# Writing Friday 2020 – Juni, 25. Woche : Landmädchen, du bist bekloppt

 

Heut gieß ich mir ein Glas Gin mit Limone ein – diesen Gedanken hatte ich während meines Urlaubs auf dem Land. Und dann fiel mir ein Buch in die Hände, das ich schon länger nicht mehr gelesen habe und das mir das Faulsein versüßen sollte. Darin kommt der bevorzugte Cocktail Gin mit Limone vor. Wenn das nicht Schicksal ist, dann weiß ich auch nicht… Vielleicht habe ich mir deshalb habe ich mir als nächstes das zweite Schreibthema des #Writing Friday auf dem Blog von elizzy ausgesucht:

Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es?

Begleitet mich auf eine Reise, zurück in eine Zeit der Entbehrungen, denn heute geht es aufs Land.

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Landmädchen, du bist bekloppt

Hätten sie den Krieg gestoppt, Wär sie, wo sie vorher war – Landmädchen, du bist bekloppt …

 

Was für ein Radau am frühen Morgen! Stöhnend schlage ich die Augen auf. Ist spät geworden, gestern Abend. Beim Gin Tonic mit Limette habe ich ungehemmt zugeschlagen. Einer hätte es doch auch getan. Jetzt habe ich so einen Schädel. Aber wenigstens ist mir nicht übel. Jedes Geräusch von draußen dröhnt mit Verstärkung. Kann ein Morgen noch schlimmer werden? Schlafen? Vergiss es. Stöhnend krieche ich aus dem Bett.

Acht Uhr? Schon im nüchternen Zustand geht diese nachtschlafende Zeit gar nicht, aber was muss ich mir auch dermaßen die Lichter ausschießen, weil es mit der für Ende Mai geplanten Cornwall-Reise nicht geklappt hat? Und das, wo ich nach wochenlangem Home Office Urlaub dringend brauche! Also ab in den Taunus, in mein Ferienhäuschen ohne Komfort, mitten in der Natur. ohne fließend Wasser, dafür mit Solarstrom. Zurück zur Natur. Blöd, dass ich keinen Whisky mehr habe, weil ihn mir ein Einbrecher geklaut hat. Und die kaputte Kühlanlage muss jetzt das Regenfass ersetzen. Fängt ja super an. Frust auf der ganzen Linie? Ertränken wir ihn in Gin.

Genervt greife ich nach Handtuch und Duschgel. Zu den Duschen sind’s nur hundert Meter zu Fuß. Das bringt meinen Kreislauf auf Touren. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich doch gleich mal nachsehen, wer da draußen so laut und unmelodisch singt. Aber etwas ist nicht okay. Schon dass mich die Sonne blendet. Seit wann geht meine Haustür nach Osten raus?

Und dann der Weg: Normalerweise bin ich in wenigen Schritten auf einem mit Schotter bedeckten Asphaltweg, jetzt aber schlängelt sich ein unbefestigter Feldweg zwischen schulterhohen Hecken hindurch. Die trennen die Felder voneinander – Felder mit schwarzbunten Kühen und Schafen. Und dann diese Farm. Mit Schweinestall, vor dem sich ein riesiger Misthaufen türmt. Auf dem steht jetzt eine junge Frau in Cordhosen und Pulli, mit einer altmodischen Frisur und bunter Schleife im Haar, und singt dieses Lied. Landmädchen, du bist bekloppt.

Ich glaube, so langsam werde auch ich bekloppt – was ist das denn bitte für ein seltsamer Traum? Das hier ist doch nie und nimmer mehr der Taunus! Jedenfalls kenne ich ihn nicht so. Kopfschüttelnd schleppe ich mich vorwärts. Noch eine Biegung. Dann kommt der Löschteich in Sicht, dann der Minigolfplatz, und an den grenzen die Sanitäranlagen an – mit WC und Duschen, alles unter einem Dach. Da ist sie, die Biegung, gleich ist es soweit. Freudige Erwartung… Endlich duschen, damit ich mich wie ein neuer Mensch fühlen kann.

Doch was ist das? Kein Teich. Kein Minigolf. Und keine Duschanlagen. Dafür aber ein Mast. An dem hängt ein Plakat – eher ein Anschlag in Din A 4. Meine Augen registrieren gerade noch das Datum – der 8. Juni – und die Illustration einer Spitfire rechts oben und drei fünfzackige Sterne unten in der Mitte, dann nähern sich Schritte und angeregtes Geplauder. Verschwinde besser im Gebüsch!, ruft mir eine innere Stimme zu, nur zu gerne folge ich ihr und ducke mich hinter der Hecke hinter mir. Keine Minute zu früh, denn drei junge Frauen kommen näher. Ihr Geplapper kann ich klar und deutlich verstehen.

Hey, Mädels, schaut mal!“ Sie haben den Aushang entdeckt.

Tanztee am 8. Juni“, liest die Schwarzhaarige vor. „Es spielt die Kapelle der Royal Air Force von Blandford“

Blandford. Ich bin eindeutig nicht mehr im Taunus. Ihre ganze Sprechweise und wie es rings um mich aussieht, deutet ganz stark auf England hin. Was, zum Teufel, war in dem Gin drin? Ich sollte wirklich an meinen Dosierungen arbeiten.

8. Juni?“, ruft die Brünette aus, „das ist ja schon in zwei Wochen.“

Denk bloß, Stella“, jubelt die Blonde, die ich vorhin noch auf dem Misthaufen habe stehen sehen, „das wird das Ereignis des Jahres!“

Ihre schwarzhaarige Freundin stimmt ihr zu: „Ach, wie schön. Endlich mal andere Musik als das, was Mr. Lawrence abends immer im Radio so hört“

Sehnsüchtig lässt sie ihre Blicke in die Ferne schweifen, und ihre brünette Freundin ergänzte „… und tanzen… wie lange das schon wieder her ist, das Philip und ich…“

Aber den Vogel schießt das Schlusswort ihrer blonden Freundin ab: „Und das Wichtigste überhaupt: Männer!“

Die Stille in diesem Augenblick wäre mit Händen greifbar, wäre nicht eine Feldlerche aufgestiegen und hätte hoch über unseren Köpfen jubiliert. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht so zu reagieren, wie Stella.

Prue, Du bist unverbesserlich“, lacht sie und steckt die Dritte im Bunde mit ihrem Lachen an.

Seien wir doch mal ehrlich. Haben wir etwas anderes erwartet?“

In den Heiterkeitsausbruch, der dieser gespielten Entrüstung folgt, stimmt nun auch Prue ein.

Oh, Ag, warum denn auch nicht?“ keucht sie und scheint sich gar nicht einzukriegen vor Lachen, „was ist denn schon dabei. Und etwas Abwechslung können wir doch alle gut gebrauchen.“

So, so, Abwechslung…“ grinst Stella, und die drei prusten erneut los, „wie das wohl gemeint war?“

Ich werde es wohl nicht mehr erfahren, denn Prue, die anscheinend wirklich hinter allem her ist, was Hosen trägt und nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist, wechselt das Thema, nachdem sie von dem Lachflash erholt hat. Ein Lachflash, der mich um ein Haar angesteckt hätte. Ich musste doch sehr an mich halten, um meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen.

Ihr habt ja recht, und die Aussicht, dort jede Menge aussichtsreicher Kandidaten zu treffen, hat ihren Reiz. Aber so komisch sich das auch anhört und so sehr ich mich auch darauf freue, aber wisst Ihr, was ich tatsächlich kaum noch erwarten kann?“

Ja?“ Gebannt starren Stella und Ag ihre Freundin an. Jetzt bin auch ich neugierig.

Dass Sly endlich wirft!“

Damit hat wahrscheinlich niemand gerechnet.

Sly?“ Ag blickt verständnislos in die Runde. Stella, nicht minder verblüfft, fügt unnötigerweise „das Schwein, wirklich?“ hinzu. „Dass wir das noch erleben dürfen: Prue hat ihr Herz verloren. An ein Schwein, und an ein trächtiges noch dazu.“

Auch Ag braucht eine Weile, bis sie erkannt hat, wer bei ihrer Freundin tatsächlich an erster Stelle kommt: „Sly? Tatsächlich?“ Dann lacht sie schallend: „Landmädchen, Du bist echt bekloppt. Das Lied ist wie für Dich gemacht.“

Mag sein“, erwidert Prue, „aber Ihr könnt Euch über mich lustig machen, soviel Ihr wollt, doch eins sag ich Euch – Die Menschen sollten sich mehr damit befassen, ob Tiere denken können, anstatt Bomben zu bauen und die ganze Welt damit zu bedrohen.“

Dann gehen sie weiter, und als sie endlich verschwunden sind, wage ich mich aus meinem Versteck hervor. Ich kann immer noch nicht fassen, was ich gerade gehört habe. Das Ereignis des Jahres… schon in zwei Wochen. Das Ereignis des Jahres: Welchen Jahres? Ein Blick auf den Aushang lässt keine Zweifel mehr zu: Wir haben Mai. So weit komme ich noch mit, aber wir haben nicht mehr 2020, sondern das Jahr 1941. Ich bin nicht nur in einem anderen Jahrzehnt aufgewacht, sondern in einem anderen Land… in einem Land, das sich mit meinem – so wie der Rest der Welt auch – im Krieg befindet. Willkommen in Dorset. Shit.

Willkommen in Dorset, United Kingdom – mitten auf dem Land. Sämtliche entbehrlichen Männer hat man eingezogen, nun muss ihre Arbeitskraft ersetzt werden, durch das Landmädchenprogramm der britischen Regierung, offiziell nennt man die weiblichen Hilfkräfte auch WLA – Women’s Land Army. Bis 1944 zählt dieses 1949 aufgelöste Programm der britischen Regierung 80.000 Freiwillige. Ganz großes Kino.

So weit die Realität, aber dies hier kann unmöglich real sein, obwohl es sich ganz so anfühlt. Die drei Mädchen, die sich so angeregt unterhalten und sich gefragt haben, ob Joe sie zu dem Tanz fährt, sind Figuren in einem Roman, den ich gerade lese. Und ich mittendrin – das kann nicht real sein, denn wäre es das und es käme heraus, wer ich bin und woher ich komme, was anhand meines Akzents nicht schwer zu erraten ist, dann kann ich mich warm anziehen. Gnade mir Gott, wenn sie mich für eine deutsche Spionin halten, oder gar schlimmeres… ich muss hier weg. Aber wie?

(Fortsetzung folgt)

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Den Dialog zwischen den drei Romanheldinnen habe ich frei erfunden, obwohl er sich so oder ähnlich abgespielt haben könnte in Angela Huths Roman „Brombeertage“. In ihm geht es um drei unterschiedliche junge Frauen aus der Großstadt, die 1941 auf eine Farm in Dorset (England) kommen, um dort als Hilfskräfte die eingezogenen Männer zu ersetzen. Dass die Farmarbeit ungeahnte Tücken mit sich bringt, hindert sie nicht daran, ihr bestes zu geben. „Liebe und Freundschaft in den Zeiten des Krieges“? Jede der drei macht unterschiedliche Erfahrungen auf diesem Gebiet, und an diese erinnern sie sich bei ihren jährlichen Treffen in einem Londoner Restaurant immer wieder gerne.

Der Textauszug in roter Kursivschrift zu Beginn der Erzählung ist aus einem Lied auf Seite 128 des aktuell von mir gelesenen Buches „Brombeertage“ (Land Girls) von Angela Huth, als Taschenbuch mit 382 Seiten erschienen bei Piper, ISBN 3-492-22607-8. Der letzte Satz des Dialogs über das Schwein und die Tiere im Allgemeinen ist einer Passage auf Seite 125 des Romans entliehen. Ich hoffe, Ms Huth verzeiht mir diese Leihgabe in insgesamt 1336 Wörtern.

Die Schreibthemen im Juni lauten: 1) Jasmin trifft eine mutige Entscheidung. Erzähle, welche dies ist und was Mut für sie bedeutet +++ 2) Du wachst auf und stehst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es? +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…“ beginnt. +++ 5) Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass Du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

7 Kommentare zu “# Writing Friday 2020 – Juni, 25. Woche : Landmädchen, du bist bekloppt

    • Danke, das Buch wurde auch unter dem Titel Brombeerzeit verfilmt und war sehr stimmungsvoll. Da kann man förmlich mitfiebern mit den drei Mädchen und hoffen, dass sie alle Schwierigkeiten meistern.

  1. Wunderbar! Es beginnt mit Gin und Whisky (ich gebe zu, diese beiden Destillate schmecken auch mir in kleineren Mengen) – ich musste schmunzeln beim Schädelbrummen. Und ja, auch ich hab heuer wegen Covid eine lang ersehnte Reise nach Dublin canceln müssen. Darum hab ich vollstes Verständnis für deine Story. Plötzlich befindet man sich dann in dem Buch! Die Wende ist dir super geglückt, die Spannung hat mich gefesselt! Insgesamt super getextet 👍!
    Gruß
    Manuela

  2. Pingback: # Writing Friday 2020 – Juli, 28. Woche : Die blaue Tür | Blaupause7

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