30-Days Film Challenge – Day 30 : a film with your favourite ending

 

 

Happy Ends sind was tolles. Aber darum geht es mir bei diesem Film nicht, sonst hätte ich einen anderen gewählt. Der letzte Tag der Challenge fällt auf den ersten Tag des neuen Monats. Da muss zum Abschluss ein besonderer Leckerbissen her.

 

Day 30 : a film with your favourite ending

 

In dem französischen Film Die fabelhafte Welt der Amélie finden die zwei Liebenden schließlich auf fast schon telepathische Weise nach einer langen Odyssee zueinander und cruisen beseelt und im siebten Himmel auf dem Moped durch Paris (https://i.pinimg.com/474x/8b/a6/6a/8ba66ac731b17a272594293470b36ee8.jpg):

 

 

Doch das Happy End der beiden ist nicht das Ende, das ich meine. Denn danach kommt die eigentliche Schlußszene, und bei der hatte ich den Eindruck, dass sie spiegelverkehrt zur Eröffnungssequenz aufgebaut ist:

 

Von der Totale in die Nahaufnahme, und wieder zurück – dieser Schachzug gibt diesem kleinen Meisterwerk, das mit zu meinen Lieblingsfilmen zählt, den allerletzten Pfiff. Leider war ein entsprechender Clip nicht zu finden.

Aber eins muss ich zum Schluss loswerden: Die Challenge hat mir einen riesigen Spaß gemacht, und ich bedanke mich ganz herzlich bei aequitasetveritas, die diese tolle Idee hatte.

30 Days Book Challenge : Tag 17 – ein Buch von Deinem Lieblingsschriftsteller bzw. -schriftstellerin

 

Hey, super, dass so viele mitmachen – die Liste der anderen Teilnehmer/Teilnehmerinnen findet ihr am Schluss. Und nun …

 

 

Habe ich einen Lieblingsschriftsteller?

Früher war es Stephen King, heute mag ich es kürzer und knackiger und möchte mich außerdem nicht mehr festlegen. Das Leben ist zu kurz, um sich nur auf ein Genre zu beschränken. Deshalb ersetze ich das Wort „Lieblingsschriftsteller“ durch „wessen Bücher ich gerne lese“

ein Buch von einem gern gelesenen Schriftsteller

2014 war Finnland der Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse; eine gute Buchhandlung in unserer Stadt hatte damals ihr Schaufenster mit Büchern von ihm dekoriert: und da ich Sarkasmus und schwarzen Humor immer lesenswert finde, habe ich mir

Im Jenseits ist die Hölle los von Arto Paasilinna

empfehlen lassen und war begeistert. Ein Mann stirbt wegen eines Moments der Unaufmerksamkeit bei einem Verkehrsunfall, weil er einer aufregenden Schönheit hinterhergeschaut hat, und muss feststellen, dass diese doch nicht das Wahre war. Was er noch alles entdeckt, fand ich zum Schreien komisch.

 

 

Mein Tod kam für mich völlig überraschend“ So kann es gehen, wenn „Mann“ beim Überqueren einer Straße allzu intensiv einer jungen Frau hinterherschaut und von einem Auto erfasst wird. Doch überraschender ist für den soeben verstorbenen Journalisten, dass er fortan als Geist über den Dingen schweben und andere Tote treffen kann. Doch Vorsicht: Kein Geist lebt ewig, und Dummheiten bleiben nie ohne Folgen…

So viel zum Inhalt, der auf der Rückseite des Taschenbuchs mit 219 Seiten beschrieben wird – dieses ist bei Bastei Lübbe mit der ISBN 978-3-404-17073-9 aufgelegt worden. Inzwischen habe ich noch andere Romane von ihm gelesen („Ein Bär im Betstuhl“ und „Der wunderbare Massenselbstmord“) – und ich glaube, Herr Paasilinna hat definitiv das Zeug dazu, mein neuer Lieblingsschriftsteller zu werden.

 

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Und weil nun doch einige mitmachen möchten, folgt an dieser Stelle ein kurzes Update – Welcome to the club:

Bette Davis left the Bookshop

wortman

vro jongliert

Irgendwas ist immer

Verfilmt & Zerlesen

Anicas Medienwelten

 

Weitere Neu- und Späteinsteiger sind herzlich willkommen und werden (falls vorhanden) fortlaufend ergänzt.

 

 

„Broken Strings“ : Chapter 33 – Volle Kanne

Drei stressige Tage lagen hinter uns. Und weil er ihnen nicht den gleichen Marathon wie Celine Dion mit ihrem Engagement in Las Vegas zumuten wollte, hatte Brian für seine Leute bereits zu Beginn der Tournee einen Ruhetag eingeplant. Wobei Ruhe relativ war. Für die Crew und einen Teil der Band kam diese Pause gar nicht so ungelegen, Sue allerdings zeigte sich wenig begeistert. Hatten sie die Ärzte zu strengstem Sprechverbot verdonnert, so machte sie die Aussicht, an diesem langweiligen Ort herumzusitzen, noch unzufriedener als zu Beginn der Woche.

Sie hatte jetzt schon nichts zu tun. Und jetzt noch so ein Tag? Ein Alternativprogramm musste her, und zwar schnell. Es war Mark, der die Idee zu einem Ausflug in die Inselwelt zwischen Vancouver Island und dem Festland hatte. Seattle, das auf meiner Sightseeing-Liste immer noch nicht abgehakt war, musste warten. Keiner hatte große Lust, den halben Tag durch die Gegend zu fahren, nur wegen eines Selfies zu viert auf der Space Needle, und in die Vereinigten Staaten wollten sie schon aus Prinzip nicht einreisen. Mir war das ganz recht, denn bis nach Sidney war es für meinen Geschmack schon weit genug, und die Strecke hatte auch so landschaftlich einiges zu bieten.

Google Maps zeigte sogar den Verlauf der Fährlinie von Richmond nach Sidney an. Vom Fähranleger irgendwo südlich von Richmond aus nahm die Fähre Kurs auf mehrere, nicht näher benannte Inseln und legte ein Stück weiter nördlich von Sidney an. Dass wir die unsichtbare Grenze zum Nachbarstaat genau zweimal kreuzen würden, weil diese in einem spitzen Winkel mitten in die Bucht hineinragte, behielt ich schön für mich.

Für die Planung unserer Freizeitgestaltung war diese Tatsache sowieso irrelevant. Es sei denn, mitten auf hoher See würden Grenzkontrollen durchgeführt, was ich aber für unwahrscheinlich hielt. Streng genommen verließen wir Kanada ja nicht, und ein Ausstieg mitten auf der Strecke wäre das Dämlichste, was man machen konnte. Worauf wir ebenfalls verzichteten, war die zweieinhalbstündige Weiterfahrt mit einem anderen Schiff von Sidney nach Anacortes, der amerikanischen Partnerstadt.

Von dort waren es zwar nur noch 120 Kilometer bis nach Seattle, aber diesem unnötigen Stress wollten wir uns nicht aussetzen. Dann doch lieber mit dem Auto auf die Fähre, sich dort den Wind um die Nase wehen lassen und den Ausblick auf die atemberaubend schöne Landschaft und dem sich verfärbenden Laub genießen, an der amerikanischen Ostküste auch bekannt als Indian Summer. Endlich bekam auch ich dieses Naturereignis zu sehen. Als ich mein Work-und-Travel-Jahr begonnen hatte, war es bereits Oktober gewesen, und die Zeit der bunten Blätter lange vorbei.

Statt dessen Temperaturen im Minusbereich, Schnee und heftiger Wind. Kein Wunder, dass ich so schnell einen Platz in diesem Programm bekommen hatte. Aber bei einem Jahr Aufenthalt wäre mir so oder so der Winter nicht erspart geblieben, also konnte ich die ungemütliche Jahreszeit auch gleich hinter mich bringen. Dass sich andere schlauer angestellt hatten als ich, indem sie sich für das Jahr von August bis Juli entschieden hatten, war mir dann irgendwann auch aufgegangen. Aber darüber zu jammern, brachte mich nicht weiter, und das einzige Gute an dieser Erfahrung war, dass ich so abgehärtet war, dass mir das wechselhafte herbstliche Wetter nicht mehr viel anhaben konnte.

Wer bei der Arbeit im Freien zweistelligen Minusgraden und starkem Wind ausgesetzt war, den haute das bißchen Wind beim Warten auf die Fähre so schnell nicht um. Für Sue war das zwar nicht so ideal, aber hieß es nicht, dass Seeluft besonders gut bei Atemwegserkrankungen helfen sollte? Bei ihr waren es zwar die Stimmbänder, aber dem allgemeinen Wohlbefinden konnte so ein Bootstrip mit anschließender Einkehr in einem gemütlichen Lokal nicht schaden, und der selbstgestrickte Schal, den ich ihr geliehen hatte, hielt sie schön warm.

Mit seinen Streifen in allen möglichen Farben war er nicht das stylischste Kleidungsstück und passte als Accessoire eher zu meinem komplett schwarzen Erscheinungsbild als zu dem, was sie trug. Aber modische Outfits waren für meinen Geschmack sowieso überbewertet, und zum Glück sah das Mark wie ich: „An einem bunten Schal und zusammengewürfelten Outfit ist noch niemand gestorben, aber an einer Lungenentzündung schon.“

Dagegen gab es nichts einzuwenden, und da Protest zwecklos war, gab Sue sich einsichtig. Dein Glück, dachte ich und betete, dass sie bald ihre Stimme wiedererlangte – je eher, desto besser. Nicht, dass es mir nicht gefiel, sie am Mikrofon zu vertreten, aber so langsam lief mir die Zeit davon. Und was, wenn sie in fünf Wochen immer noch nicht einsatzfähig war? Ich erklärte ja ungern anderen, wie sie ihren Job zu machen hatten, aber so langsam sollte sich Brian mit dem Gedanken anfreunden, eine andere Backgroundsängerin zu finden, falls sich Sues Zustand nicht bald besserte.

Vorsicht Leute – heiß und fettig!“ verkündete Mike, als er wieder an Deck kam, und drückte Mark und mir jeweils einen Hotdog mit Pommes in die Hände.

Sue saß drinnen, wo es weniger zog und war bereits mit einem Burger beschäftigt. Einen dampfenden Becher hatte sie auch vor sich stehen, sie war also bestens versorgt.

Bevor ich wieder reingehe, soll ich uns ’ne Runde davon mitbringen?“ Er meinte das, woran Sue gerade nippte, und es war mit Sicherheit kein Kinderpunsch. Oh Mann, warum mussten alle Getränke, die er ausgab, ständig irgendwelche Umdrehungen haben?

Solange es nicht irgend so ein schauderhafter Punsch ist, gerne!“ gab ich zu bedenken.

Schon allein bei dem Gedanken an dieses Zeug, das ich letztes Weihnachten an meinem Arbeitsplatz am Arsch der Welt hatte kosten dürfen, gruselte es mich. Ob es an der Unfähigkeit dessen lag, der diese Scheußlichkeit zubereitet hatte, oder ob Eier- und Rumpunsch oder Hot Toddys generell so furchtbar schmeckten, hatte ich bisher noch nicht herausgefunden und wollte es auch so schnell nicht mehr. Ein Versuch auf dieser Ranch hatte gereicht, und das Erwachen am nächsten Morgen, das dem Wort ‚Morgengrauen‘ eine ganz neue Bedeutung gegeben hatte, war fürchterlich gewesen. Keine Ahnung, wie ich den Boxing Day überstanden hatte…

Okay, dann also Tee?“ vergewisserte sich Mike, nur um sicherzugehen, dass ich nicht doch vielleicht ein alkoholisches Heißgetränk bevorzugte.

Warum eigentlich nicht?, überlegte ich. Immer nur Kaffee wurde auf Dauer auch langweilig, und außerdem hatte die schwarze Brühe, die durch den Filter gelaufen war, auf mich nicht gerade einladend gewirkt. Die Kaffeemaschine hatte auch schon bessere Tage gesehen, aber da war ich wohl die einzige, der so etwas auffiel, sonst hätte Mark nicht auf Kaffee bestanden, weil er derjenige war, der den Impala fuhr. Etwas anderes kam ihm nicht in die Tasse, und Tee war sowieso nicht sein Fall.

Auf alkoholische Getränke verzichtete er unterwegs aus Prinzip. Andere ans Steuer lassen? No way, nicht nach dem Erlebnis von neulich, das dazu geführt hatte, dass ich sein Baby in der Einöde erfolgreich repariert hatte. Auf eine Wiederholung und auf angesäuselte Mitfahrer legte er keinen Wert. Dann also einmal Tee und zweimal Kaffee. Aha, noch jemand, der das Risiko liebte!

Du weißt doch, Süße…“, zwinkerte er mir zu, bevor er wieder verschwand „No risk, no fun.“

Mir war zwar ein Rätsel, worin der Fun bei Magenkrämpfen oder dem zweifelhaften Genuss einer Tasse Bodensehkaffee bestand, aber die beiden brauchten sich hinterher nicht bei mir über das gräßliche Gesöff beschweren.

What the hell is Bodenseekaffee?“ kam es verständnislos von Mark zurück, der mich anschaute, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte. Blümchenkaffee sagte ihm genauso wenig. Oh my – ich und mein deutsch-englischer Mischmasch! Zeit für eine kleine Lektion in Deutsch.

Bodensehkaffee bedeutet, dass man den Boden der Tasse sehen kann, weil der Kaffee so dünn ist“, klärte ich ihn auf und fügte hinzu, dass das auch für den berüchtigten Blümchenkaffee galt, der das florale Dekor des Porzellans durchschimmern ließ.

„It’s another word for a very thin coffee, tasting awfully.“

Now I get it“, nickte er zustimmend, „so let’s hope for not getting served the brew of the weak.“ – Wie meinen? Jetzt war ich diejenige, die auf dem Schlauch stand: Kaffee der Woche? – da war jetzt aber eine Erklärung nötig, die dann auch prompt kam: „Nicht ‚week‘ für Woche, sondern ‚weak“ für schwach: W-E-A-K.“

Yay, Sie haben die Wechstaben verbuchselt – was für ein Brüller!

Aber eine passendere Übersetzung von meiner in seine Muttersprache fiel auch mir nicht ein. Mich juckte es in den Fingern, diesen dämlichen Insiderjoke gleich mal an Mike auszuprobieren. Aber das würde nur funktionieren, wenn der Kaffee so schlimm war, wie ich vermutete. Eine Spezialität, auf die wir doch gerne warteten. Aber nicht so lange!

Auch Mark wurde das jetzt zu dumm: „Komm, lass uns reingehen und mal nachsehen, was da so lange dauert.“

Gute Idee, denn meinen Hot Dog und die Fritten hatte ich längst verputzt, und so richtig gemütlich war es in diesem elenden Wind schon seit einer Weile nicht mehr. Da konnten die Ausblicke auf die vorüberziehenden Inselchen noch so atemberaubend sein. Von drinnen sah man sie bestimmt genauso gut, aber dort war es wärmer. Außerdem hatte Sue bestimmt schon die Nase voll davon, alleine herumzusitzen.

Wie ich sah, hatte Mike den gleichen Gedanken gehabt wie ich. Anstatt am Tresen zu stehen und auf unsere Getränke zu warten, hatte er sich zu ihr gesetzt. Ich wusste ja nicht, wie das hier mit den Bestellungen lief, aber angesichts des knappen Platzangebotes war es sicher sinnvoll, nicht den engen Gang zu verstopfen, sondern an den Tischen zu warten. Die Tickets in seiner Hand ließen nur diesen Schluss zu.

Das war ja wie bei McDonald’s, nur dass hier die Pommes besser waren. Die Burger aber auch. Sue hatte ihre Portion komplett vernichtet, und jetzt stand eine Platte mit Cupcakes zwischen ihr und Mike. Wollten die beiden jetzt echt diesen riesigen Berg sich selbst einverleiben und uns leer ausgehen lassen?

So nicht, Freunde, Ihr solltet wissen, dass vor mir kein kakaohaltiges Dessert sicher ist.

„Schokotörtchen! Yammi!“ rief ich erfreut aus, und meine Augen wurden tellergroß.

Okay, das war stark übertrieben, aber ganz ehrlich: Welcher Schokoholic konnte bei einem solchen Anblick schon widerstehen?

Oh ja, Süße“, schnurrte Mike und zog mich zu sich auf den Schoß. „Dieser Anblick ist wirklich unwiderstehlich. Vor allem, wenn Du mich so ansiehst.“ – und damit meinte er nicht die Törtchen.

Aber hallo! Ein klassisches Beispiel für Gedankenübertragung. Diesmal konnte es nicht daran liegen, dass mir meine Gedanken ungewollt entschlüpft waren. Das war wirklich reiner Zufall, außerdem wusste ich, wie gerne er mit mir flirtete; da war es nur eine Frage der Zeit, bis so ein Spruch kam. Die Situation wäre nur noch zu toppen gewesen, wenn er darauf anspielte, wie unwiderstehlich ich ihn fand.

Äh, ja, so außerordentlich spannend das Knistern zwischen uns auch war, so fragte ich mich, ob es nicht doch klüger war, wenn wir uns dezent zurücknahmen, da wir nicht die einzigen Passagiere hier unten waren. So gesehen, hatten wir richtig Glück gehabt, überhaupt noch einen Platz zu ergattern. Das sah Mark entspannter als ich: „Ja aber deswegen müsst Ihr Euch aber auch nicht stapeln.“

Für was hielt er uns? Für ein Doppelwesen mit zwei Köpfen? Frei nach dem Motto ‚Schatzis teilen sich generell alles, das Geschirr, das Besteck, und manchmal sogar einen gemeinsamen Stuhl.‘

In unserem Fall eine gemeinsame Bank…Scharfsinning beobachtet, Kelly, aber da bin ich anderer Meinung. Hast Du Dich mal umgesehen?

Der Raum hatte sich nämlich nach und nach gefüllt. Die anderen Passagiere fühlten sich da oben genauso unwohl wie ich. Und ich Schaf hatte mich auch noch damit gebrüstet, dass das heute ein richtig geiler Tag sei und mir das bißchen Wind überhaupt nichts ausmache. Dass das Wetter so umschlagen würde, hatte ich jedenfalls nicht bedacht, und kam mir dennoch wie die allerletzte Memme vor, die wegen eines lauen Lüftchen den Aufenthalt im Freien beendete und lieber unter Deck ausharrte. Aber ganz ehrlich? Es war wirklich bitterkalt und zugig wie gefühlt Windstärke zehn.

Das ist der Wind Chill“, warf Mark ein. „Gut dass wir reingegangen sind.“ – jetzt tu nicht so, als ob das meine Idee gewesen wäre…

Wind Chill?“ wiederholte ich, „Hallo? Das ist doch kein Trip auf den Everest, sondern nur ein kleiner Ausflug unter Freunden.“

Unter Freunden. Hatte ich das gerade wirklich gesagt? Nicht Kollegen, sondern Freunde? Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz: Es war nicht allein der bevorstehende Abschied von Mike, der mir so zu schaffen machte; auch ein paar andere waren mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen, und auch die würde ich nicht mehr wiedersehen.

Du sagst es. Ein Ausflug auf den Everest würde Mark im Traum nicht einfallen.“ stichelte Mike.

Dir aber auch nicht, Mitchell… Dann doch lieber einen Trip zum nächsen Diner…“, holte Mark aus, und ich dachte Oh nein. Nicht schon wieder diese Geschichte. Stoppt den Wahnsinn. Aber schnell… bevor sich Mike zu einer Retourkutsche hinreißen lässt, die nur zu Stress führt und die er später bereut.

Time Out, Leute“ ging ich auch schon im selben Augenblick dazwischen. „Schaut Euch doch mal um: Wer braucht denn schon den Everest, wenn wir die tollsten Berge vor der Tür haben? Und immer nur ins Diner wird auf Dauer auch irgendwann langweilig. Irgendwie hab ich heute Lust auf irgendwas vom Chinesen.“

Sollten sie mich ruhig für verfressen halten, aber so ein Hot Dog hielt nicht ewig vor. Sue ging es mit dem Genuss ihres Burgers ebenso.

„Hunger“, signalisierte sie, und so stand das nächste Ziel fest: Erst mal nach Sidney, und danach auf die Suche nach einem Chinarestaurant. Bei diesem Schlüsselreiz geriet der blöde Witz über die dünne Plörre mit einem Hauch von Koffein ins Hintertreffen, und so wie sich unsere beiden Herren gegenseitig aufzogen, würde der ohnehin ins Leere laufen. So weit die Theorie, die Praxis war noch simpler: Mit seiner Bestellung hatte Mike ins Schwarze getroffen, während ich das Nachsehen hatte: Das, was der Inhalt meiner Tasse darstellen sollte, hatte nur entfernt Ähnlichkeit mit Tee, wie ich ihn normalerweise trank.

Drei oder maximal fünf Minuten ließ ich ihn ziehen. Der hier dagegen hatte nicht nur viel zu lange gezogen, sondern sah aus wie ein zweiter Aufguss aus übriggebliebenen Teebeuteln, die in der warmen Küche zu lange ohne Verpackung im Schrank gelegen hatten. Wir brühen ihn nur dünn, aber dafür gleich mehrmals auf, und zum Ausgleich lassen wir ihn dreimal so lange wie üblich ziehen?

Sofort musste ich an Marge Simpson denken, die versucht, beim Kuchenbacken die zu hohe Backtemperatur durch entsprechende Verkürzung der Backzeit zu kompensieren und nur einen Haufen Asche dabei herausbekommt, den sie mit extrem viel Zuckerguß übertüncht.

In diesem Fall konnte man aber das Teefiasko nicht mehr mit Milch schönfärben, denn das wäre schade um die schöne Milch gewesen. Sehnsüchtig starrte ich die beiden Tassen an, die Mike zwischen sich und Mark aufteilte. Ich kam mir vor wie in dem Song „Ironic“ von Alanis Morrisette: Kaum hat man sich entschieden, von Kaffee auf Tee umzusteigen, wird die Maschine ausgetauscht, und schon wird aus dem „brew of the weak“ das Highlight des Tages, während man mit seiner Wahl voll ins Klo gegriffen hat. Mich aber jetzt in den Kreis all derer einzureihen, die auch noch etwas konsumieren wollten, erwies sich als sinnlos, da sich unsere Fahrt dem Ende zuneigte.

Zu meinem Kaffee kam ich zwar auch bei unserem Restaurantbesuch in Sidney nicht, aber dafür durfte ich mich an einem Kännchen erstklassigen Jasmintees erfreuen, das mir an den Tisch gebracht wurde, während die anderen fleißig die Speisekarte studierten. Im Golden Phoenix gab es kein Mittagsbuffet und auch kein All-you-can-Eat-Angebot. Das fand ich ungewöhnlich, fast schon Oldschool – so wie ich es aus Erzählungen meiner Eltern kannte. Die waren noch nie davon begeistert gewesen, sich für ein Essen in einer langen Schlange anzustellen und liebten es, mehrgängige Menüs auszuwählen und sich die passenden Getränke dazu empfehlen zu lassen.

Chinesische Menüs hatten bei ihnen dagegen nicht so hoch im Kurs gestanden, obwohl sie das ein oder andere Mal auch dieses kulinarische Experiment gewagt hatten. Aber das war schon sehr viele Jahre her. Wie grundverschieden waren dagegen meine kulinarischen Vorlieben. Für Jenny und mich gab es nichts schöneres, als sich durch alle möglichen Leckereien zu futtern und von allem zu kosten. Von fast allem.

Roher Oktopus mit seinen Fangarmen kam mir nicht auf den Teller; diesen Meeresbewohner sah ich lieber lebendig und in Freiheit. Sushi war auch okay, doch was ich am liebsten aß, war Rinderleber mit Zwiebeln. Beim Chinesen, wohlgemerkt. Wie oft hatte mich Jenny damit aufgezogen, dass ich dazu kein chinesisches Restaurant besuchen müsste. Aber wenn es mir doch nun mal schmeckte… Ja, wo die Liebe hinfällt, da ist mit Vernunft kein Blumentopf zu gewinnen.

Ja, wo die Liebe hinfällt… Wie wählerisch konnten Leute sein? Mike und Sue brüteten jetzt schon geschlagene zwanzig Minuten über der Karte und konnten sich nicht entscheiden, während Mark seine Karte bereits zugeklappt hatte und sichtlich mit den Hufen scharrte.

Ungeduld, Dein Name ist Kelly. Zwar konnte ich von mir auch nicht behaupten, dass mich mein Hunger eine ruhige Kugel schieben ließ, aber ich hatte wenigstens meine Teetasse, an der ich mich festhalten konnte, während wir auf die Bedienung warteten. Wenn ich mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommeln möchte, wäre ich Drummer geworden, dachte ich und studierte die umfangreiche Speisekarte und deren Design. Seite um Seite, gefüllt mit Gerichten in allen Variationen.

Da wunderte es mich gar nicht, dass Mike und Sue sich nicht entscheiden konnten. Dabei war es im Grunde so einfach: Das gleiche Gericht nur mit verschiedenen Fleischsorten zu präsentieren, bläht jede Speisekarte zu beeindruckender Größe auf; das war auch das Prinzip des indischen Restaurants, das ich zu besonderen Anlässen besuchte.

Dass ich so schnell eine Entscheidung getroffen hatte, lag daran, dass ich in der Abteilung Schwein bei Kokosmilch und Rotem Curry meine Suche beendet hatte, während Sue mehr für Garnelen zu haben war und Mike eine Vorliebe für Ente hatte. Wenn sie sich jetzt noch für eine Zubereitungsart entscheiden würden, konnte der Spaß beginnen.

Am schnellsten hatte sich übrigens Mark entschieden, denn er hatte von uns allen die unorthodoxeste Methode, ein Gericht auszuwählen, das mehr einem Glücksspiel glich: Er bestellte grundsätzlich die Nummer Siebenundzwanzig und als Vorspeise einen Teller Frühlingsröllchen und eine Schale Wan-Tan-Suppe. Tolle Wahl! Die ließ nämlich Spielraum für Überraschungen, denn ich fragte mich, was er wohl machen würde, wenn sich die Siebenundzwanzig ausgerechnet als Frühlings- oder Sommerrollen entpuppte.

Lieber nicht so genau darüber nachdenken – lasst uns doch mal lieber schauen, welchen Grad des Kitsches dieses Etablissement erreicht…Vergoldete Schnitzereien, rote Lampions an der Decke, Aquarien mit den überall beliebten Neonfischen, Guppys und – surprise, surprise – der schwarze Wels, der aus dem Nirwana kommt. Ich werde ihn Wally nennen. Und er muss nicht befürchten, von mir verspeist werden – genauso wenig wie die obligatorischen Glückskekse, die in Schalen dekorativ über den gesamten Gastraum verteilt sind…

Moment mal: Welche Glückskekse? Jetzt wusste ich, was hier anders war. Die Glückskekse mit ihren Sprüchen aus dem Zufallsgenerator fehlten. Statt dessen war das gesamte Chinesische Horoskop in den Speisekarten verewigt. Hui, das war ja mal was ganz neues. Welch überaus spannende Lektüre, die ich mir zu Gemüte führen wollte, nachdem die freundliche Bedienung unsere Essenswünsche notiert hatte.

Einmal die Siebenundzwanzig, einmal Schwein mit Kokosmilch und rotem Curry, einmal gegrillte Garnelen und eine große Portion Sushi. Ach, war die Ente nicht nach Ihrem Gusto, Mr. Mitchell? Das überraschte mich jetzt aber.

Doch noch überraschender fand ich, welche Weisheiten das über die gesamte Speisekarte verteilte Horoskop zutage förderte.