30-Days Film Challenge – Day 20 : a film that changed your life

 

 

Kann ein Film wirklich lebensverändernd sein? Ich wette, die meisten würden das verneinen.

 

Day 20 : a film that changed your life

 

Aber es gibt tatsächlich einen Film, der mich zum Nachdenken darüber gebracht hat, dass es Träume gibt, mit deren Verwirklichung besser nicht zu lange wartet: Das Beste kommt zum Schluss (The Bucket List) mit Morgan Freeman und Jack Nicholson (https://i.pinimg.com/474x/03/99/6f/03996f76f072798c3cdd7ba196c7dec6.jpg).

 

 

Danach habe ich selbst meine persönliche „Löffel-Liste“ geschrieben. Die würde bei mir heute allerdings ganz anders aussehen als damals. Das Leben dauert schließlich nicht ewig, und wer weiß, was im nächsten Jahr ist – genau das war mein Gedanke, als ich letztes Jahr spontan beschloss, nach Kanada zu reisen, und als hätte ich es geahnt, geht dieses Jahr in dieser Beziehung für mich nichts mehr.

Ein Lied, das sich mit diesem Thema beschäftigt, ist „Kein Zurück“ von Wolfsheim, das mir bei diesem Film als erstes eingefallen ist. Ein Thema, das im letzten August zum Zentrum des Gesprächs wurde, das sich in Montréal am späten Abend an der Hotelbar zwischen mir und einer Kanadierin aus Alberta entwickelt hat. Lebe jetzt und nicht irgendwann. Denn irgendwann ist selbst der größte Traum zu lange her. Meinen habe ich noch gerade rechtzeitig verwirklicht.

30 Days Book Challenge : Tag 7 – Eine Biografie

 

Das Schnäppchen des Jahres 2018 (oder war’s 2019?) gab’s zum Schleuderpreis von 50 Cent auf dem Bücherflohmarkt unserer Stadtbücherei – mit einem von mir doch sehr vernachlässigten Genre

Die Biografie

aber ich gelobe Besserung und steigere mich bei der Seitenzahl – mit

Maximum Rock’n’Roll“ von Murray Engleheart und Arnaud Durieux

Angepriesen wurde das Werk über die australische Band AC/DC mit den Worten „Die ultimative Chronik der erfolgreichsten Hardrock-Band aller Zeiten“, haben wollte es niemand, also habe ich zugegriffen, denn ich wollte mich über ihren Werdegang informieren, auch weil ich sie in der Originalbesetzung bisher noch nicht kannte.

AC DC Morgenlektüre

Die Morgenlektüre – für unterwegs eher ungeeignet.

 

Sie suchten sich ein Thema, über das sie sich in Rage reden konnten: ihren Manager, irgendjemanden aus der Musikindustrie oder aus dem Fernsehen. Dann wählten sie einen Moment, an dem sie einsteigen konnten und legten los. Es war wie Zauberei. Die Intensität war unglaublich. Angus ist eher entspannt, Malcolm sehr ambitioniert, Cliff war der Neue und wollte es allen nur recht machen und Bon war immer sehr locker drauf. Ein bisschen wie Michael Hutchence, was seine Lebenseinstellung anging. Aber George… der war so angespannt.“ (Seite 240).

 

Kollegen unter sich – das konnte ich mir nicht verkneifen. Der locker und oft in deftiger Sprache geschriebene Wälzer mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos und einem umfangreichen Personenregister ist unter der ISBN 978-3-453-60120-8 im Heyne-Verlag erschienen, und ich stecke irgendwo in der Mitte fest, weil mir zur Zeit die Lust zum Lesen dicker Bücher fehlt. Über 500 Seiten wiegen halt auch was.

 

 

 

Und weil nun doch einige mitmachen möchten, folgt an dieser Stelle ein kurzes Update – Welcome to the club:

Bette Davis left the Bookshop

Neu- und Späteinsteiger sind herzlich willkommen.

„Broken Strings“ : Chapter 30 – The Lady in Red

Wünsch. Mir. Glück.“

Wir waren gerade erst losgefahren, und schon hatte er wieder Sehnsucht nach mir. Eigentlich solltest Du mir ja Glück wünschen, schüttelte ich amüsiert den Kopf, und mir nicht eine Textnachricht nach der anderen schicken.

So gern ich mit ihm auch per WhatsApp kommuniziert hätte, aber dafür hatte ich im Moment überhaupt keinen Kopf, da Madlyn und ich mitten in Arbeit steckten. Vor uns lagen zwei Stunden Fahrt, und wir wollten die Zeit nutzen, um uns intensiv auf das Einsingen vorzubereiten. Die acht fraglichen Songs hatte ich längst als mp3-Datei auf meinem Smartphone abgespeichert. Was mir jetzt noch fehlte, waren die von uns beiden einzustudierenden Textpassagen.

Die entsprechenden Sätze hatte sie mit Marker auf den Kopien angestrichen, die ich nun vor mir auf dem Schoß liegen hatte, damit ich sie mir besser einprägen konnte, während ich dazu die entsprechenden Lieder mit meinem Phone hörte. Kopfhörer waren schon eine feine Sache, andernfalls hätte Mark einen Koller bekommen, weil ich wieder und wieder auf „Repeat“ drückte.

Es war dieser eine verdammte Song, den ich mir nicht merken konnte. Dabei war der Text noch nicht mal besonders kompliziert; aber es war wie verhext – die Worte wollten einfach nicht bei mir bleiben.

We’re riding on the freeway, seeing our lives rolling by. Sometimes the road is rocky and not so easy, sometimes it’s making you cry. ♪

O Gott, was hatte ich getan, dass man mich so grausam bestrafte? Ein gelungenes Versmaß hörte sich in meinen Ohren anders an. Vor allem hätte ich gerne gewusst, wer diesen holprigen Alptraum zu Papier gebracht hatte. Wenn Mike das sang, klang das eventuell gar nicht mal so übel, aber die Worte ablesen und im eigenen Kopf hören zu müssen, war etwas ganz anderes, und in meinem Innern klang das alles andere als professionell.

Küchenpoesie von 13jährigen Mädchen, die für die Schule ein Gedicht schreiben müssen, hätte nicht schlimmer sein können. Nur gut, dass ich bei diesem folkig vertonten Roadmovie nicht den kompletten Text ins Mikrofon säuseln musste, sondern nur die unterstrichenen Stellen. „Roadholes in the tarmac“, „U-Turns“ und falsche Abzweigungen, die man mit voller Absicht bei „full speed“ nahm, kamen darin ebenfalls vor.

Wer diesen Text verbrochen hatte, musste ein arg deprimierendes Leben führen. Und das wollten sie heute Abend wirklich bringen? Da war ja „Creep“ von Radiohead fröhlicher, und vor allem einfacher zu lernen. Außerdem wäre mir das Lernen leichter gefallen, wenn nicht schon wieder eine Textnachricht eingetrudelt wäre.

MM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ Live baby live …. ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Und Süße, schon aufgeregt?“

Ihn zu ignorieren, würde mir nur telefonischen Dauerbeschuss bescheren, also textete ich so knapp wie möglich. AM: ♪♫ ♪♫ ♪♫ I’m standing here on the ground… ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ – „Yepp.“

MM: „Nanu, so kurz angebunden?“

AM: „Der Song ist ein Alptraum!“

MM: „???“

AM: „Freeway. Mit dem Text komm ich einfach nicht klar.“

MM: „So schlimm?“

Jetzt bloß nichts falsches schreiben; am Ende war noch er der Urheber dieses Werks, und ich sprang womöglich mit Anlauf in den nächsten Fettbottich.

AM: „Ich will’s mal so sagen: ‚Creep‘ wäre eine leichtere Aufgabe.“

MM: „???“

Wie jetzt? Er kannte ‚Creep‘ nicht? Wenn ich ihm jetzt nicht sofort den Link zu dem entsprechenden Video schickte, würde er niemals Ruhe geben. Zu blöd, dass ich auf die Schnelle nicht das Original, sondern eine mit Inbrunst gesungene Coverversion im Stil der Swing- und Rockabilly-Ära fand. Die würde sich sogar noch besser für meine Zwecke eignen, denn gesungen wurde das Stück von einer Frau.

AM: „Bitte schön! Das hier würde ich tausendmal lieber singen: youtube.com/watch?v=m3lF2qEA2cw … PMJ at its best.“

Wenn er schlau war, würde er nach den Künstlern mit diesen Initialen googeln, und damit das Texten langsam ein Ende fand, schickte ich ihm noch die Information, dass wir jetzt gerne in Ruhe weiterarbeiten würden, garniert mit einem virtuellen Küßchen.

MM: „Ein Küßchen von Dir? Fein, dann lass ich Dich bis nachher in Ruhe. Aber ich hätte da auch noch was für Dich… Lass dich überraschen! Bye.“

Na prima. Jetzt war zwar Ruhe im Karton, aber deshalb verschwand meine Nervosität noch lange nicht. Im Gegenteil: Nun hatte ich nicht nur Lampenfieber wegen des bevorstehenden Auftritts, sondern zerbrach mir den Kopf über Mikes Überraschung. Das Ganze noch in Kombination mit dem Video, das ich ihm gerade geschickt hatte, und das Chaos war perfekt.

Warum hatte ich mich nur dazu hinreißen lassen? Jetzt hatte ich einen Ohrwurm, den ich nicht gewollt hatte und der sich nur auf eine Art bekämpfen ließ: Ich musste genau diese Schnulze beim Soundcheck singen; und zwar so, als ob ich selbst die Leadsängerin dieser großartigen Combo wäre.

Zuckersüß die Verpackung…

 When you were here before, Couldn’t look you in the eye, You’re just like an angel, Your skin makes me cry

… aber bitterböse der Inhalt: You float like a feather, In a beautiful world, And I wish I was special, You’re so fuckin‘ special

Ich schloß die Augen, holte tief Luft und ließ die Töne fließen: But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here.

Und plötzlich war da seine Stimme, die die nächste Strophe übernahm und mich aus meiner Versenkung riss: I don’t care if it hurts, I want to have control, I want a perfect body, I want a perfect soul – I want you to notice When I’m not around, You’re so fuckin‘ special, I wish I was special

Wieso hatte ich ihn nicht hereinkommen hören und mitbekommen, wie er sich an das zweite Mikrofon gestellt hatte? Ich öffnete die Augen, löste das Mikrofon aus seiner Halterung und ging wie in Trance auf ihn zu. Der Refrain spiegelte genau das wider, was ich in diesem Augenblick fühlte: ♪ But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here…

Dann versagte mir die Stimme, und ich musste abbrechen. Nein, ich gehörte nicht hierher. Ich war hier fehl am Platz, meine Anwesenheit ein Witz, und zwar einer von der grausamen Sorte. Das Universum hatte einen Clown gefrühstückt und ließ seine Launen an den völlig Falschen aus.

Würde ich das jetzt in eine WhatsApp verpacken, könnte ich erkennen, wie absolut schräg diese Worte auf den Leser wirken müssen, erkannte ich. Aber was nützte mir das? Diesen Fluch zu brechen, erfordert eine ungeheure Energiemenge – oder jemanden, der genau in diesem Moment, als ich mit dem Singen aufhörte, mir das Mikrofon aus der Hand nahm und mich an sich zog.

Glaub mir, Baby, Du gehörst absolut hierher…“  

Oh ja, bitte sprich weiter… und hör nicht auf, mich zu küssen…

„Für mich bist Du kein Creep. To me you are special. So very special…“

Oh Darling, wenn das die versprochene Überraschung sein sollte, dann ist sie Dir gelungen…

Andrea, Süße, ich hatte Dir doch noch eine Überraschung versprochen…“

Ach? Jetzt war ich aber neugierig. Mike räusperte sich, dann zog er ein Päckchen aus den Tiefen seiner Lederjacke. Etwas Weiches, kein Schmuckkästchen (Gott sei Dank), verpackt in schwarzes Seidenpapier und verschnürt mit einem schwarzen Geschenkband.

„Vielleicht hilft Dir das ja gegen Dein Lampenfieber.“

Lampenfieber. Wow! Dass das so offensichtlich war…

„Trag es heute abend für mich.“ Diesmal hatten die Wände und unsere Umgebung keine Ohren, und was er sagte, konnte niemand hören, außer mir, denn seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. „… Baby“

Ach wie süß: A Star is Born!

Huch! Erschrocken fuhren wir auseinander. Jemand war herein gekommen, und der Spott war unüberhörbar. Natürlich – der fiese Frank; wer auch sonst. War ja klar, dass er immer dann auftauchte, wenn ihn keiner brauchen konnte. Hastig stopfte ich das Päckchen in meinen Hosenbund. Das weiche Seidenpapier schmiegte sich an meinen nackten Rücken. Gut, dass nichts darin war, was zerbrechen konnte, aber ich kam nicht dazu, mir weiter darüber Gedanken zu machen, denn Frank nervte weiter.

Anstatt die Lady Gaga zu geben, könntest Du ruhig mal mit anpacken.“

Wie bitte? Mit anpacken? Na, der traute sich ja was! Hatte er nicht kapiert, dass ich dafür nicht mehr zuständig war? Ich wusste ja, dass er nicht die hellste Kerze auf der Torte war, aber damit lehnte er sich weiter denn je aus dem Fenster. Bisher hatte er mich immer dann schikaniert und seinen Ärger an mir ausgelassen, wenn wir alleine waren und es in Gegenwart anderer Personen bei verbalen Ausfällen belassen.

Indem er die Abreibung von neulich bewusst ignorierte, überschritt er jedoch diese Grenze, und ich wusste nicht, ob ich das unsagbar dreist oder einfach nur dumm finden sollte. Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche.

Und anstatt uns auf den Sack zu gehen, könntest Du auch einfach nur Deinen Job machen, Parker. Aber ohne uns zuzutexten“, gab Mike verärgert zurück. „Oder brauchst Du eine Extra-Aufforderung?“

Die zusätzliche Untermalung mit einer angedeuteten Maulschelle war nicht notwendig. Frank verkniff sich weitere Kommentare und verzog sich hinter die Bühne.

Ich sehe, Du bist genauso entzückt über sein Auftauchen wie ich“, spottete ich.

Oh, irgendwann schieß ich diesen Typen auf den Mond.“ stöhnte er gequält auf. „That f*****‘ pain in the ass.“

Ich sehe schon, wir sind uns einig, dachte ich und antwortete trocken: „Aber bitte ohne Rückfahrkarte.“

Das brach den Bann, und ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass gleich der Rest der Band für die Generalprobe erscheinen würde. Uns blieb nicht mehr viel Zeit bis zum Auftritt, und ich spürte, wie ich immer nervöser wurde, denn nun wurde es ernst. Wir waren schon halbwegs durch mit dem Programm, da bat Mike um unsere Aufmerksamkeit: „Lasst uns nochmal die Setlist durchgehen.“

Oh no!“ Das klang alles andere als entzückt, denn wenn Mike so anfing, konnte das nur heißen, dass irgendetwas im Busch war. „Sag jetzt nicht, dass Du das Programm nochmal umschmeißen willst!“

Nicht direkt umschmeißen. Nur eine kleine Änderung.“

So, so. Jetzt wurde es interessant, denn seine ‚kleinen Änderungen‘ hatten es in sich. Er wollte einen Song weglassen? Fein. Aber womit gedachte er, die Lücke zu füllen?

Auch John war auf einmal hellhörig geworden: „Du willst jetzt allen Ernstes einen Song aus dem Programm nehmen? Und welchen, wenn ich mal fragen darf?“

Bitte, bitte, lass es nicht ’someone somewhere‘ sein – jetzt, wo ich meinen Part endlich drauf habe, flehte ich in Gedanken.

Ich dachte an Freeway“.

Ein Glück, dachte ich erleichtert, aber damit war John wiederum nicht einverstanden.

Sag mal, hast Du sie noch alle? Weißt Du, wie lange ich daran geschrieben habe?“

Ach, Du warst das? ging mir ein Licht auf. Jetzt wurde mir so langsam einiges klar. Ich hatte ja schon einen gewissen Verdacht gehabt, aber nun bekam ich die Bestätigung, dass es unter der stets nach außen hin gelassen wirkenden Oberfläche bei unserem Keyboarder ganz anders aussah.

Er wird von allen unterschätzt. Immer ausgeglichen, immer freundlich: Nein Freunde der Nacht, der Schein trügt. Er schaut weder aus Frust noch aus Langeweile so oft und so tief ins Glas. Eurem Freund geht es beschissen; und keiner merkt, wie unglücklich er eigentlich ist?

Glaubst Du, das weiß ich nicht? Ich sag ja auch nicht, dass wir die Nummer komplett für den Rest der Tournee streichen sollen. Ich rede ja auch nur von heute Abend“, versuchte Mike, ihn zu beschwichtigen, was seine Kollegen zu der Frage führte, was sie dadurch gewinnen würden.

Die Antwort lag auf der Hand: Zeit – und zwar so viel, bis entweder ich meinen Part zu einhundert Prozent drauf hatte oder Sue wieder fit war. Nur was, zum Henker, sollten sie statt dessen spielen? Nachdenklich schaute er mich an.

„Warst Du nicht der Meinung, dass ‚Creep‘ eine leichtere Aufgabe wäre und Du das tausendmal lieber singen würdest?“

Oh nein. Wenn es das war, worauf er hinaus wollte, dann war das eine ganz schlechte Idee. Creep als Duett? Fröhlicher und einfacher zu lernen? Ja, danke, dass Du mich daran erinnerst, aber ich wollte niemals im Rampenlicht stehen, und Deinen Kollegen wäre es auch nicht recht, wenn … wie hatte Frank nochmal gelästert … wir beide Lady Gaga und Bradley Cooper gaben. Komm bloß nicht auf dumme Gedanken, Mike Mitchell.

Zum Glück konnten sie ihm diese Schnapsidee austreiben und entschieden sich für ein Instrumentalstück als Lückenfüller. Puh! Dieser Kelch war nochmal an mir vorbeigegangen. Viel Zeit blieb uns nicht mehr bis zum Konzert, und umgezogen waren wir auch noch nicht, vom fehlenden Styling gar nicht erst zu reden.

Komm, Andrea“, sprach Madlyn, „lassen wir die Jungs in Ruhe und machen uns fertig.“

Mich vorher noch zu duschen, hätte ich jetzt schick gefunden, außerdem wollte ich für einen Moment alleine sein, um Mikes Geschenk zu öffnen.Trag es heute abend für mich‘ – bei diesem Glücksbringer hatte ich ganz stark das Gefühl, dass er nur für meine Augen bestimmt war. Vielleicht ein bestimmtes Schmuckstück, das er zur Tarnung in ein Tuch eingewickelt hatte oder aber…

Etwas Rotes? Hektisch riß ich das Papier in Stücke, und zum Vorschein kam ein Wäscheset aus deunkelrotem, matt schimmerndem Satin. Wann hatte er die Zeit gefunden, eines für mich auszusuchen, das mir nicht nur auf Anhieb gefiel, sondern vor allem auch noch passte? Die passende Größe zu ermitteln, ist eine Wissenschaft für sich, die viele Frauen, die ihre Konfektionsgröße eigentlich kennen müssten, vor ungeahnte Herausforderungen stellt.

Von einem Kerl, den ich erst verhältnismäßig kurze Zeit kannte, hätte ich daher nicht erwartet, dass dieser Traum im Vintagestil, an dem überflüssige Verzierungen fehlten, so ausgezeichnet sitzen würde. Einen Mann mit perfektem Augenmaß hielt ich für genauso selten wie einen Fünfer im Lotto. Perfektes Augenmaß – oder einfach nur ein gutes Erinnerungsvermögen an die von Hand ermittelten Maße? Mir schwante so langsam, wann er die Sachen, in denen ich mich fühlte wie ein anderer Mensch, gekauft hatte.

Von wegen Zigarettenpause, während wir schon mal vorgehen sollten… Der Laden mit den Pseudo-80s-Outfits; während Madlyn und ich uns durch die Garderobenständer gewühlt hatten, musste er sich seinerseits umgesehen haben, mit dem Ergebnis, das ich wohlwollend im Spiegel begutachtete. Ich musste zugeben, der Mann hatte Geschmack. Was störte es mich da, dass die Träger unter dem Ausschnitt meines Tops hervorblitzte. Niemand würde darauf so genau achten…

Hatte ich aber auch nur gedacht. Unter meinem asymmetrischen Eighties-Outfit war ich die Lady in Red, und da Madlyn direkt neben mir stand, war sie die Erste, der die Veränderung an mir auffiel.

Ich wusste es“, flüsterte sie mir in einer Pause zwischen zwei Songs zu, „Wenn Du erst mal auf der Bühne stehst, und im Flow bist, verfliegt das Lampenfieber.“

Ach, Madlyn, wenn Du wüsstest, dass es nicht alleine daran liegt. Ich ließ sie weiter in dem Glauben. Die verräterischen roten Träger hatte sie noch nicht gesehen, und so lange ich darauf achtete, dass der Ausschnitt des Tops dort blieb, wo er hingehörte, würde sie sie auch nicht sehen.

Einen Tip hätte ich noch: Am besten schaltest Du alle überflüssigen Gedanken ab und konzentrierst Dich nur noch auf den Rhythmus.“

Heidi Klum lässt grüßen. Aber ganz so verkehrt war ihr Ratschlag nicht; wenn ich sah, wie fließend sie sich hinter dem Mikrofon bewegte, war bei mir noch Luft nach oben. Mich an ihr zu orientieren, war bestimmt nicht das Dümmste. Und nun rasch wieder ans Mikrofon, denn die Pause neigte sich ihrem Ende entgegen. Jetzt war nur noch die Musik wichtig, nichts anderes zählte mehr.

Nun zahlten sich unsere intensiven Übungsstunden aus, und bei „Don’t stop believing“ spürte ich, wie sich auch der letzte Rest meiner Aufregung verabschiedete…

A singer in a smokey room, The smell of wine and cheap perfume, For a smile they can share the night, It goes on and on and on and on ♪

Den konnte ich zwar auswendig, aber damit der mehrstimmige Gesang diesem Klassiker das gewisse Etwas gab, musste ich trotzdem auf die richtige Umsetzung achten.

♪ Strangers waiting. Up and down the boulevard, Their shadows searchin‘ in the night ♪

unsere Silhouetten im Halbschatten, die sich im Gleichtakt bewegten, rundeten das Gesamtbild ab. Nur Synchronschwimmer konnten diesen Anblick toppen. Aber die waren in der Regel nicht bloß zu zweit unterwegs. Und im Gegensatz zu uns blieb bei denen wenigstens das Kostüm an seinem Platz: Durch die Bewegungen zu den Klängen von Journey glitten mein Halsausschnitt zur Seite und gab meine linke Schulter frei. Ein Nebeneffekt, den ich nicht einkalkuliert hatte. Dabei hatten wir so darauf geachtet, in einheitlichen Outfits auf der Bühne zu stehen, aber an die farbliche Abstimmung des Untendrunters hatte keine von uns gedacht. Rouge et Noir? Mist, diesen Fauxpas würde mir meine Kollegin bei der nächsten Gelegenheit bestimmt unter die Nase reiben. Es würde auch bestimmt nicht mehr lange dauern, bis das auch dem Rest der Band auffallen würde, und was den Sänger anging… Der wusste es auch so, denn er war sich absolut sicher, dass ich ihm seinen unter vier Augen geäußerten Wunsch nur allzu gerne erfüllt hatte.

Rooms full of strangers, Some call me friend, But I wish you were so close to me ♪

Ich wusste, nun kam der Teil, an dem Madlyn und ich bei den Worten „By my side“ im Refrain nochmal alles geben mussten und dass nun der Teil kam, bei dem eine Konzertbesucherin das Gefühl bekommen würde, dass die Ballade des Abends allein ihr gelten würde.

In the dark of night, These faces they haunt me. But I wish you were So close to me ♪

Holy Mary! He’s turning away from the crowd and turning around in my direction… Oh bitte, nein, Mr. Mitchell, drehen Sie sich bitte wieder ganz schnell um und bespaßen Sie Ihre weiblichen Fans, aber bitte, bitte, lieber Gott – bitte schick Bradley und Kevin eine Eingebung, damit sie den Lichtkegel nicht über die Bühne wandern lassen und mich in dieses grelle, weiße Licht tauchen. Wetten, dass es niemals geplant gewesen war, mich zu einem Bestandteil der Show zu machen…

In the dark of night. ♪

Von wegen ‚Dark of Night‘ – das gleißende Flutlicht fiel gnadenlos auf mich und gab mich mehr als tausend Leuten preis.

♪ By my side.In the dark of night, By my side I wish you were, I wish you were so close to me ♪

Aber war das wirklich nur Show? Sein Blick, der sich in meinem versenkte, sprach eine andere Sprache, mochten die anderen auf der Bühne diese Einlage auch für einen Running Gag und das Publikum für den Inbegriff der Romantik halten – ich wusste es besser. Und so, wie er mich ansah, wusste er, dass ich es wusste.

Dass ich das Kunststück fertigbrachte, trotz weicher Knie und flatternder Nerven beim Refrain mit Madlyn mitzuhalten, erschien mir im Nachhinein wie ein Wunder. Nur um sich davon zu überzeugen, dass mir sein Geschenk gefiel und ich die neuen Sachen nicht nur ihm zuliebe trug, hätte diese Spezialeinlage nicht sein müssen.

Ja, haben wir denn schon Silvester?“ lautete dann auch prompt ihre Frage, als wir während unserer Pause bei ‚Sunday bloody Sunday‘ und ‚New Year’s Day‘ ins Dunkel abtauchte und unsere leergelaufenen Reserven mit Wasser auffüllten.

Ratlos blickte ich sie an. Ich hatte keinen Schimmer, was sie meinte. Silvester? Hä? „Na, ganz einfach. Es gibt da einen Brauch zu Silvester, nach dem das Tragen von neuer, eigens für diesen Anlass angeschaffter Unterwäsche im neuen Jahr Glück bringen soll.“

Selbstredend mussten diesem Aberglauben zufolge die Dessous rot sein. Und worauf sich das Glück bezog, konnte ich mir denken: finanzielle Dinge zählten nicht dazu.