu auch? Innerlich hatte ich bereits begonnen, Abschied zu nehmen, da wollte ich es mir selbst nicht noch schwerer machen, indem ich meine Pausen im Backstagebereich verbrachte. Womöglich noch mit freiem Blick auf die Show; schon allein der Gedanke daran nahm mir die Luft zum Atmen, und ich wollte nur noch nach draußen, auch wenn es unaufhaltsam auf den Herbst zuging und es nachts bereits empfindlich kühl werden konnte.

Sicher wäre es klüger gewesen, eine warme Jacke dabei zu haben; nur war ich an einem Punkt, an dem ich die Kälte nicht an mich heranließ. Das Geheimnis war, in Bewegung zu bleiben, also beschäftigte ich mich, indem ich zuerst die Materialkisten aufräumte und danach den Truck und den Bus unter die Lupe nahm. Und wenn ich schon mal dabei war, konnte ich auch gleich den Ford aufräumen. Vom Impala ließ ich besser die Finger. Ein Anpfiff hatte mir gereicht.

Mein Gott, manchen Leuten schien es ja echt Spaß zu machen, in einer Müllkippe durch die Gegend zu fahren. Wem auch immer das Auto gehörte, der Ordentlichste war er nicht. Chaotisch war noch milde ausgedrückt. Gut, dass ich Handschuhe und Müllsäcke mitgebracht hatte, denn beim Öffnen der hinteren Türen kamen mir leere Dosen und zerknüllte Schokoverpackungen entgegen, den Fußraum „verzierten“ zerknitterte Magazine, und den Aschenbecher hatte auch schon länger keiner mehr geleert. Wäre das mein Wagen, hätte ich meinen Mitfahrern längst den Marsch geblasen! Oh ja, in der richtigen Stimmung ließ es sich doch gleich viel besser durch diesen Saustall wüten! Die ausgelatschten Sneaker unter dem Beifahrersitz in Kombination mit den über die Rückenlehne der hinteren Bank geworfenen T-Shirts verliehen dem aparten Ensemble eine ganz besondere olfaktorische Note. Yammi!

Unwillkürlich begann ich, Überlegungen anzustellen, wer von den vier Herren der Schokoholic war, wer die Karre als rollenden Kleiderschrank missbrauchte und wer sich mit Energydrinks aufputschte. Für die Dosen gibt es kein Pfand? Weg damit, und die angebissenen Reste von Schokoriegeln und zerdrückten Burgerverpackungen gleich hinterher. Schuhe und Shirts wanderten jeweils in getrennte Säcke, die ich später vor eines der beiden Zimmer stellen würde.

Sollten sich die Besitzer der Klamotten doch untereinander einig werden. In den Fahrzeugen klar Schiff zu machen, hatte ich mir zwar als Beschäftigungstherapie ausgesucht, um vorübergehend auf andere Gedanken zu kommen, aber deswegen war ich noch lange nicht die Wasch- und Bügelfrau für Chaoten mit Vorliebe für schwarze Chucks und T-Shirts. Oh Mann, some really like it dirty…

So so. Some like it dirty…“

Autsch! Dass Mike plötzlich hinter mir auftauchte und ich mir deshalb vor Schreck den Kopf am Türrahmen stieß, durfte ja wohl nicht wahr sein. Das würde eine fette Beule geben.

„Na, hat da jemand ein schlechtes Gewissen?“

Warum sollte ich?“

Na, so wie Du zusammengezuckt bist.“

Ja, ja, ich weiß, wer erschrickt, hat was zu verbergen. Dieser Quatsch ist so alt und hat einen meterlangen Bart. Und er wird nicht wahrer, je öfter man ihn breit tritt.

Ich möchte Dich mal sehen, wenn Du Dich darauf konzentrierst, das Chaos anderer Leute zu beseitigen und plötzlich aus dem Dunkel jemand hinter Dir auftaucht.“

Das klang schroffer als beabsichtigt, und das merkte er sofort.

Okay, Süße. Was ist los?“ Er zog mich aus der Fahrgastzelle und drehte mich zu sich herum. „Du hast doch irgendwas.“

Wie kommst Du denn darauf?“ Angriff ist die beste Verteidigung; mir doch egal, ob ich mich zickig anhöre.

Du schaltest Dein Phone aus, bist für den Rest des Tages verschwunden, nicht mal beim Konzert ist irgendetwas von Dir zu sehen. Dann finde ich Dich hier draußen, und Du fauchst mich wegen eines blöden, aber harmlosen Jokes an…“

Das wollte ich nicht. Aber so, wie Du mich erschreckt hast…“

Andie, Süße, verkauf mich nicht für dumm. Das war nicht bloß der Schreck. Da ist doch noch mehr.“

Verdammt, sieh mich nicht so an. Wenn Du wüsstest, dass Du es mir damit nur noch schwerer machst. That’s so heartbreaking… Reiß Dich zusammen. Dass etwas ganz und gar nicht stimmt, hat er längst gemerkt; schließlich ist er nicht blöd. Warum das Offensichtliche noch länger leugnen? Hier war er nun, der Moment der Wahrheit.

Ist Dir eigentlich klar, dass uns nicht mal mehr eine Woche bleibt? Acht Tage, um genau zu sein.“ Ungläubig schaute er mich an. „Acht Tage, Mike. Dann muss ich weg. Und zwar für immer.“

Dass mir jetzt die Tränen kamen, konnte ich überhaupt nicht gebrauchen, hysterische Kuh! Nur noch dieser eine Satz, dann war es raus: „Wir werden uns nie mehr wiedersehen…“

An dieser Stelle brach ich ab. Ich konnte nicht mehr. Verdammter Mist, jetzt bloß nicht losheulen, ich will hier weg… Besser fühlte ich mich deswegen nicht, und wenn ich geglaubt hatte, mich abwenden und weglaufen zu können, nur damit er meinen Zusammenbruch nicht mitbekam, dann hatte ich mich gründlich geirrt. Statt einer Antwort nahm er mich nur noch fester in die Arme und zog mich an sich.

Shit, Süße. Oh Mann, ich…“

Mehr konnte er nicht sagen, denn so wie es aussah, ging es ihm genau wie mir. Er wusste ebenfalls nicht weiter; seine Stimme war nur ein Flüstern, „Andie… Ich will Dich nicht verlieren.“

Ich ihn ja auch nicht, aber das würden wir unweigerlich. Eine Fernbeziehung war keine Option; für mich nicht, weil ich nicht der Typ für Beziehungen über große Entfernungen hinweg – und für ihn schon gar nicht, weil ich ihn so einschätzte, dass er nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ lebte, auch wenn er im Moment Feuer und Flamme für mich war. Aber wenn er mich nicht mehr täglich um sich hatte, was dann? Dieser Gedanke war noch unerträglicher für mich.

Ich will nicht, dass Du gehst.“

Als ob ich eine Wahl hätte. Da half es auch nicht, dass er sich wie ein Ertrinkender an mich klammerte und versuchte, mich zu küssen und meine Einwände nicht hören wollte.

Aber ich muss!“ Verdammt, wenn Du so weitermachst, kann ich nicht lange widerstehen, und das weißt Du ganz genau… Und dass Du meine Haarsträhne zwirbelst, während Du Dich dumm stellst, hilft uns beiden auch nicht weiter.

Sagt wer?“

Sag bloß, das weißt Du nicht. Mein Visum, das bald abläuft? Schon vergessen?

Die Einwanderungsbehörde.“ Die letzte Instanz, meine Trumpfkarte, wenn auch in negativem Sinn, aber auch die interessierte ihn herzlich wenig.

Vergiss die verdammte Einwanderungsbehörde, Baby“, murmelte er.

Oh ja, Baby, wie gerne ich das würde… You make me so dizzy… Lost in your eyes… So geht das nicht – Du bringst mich total durcheinander. Halt! Stop! Das war doch völlig verrückt.

Mike!“ Vielleicht brachte ihn das zur Besinnung. „Du weißt genau, dass ich das nicht kann.“

Das wusste er nur zu gut. Dennoch konnte man ja mal versuchen, mich doch noch vom Gegenteil zu überzeugen. „Oh doch, Süße…“ – seine Stimme klang so verführerisch – „… glaub mir, Du kannst es. Wenigstens für heute… für heute Nacht.“ Die Einwanderungsbehörde vergessen… Hmmm… Und ich wette, Du hast auch schon eine Vorstellung davon, wie wir… Aber vermutlich nicht hier im Auto.

Wenn das so ist,“ flüsterte ich, „was tun wir dann noch hier draußen?“

Komm nach dem Konzert in die Hotelbar. Die andern wollen noch in irgendeinen Pub. Wir wären also ganz für uns.“

Für uns…“

Wie verführerisch das klang. Was war aus meinem Vorsatz geworden, das Drama zu beenden? Zum Teufel mit deinen Vorsätzen. Du lebst genau hier. Du lebst genau jetzt. Also nutze die Zeit. Carpe Diem? Oder doch eher Carpe Noctem. Anscheinend war meine Verwirrung größer, als ich gedacht hatte; sonst wären mir wohl kaum solche abgedroschenen Sprüche in den Sinn gekommen.

„…Du hast doch nicht etwa vor…?“ Ja, mach ‚ nur weiter so mit Andeutungen in halben Sätzen. Nicht mehr lange, und er hat Dich da, wo er Dich von Anfang an haben wollte…

Was glaubst Du wohl?“ – jetzt flüsterte auch er – „Oder habe ich Dich eben gerade falsch verstanden?“

Eben gerade? Wie jetzt… Hatte ich etwa schon wieder laut gedacht? „What the…. habe ich etwa…“

… ‚Carpe Diem. Oder doch eher Carpe Noctem‘ – was auch immer das heißt, aber du bist zum Anbeißen, wenn Du Deine Sinne nicht unter Kontrolle hast…“ Aaaaargh! Ich und zum Anbeißen – ‚zum Anbeißen‘ rangiert gleich hinter ’süß‘ – and there’s nothing sweet about me….

Zum Anbeißen? Und ich wette, du würdest gern herausfinden, wie sehr ich zum Anbeißen bin.“

Patsch! Bitte nehmen Sie Ihr unsichtbares Schild. Jetzt. Bevor jemand auf die falsche Idee kommt, könnten Sie den Schaden aber auch begrenzen, zum Beispiel so: „Aber ich fürchte, daraus wird nichts.“ Dies war mein letzter Versuch, die Stimme der Vernunft sprechen zu lassen, und er lief prompt ins Leere, denn kaum hatte ich meinen letzten Satz vervollständigt, fand ich mich erneut in seinen Armen wieder. Dieses Hin und Her macht mich noch wahnsinnig!

Wetten dass doch?“

Auf Wetten dieser Art lasse ich mich nur ungern ein… weil ich diese hier längst verloren hätte… Und wenn du nicht aufhörst, meinen Hals mit Küssen zu bedecken und dich dabei in eine bestimmte Richtung vorzutasten, verliere ich noch etwas ganz anderes. Nämlich meinen Verstand, und zwar komplett.

„Du weißt sehr gut, wie gerne ich das herausfinden würde. Das und noch viel mehr.“

Die Hotelbar war eine gute Wahl gewesen. Warum die anderen lieber noch in den Pub drei Blocks weiter gehen wollten, anstatt sich auf ein paar Drinks quasi direkt vor der Haustür zu treffen, ließ mir genügend Raum für unnütze Spekulationen: Ob es die Vorliebe meiner Kollegen für Darts oder Billard war? Aber wollte ich das wirklich so genau wissen? Selbst wenn ein Pub Quiz sie dort hin gelockt hatte, nach nichts davon hatte uns beiden der Sinn gestanden. Dass wir keinem von den anderen über den Weg laufen würden, kam uns daher nur entgegen.

Die wenige Zeit, die wir noch haben, sollten wir nicht sinnlos vergeuden. Schon alleine bei dem Gedanken an diesen einen Satz bekam ich weiche Knie. Völlig unwichtig, wer von uns beiden das gesagt hatte – nachdem wir uns außer Atem voneinander gelöst hatten, weil das nervige Signal vom Bühneneingang das Ende seiner Pause angezeigt hatte und er wieder auf die Bühne musste, blieb ich zurück wie auf glühenden Kohlen. Ich wusste, warum ich Warten hasste: jede Menge Zeit, in der Gedanken und Gefühle Achterbahn fahren.

Du bist zum Anbeißen, wenn Du Deine Sinne nicht unter Kontrolle hast. Dass ihm das gefiel, hatte er nicht nur einmal durchblicken lassen. Zusammen die Kontrolle zu verlieren, dieser Gedanke hatte mich die ganze Zeit über, in der sie ihr Konzert zu Ende gespielt hatten, nicht mehr losgelassen. Andere beruhigten ihre Nerven, indem sie eine rauchten, ich hatte das nicht, was nüchtern betrachtet, sicherlich sinnvoll war – aber in diesem Moment beneidete ich die Raucher. Da auch ich noch zu arbeiten hatte, konnte ich mir auch keinen Drink genehmigen.

Du weißt sehr gut, wie gerne ich das herausfinden würde. Das und noch viel mehr. – Reiß dich zusammen. Wenigstens bis später. Und Alkohol ist sowieso keine Lösung.

Als wir uns am verabredeten Ort trafen, genügten zwei Drinks, um die Wirklichkeit auszublenden, und ich hatte nur noch den einen Wunsch, die wenige uns noch verbleibende Zeit mit meinem Liebsten zu verbringen. Diese Nacht war wie geschaffen dafür. Leslie würde so bald nicht auftauchen, da sie und Dave das gleiche vorhatten wie Mike und ich. Da wir mit dem Erscheinen des Keyboarders, mit dem er sich das Zimmer teilte, nicht vor Sonnenaufgang rechneten, war uns beiden klar, wo wir landen würden.

3:43 Uhr: Wer duscht denn bitte um diese Zeit, mitten in der Nacht? Schlaftrunken hob ich meinen Kopf das winzige Stück, das mir die enge Umarmung, in der ich gefangen war, zuließ. Aber außer uns war niemand im Zimmer, denn das zweite Bett war immer noch unangetastet, außerdem kam das Rauschen nicht aus dem Badezimmer, sondern von draußen. Dass dicke Tropfen von Zeit zu Zeit gegen die Fensterscheiben hämmerten und Mike mich im Schlaf umklammerte, verhinderte, dass ich wieder einschlief. Wie ich ihn um seinen festen Schlaf beneidete! Eine Bombe hätte neben ihm einschlagen können, und er hätte davon nichts mitbekommen.

Er würde es sicher kaum merken, wenn ich versuchte, mich aus der Umschlingung zu befreien. Wenn ich nicht bald noch etwas Schlaf bekam, wäre der vor mir liegende Tag ein Fall für die Tonne, und den würde ich hier nicht finden. Ihm beim Schlafen zuzusehen, war dabei nicht hilfreich. Mein Mittel der Wahl wären ein paar Bahnen im Pool gewesen, aber bei diesem Gepladder? Fünf Kilometer Joggen fiel deshalb genauso flach. Aber mir saß auch etwas anderes quer: So gerne ich auch in seinen Armen weiter gedöst hätte, so widerstrebte es mir, auf John zu treffen, der zwar noch nicht zurückgekehrt war, aber sicher bald aufkreuzen würde, denn er tat mir so langsam wirklich leid.

Abends mit den Kumpels loszuziehen und am Schluss doch leer auszugehen und auch noch mit ansehen zu müssen, wie sein Zimmergenosse wieder eine abschleppte, die er gerade erst kennengelernt hatte, stellte mich mir ganz schön frustrierend für ihn vor; und daran hatte sich bestimmt auch heute wieder nichts geändert. Das musste ich ihm durch meine bloße Anwesenheit nicht noch mal extra unter die Nase reiben. Wahrscheinlich ging ihm unser Geturtel sowieso schon auf die Nerven. Wozu also das Schicksal unnötig herausfordern?

Zum Glück fand ich meine Klamotten in der Dunkelheit schneller als erwartet, zog mich so leise und schnell wie möglich an, um mich rechtzeitig aus dem Staub zu machen und – wenn ich Glück hatte – in meinem Zimmer zu verschwinden, ohne dass irgend jemand etwas davon mitbekam. So weit der Plan. Aber Pläne klappen nicht immer.

Hey, Süße…“ Er war wach. Na bravo! Ich hätte schwören können, dass mein Verschwinden unbemerkt bleiben würde. So kann man sich irren. Ich war nicht nur nicht leise genug gewesen, sondern auch zu langsam. Noch bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er nach meiner Hand gegriffen, zog mich zu sich herunter und murmelte mit schläfriger Stimme: „Komm wieder zurück ins Bett… zu mir.“

Das hatte ich zwar nicht vorgehabt, und jetzt stand ich dumm im dunklen Zimmer herum, mit nichts am Leib als Slip, T-Shirt und zur Hälfte in meiner Jeans, während das andere Hosenbein über den Boden schleifte. Aber warum eigentlich nicht? Und was tat ich hier eigentlich? Das war dermaßen lächerlich, dass ich unwillkürlich kichern musste, als ich ihm nachgab und wieder zu ihm unter die Decke schlüpfte.

„Hey, warum lachst Du?“ fragte er mich amüsiert und wickelte eine meiner Haarsträhnen um seinen Finger. Statt einer Antwort kuschelte ich mich näher an ihn.

„Ach, ist auch egal. Aber Du solltest öfter lachen…“

Vielleicht hatte er damit recht, doch dummerweise hatte ich in letzter Zeit kaum einen Grund dazu gehabt

„… das ist so sexy.“

Sexy? Ich? Wie er auf so einen Blödsinn kam, war mir zwar ein Rätsel, aber seltsamerweise war ich dann doch so müde, dass ich darauf nichts erwidern konnte und schließlich doch noch einschlief.

7:28 Uhr. So früh, wie ich in letzter Zeit wach wurde, brauchte ich schon lange keinen Wecker mehr. Den stellten wir uns sowieso nur noch pro forma und um ganz sicherzugehen, dass nicht doch noch eine von uns verschlief. Ausgerechnet heute hätten wir ausschlafen können, aber nun war es für mich mit der Ruhe endgültig vorbei. Mich hin und her zu wälzen, war nicht meine Absicht, denn das hätte ich ohnehin nicht gekonnt. Der Nachteil von Zweibettzimmern. Was erwartete ich auch, wenn sich zwei Leute ein viel zu schmales Bett teilten. Aber diesmal hatte ich mehr Glück damit, Mikes Umklammerung zu entschlüpfen und mich anzukleiden, ohne dass er davon aufwachte.

Seine Fähigkeit, nach einem kurzen Aufwachen zwischendurch genauso fest weiterschlafen zu können wie vorher, fand ich beneidenswert. Wenn ich erst mal wach war, fand ich nicht mehr so leicht in das Reich der Träume zurück. Ich hauchte ihm noch ein Küßchen auf die Wange, dann begab ich mich in den Frühstücksraum. Zwar war ich immer noch todmüde, aber mit starkem Kaffee ließ sich dem sicherlich abhelfen.

Jetzt noch eine große Portion Pancakes und eine Schale Porridge, gemischt mit Obst, und das Loch in meinem Magen konnte ich als gefüllt betrachten. Wann war ich das letzte Mal so hungrig gewesen? So wie es aussah, hatten wir beide während der nächtlichen Stunden mehr Kalorien verbrannt als üblich. Die Pfunde purzelten eben nicht einfach nur, indem man sich aufs Ohr legte…

Na, schmeckt’s?“ unterbrach Leslie meine abschweifenden Gedanken.

Sie hatte mich doch nicht etwa vermisst? Vermutlich nicht, wenn ich mir ihren rosig schimmernden Teint ansah. Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal bemerkt, dass ich gar mir gar nicht erst die Mühe gemacht hatte, nach Hause zu kommen. Nach Hause? Wenn sie nicht ganz blauäugig war, konnte sie sich ausrechnen, wo ich statt dessen gewesen war.

„Ja, ja, wenn die Batterien leergelaufen sind…“ setzte sie ihren Smalltalk mit einem süffisanten Grinsen fort.

Das Gleiche könnte ich auch Dich fragen“, gab ich im gleichen Tonfall zurück. „So wie Du strahlst, würde ich sagen, dass Deine Nacht auch nicht unbedingt ruhiger war.“

Guter Punkt“, brummte sie. „Aber meinst Du, Du schaffst diesen Berg hier?“ So begehrlich, wie sie die Platte vor mir beäugte, lief ihr schon beim bloßen Hinsehen das Wasser im Munde zusammen.

Hm. Weiß nicht. Warum fragst Du?“ Jetzt war ich doch neugierig, warum sie sich für meine Fähigkeit, mir größere Portionen schon zum Frühstück einzuverleiben, so interessierte.

Na ja. So, wie es aussieht, sind die Dinger grad alle, und so bald gibt’s wohl keinen Nachschub mehr.“

Na super, jetzt hatte ich auch noch einen Ruf als Vielfraß weg. Aber ich hätte den Wink mit dem Zaunpfahl auch so verstanden.

„Okay, Leslie. Bedien Dich. Ich glaube, das hier dürfte für uns beide reichen.“

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und griff zu. Ich schob ihr meinen Teller vor die Nase und schlenderte zum Büfett, um einen weiteren Teller und Besteck zu holen. Wenn ich schon mal dort war, konnte ich mir gleich nochmal Kaffee nachschenken, und die Würstchen rochen auch ziemlich verlockend. Wenn Leslie schon unbedingt mit mir frühstücken wollte, dann aber richtig. Oft war das ja bisher nicht vorgekommen, da sollte man diese Ausnahme gebührend feiern. Moment mal – seit wann bist Du auf der Suche nach einer ‚best friend forever‘? Und dann ausgerechnet Leslie?

Bisher war unser Verhältnis eher kollegial gewesen, und hätte ich einen Mädelsabend mit Freundinnen veranstalten wollen, wäre sie nicht meine erste Wahl gewesen. Daher war ich auch davon ausgegangen, dass es ihr genauso ging. Warum also auf einmal diese Vertraulichkeit? Ach was, Andrea, Du siehst weiße Mäuse. Deine Nacht mit deinem Liebsten hat dir wohl komplett die Synapsen ausgehebelt. Sie möchte nur freundlichen Smalltalk betreiben, also hör auf, Dir so einen Blödsinn einzureden und …

Peng! Scheppernd ging mein beladenes Tablett zu Boden; hätte ich mal besser darauf verzichtet, die nächste Kurve mit Schwung nehmen zu wollen. So aber war ich in meiner ganzen Schusseligkeit in einen ziemlich verkatert aussehenden Danny hineingerasselt, von dem ich hätte schwören können, dass er dort vorher noch nicht gestanden hatte. Augen auf beim Eierkauf! Na super, das Frühstück konnten Leslie und ich abschreiben.

Aber als ob das noch nicht genug war, kam auch noch Ryan um die Ecke und musste blöd daherquatschen: „Respekt, Rodriguez. Ich wusste gar nicht, was für eine umwerfende Wirkung Du auf unsere Elektromaus hast…“

Elektromaus? Geht’s noch? Und lass bloß Deine Finger von mir. Zu spät. Er konnte es einfach nicht lassen.

„Wie lieb, dass Du an Frühstück für uns beide gedacht hast, Sweetheart…“

Uns beide? Sweetheart? Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt?

„… aber schade, dass daraus nichts wird.“

Ja, schade um die schönen Würstchen. Am besten legst Du Dich gleich mit zu ihnen, denn zu denen passt Du ausgezeichnet. Gleich und gleich gesellt sich gern. Das schien leider auch Ryan von sich und mir zu denken, denn sonst hätte er nicht versucht, mir erneut auf die Pelle zu rücken. Unser Zusammenstoß von neulich hatte ihn nicht klüger gemacht oder ihn von seinen Annäherungsversuchen kuriert.

Ha ha, sehr witzig. Davon träumst Du…“ fauchte ich ihn an.

Ich wusste nicht, was mich mehr ärgerte: seine dämliche Anmache oder dass er mich musterte, ohne einen Finger zu rühren, während ich versuchte, das Chaos zu begrenzen und die gröbste Schweinerei zu beseitigen. Oder wollte er mir etwa doch helfen? Was für ein Gentleman, dachte ich spöttisch, als er sich schließlich doch noch dazu herabließ, neben mir in die Hocke zu gehen und mir beim Aufsammeln der Scherben zu helfen.

Doch darauf, dass dies nicht ohne Hintergedanken geschah, hätte ich von selbst kommen können. Denn wie zufällig berührten sich dabei unsere Hände, natürlich in voller Absicht, um mich zu sich heran zu ziehen.

Wenn Du wüsstest, wovon ich sonst noch so träume…“

Ich sollte es heute jedenfalls nicht erfahren, denn wie aus dem Nichts erschien eine freundliche Servicekraft, bevor er noch weiter ins Detail gehen konnte. Und kurz darauf trudelten die anderen nacheinander ein; alle, bis auf den Keyboarder.

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