# Kino-TAG : über die Bedeutung des Kinos für mich

 

Kaum habe ich beschlossen, eine neue Rubrik auf meinem Blog mit dem klangvollen Namen „Cinema-Scope“ einzuführen, kommt Corona daher und macht mir einen Strich durch die Rechnung. So wird’s natürlich nichts mit der Steigerung meiner Kinoquote. Und auch nicht mit meiner Monatsrückschau auf 2020 besuchte Filme – mit den geplanten Besuchen wie „Bombshell“, „Die perfekte Kandidatin“ oder „Black Widow“ brauche ich gar nicht erst anzufangen, aber vielleicht klappt’s ja mit dem für Dezember angekündigten Remake von „West Side Story“.

Jetzt kommt mir der #Kino-Tag, den ich bei Miss Booleana entdeckt habe, sehr entgegen. Sie hat den Fragebogen von Nicole, aber erfunden hat ihn Nadine. Da mache ich doch gerne mit. Los geht’s:

Was war dein erster Kinofilm?   +++   Vermutlich „Bernard und Bianca“ von Walt Disney, zusammen mit meiner Schwester und meiner Mama, die uns Knirpse den Besuch spendiert hat.

Was war dein letzter Kinofilm?   +++   The Gentlemen“ von Guy Ritchie, im März kam ich leider nicht mehr dazu. Ich fand ihn lustig und habe mich blendend amüsiert.

Wie oft gehst du ins Kino?   +++   Da muss ich ausholen. Jahrelang war ich nur einmal pro Jahr im Kino. 2018 war ich dann schon immerhin in vier Filmen, und 2019 waren es knapp 20 Filme. Das kann ich dieses Jahr nicht mehr steigern – aber wenn es nur ums Anschauen von Filmen geht, steige ich auf DVD um.

Bist du als Kind/ Jugendliche in einen Film gegangen, für den du nach FSK zu jung warst?   +++   Meistens sind es ja Filme, für die zu alt bin, aber es gibt tatsächlich einen, der auch gut in die folgende Kategorie passen würde: „Cat People“ (Katzenmenschen) – das war 1982, und ich war zu dem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt – freigegeben war er aber erst ab 16, und ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das mit der Ausweiskontrolle war.

Welcher war der schlechteste Film, den du im Kino gesehen hast?   +++   Fange ich doch gleich mal mit „Cat People“ an, der für mich nur wegen der Musik von David Bowie interessant war, dann „Die Unzertrennlichen“ von David Cronenberg, und letztes Jahr habe ich mich gleich zweimal über die Zeitverschwendung geärgert: „Yesterday“ (für den habe ich „Kursk“ ausfallen lassen) und „Once upon a time in Hollywood“. Ist mir Wurst, ob man dazu wissen muss, dass es „ein Tarantino“ ist, mir hat „Kill Bill“ gefallen, und ansonsten kannte ich nichts von ihm.

Mulitplexkino oder Programmkino?   +++   Wenn mit Multiplexx riesige Häuser wie das Kinopolis gemeint sind, dann auf jeden Fall bei Filmen, bei denen es auf den Sound ankommt und auf die große Leinwand, also Konzerte wie die von Depeche Mode, INXS oder Aretha Franklin. Oder spektakuläre Autorennen wie in „Le Mans 66“. Die wären bei den Arthouse-Kinos an der falschen Adresse gewesen. Aber meistens gehe ich in die Programmkinos, weil ich da Produktionen sehen kann, die nicht zur Kategorie „Blockbuster“ zählen. „Parasite“, „Jojo Rabbit“ und „Downton Abbey“ waren die Highlights, die ich zuletzt dort erleben durfte.

Hast du schon ein Filmevent im Kino besucht?    +++   Mir fallen auf Anhieb zwei sogenannte Lange Filmnächte ein: die Jack-Nicholson-Filmnacht und die Herr-der-Ringe-Filmnacht.

Hast du schon eine Sneak Previews besucht, magst du sie?   +++  Früher oft, aber die Filme haben mir nur selten gefallen, und dann waren diese Previews auch noch zu nachtschlafender Zeit… Allerdings gab es dieses Jahr im Januar eine Vorpremiere zu Little Women, an einem Sonntagnachmittag – die fand ich gar nicht mal so schlecht, auch wenn ich mir von dem Film mehr versprochen hatte.

Warst du schon mal auf einem Filmfestival?   +++   Ja, letztes Jahr im September – bei Down Under Berlin. Weil ich den Dokumentarfilm „Mystify: Michael Hutchence“ sehen wollte, der nur auf Festivals gelaufen ist; dort liefen ausschließlich australische und neuseeländische Filme in der Originalversion. Bei der Gelegenheit habe ich mir dann noch eine schwarze Komödie angesehen, und das übrige – das übrige Kulturprogramm habe ich mir drumrum gestrickt.

O-Ton oder Synchro?   +++   Lieber die Synchronfassung, aber nicht, weil ich mit der englischen Sprache Probleme habe, sondern weil oft der Ton besser klingt und Störgeräusche oder zu laute Hintergrundgeräusche fehlen. Ganz übel war für mich „L.A. Crash“ – bei dem habe ich in der Originalversion nichts wegen des Verkehrslärms im Hintergrund nichts verstanden. Originalversionen schaue ich mir aus diesem Grund am liebsten mit Untertiteln an.

Bist du schon mal im Kino eingeschlafen?    +++   Schon öfters, das lag meistens an der Uhrzeit. Zum Beispiel während der Jack-Nicholson-Filmnacht, gleich am Anfang bei „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, später bei „Enthüllung“ mit Demi Moore und Michael Douglas, und zuletzt bei dem Oscar-Anwärter „La Gomera“

Was war dein schönster Moment im Kino?   +++   Der Besuch eine Open-Air-Kinos, im Hof eines Renaissance-Schlösschens. Da war der ganze Abend schön. Mit Mauerseglern hoch über unseren Köpfen.

Popcorn oder Nachos?   +++   Weder noch. Ich mag den Geruch nicht. Dann lieber Fruchtgummis oder Eis.

Der letzte Film, bei dem du im Kino geweint hast?   +++   Das war bei „A Star is born“, als Bradley Cooper in die Garage geht und ich genau weiß, was als nächstes passiert. Das hat mich so getriggert, dass ich den Rest des Filmes nur noch geweint habe.

Dein nervigster Kinomoment?   +++   Ein sich langweilendes Vorschulkind, das genau hinter mir saß, und mir in einer Tour gegen die Rückenlehne trat. Dabei gab es in jener Reihe genügend freie Plätze.

Gehst du auch öfter für den gleichen Film ins Kino?    +++   Habe ich sogar schon öfter gemacht, nämlich immer dann, wenn es sich bei der zuerst besuchten Vorstellung um den Film in der Originalversion handelt. Beispiele, die mir dazu einfallen: „Der Name der Rose“ und „Angeklagt“ – da war mein Englisch noch nicht so gut, dass ich jedes Wort verstanden hätte. Jetzt ist mein Englisch zwar super, aber mit manchen britischen Dialekten habe ich ab und zu noch immer Probleme, und da sind dann die mit Untertiteln versehenen Originalversionen wie in „Mystify: Michael Hutchence“ äußerst hilfreich.

Hast du auch schon Fimklassiker auf der Leinwand gesehen?   +++ Die Filmklassiker waren in meinem Fall Stummfilme – zuerst „Lichter der Großstadt“ von 1931 mit Charlie Chaplin, „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ von 1922 und „Panzerkreuzer Potemkin“ von 1925; alle drei mit Orchesterbegleitung.

Was bedeutet Kino für dich?   +++   Eine Auszeit vom Alltag und ein Stück Kultur, ohne das ich nicht leben mag.

Und zum Schluss noch die Zusatzfrage: Welche Filme hättet ihr 2020 gerne im Kino gesehen?   +++   Am meisten habe ich mich wohl auf die Übertragung der Oper „Fidelio“ aus dem Londoner Royal Opera House gefreut, doch die wurde nicht vom Programmkino abgesagt, sondern vom Londoner Opernhaus selbst.   +++   Neben den eingangs erwähnten drei Filmen wollte ich noch viele weitere sehen, und zwar „Russland von oben“, den neuen James-Bond-Film, „Antebellum“, „Tenet“, „Für Sama“, „Der Unsichtbare“, „Jean Seberg – Against all enemies“, „Knives out“ und „The Peanut Butter Falcon“.   +++   Die beiden zuletzt Genannten habe ich zumindest gestern als DVD erworben und kann beide alternativ zu Hause aus dem kuscheligen Bett heraus sehen.

 

 

30-Days Song Challenge – Day #29

 


 

Day #29 : A song you remember from your childhood

Damit die Herren bei dieser Challenge nicht zu kurz kommen, gibt es als vorletzten Beitrag heute mal ein Lied aus den 70er Jahren zu hören – ob Schlager oder Chanson, Udo Jürgens hat richtig gute Texte. Gott sieht alles, mein Nachbar sieht mehr – mit „Ein ehrenwertes Haus“ hat Herr Jürgens 1974 ein Lied gesungen, das sich um die lieben Nachbarn dreht, die ein junges Paar verurteilen, weil dieses in wilder Ehe zusammenlebt – was für ein Skandal! – und dabei haben sie selbst eine Menge Dreck am Stecken. Ja, wenn man der Doppelmoral frönt, darf man sich nicht wundern, wenn man selbst zur Zielscheibe eines Liedes wird, das diese anprangert.

 

 

 

Udo Jürgens – Ein ehrenwertes Haushttps://www.youtube.com/watch?v=VT6672HanPk

„Broken Strings“ : Chapter 20 – Emergency Room

Hey Mitchell“, rief Mark, der gerade Kaffee für sich und Tee für seine Liebste holte, quer durch den Raum: „Auch schon wach?“

Mike wirkte noch ziemlich verschlafen, was ihn aber nicht daran hinderte, eine ordentliche Portion Eier mit Speck auf seinen Teller zu häufen.

„Na, da hat aber jemand richtig Hunger. Wohl bekomm’s“, versuchte er, ihn weiter aufzuziehen. „Oder ist das gar nicht alles für Dich?“

Statt einer Antwort warf Mike ihm mit hochgezogener Augenbraue lediglich einen gelangweilten Blick zu, als wollte er sagen, dass ihm solche lahmen Witze am Allerwertesten vorbeigingen.

Lass ihn doch“, mischte sich Sue ein, die an ihrer Teetasse nippte, „wenn er jetzt noch ein paar Mixed Pickles draufstapelt, hat er das perfekte Katerfrühstück für Johnny.“

Natürlich, er spielte Zimmerservice für seinen verkaterten Zimmergenossen. Wie fürsorglich von ihm. Für mich konnte dieser Berg an Essen nicht sein; ich war ja mit frisch nachgeschenktem Kaffee und Brötchen vom Büffett anstatt Würstchen bestens versorgt. Warum war uns das nicht gleich eingefallen?

Für John? Wieso für John?“ In seiner Stimme schwang ein Anflug von Panik mit, als er sich zu uns umdrehte und Sue ungläubig anstarrte, bevor er seine Blicke suchend durch den Raum schweifen ließ. „Ja, ist er denn nicht bei Euch?“

Wie schnell es bei den anderen Klick machte, konnte ich nicht sagen, aber für mich klang das gar nicht gut. Dass John nicht hier war, war schon Anlass genug zur Besorgnis, noch beunruhigender war jedoch, dass niemand von uns wusste, wo er steckte.

Was heißt ‚bei uns‘?“ ging Mark dazwischen. „Du willst mir jetzt aber nicht ernsthaft sagen, dass er nicht in Eurem Zimmer ist.“

Als Mike ihm die Antwort schuldig blieb, erkannte auch er, wie ernst die Lage war. „Shit. Und was jetzt?“

Darauf wusste niemand etwas zu sagen. Wann hatten sie ihn überhaupt zuletzt gesehen? Und vor allem wo? Anscheinend waren sie so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie ihn aus den Augen verloren hatten; klar, er war alt genug und konnte auf sich selbst aufpassen. Zumindest in der Theorie. Bei dieser Sache hatte ich kein gutes Gefühl. Ihm konnte alles mögliche passiert sein. Aber warum starrten mich plötzlich alle so komisch an? Hatte ich etwa schon wieder meine Gedanken nicht im Zaum gehabt und einfach raus gelassen, was mir durch den Kopf gegangen war?

Ach du meine Güte, wenn Blicke töten könnten…

Sag das nochmal“, forderte mich Sue mit zu schmalen Schlitzen verengten Augen heraus.

Was denn? Stimmte es denn etwa nicht, dass sie ihren angeblich ach so besten Kumpel einfach sich selbst überlassen hatten? Holy Shit, das war jetzt nicht wirklich ihr Ernst, dass ich jetzt plötzlich der Buhmann war? Und mich dafür rund zu machen, dass ich das aussprach, was ich dachte. War ja klar, dass ich, die von nichts eine Ahnung hatte, jetzt die Dreistigkeit besaß, sie und ihren Herzallerliebsten für Johns Verschwinden mitverantwortlich zu machen. Vielleicht auch noch den Rest der Band? Hätte ich doch bloß die Klappe gehalten, denn nun hatte sich Sue so richtig in Rage geredet.

„Und überhaupt, Miss Oberschlau, wo warst Du denn bitte?“

Dann hielt sie für einen Moment inne, bevor sie fortfuhr.

„Ach natürlich, ist ja klar. Was frage ich eigentlich so blöd. Dir ist wohl Deine Affäre mit unserem Frontmann zu Kopf gestiegen!“

Affäre mit Eurem Frontmann? Natürlich! Jetzt, wo Mike neben mir saß und meine Fäuste in dem Versuch, mich zu beruhigen, in seine Hände genommen hatte, hielt sie mit ihrer Meinung über das, was zwischen uns vorging, nicht hinterm Berg. Von jedem anderen hätte ich so eine Tirade erwartet, aber nicht von ihr. Was wollte sie damit bezwecken? Von sich ablenken und uns ein schlechtes Gewissen machen? Ganz schlechte Idee, denn damit war sie bei mir an die Falsche geraten.

Ich weiß ja nicht, was Dein Problem ist und warum Du den falschen Baum anbellst“, erwiderte ich, um den Ball wieder an sie zurückzugeben, „aber Du vergisst wohl, dass nicht wir es waren, die mit der ganzen Mannschaft noch in einen ganz bestimmten Pub einfallen wollten.“

Das fand sie, wie zu erwarten, gar nicht nett und dachte gar nicht daran, den Streit nicht eskalieren zu lassen.

Worauf willst Du hinaus?“ zischte sie, eindeutig auf Krawall gebürstet. Bitte, sollte sie. Mir wurde das ganze langsam zu dumm.

Ganz einfach: Wenn ich mit Freunden ausgehe, dann achte ich auf sie und sehe zu, dass sie mir nicht abhanden kommen.“

Nicht abhanden kommen? Ach ja? Seit wann bin ich verpflichtet, Kindermädchen für Marks Kollegen zu spielen? Wie oft denn noch? John ist erwachsen und kann auf sich selbst aufpassen!“

Meiner Meinung nach jedoch nicht, denn plötzlich hatte ich wieder das Bild des zugemüllten Ford vor Augen, in dem die leeren Dosen herum gekullert waren. Dass mir das erst jetzt auffiel: Wenn ich mir zu den Energydrinks noch die fast leere Flasche Wodka dazudachte, die ich unterm Beifahrersitz gefunden hatte, dann wurde mir mit Erschrecken klar, dass hier jemand ein gewaltiges Problem hatte, denn dieser Jemand war neulich bestimmt nicht zum ersten Mal sturzbetrunken in den frühen Morgenstunden in sein Bett gefallen; und wenn die anderen nicht ganz blind waren, dann mussten sie erkennen, dass mit ihm überhaupt nichts in Ordnung war.

Wenn er dazu neigte, mehr zu trinken, als gut für ihn war, dann war es meiner Meinung nach ihre Aufgabe, ihn zu bremsen, wenn er über die Stränge schlug. Ich fand es traurig, dass ich damit anscheinend alleine dastand. Aber was erwartete ich von zwei Unzertrennlichen, die so fixiert aufeinander waren, dass die für nichts anderes Augen hatten als sich selbst.

War ja klar, dass Du jetzt wieder mit dieser Leier anfängst und uns den Schwarzen Peter zuschiebst“, zeterte sie. „Wie einfach, wenn man selber nicht dabei ist.“

Hä? Was sollte das denn jetzt? Wo stand denn geschrieben, dass wir als gesamte Gruppe überall geschlossen hinzugehen hatten? Was war denn bitte so schlimm daran, wenn man mal einen Abend für sich und ohne den Rest der Truppe sein wollte?

Im Prinzip nichts, aber wenn die immer gleiche Person Anspruch auf ein ungestörtes Stelldichein im gemeinsamen Zimmer erhebt und vom anderen erwartet, dass dieser für sturmfreie Bude sorgt, indem er so lange wie möglich wegbleibt.“

Ach so, und weil er kein Kino findet, muss er sich unkontrolliert zulöten? Super, jetzt war die Arschkarte wieder bei mir. Aber Sue war noch nicht fertig, einen letzten Schuss vor den Bug hatte sie noch in ihrem Lauf, und der zielte direkt unter die Gürtellinie.

„Fixiert aufeinander, dass wir nur füreinander Augen haben? Das sagt ausgerechnet die Richtige. Während wir Tanzen waren, musstet ihr euch ja unbedingt die Seele aus dem Leib vö…“

SCHLUSS JETZT!“ Mike klatschte mit der flachen Hand auf die Tischplatte und schnitt Sue das Wort ab. „ES REICHT!“

Das wirkte. Mit einem Mal war es totenstill. So still, dass uns erst das Klirren eines Messers, das einem Hotelgast am anderen Ende des Raumes heruntergefallen war, aus unserer Erstarrung riss.

Mike ließ meine Hände los und erhob sich: „Anstatt Euch dabei zuzusehen, wie ihr Euch wie zwei durchgedrehte Kampfhennen ankeift, gehe ich jetzt los und ihn suchen.“

Mechanisch versuchte er, seine Haare mit den Fingern zu bändigen, was ihm aber nicht gelang.

„Schließlich bin ich doch sowieso an allem schuld.“

Für ein paar Sekunden starrten wir ihn sprachlos an, wie er sich umdrehte und den Raum verließ, dann sprang ich auf und eilte ihm hinterher.

Warte, ich komme mit.“

Sollten die anderen doch denken, was sie wollten. So konnte ich ihn jedenfalls nicht gehen lassen. „Mensch, Mike“, keuchte ich abgehetzt, „jetzt bleib doch mal stehen!“

Er legte ein Tempo vor, mit dem ich kaum schritthalten konnte. Ob er mich dabei haben wollte oder nicht, war mir in diesem Augenblick egal; in diesem Zustand konnte ich ihn auf keinen Fall alleine losziehen lassen.

„Wo willst Du überhaupt hin?“

Diese Frage hätte ich mir sparen können, denn die zwischen seinen Fingern klimpernden Schlüssel des Ford sprachen eine deutliche Sprache. Wenigstens bist Du heute so schlau und hältst Dich von Marks Impala fern.

„Willst Du alle Krankenhäuser in der Umgebung abklappern, oder was?“

Und wenn schon… Was dagegen?“ blaffte er mich an.

Meinetwegen sollte er; solange er endlich stehenblieb und darauf verzichtete, dermaßen aufgebracht in das Auto zu steigen. Okay, wir haben also einen Plan, auch wenn er eher nach blindem Aktionismus klingt.

Fein.. Gib mir die Schlüssel. Ich fahre.“

Was zum…“

Meinst Du, ich lasse dich in dem Zustand ans Steuer?“

Ich war zwar auch nicht viel ruhiger, aber dafür umso weniger involviert. Dachte ich jedenfalls. Seinen kurzen Moment der Verblüffung nutzte ich und riss ihm die Schlüssel aus der Hand.

„So, und jetzt atmen wir beide erst mal tief durch, und dann sagst Du mir, wie Dein Plan aussieht.“

Wenn er einen Unfall hatte oder sich bewusstlos gesoffen hat, wo bringen sie ihn als erstes hin?“

Ins Krankenhaus. Bingo. Es war also sein voller Ernst. Aber warum ließ er das nicht Brian regeln und dort anrufen?

„Ganz ehrlich? Auf einen Anruf zu warten, dauert mir zu lange. Außerdem: bis Brian die Nummer von der Notaufnahme hat, bin ich längst vor Ort.“ Falls wir ihn dort überhaupt finden…

Umso besser, dass ich dabei bin.“

Fragend schaute er mich an. Was gab es daran nicht zu verstehen? Manchmal war er aber auch begriffsstutzig. Aber wenigstens schwang er seinen Allerwertesten auf den Beifahrersitz und ließ mich ohne weitere Bemerkungen den Motor starten.

„Falls wir ihn finden und ihn mitnehmen können, kannst Du jede Hilfe brauchen.“ In diesem Fall meine. „Also nichts wie los.“

Ach ja, und wo wir schon dabei waren, konnte er sich auch gleich ans Telefon klemmen und Brian darüber informieren, was wir vorhatten. Vielleicht bekam er ja heraus, wo man John hingebracht hatte. Ins erste Krankenhaus, das wir ansteuerten, das Sacred Heart Medical Center, offenbar nicht. Zuerst wollten sie uns im SHMC keine Auskunft geben, aber dann hatte die Dame, die ihre Kollegin ablöste, ein Einsehen und ließ uns im Wartebereich Platz nehmen, nachdem Mike ihr ein Foto auf seinem Smartphone gezeigt hatte, nur für den Fall, dass sein Kollege keine Papiere bei sich hatte.

Es dauerte eine Weile, dann kam sie zurück, um uns mitzuteilen, dass unser Weg hierher vergeblich gewesen war, aber dass es da noch das Bezirkskrankenhaus dreizehn Kilometer weiter nördlich gäbe, in das sie manche Fälle bringen würden. Da ich ahnte, dass wir telefonisch nicht durchkommen würden, ließ ich mir die Adresse geben, und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Dass John nicht ins SHMC eingeliefert worden war, klang zunächst beruhigend, aber musste nichts heißen. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass wir im nächsten Krankenhaus fündig wurden. Wenn aber nicht, was dann?

Während ich mich auf den zäh vor mir dahinfließenden Verkehr konzentrierte, wählte Mike zum wiederholten Mal die Nummer, die wir am Empfang bekommen hatten, jedoch ohne Erfolg, seinem frustrierten Schnauben nach zu urteilen, wenn wieder nur das Besetztzeichen zu hören war. An seiner Stelle hätte ich genauso genervt in die Tasten gehämmert, obwohl die vor mir schleichenden Idioten meine Nerven auf eine Geduldsprobe stellten. Mussten wir von allen Tagen unserer Reise ausgerechnet an diesem in eine Stop-and-Go fahrende Kolonne geraten?

Inzwischen setzte Mike zu einem erneuten Versuch, die Klinik telefonisch zu erreichen, da blökte sein Telefon ganz von alleine los. Mit dem Klingelton, den Mike Brian zugeordnet hatte: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Give me a guitar and I’ll be your troubadour … ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ He, ihr zwei. Schön, dass ich Euch endlich erreiche.“

Ja, wie auch, wenn bei meinem Handy der Ton abgeschaltet ist und Mike mit seinem ständig versucht, das Bezirkskrankenhaus anzurufen.

„Ich weiß ja nicht, wo Ihr seid, aber kommt ins Stadtzentrum – wir treffen uns auf dem zweiten Revier.“

Scheiße. Das klang nach Ärger. Brian erwartete uns auf dem Polizeirevier. Anscheinend hatte man John endlich gefunden, und in meiner Vorstellung spielte ich ein Horrorszenario nach dem anderen durch, angefangen bei einer Festnahme wegen Randalierens in der Öffentlichkeit oder irgendeiner Kneipe, bis hin zu der Mitteilung, dass wir zur Feststellung der Identität eines Toten ins Leichenschauhaus mitkommen sollten. Jetzt war mir so richtig übel, aber ich riss mich einigermaßen zusammen; jetzt noch einen Unfall zu bauen, war das Letzte, das wir gebrauchen konnten.

Irgendwie gelang es mir, die neun Kilometer zurück zur Stadt ohne größere Probleme hinter mich zu bringen, nachdem ich die Lücke vor mir zu einem U-Turn genutzt hatte. Des öfteren neigte ich dazu, mir unsinnig erscheinende Geschwindigkeitsbegrenzungen eher großzügig auszulegen, aber nach Brians Durchsage war mir so mulmig, dass ich den Ford wie auf rohen Eiern steuerte. Durch den ganzen Stress fehlte mir jegliches Zeitgefühl, so dass ich keine Ahnung hatte, wie lange wir bis zum Polizeirevier brauchten, vor dem Brian uns bereits erwartete.

Während Ihr durch die Gegend gefahren seid, war ich so schlau, bei der Polizei anzurufen.“

Er war so schlau, die richtigen Leute anzurufen, während wir nicht ganz so clever waren? Wow. Warum sparte er sich nicht einfach solche Spitzen, die uns wie die letzten Idioten dastehen ließen, und kam zum Punkt?

„Beim Ersten Revier konnten sie mir nicht weiterhelfen, aber das andere war ein Volltreffer.“

Volltreffer inwiefern? Wir sollten es schon bald erfahren, aber jetzt war erst mal Warten angesagt. Schon wieder. Aber diesmal befanden sich die Bänke, auf denen wir Platz nehmen durften, nicht im Bereich der Notaufnahme, sondern bei den Ausnüchterungszellen.

Ja Leute, Ihr habt richtig gehört. Diesmal hat sich unser Freund so die Lichter ausgeschossen, dass sie ihn mitgenommen und hierbehalten haben.“

Was für eine Überraschung. Aber eigentlich nicht wirklich, wenn ich so darüber nachdachte. Früher oder später musste der Absturz ja kommen. Kopfzerbrechen bereitete mir nur dessen Heftigkeit, da ich in so einer Situation zuvor noch nie gewesen war und keine Ahnung hatte, was uns erwartete. War er noch fähig, aus eigener Kraft zu gehen oder bereits so hinüber, dass er sich bis zum Abend nicht mehr erholen würde? Ein Konzert ohne Keyboarder wäre der GAU schlechthin. Aber egal, in welchem Zustand wir ihn mitnehmen würden, die Zeit war reif für eine Krisensitzung.

Krisensitzung bedeutete, dass alles auf den Tisch kam. Die vorher mehr oder weniger unterschwelligen und inzwischen offen ausgetragenen Reibereien waren Brian schon lange ein Dorn im Auge aber nach diesem Ausrutscher war für ihn das Maß voll.

Die ständigen Extrawürste des Sängers, der sich immer seltener an gemeinschaftlich getroffene Entscheidungen hielt und damit dem Management in den Rücken fiel… dass er aufs heftigste mit dem Drummer aneinandergeraten war und die beiden jetzt so im Clinch miteinander lagen, dass sich ihre Kommunikation auf das Nötigste beschränkte… und zuletzt auch noch der Filmriss des Keyboarders, von dem sie so etwas als allerletztes erwartet hätten… Ausgerechnet von ihm so eine Aktion…. Wenn sich dann auch noch eine der beiden Backgroundsängerinnen wie eine Diva aufführte…

Und was überhaupt diese Allüren sollten; schließlich waren sie keine Superstars, die gerade einen Deal mit einer der großen Plattenfirmen abgeschlossen hatten, sondern eine Band, die wochen- und monatelang durch die kanadische Provinz tingelte und froh sein konnte, wenn sich ein kleineres Label für sie interessierte.

Bei diesem Meeting musste ich nicht einmal persönlich anwesend sein, da ich wie meine Kollegen kein Teil der Band war, obwohl es sie persönlich betraf, wenn die Gruppe auseinander fiel, und im Moment wurde ich das Gefühl nicht los, dass dazu nicht mehr viel fehlte. Dem Ausdruck auf Mikes Gesicht nach zu urteilen, als er mir davon berichtete, hatten sie ziemlich erhitzt debattiert, aber der große Knall war ausgeblieben.

„Ach, übrigens, Brian möchte gleich noch mir Dir reden. Unter vier Augen. Und was den Job als Aufpasser für John angeht – die Arschkarte habe ich jetzt.“

Deswegen also schaute er so genervt. Ist doch super gelaufen! Du hast die Arschkarte? Den Job habe ich dann wohl gleich mit…

Wie Brian darauf gekommen war, konnte nur an meinem Streit mit Sue liegen, die das „Kindermädchen für Marks Kollegen“ in den Ring geworfen hatte, nachdem ich mich unbedingt als Moralapostel hatte aufspielen müssen. Wenn ich mit Freunden ausgehe, dann achte ich auf sie und sehe zu, dass sie mir nicht abhanden kommen. Innerlich klatschte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn; mit dem Stichwort „Freunde“ hatte ich Brian die Steilvorlage geliefert, aber nur über unseren künftigen Zweitjob als Kindermädchen wollte er sicher nicht mit mir sprechen.

Und richtig; mein Blick auf den im Frühstücksraum flimmernden Bildschirm mit den Nachrichten zur vollen Stunde lieferte Brian das Stichwort: Pilotenstreik, und zwar auf unbestimmte Zeit. Gut, dass ich bereits saß, denn was das bedeutete, ließ mich erblassen. Ich hatte noch den Vortrag unseres Berufsschullehrers im Ohr, der zum Thema Arbeitsrecht eine Anekdote aus der Geschichte der IG Metall zum Besten gegeben hatte und in der er sehr anschaulich geschildert hatte, wenn Metaller wochenlang für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall streiken.

Sechzehn Wochen hatte es in den Fünfziger Jahren gedauert, bis sie in Schleswig-Holstein ihre Forderungen durchsetzen konnten, und in den Neunziger Jahren hatte ein Streik im Bayerischen Wald fast ein Jahr gedauert. Aber egal ob ein Jahr oder vier Monate – so lange konnte ich nicht warten; am 22. Oktober lief mein Visum aus, und wenn sich die Geschichte wiederholte und sich das Thema streikende Piloten nicht bis dahin erledigt hatte, bekam ich ein gewaltiges Problem.

Wie es aussieht, gibt es in den nächsten Tagen keine Flüge.“

In den nächsten Tagen? Glaubst Du wirklich, dass der Spuk in ein paar Tagen vorbei ist? Dabei dachte ich, langfristige Planung sei genau Dein Ding… Okay, im Normalfall schon – aber nicht wenn es sich um Höhere Gewalt handelt.

„Zumindest nicht mit Air Canada.“

Das waren ja tolle Nachrichten! Wie lange ging das eigentlich schon so? Im Gegensatz zu mir hatte unser Manager die Nachrichten gründlicher verfolgt. Vielleicht war das die Erklärung dafür, dass er sich in Bezug auf meinen Abschied bedeckt gehalten hatte. Zum Teufel, Air Canada war doch nicht die einzige Fluggesellschaft, die die Strecke Vancouver-Frankfurt bediente.

Die Idee ist mir auch schon gekommen, und in der Theorie auch ein guter Plan…“ – warum hörte ich da ein riesengroßes Aber mitschwingen? – „… nur versuchen das Tausende andere auch. Was heißt…“

Dass die Nachfrage so groß ist, dass es Wartelisten gibt, ergänzte ich in Gedanken

… dass die Tickets so exorbitant teuer sind, dass es preislich keinen Sinn macht, auf eine andere Airline auszuweichen oder am Flughafen herumzuhängen, bis der Streik vorbei ist, in der Hoffnung, ein halbwegs günstiges Ticket zu ergattern.“

Aha. Es rechnete sich also eher für ihn, wenn ich seine Gruppe so lange begleitete, bis mein Visum auslief anstatt mittels Warteliste der Chance auf ein überteuertes Ticket näher zu rücken und für die Übernachtung nochmal so viel Geld auszugeben. Nachvollziehen konnte ich seine Gründe allemal, schon allein, weil ich wusste, dass er unnötige Ausgaben hasste; dennoch vermutete ich einen Haken in dieser Rechnung.

Richtig rechnen würde es sich für ihn nämlich nur dann, wenn er für mich einen Job in seiner Entourage hatte oder ich eine Gegenleistung anbieten konnte; aber das mit dem Job hätte sich in der kommenden Woche erledigt, also lief alles auf den letzten Punkt hinaus. Wenn hier mal nicht meine Fantasie mit mir durchging. Für mein Zimmer konnte ich zur Not auch selbst aufkommen oder ihm als Deal vorschlagen, dass ich soviel wie möglich beisteuerte, indem ich mich auf Höhere Gewalt berief.

Und das bringt mich zu Punkt zwei, warum ich Dich sprechen wollte.“

Endlich kamen wir der Sache näher. „Okay,“ antwortete ich vorsichtig. „Ich bin ganz Ohr.“

Wie Du weißt, hole ich Steve nächste Woche ab, und eigentlich war ja geplant, dass damit Deine Zeit bei uns beendet ist und Du wieder nach Frankfurt zurückfliegst. Aber nun haben wir ja diesen Streik.“ Ja, ja, wie oft willst Du diesen Punkt noch wiederholen?

Ich bin nochmal unseren Tourneeplan durchgegangen. Mitte Oktober spielen wir in der Nähe von Vancouver. Da ich davon ausgehe, dass bis dahin der Streik vorbei ist, kann ich Dir anbieten, uns bis dahin zu begleiten. Unter einer Bedingung – ich hätte nämlich eine Aufgabe für Dich.“

That’s it – jetzt platzt die Bombe. Und wie sie das tat. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, dafür zu sorgen, dass so ein Totalausfall bei seinem Keyboarder nicht noch einmal vorkam. Mit anderen Worten: Mike und ich – weil er mir die Aufgabe der Nanny nicht alleine aufhalsen wollte und die beiden bislang am wenigsten Stress miteinander gehabt hatten – sollten uns um ihn kümmern und aufpassen, dass er sich nicht nochmal bis zur Besinnungslosigkeit vollaufen ließ.

Wie hast Du das so schön formuliert? Wenn ich mit Freunden ausgehe, dann achte ich auf sie und lasse sie nicht aus den Augen.“

Das hatte ich nun von meiner großen Klappe. So hatte ich das zwar nicht gesagt, aber schön, dass man mich in der Krisensitzung zitiert hatte. Gute Freunde soll man niemals trennen? Vor allem abends nicht, wenn sie nach der Show noch ein wenig feiern wollten.

Und wie stellst Du Dir das vor?“ fragte ich ihn. „Wie soll denn bitte diese 24-Stunden-Rundumbetreuung funktionieren? Vor allem, wenn diese Aufgabe eine Person alleine stemmen soll?“ Was eine Person alleine unmöglich kann.

Aber auch darüber hatte er sich schon Gedanken gemacht. Die beiden würden sich auch weiterhin ein Zimmer teilen und sich auch während der Proben am selben Ort befinden – da würde es für John schwierig werden, sich zu verdrücken, um sich heimlich einen einzugießen.

Oh, wenn Du wüsstest, dachte ich, wenn jemand trinken will, findet er immer einen Weg. Aber ich ließ ihn weiter reden, da ich endlich wissen wollte, welcher Part für mich in diesem Plan vorgesehen war. Okay, den größten Teil des Tages sollte also Mike seinen Freund im Auge behalten. Der eigentliche „Spaß“ sollte nach den Auftritten beginnen. Und an der Stelle kam ich ins Spiel.

Natürlich konnte er verstehen, dass ich als Mikes Freundin mir die freie Zeit mit meinem Liebsten ganz bestimmt anders vorgestellt hatte, aber manchmal musste man ein Opfer bringen, und da wir uns in ein paar Wochen sowieso voneinander verabschieden mussten, würde uns das den Abschied ganz gewiss erleichtern.

So ein Heuchler! Sich selbst als großen Wohltäter hinstellen und so zu tun, als wolle er nur unser aller Bestes. Den Wink mit dem Zaunpfahl verstand ich nur zu gut. Extratouren wie unseren Ausflug wie den zum Diner würde es für mein Herzblatt und mich dann leider auch nicht mehr geben, da ja der Job als Guardian Angel unsere volle Aufmerksamkeit erforderte.

Kein Wunder, dass Mike vorhin so ein Gesicht gezogen hatte. Er hatte die frohe Botschaft längst verkündet bekommen. Mitgefangen, mitgehangen.