ABC-Etüden – Wochen 24 & 25: Glänzende Aussichten

Noch eine Etüde, diesmal mit einem ganz anderen Thema, gibt es heute von mir, nachdem ich schon eine mit exakt dreihundert Wörtern verzapft habe.

Zur Erinnerung: Für die Etüden der Wochen 24 und 25 mit maximal 300 Wörtern sind auf Christianes Blog die folgenden drei Wörter gespendet worden: Geräteschuppen – kupferfarben – feiern. Die Wortspende stammt von Susanne (https://books2cats.wordpress.com/) und die Illustration von Christiane

So richtig nett wird’s auch diesmal nicht:

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Glänzende Aussichten

Ach, und Eure Heldentat sollen wir jetzt auch noch feiern?“ Toms Vater war wütend. Was sein Sohn und dessen Freunde sich mit der gesprengten Massenparty geleistet hatten, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. „Nix gibt’s, Freundchen.“

Seine Meinung stand fest. Dafür, dass das eigentlich harmlose Wochenende so aus dem Ruder gelaufen war, dass die Polizei mit mehreren Einsatzwagen hatte anrücken müssen, würde sein Sohn jetzt die Quittung bekommen. Hausarrest bis zum Ende der Ferien. Und damit Tom gar nicht erst auf die Idee kam, in dieser Zeit auf der faulen Haut zu liegen und stundenlang am Rechner zu zocken, hatte er sich eine besondere Aufgabe für ihn einfallen lassen: „Räum den Geräteschuppen auf.“

Nun stand Tom vor dem Chaos, das einmal wohl sortiert gewesen war. Zerbeulte Gießkannen lagen unordentlich in der einen Ecke, auf einem Balken dicht unter dem Dach hatten sich mehrere Rechen, Harken und Schaufeln ineinander verkeilt. Tom fluchte bei dem Gedanken, dass er aussehen würde wie ein Schwein, wenn der Rost dieser Gartengeräte auf ihn herab rieseln würde, sobald er sie auch nur anrührte.

Rostiges Gelump, einst kupferfarben, in seinen Augen nur ein Haufen Schrott, aber sein Vater war zu geizig, sich von dem alten Gerümpel zu trennen. Warum wegwerfen, wenn man es mit etwas Arbeit wieder zum Glänzen bringen kann. Eine Arbeit, für die Toms Vater den idealen Kandidaten gefunden hatte. Der Rest der Ferien würde im Nu verfliegen, spottete Tom. Ein Traum.

Wirklich, glänzende Aussichten!

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Diesmal waren es 246 Wörter.

30-Days Film Challenge – Day 13 : a film that put you in deep thoughts

 

 

Harte Nuss Nummer Eins bei der Challenge (siehe Bild oben). Tiefschürfende Gedanken wälzen?

 

Day 13 : a film that put you in deep thoughts

 

Über Zeitreisen nachzudenken, kann eine abendfüllende Beschäftigung sein oder einen nachts lange wachhalten. Ginge es nur darum, würde ich bei „Zurück in die Zukunft“, „Die Frau des Zeitreisenden“ oder „Die Zeitmaschine“ stehen bleiben. Ein Film, der bei mir aber noch ganz andere Fragen aufwarf, ist „Donnie Darko

 

 

Ist der Verlauf unseres Lebens schon lange vorherbestimmt oder liegt es in unserer Hand, daran etwas zu ändern?

Übrigens hätte der Film auch zur Aufgabe Nr. 24 gepasst, denn der Film lief nie im Kino, sondern kam direkt auf DVD raus (https://i.pinimg.com/474x/5b/5d/62/5b5d620e0befa07d349f005fd4f08f83.jpg). Das Hasenkostüm wäre auch ein würdiger Kandidat für die besten Filmkostüme gewesen.

„Broken Strings“ : Chapter 28 – Driving me away

 

 

Du bist mir nicht egal – das war die Untertreibung des Jahres, die einen wesentlichen Part ausklammerte: mich. Was danach geschah, sehe ich jetzt noch wie im Zeitraffer an mir vorbeiziehen. Erst nach meinem Erwachen aus dem Rausch verläuft meine Erinnerung wieder in der üblichen Geschwindigkeit weiter.

Hinterher ist man immer schlauer, diese Binsenweisheit wurde mir in dem Moment wieder einmal so richtig klar, als ich wieder zu mir kam und mich aufrichtete. Ich hatte keine Ahnung, wo wir hingefahren waren, und es war auch völlig unwichtig für mich. Fest stand nur, dass wir es bis zu unserem Nest über der Garage nicht mehr geschafft hatten.

Warum sich ein Zimmer nehmen, wenn es draußen in der freien Natur viel lauschiger ist und es die Rückbank des Ford genauso tut, wenn man das beste am Streit erleben möchte? Auch wenn Mike gesäuselt hatte, dass er auf den Streit davor generell gut verzichten könne, war ich in unserem Fall nicht sicher, ob man das, was unserem Akt der Versöhnung vorausgegangen war, überhaupt einen Streit nennen konnte.

Dass ich Dich zuerst beschimpft habe und dann abgehauen bin, ist für Dich echt ein Streit? Nein, mein Herzblatt, bei einem richtigen Streit fliegen normalerweise die Fetzen und beide werfen sich Dinge an den Kopf, die sie später bereuen, rekapitulierte ich die letzten Stunden.

Ja, normalerweise – Mike dagegen war kaum zu Wort gekommen, während ich meinem Herzen Luft gemacht hatte. Zu Recht, wie ich immer noch fand. Man brauchte wirklich eine gehörige Portion guten Willens, wenn man meinen Ausbruch noch zu dieser Art von Auseinandersetzung zählte. Was lange gärt, wird endlich Wut? Die logische Konsequenz, wenn man gewisse Probleme zu lange unter dem Deckel köcheln und brodeln lässt, und in diesem Fall glaubte ich ganz genau zu wissen, wo der Hund tatsächlich begraben lag.

Sag mir, was Deine persönlichen Schwächen sind, und ich sage Dir, wer Du bist, ging es mir durch den Kopf, aber jetzt einen erfundenen Psychotest aus dem Hut zu ziehen, sobald er mit seiner Zigarette danach fertig war? Ich war doch nicht die Therapeutin von Lucifer Morningstar, und Mike auch nicht Lucifer, denn der war zwar ebenfalls sexy wie die Hölle, aber längst nicht so eifersüchtig wie Mike. Aber war wirklich die Eifersucht sein Problem? Ich tippte eher auf einen Mangel an Vertrauen, und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass noch mehr dahinter steckte.

Ausgerechnet jemand, der sich früher vor gewissen Angeboten kaum hatte retten können, gab jetzt eine unschöne Seite an sich preis, die noch niemand bisher an ihm kennengelernt hatte. Dieser gelbgrüne Teufel, der die ganze Zeit über unter der Oberfläche geschlummert hatte und wegen der Kürze und Häufigkeit, mit der Mikes Affären gewechselt hatten, nicht erwacht war? Der dafür jetzt umso heftiger ans Licht kam, und dann ausgerechnet bei mir?

Andrea, hör auf, so einen Stuss zusammen zu fantasieren. Du hast nicht das Zeug zur Therapeutin, also lass es.

Dafür fielen mir nach und nach ganz andere Kandidaten ein. Nicht nur, dass John anscheinend ein Alkoholproblem hatte, die wahre Ursache allen Übels war für mich der Verursacher dieses Dilemmas, dem ich bereits an den Kopf geworfen hatte, dass er keine Grenzen kannte. Hätte ich meine Worte doch besser an eine Parkuhr gerichtet.

Dabei wäre zwar etwas Kleingeld draufgegangen, aber dafür hätte die wenigstens darauf verzichtet, auszuprobieren, wie weit sie noch gehen konnte und hätte nicht Danny zum Beteiligten in einem neuen Beziehungsdreieck gemacht und ihm eine Affäre mit mir angedichtet. Ausgerechnet dem Gitarristen musste jetzt zum Verhängnis werden, dass er sich nicht wie der Rest der Band in seiner Freizeit ausruhte, sondern versuchte, sein Spiel durch stetes Üben und eine spontane Session mit Musikern aus einer ganz anderen Richtung zu verfeinern.

So viel künstlerischer Ehrgeiz ist ja ganz schön, aber wenn die Freundin sich durch gehäufte Abwesenheit vernachlässigt fühlt, ist es kein Wunder, wenn Ryan seine Chance wittert und so ein Gerücht in die Welt setzt. Ein Gerücht, an dem natürlich nichts dran ist.

Aber wie hatte ich ihn beim Grillen irgendwelchen Leuten von den Knights gegenüber prahlen hören? „Manchen Leuten kannst du echt alles erzählen. Wenn du nur überzeugend genug auftrittst, glauben sie dir alles.“

Seine Worte hätten Danny, Madlyn und mich warnen müssen, aber so hatten wir ihnen kaum Beachtung geschenkt, und nun hatten Mike und ich den Salat. Ja, hätte, hätte… Ohrfeigen hätte ich mich auch für meine Hilfsbereitschaft können.

Vielleicht sollte ich von nun an weniger freundlich sein. Freundlichkeit wird ohnehin überbewertet und noch dazu falsch ausgelegt. Vielen Dank, Mr. Mitchell, für den tollen Tip, doch mehr zu lächeln. Wenn das dabei herauskam, setzte ich in Zukunft lieber den „Du-bist-für-mich-gestorben-Blick“ auf, den Lily aus ‚How I met your mother‘ so exzellent beherrschte. Am besten fing ich schon mal an zu üben, und ich wusste auch schon genau, wer mein erstes Versuchskaninchen sein würde.

Dass am Ende ich das Versuchskaninchen sein würde, ahnten wir beide noch nicht, als wir lange nach Einbruch der Dunkelheit zurück kehrten. Dass uns niemand über den Weg lief, wunderte mich schon etwas, kümmerte mich aber nicht sonderlich. Nach diesem Tag, der es faustdick hinter den Ohren gehabt hatte, sehnte ich mich nach einer ruhigen Nacht. Allzu ruhig vielleicht nicht, aber bitte eine ohne Drama. Von Dramen hatte ich erst einmal gründlich die Nase voll, und ich wollte mir jetzt nicht ausmalen, was theoretisch noch alles passieren konnte.

Pilotenstreik? Lief noch und war auf absehbare Zeit noch nicht ausgestanden. Zerstörte Ausrüstung? War Geschichte. Love Triangle oder gar ein anderes Polygon? Ein Schelm, wer Polyamorie dabei denkt – das war dermaßen lächerlich, dass ich fest davon überzeugt war, dass mein Liebster das nun auch endlich verstanden hatte. Wenn es jemals existiert hatte, dann nur in der Fantasie, von wem auch immer; okay, das war dann die einzige Baustelle, die es noch zu beheben galt, aber das hatte zu warten.

Was für ein diesiger Tag! Welcher Gegensatz zu gestern. Am liebsten wäre ich ja noch länger liegengeblieben und nicht schon aus den Federn gekrochen wie Mike, der sich auf dem Weg ins Clubhaus befand, um dort zu duschen. Nachdenklich blickte ich ihm nach, wie er gelassen über den Hof schlenderte. Oh, wie gerne hätte ich jetzt zusammen mit ihm geduscht, aber das gab die Winzigkeit unseres Gästequartiers über der Garage nicht her.

Und um so eine Aktion im Gebäude gegenüber zu bringen, wo die Wände Ohren hatten, fehlte mir heute morgen die Courage. Seufzend brachte ich das zerwühlte Bett in Ordnung, nachdem er aus meinem Blickfeld verschwunden war. In das gerieten nun das im Hof lagernde Gerümpel und diverse Kisten. Ein Anblick, der die Trostlosigkeit der grauen Atmosphäre dieses Morgens noch unterstrich. Und doch fühlte ich mich so leicht und unbeschwert wie schon lange nicht mehr.

Morgens mit einer Kuschelrunde liebevoll geweckt zu werden, ließ mein Herz doch gleich eine halbe Oktave höher schlagen, und wenn ich erst einen Pott mit meinem morgendlichen Lieblingsgetränk vor mir stehen hätte, würde nichts meine gute Laune mehr schmälern können, auch die Arbeit nicht. Da ich während der letzten Tage nicht auf der faulen Haut gelegen hatte, so wie gewisse andere Leute, denen das Nichtstun offenbar nicht bekam, vermisste ich auch nichts. Die einzigen, die sich am Tresen tummelten, waren meine Kollegen von der Technik und Mark, der mit Kelly ins Gespräch vertieft war.

Und wie geht es ihr heute morgen?“ schnappte ich im Vorbeigehen auf. „Wirken die Mittelchen wenigstens endlich?“

Welche Mittelchen meinte Kelly? Das Paket, das ich für sie aus der Apotheke mitgebracht habe? Und was hatte Mark damit zu tun? Nichts lag ihm ferner, als mich lange auf die Folter zu spannen, und darum rückte er auch gleich mit der Sprache heraus und mit einer Handvoll Dollarnoten, die er mir noch schuldete: für die Medikamente, die für Sue bestimmt gewesen waren. Ach herrje, eine Erkältung hatte uns gerade noch gefehlt. Wenn sie mal bloß niemanden ansteckte!

Genau das war auch ihre Sorge gewesen, weshalb sie sich diskret zurückgezogen hatte, in der festen Absicht, sich bis zum nächsten Auftritt nicht mehr blicken zu lassen. Ihre Triefnase und ihre Halsschmerzen waren inzwischen ja auch schon viel besser geworden, dank der Versorgung mit literweise Ingwertee, Kellys Geheimrezept bei Erkältungen und allgemeinem Unwohlsein.

Besonders wohl war mir bei diesem neuen Drama gar nicht. Sue wollte die Heldin spielen und sich trotz ihrer schlechten Verfassung ans Mikrofon stellen? Na, das konnte ja etwas geben. Innerlich drückte ich ihr die Daumen und wünschte ihr Glück. Hoffentlich erlebten ihre sechs Kollegen und das Publikum keine böse Überraschung.

Time Out!“ zog Brian die Notbremse in Form einer vorgezogenen Pause.

Sue gefiel ihm in diesem Zustand gar nicht: Heiser und zugedröhnt mit starken Grippemitteln. „Das hältst Du nie durch.“, redete er auf sie ein, während er ihr die nächste halbe Kanne Tee einflößte. „Du gehörst ins Bett. Und zwar sofort. Aber auf keinen Fall mehr ans Mikrofon.“

Eine Band mit nur einer Backgroundsängerin war genau das Drama, mit dem niemand gerechnet hatte und das keiner brauchte. Es hatte im Hintergrund gewartet und sah nun seinen großen Auftritt gekommen, um seinen Lauf zu nehmen und andere mit sich zu reißen. Vive la France! Jetzt musste eine Lösung her, aber schnell.

Erste Möglichkeit: Wir bauen das Set um und verzichten auf die zweite Backgroundsängerin. Bei dem Akustikset neulich hat das auch funktioniert. Möglichkeit Nummer Zwei: Wir belassen die Abfolge der Songs wie geplant und tricksen mit Hilfe von Technik, was die Frage aufwirft, wie man eine menschliche Stimme gekonnt simuliert. It’s your part, Mr. McIntyre. Dritte und letzte Möglichkeit: Wir suchen nach einem temporären, adäquaten Ersatz.

Oh nein, Leute – das könnte ihr euch gleich von der Backe putzen. Ich mache mich doch da hinten nicht lächerlich und löse eine Stampede aus, weil das Publikum das kalte Grausen bekommt.

Zum Glück war ich die nicht die einzige, die über diese Scheinoption so dachte. Und technisch den Sound so hinzubiegen, dass niemandem der Unterschied auffiel, wäre unter Umständen möglich gewesen, ergab aber keinen Sinn, weil jedem, der seine Augen auf der Bühne und nicht auf dem Display eines Smartphones hatte, sofort das verwaiste Mikrofon aufgefallen wäre. Es sei denn, man hätte an der Beleuchtung für diesen Bereich gespart, aber das hätte wiederum Madlyn nicht gut gefunden. Hätte ich an ihrer Stelle auch nicht. Das Publikum zu beschummeln, empfand ich als Respektlosigkeit und war irritiert, dass er mit diesem Gedanken auch nur für kurze Zeit gespielt hatte.

Meiner Meinung nach war es sowieso das Beste, den Fans reinen Wein einzuschenken. Die krankheitsbedingte Programmänderung wurde dann auch direkt nach der viel zu schnell vorüber gegangenen Pause verkündet und von den Leuten besser aufgenommen als befürchtet. Dass Madlyn über die verordnete Zwangspause nicht entzückt war, konnte ich verstehen, aber da Sue ihre ganze Aufmerksamkeit benötigte, hielt ihre Verstimmung nicht lange an, dazu war die Sorge um ihre erkrankte Kollegin dann doch größer.

Dass diese berechtigt war, zeigte sich am frühen Morgen des 9. September. Sues Stimme war komplett hinüber, besser gesagt: Sie hatte keine mehr, und wann sie zu ihr zurückkehren würde, stand noch in den Sternen. Nun war guter Rat teuer. Reine Akustikkonzerte konnten die Lösung nicht sein, Option Zwei war ja schon am Abend zuvor komplett verworfen worden, und über die dritte Möglichkeit schwiegen wir lieber.

Aber warum eigentlich nicht?“ warf an dieser Stelle Danny ein.

Oh nein, bitte alles, nur das nicht! Nicht Du! Ausgerechnet von Dir muss jetzt so ein Vorschlag kommen. Aber nach der Nummer mit Luke, Jay und Pete in deren Probenraum hätte mir das ja schon klar sein müssen.

„Kommt schon, Leute, schaut mich nicht so entgeistert an. Ihr tut ja gerade so, als ginge es um eine Vertretung für Mike. Ganz ehrlich: Woher sollen wir bis morgen einen passenden Ersatz für Sue finden?“

Ja, woher auf die Schnelle eine mit Madlyn harmonierende Stimme nehmen? Ratlose Gesichter und die Erwartung, dass der Chef eingriff…

Ich hatte es kommen sehen: Brian war skeptisch, genau wie Mark und John, Mike zog spöttisch die Augenbraue hoch, und Ryan legte die Stirn in Falten, so als ob er angestrengt über irgend etwas nachdachte. Klar, der Vorschlag war in aller Arglosigkeit von Danny gekommen, dem unsere Jam Session nicht aus dem Kopf gegangen war. Blöd nur, dass ich an dieser Stelle Ryans taktlose Bemerkung ebenfalls nicht aus dem Gedächtnis bekam und mich abwendete, bevor hier noch eine Bombe hochging.

Hatte ich nicht Lilys Du-bist-für-mich-gestorben-Blick an dem Drummer ausprobieren wollen? Jetzt schoss ich ihn Danny zu, der davon aber nichts davon zu bemerken schien, so wie alle anderen… alle, außer dem Drummer, dessen Blicke ich wie Messerstiche in meinem Rücken spürte.

Mensch, Miller, dich brauche ich nun wirklich nicht. Rutsch mir doch einfach den Buckel runter.

Was hätte ich jetzt für einen würdevollen Abgang, für eine Empfehlung auf französisch gegeben, aber dieser Wunsch sollte sich heute nicht erfüllen.

Ja. Warum eigentlich nicht?“ ließ sich da Brian vernehmen.

Wie bitte? Ich hatte ich wohl verhört! Ausgerechnet Mr. Perfect ließ sich zu so einer halbgaren Idee verführen?

„Ich meine, Du wirst schon einen Grund für diesen Vorschlag haben…“

Au weia, ganz falsches Stichwort, Mr. Kelly, ich sehe nämlich jetzt schon bei Deinem Kollegen Miller die Rädchen unter der Schädeldecke rotieren. Wetten, dass er es nicht lassen kann und wir alle gleich in den Genuß seiner Erkenntnisse der zweideutigen Art kommen?

Das war meine Chance, ihn jetzt mit meinem Killerblick zum Schweigen zu bringen. Diesen Part übernahm dann allerdings Bradley, der sich von Anfang an, wie der Rest der Crew, im Hintergrund gehalten hatte.

Klar hat Rodriguez den!“ rief er unerschrocken dazwischen. „Kevin, Leslie und ich hatten mehr als einmal Gelegenheit dazu, uns davon zu überzeugen….“

Meinte er jetzt tatsächlich unsere unzähligen Soundchecks, bei denen einige von uns zu privaten Karaokevorstellungen mutiert waren, mir mir am Mikrofon?

„… dass Andrea stimmlich locker mit Madlyn mithalten kann.“

Das war’s. Mehr musste Brian nicht hören, um zu wissen, wie der nächste Schritt aussehen würde. Sue musste noch eine Weile ihre Stimme schonen, und bereits morgen Abend und zwei Tage später standen die nächsten Auftritte an. Madlyn fing seiner Meinung nach am besten gleich damit an, mit mir zu üben; je früher, desto besser.

Ungläubig starrten ihn Ryan, Mark und John an; Mike hatte ein Pokerface aufgesetzt, bestimmt dachte er sich sein Teil. Bei einem aber war ich mir ganz sicher: Der Name Elektromaus würde von nun an Geschichte sein. Wenn das der Preis war, dass mir Hohn und Spott dieses Kalibers erspart blieb, dann biss ich gerne in den sauren Apfel. Hatte ich mir nicht geschworen, dass ich mir für keinen legalen Job zu schade sein würde? Andere würden sich die Finger danach lecken, mit einer Band, die sich gerade im Aufwind befand, auf Tournee zu stehen und dann noch die Chance geboten bekommen, selbst auf der Bühne stehen zu dürfen.

Davon träumten doch alle Youtuber und Influencer oder wie sie sich alle nannten. Selbst Jenny wäre begeistert gewesen. Ihr hatte ich sowieso schon viel zu viel über die neueste Entwicklung meiner Love Story verraten, und wahrscheinlich wussten es auch schon längst der halbe Freundeskreis. Wenn sie erfuhren, welchen Job ich nun wieder ergattert hatte, würden sie komplett ausflippen.

Oh Mann, Andrea, der Typ ist ja der Hammer! Und Du mit ihm zusammen auf der Bühne???? Das ist ja soooo romantisch!

Oh ja, auf dieses Gekreische freute ich mich schon tierisch, nämlich wie die Sau aufs Messer. Der erste Satz mit dem Hammertypen war tatsächlich so beim letzten WhatsAppen gefallen, als ich ihr ein Selfie von mir und Mike geschickt hatte, das wir aus Jux irgendwo unterwegs geschossen hatten. Der zweite Satz war dagegen reine Theorie. Ich kannte doch meine Schweinchen am Gang. Wir waren zwar gerade aus dem Teenageralter raus, konnten aber beim Blödeln und Jubeln locker mit ihnen mithalten. Aber das hier war keine Romanze im Stil von Lady Gaga und Bradley Cooper, und ein neuer Star würde hier garantiert nicht geboren werden.

Na, herzlichen Glückwunsch“, war dann auch Ryans trockener Kommentar, als ich mich Madlyn anschließen wollte, die genauso ungern Zeit verlor wie unser Manager.

Oha, Andrea, bei dieser Art von Glückwunsch wäre ich vorsichtig! Und richtig, nur wer in allernächster Hörweite stand, wie zum Beispiel meine Kollegin, konnte verstehen, was diesen Worten folgte.

Gleich von zwei Seiten protegiert zu werden, erlebt man auch nicht alle Tage.“

An Sarkasmus war ich ja schon einiges gewohnt, aber das hier verschlug mir dann doch die Sprache. Wie nachtragend konnten Leute bitte noch sein?

Sag mal, Miller, geht’s noch? Mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden?“ ging dann Madlyn folgerichtig auch dazwischen und hakte sich bei mir unter. Mit den Worten „Am besten, wir ignorieren den Blödmann einfach.“ zog sie mich weiter und versuchte, mich aufzumuntern. „Der ist doch nur angepisst, weil er nicht von selbst auf diese brillante Idee gekommen ist.“

Damit lag sie gar nicht so falsch, denn auf das, was bisher an Ideen von ihm gekommen war, konnte ich getrost verzichten. Gerührt über so viel Kollegialität von ihrer Seite, konnte ich mir nur selbst dazu gratulieren, dass ich beim Grillen zugegriffen hatte, als die Chance zu einer Aussprache mit ihr gekommen war.

Die besten Freundinnen würden wir wahrscheinlich nie werden, aber wie sie war ich der Meinung, dass wir Frauen zusammenhalten mussten – besonders, wenn wir es mit solchen testosterongesteuerten Pfosten zu tun hatten wie Miller und Parker. Autsch! So weit war es also schon gekommen, dass die beiden für mich beinahe auf der gleichen Stufe standen, aber nur beinahe. Dass sie nicht auf demselben Level spielten, verhinderte allein die Tatsache, dass Miller zwar ein ziemlicher Maulheld war, aber noch ein gewisses Maß an Anstand besaß, während ich Parker nicht im Dunkeln begegnen wollte und ihm bis heute nicht über den Weg traute.

Der fiese Frank hatte mich zwar seit geraumer Zeit nicht mehr behelligt, dennoch fühlte ich mich nicht sicher vor ihm. Dass der neue Status mir da eine Hilfe war, wiegte mich nicht in Sicherheit, denn sobald Sue wieder fit und einsatzbereit war, konnte ich den Platz am Mikrofon wieder mit dem an der Kiste mit dem Material eintauschen. Und dann war da ja auch noch die nicht zu unterschätzende Sonderaufgabe als Nanny für das Herz von OxyGen. Jetzt aber konzentrierte ich mich erst einmal auf die Gesangsprobe an der Seite von Madlyn, meiner weitaus erfahreneren Kollegin am Mikrofon, die von Danny schon über die wesentlichen Fakten in Kenntnis gesetzt worden war.

Da sie wusste, dass seine Begeisterung auf reinem musikalischen Sachverstand beruhte und nicht darauf, dass er mich angeblich so unwiderstehlich fand, übersprang sie den überflüssigen Smalltalk, wie überrascht sie doch wäre, was für ein Talent in mir steckte, und kam gleich zu den Punkten, die sie am meisten interessierte: wie gut ich das Repertoire kannte und über welche Tonlagen sich mein Stimmumfang erstreckte. Doch bis wir es mit der Generalprobe soweit war, gab es noch eine Sache, über die wir bisher nicht gesprochen hatten: unsere Bühnenoutfits.

Sue würde mir wohl kaum freiwillig ihre Klamotten leihen, und selbst wenn sie das gewollt hätte, sie passten mir nicht. Shopping war angesagt, aber der Auftritt war bereits am nächsten Tag, und heute wären wir mit der Abfahrt am frühen Nachmittag, der zweistündigen Anreise und dem Einchecken im Hotel beschäftigt, so dass wir keine Ahnung hatten, wie wir dazu die Zeit finden sollten.