30 Days Book Challenge : Tag 24 – ein Buch, das Du gerne mal verfilmt sehen würdest

 

Fantasy hatten wir schon? Stimmt, aber nicht das Subgenre „Urban Fantasy“ – Mal was ganz anderes als die von mir bevorzugte „High Fantasy“.

ein Buch, das ich gerne mal verfilmt sehen würde

Die Buchreihe „Schwestern des Mondes“ von Yasmine Galenorn entführt uns nach Seattle in die Gegenwart. Den ersten Band der Reihe mit dem Titel

Die Hexe von Yasmine Galenorn

könnte ich mir gut als Pilotfilm zu einer Serie vorstellen. Mystery ist ja eher das Programm von sixx für den Donnerstag. In dem Roman ist Camille, die älteste der d’Artigo-Schwestern, eine attraktive Hexe, der öfters mal ein Zauber danebengeht (https://i.pinimg.com/564x/f1/83/65/f18365bf2812074fe8459c54938544a1.jpg)

 

Ein Unsichtbarkeitszauber, der dazu führt, dass sie splitternackt mitten im Raum steht, wäre so ein Beispiel. Mit ihren zwei Schwestern Delilah (eine Werkatze) und Menolly (Vampirin) befindet sie sich auf einer Mission: zu verhindern, dass das Böse nicht die Erde zerstört.

Ja, ich weiß, klingt nicht gerade originell, aber jedes Buch der Reihe ist abwechselnd aus der Perspektive einer anderen der drei Schwestern geschrieben und wird mit jedem Band spannender.

396 Seiten – droemer-knaur – ISBN-13: 978-3426501559

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Die Liste derer, die mitmachen wird länger und länger – hier ist der neueste Stand:

Bette Davis left the Bookshop

wortverloren

Kraut und Kleid

aequitasetveritas

Wortgerinnsel

wortman

vro jongliert

Irgendwas ist immer

Verfilmt & Zerlesen

Anicas Medienwelten

Corlys Lesewelt

Myriade

Ola

Ich lese

Tempest

Norbpress

Eva

Annuschka

Weitere Neu- und Späteinsteiger sind herzlich willkommen und werden (falls vorhanden) fortlaufend ergänzt.

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„Broken Strings“ : Chapter 35 – Geboren am 18. Juni

♪♫ Liar, liar, you’re such a great big liar. With the tallest tales that I have ever heard.

Ein Ohrwurm zum unpassendsten Zeitpunkt, aber nur allzu wahr. Oh ja, diese Tischrunde war grandios gesprengt worden. Der erste, der den Raum verlassen hatte, war Mike. Danach war ich aufgestanden und hatte mich bei Mark und Sue entschuldigt, um einen Ort aufzusuchen, an den mir niemand folgen würde, um auf mich einzureden. Verwirrt schloß ich die Kabinentür und ließ mich auf der Schüssel nieder. Was hatte ich da bitte gerade gehört? In mir ging es drunter und drüber.

♪♫ Fire, fire, you set my soul on fire, Laughing in the corner as it burns, Right between the ribs it’s sinking in.

Flashback: Hier kommen sämtliche guten Eigenschaften von Dir zusammen! Was für ein abgeschmackter Witz, den keiner von uns komisch gefunden hatte, schon gar nicht nach Mikes Reaktion darauf.

♪♫ Oh, oh, the siren sang so sweet and watched the sailors going down. Oh oh, you talk to me in siren song; yeah, anyone would drown

Liar. Liar. Oh, oh, Deinen Worten habe ich nur zu gerne gelauscht. Sie waren Musik in meinen Ohren. Musik, an der ich mich berauscht.. and the ships go down, following the sound…

Hear. That. Sound. Eine WhatsApp-Nachricht von Jenny war gerade frisch hereingekommen: „Was ist los, Süße?“

Süße? Jetzt du nicht auch noch, stöhnte ich gequält, There’s nothing sweet about me, und im Moment ist eure ‚Süße‘ ziemlich sauer. Augenrollend textete ich zurück: „Ich weiß nicht weiter, Jenn…“

Jenn. O je – wenn Du meinen Namen abkürzt, ist es wirklich ernst.“

Ist es auch. Jenn, wo fängt die Lüge an? Wenn man jemandem nicht die ganze Wahrheit sagt – oder bereits, wenn man jemanden anhand kryptischer Andeutungen die falschen Schlüsse ziehen und ihn in dem Glauben lässt, dass…“

Äh, ich glaube, kryptische Andeutungen machst Du gerade…“

Damit hatte sie zwar recht, aber tiefer ins Detail wollte ich nicht gehen. Tallest tale, auch besser bekannt als Seemannsgarn oder größter Schwindel aller Zeiten… Beim Geburtsdatum zu schummeln, war nur eine kleine Lüge, aber ihre Wirkung konnte ich mir nicht schönreden oder gar -trinken. Vor allem war sie unnötig wie ein Kropf. Hollywooddiven vergangener Zeiten waren bekannt dafür, sich um Jahre jünger zu machen; aber das waren, wohlgemerkt, Jahre und nicht bloß ein paar läppische Monate wie bei Mike.

Ich verstand nicht, wo darin der Witz liegen sollte. Eine Privatparty anlässlich des Beginns seines neuen Lebensjahres, den seine Bandkollegen sowieso nicht feiern wollten? Auch nicht mit einer Überraschungsparty? Der Grund dafür war simpel: September war der falsche Monat, und der Zehnte der falsche Tag. Geboren am 18. Juni. Und dann war es noch nicht mal ein runder Geburtstag.

Neundundzwanzig, Halleluja – wenigstens stimmte das Alter. Und spätestens hier drehte ich mich im Kreis, von wegen Hollywooddiven, ihr Alter, und so… Und wenn er schon bei so einer Lappalie geflunkert hatte, wobei dann noch? Von all dem schrieb ich Jenny natürlich nichts. Stark verkürzt teilte ich ihr mit, dass es schon eine Weile her war, dass mich jemand so verschaukelt hatte, und ich mich fragte, warum.

Da es bei ihr zu Hause schon spät war, schob ich noch ein „Lass uns morgen telefonieren“ hinterher und zog mich aus dem Chat zurück. Aber etwas musste ich dabei falsch gemacht haben, denn auf dem Display öffnete sich ein Fenster und zeigte mir den Text, an dem Mike zuletzt stehengeblieben war: „Schlangen-Menschen sind materialistisch und schielen gerne nach dem Besitz anderer. Sie besitzen von allem gerne das Beste, empfinden allerdings keine Leidenschaft für Shopping.“

Keine Leidenschaft für Shopping… Okay, nicht jeder Blödsinn war es wert, vor versammelter Mannschaft wiedergegeben zu werden, und das hier hätte ich an Mikes Stelle auch weggeklickt. Aber à propos Mike… wie ich ihn kannte, war er garantiert zum Rauchen nach draußen gegangen.

Jeder hatte so seine Methoden, sich zu beruhigen, und ich gehörte zu denen, die nicht auf Nikotin zurückgreifen wollten. Das hatte ich früher oft genug getan. Mit dem Ergebnis, dass irgendwann meine Kondition immer schlechter geworden war: Wo ich davor locker zwanzig Bahnen oder mehr im Schwimmbecken heruntergerissen hatte, war ich zum Schluss nur noch auf einen Bruchteil der im Wasser zurückgelegten Strecke gekommen und hatte der elenden Qualmerei endgültig abgeschworen.

Ein anderes Mittel musste her, denn so konnte ich auf keinen Fall vor die Tür treten; die anderen würden sofort merken, dass etwas nicht stimmte – beste Voraussetzungen für eine harmonische Rückfahrt.

Ironie off!, Andrea, und denk scharf nach. Irgendwo auf Deinem Handy hast Du doch bestimmt die passende Musik gespeichert, die Du wählen würdest, wenn Du die Herzfrequenz senken wolltest. Settle, relax and chill out. Here we go: Zola Jesus? – Zu viele Beats drin, und die Stimme kann ich jetzt nicht ertragen… Conjure One?

Schon besser, aber als Schlaflied eignet sich kein Lied davon… Goldfrapp. Tales of Us? – That’s it. Und tatsächlich: Alison Goldfrapp, begleitet von ruhigen Klängen, erreichte mit ihrer Stimme, dass sich meine Atmung und mein Puls verlangsamten und ich nicht länger mein Herz bis zum Hals klopfen hörte. Schön, ich war angeschmiert worden, aber sollte ich mir dadurch wirklich den Rest des bisher so angenehmen Tages, verderben lassen? Einen Indian Summer würde ich so schnell kein zweites Mal erleben, und jetzt war definitiv nicht die Zeit für einen Streit, vor allem nicht vor den anderen. Ich würde mir Mike vorknöpfen, wenn wir unter uns waren.

Alles verlief nach Plan, aber der Plan war der größte Mist aller Zeiten – um im Voraus wissen zu können, dass wir für den Rückweg ewig brauchen würden, hätte ich im Besitz einer Kristallkugel sein müssen. Staus sind grundsätzlich der blanke Horror für mich, auch ohne den Druck, eine bestimmte Fähre erreichen zu müssen. Mit Hängen und Würgen ergatterten wir einen Platz auf dem letzten Schiff nach Richmond zurück, und nur die Tatsache, dass mir Mark die Musikauswahl überließ, bewahrte mich davor, innerlich die Wände hochzugehen.

Er wunderte sich, warum ich mit Sue die Plätze tauschen wollte, und dass ich meine Sendersuche abbrach, als ich bei Countrymusik hängenblieb, rief bei ihm ein weiteres Stirnrunzeln hervor. Aber er hielt sich mit Kommentaren wohlweislich zurück und konzentrierte sich aufs Fahren. Auf dem Schiff war ich dann auch die Erste, die den Impala verließ. Sollten die anderen sich um einen Platz kümmern; ich erklärte mich für die Getränke zuständig und stellte mich in der Schlange an. Zehn Leute vor mir, das konnte dauern. Nicht so gut für Mark, der dringend einen Koffeinschub benötigte, und auch nicht für Sue, deren Hals sich sicher gefreut hätte, wenn ich ihr einen Becher heißen Tee gereicht hätte.

Ich war dagegen froh, erst einmal etwas zu tun zu haben und auch räumlich etwas Abstand zwischen Mike und mich zu bringen. Was im Auto trotz des begrenzten Platzes funktioniert hatte, war auf der Fähre nicht ganz so einfach. Sich hier aus dem Weg zu gehen, war nahezu unmöglich, wenn ich mich nicht die ganze Fahrt über im Klo einschließen wollte. Meine Mitfahrer würden sich schön bedanken und wissen wollen, warum ich mich so anstellte. Erklärungsbedarf gut und schön, aber nicht jetzt und nicht so. Dafür war ich noch nicht in der richtigen Stimmung, ihnen meine Befindlichkeiten haarklein auseinanderzuklamüsern, und schon gar nicht Mike – sollte der doch erst mal…

Zu spät! Wenn ich gedacht hatte, dass mir mein Platz in der Schlange einen Puffer verschafft hatte, war ich gewaltig im Irrtum. Jemand drängte sich zwischen mich und meinen Hintermann, schlang beide Arme um meine Taille und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Na super – wenn man vom Teufel spricht… Mist. Weglaufen war nicht drin. Ob Mike den Braten gerochen hatte? Vermutlich nicht, so anlehnungsbedürftig, wie er war. Oder vielleicht doch? Jetzt hatte er mich, und ich konnte ihm nicht mehr weglaufen; seit heute Nachmittag hatte er sich nämlich schon gefragt, ob er sich nur einbildete, dass ich ihm aus dem Weg ging. Bingo. Volle Kanne. Was sollte ich darauf antworten?

Jemanden auf ‚ignore‘ zu setzen, funktioniert vielleicht in Internetforen, aber im echten Leben? Und dabei hatte ich einen so tollen Plan gefasst: Pokerface aufsetzen, nichts Unüberlegtes sagen und ihn in dem Glauben lassen, dass ich meine Stimme schonen wollte. Einen idiotischen Plan zu haben, der funktioniert, war schon schlimm genug – aber was, wenn man einen guten Plan hat, der im richtigen Leben versagt?

Meine Ausrede war plausibel, wenn man danach ging, wie oft ich mir das Ungetüm von Schal um den Hals geschlungen hatte… und jetzt kam er mir so. Ja, mach nur einen Plan – und so zerbröselt der Keks… Resistance is futile? Nicht ganz. Wenn er sich vorgenommen hatte, mich durch sein Anschmusen aus dem Hinterhalt weichklopfen und am Ende doch noch herumkriegen zu können, würde er nicht weit kommen. Heute Nacht würde sich mit Sicherheit nichts mehr zwischen uns abspielen.

♪♫ Bring on the headless horses, wherever they may roam – shiver and say the word of every lie you’ve heard...

Eleven o’clock tick tock? Von wegen – es war kurz nach sieben. Wer um alles in der Welt hatte den Radiowecker bloß auf so eine unmenschlich frühe Uhrzeit gestellt? Ich war’s nicht gewesen; und nach den wenigen Stunden, die ich mehr schlecht als recht geschlafen hatte, wäre ich niemals auf eine so bescheuerte Idee gekommen. Dass derjenige sich die Mühe gemacht und einen Sender gesucht hatte, der morgens genau die Songs im Programm hatte, die ich liebte, obwohl ich zu ihrer Entstehungszeit noch gar nicht geboren war, tröstete mich auch nicht.

Es war ja nicht die frühe Stunde allein. Die Stimme, die mir aus der winzigen Konservendose von Lautsprecher entgegen schepperte, musste ausgerechnet meinen Lieblingssong aus dem Film „Pretty in Pink“ singen. Welche Ironie. Der Text fasste unser ganzes Dilemma in wenigen Zeilen zusammen und klang genau deshalb wie der blanke Hohn in meinen Ohren: „First I’m gonna make it, then I wanna break it till it falls apart. Hating all the faking and shaking while you’re breaking my brittle heart.“

Kleine Sünden bestraft der Herrgott sofort. Für meine gefakten Halsschmerzen revanchierte sich das Universum mit der Holzkeule. Zaunpfähle sind out – nimm ’nen Baseballschläger, auch wenn der nur akustisch daherkommt und sich als New-Wave-Klassiker tarnt.

Morgens um sieben war die Welt vielleicht für andere in Ordnung. In mir aber köchelte es; nur ahnte Mike davon noch nichts. Mit Echo & The Bunnymen nach vier Stunden tiefsten Schlafs geweckt zu werden und sich an die Liebste zu kuscheln, war seine Traumvorstellung von einem gelungenen Start in den Tag. Die Liebste entzog sich seinen Zärtlichkeiten? Blöd gelaufen, aber warum nicht weiter probieren…

Dass jedoch alle Bemühungen in dieser Richtung für die Katz waren und die Süße heute morgen so gar keine Lust auf einen Quickie verspürte, dämmerte ihm erst nach und nach. O Lord, let it rain some brain. Ja, wenn man morgens zunächst nur in der Lage ist, mit anderen Teilen des Körpers zu denken, die tatsächliche Schaltzentrale erst mit fortschreitendem Grad des Wachseins aktiviert wird, und erst am End‘ der Groschen fällt…

Oh, was war ich fies. Oder ‚gut drauf‘, wie Jenny jetzt gesagt hätte. Ich bin klein und gemein! Aber so gemein, ihn aus dem Bett zu schubsen, auch wieder nicht. Da reichte schon ein ganz anderer Schubs. Auf die Frage, was mit mir los wäre, weil ich ja schon seit gestern so komisch drauf sei, hatte ich schon gewartet und die Antwort in Form einer simplen Gegenfrage vorbereitet: „Warum hast Du mich angelogen?“

Seine Augen wurden schmal: „Ich Dich angelogen?“

Offenbar begriff er nicht, wovon ich sprach. Auch gut, Mr. Mitchell. Dann wollen wir mal nachhelfen und das Geheimnis lüften.

Oh, jetzt enttäuschst Du mich aber. Wer ist denn gestern Nachmittag so plötzlich vom Tisch aufgesprungen und hätte Mark um ein Haar rund gemacht?“

Aber es klingelte immer noch nicht bei ihm. Wenn dezente Hinweise nicht zur Klärung beitrugen, musste ich wohl deutlicher werden. Der Zwilling und seine zwei Gesichter… seinen Stimmungsumschwung hatte ich noch ganz deutlich in Erinnerung, genau wie diesen Schweizer Käse, den Mark zitiert hatte – und genau den gab ich jetzt wieder: „Der Zwilling. Problemlos findet er die richtigen Worte, um das Objekt seiner Begierde glücklich und in sich verliebt zu machen. Er flirtet wie ein Weltmeister, ohne jedoch ernsthaft an eine feste Beziehung zu denken…“

Okay, das mit der Beziehung war irrelevant, und das schob ich auch sofort hinterher, bevor ich mit dem Rest fortfuhr: „Wie war das nochmal? Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Zwilling. Da sind sie gleich doppelt ausgeprägt. Deine Eigenschaften.“

Und?“

Und?“ Jetzt war ich diejenige, die nicht verstand, wie jemand so begriffsstutzig sein konnte. Oder handelte er nach dem Motto ‚Einmal dumm gestellt, hilft einem durchs ganze Leben‘?

„Dann erklär mir doch mal, wieso wir im September Deinen Geburtstag feiern, wenn der schon seit Monaten vorbei ist? Nur wegen unserer kleinen ‚Privatparty‘ hättest Du nicht so einen Aufriss machen müssen, von wegen ’neues Lebensjahr‘ und so. Wer weiß, was Du mir noch verschweigst, wenn Du schon bei so einer Kleinigkeit …“

Aha. Kleinigkeit…“ – Mike starrte mich an, als ob ich nicht ganz bei Trost wäre. „Und das ist Dein ganzes Problem?“ Mein ganzes Problem? Komm mir jetzt bloß nicht so, dachte ich. „Echt jetzt?“

Ja, redete ich denn chinesisch? Woran er bei mir war, hatte er von Anfang an gewusst – anders herum war ich mir da nicht mehr so sicher, erklärte ich noch einmal. Wenn das Schummeln schon bei solchen ‚Kleinigkeiten‘ anfängt, wo hört das dann auf? Vermutlich würde ich es nicht mehr erfahren, weil ich dann schon im Flieger nach Deutschland säße, aber diese Bemerkung schluckte ich hinunter. „

Also schön. Da Du mir ja offenbar nicht glaubst – frag John.“

John? Was hatte denn der jetzt damit zu tun? Das wurde mir jetzt eindeutig zu blöd hier.

Okay, jetzt raus mit der Sprache. Dass der elfte September seit 2001 kein Tag zum Jubeln ist, weiß ich auch. Aber was soll dieses Theater um den Zehnten? Und warum soll ich John fragen? Der ist erstens nicht hier, und zweitens will ich keine zweite Meinung einholen, sondern es von Dir hören. Und zwar jetzt.“

Ich wartete noch ein, zwei, drei Sekunden. Dann hatte ich endgültig genug. Wie mich dieses Herumgedruckse nervte! Aus dem Bett freigeschaufelt hatte ich mich schon, und auch damit begonnen, mich anzuziehen. Schlafen war jetzt sowieso nicht mehr drin, also konnte ich genauso gut auch aufstehen und für eine geregelte Koffeinzufuhr sorgen. Ohne Kaffee fühlte ich mich nur wie ein halber Mensch.

Na, hattet Ihr einen schönen Tag?“ wurde ich von Madlyn begrüßt. Klar, Sue war noch nicht wach, aber sie hätte ihr auch so nicht viel erzählen können. Also hielt sie sich an mich.

Frag bloß nicht.“, stöhnte ich und holte mir einen großen Becher extrastarken Kaffee.

Keinen Bissen brachte ich hinunter, denn der Appetit war mir gründlich vergangen. Außer Kaffee und meiner Ruhe wollte ich nichts, aber dieser Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Madlyn war nämlich der Meinung, dass mich ein detaillierter Bericht über ihren vergangenen Tag brennend interessierte. Im Normalfall schon, aber mir war nicht danach, mir die Erfolgserlebnisse anderer Leute anzuhören: zuerst beim Bowling, wo sie und ihr Schatz mehrmals hintereinander alle Pins abgeräumt und Ryan und John haushoch geschlagen hatten; danach hatten sie sich ein mehrgängiges Menü in einem indischen Restaurant gegönnt und die kulinarische Entdeckung des Jahres gemacht – worin auch immer die bestand.

Zuletzt hatten sie in einem Pub Darts gespielt. Das war Dannys Idee gewesen, aber leider hatten er und John erleben müssen, dass sie und Ryan auch hier richtig abräumten und bei der Revanche ebenfalls gewannen. Und das bei den Meistern des Darts! Na, da hatte ja jemand Erfolg auf der ganzen Linie gehabt, war mein Gedanke dabei, und wenigstens war für eine der Tag besser gelaufen. Wie sich die anderen mit nicht ganz so viel Glück fühlten, fragte ich besser nicht. Manche nehmen das Verlieren nicht so locker und schießen sich aus Frust die Lichter aus. Wie ich mich überzeugen konnte, war das große Besäufnis jedoch ausgeblieben. Puh! Da hatten wir nochmal Schwein gehabt.

A propos Schwein. Kaum war Madlyn aufgestanden, um sich noch einen Teller Pancakes zu holen, setzte sich auch schon der nächste neben mich: Steve. Genüsslich begann er damit, seine Portion Schweinswürstchen zu verspeisen. Och nö, musste das jetzt sein, so direkt vor meiner Nase? Mir wurde ja von dem Geruch schon schlecht, aber auch die Rühreier und die gebackenen Bohnen konnten diesen olfaktorischen Angriff nicht abmildern. Wie konnten die Leute am frühen Morgen nur schon so viel essen? Und dann noch glauben, dass dies die ideale Zeit für ein Gespräch war, das über Smalltalk hinausging?

Okay, ich war ja selbst keinen Deut besser, dass ich Mike kurz nach dem Wachwerden zur Rede gestellt hatte. Nun aber meinerseits von Steve über meine Antipathie gegenüber Frank ausgequetscht zu werden, entsprach nicht dem, was ich mir unter einer angenehmen Unterhaltung vorstellte.

Ich verstehe nicht, was er für ein Problem mit Dir hat“, fasste er seinen Monolog abschließend zusammen. „Ich meine, es war doch von Anfang an klar, dass ich wiederkommen würde. Mein Job war nie wirklich in Gefahr.“

Ich glaube, das versteht keiner“, mischte sich Bradley ein. „Ihm hat Andie doch nichts weggenommen. Im Gegenteil – er kann doch froh sein, dass er nicht die ganze Arbeit alleine machen soll. Wenn sich vielleicht einer zu beschweren gehabt hätte, dann wäre das Steve gewesen, aber das Thema ist ja nun vom Tisch.“

Ich glaube, da kann ich Licht ins Dunkel bringen.“ Erstaunt blickten wir auf. Vor uns stand Kevin mit einem Teller Rührei mit Speck und zog sich den letzten freien Stuhl an Land. „Ich habe zwar nicht das ganze Drama mitbekommen, aber ich glaube, da gibt es etwas, das Ihr wissen solltet.“

Nun waren wir alle gespannt, welche News uns erwarteten. Wenn er es nur nicht so spannend machen würde, dachte ich. Aber Kevin zog es vor, erst einmal einen langen Schluck aus seinem Kaffeebecher zu nehmen.

Oh Mann, Stewart – komm endlich zur Sache“, stöhnte Bradley genervt in die Runde.

Keep cool, Jackson, gönn Deinem Kollegen doch wenigstens seinen Kaffee, solange er noch heiß ist.“

Typisch Stewart. Erst die Leute heiß machen und dann im Regen stehen lassen“

Ja, bitte“, sprang ich Bradley bei, denn auf die Folter ließ auch ich mich nicht gerne spannen. Mein Bedarf an Männern, die mit der Sprache nicht herausrückten, war für heute gedeckt.

Achtung, jetzt ging es los. Kevin setzte den Becher ab und beugte sich nach vorne. Mit verschwörerischer Miene und gesenkter Stimme erzählte er von einem Telefonat, das er vor einiger Zeit rein zufällig aufgeschnappt hatte. Zunächst hatte er sich keinen Reim darauf machen können, und eigentlich gingen ihn Franks Gespräche auch gar nichts an, aber dann war Steves Name gefallen; also hatte er genauer hingehört und damit begonnen, den Roadie genauer unter die Lupe zu nehmen. Und schließlich hatte er die Bestätigung: Frank hatte sich lang und breit bei jemandem aus seinem Dunstkreis darüber ausgekotzt, wie sehr es ihn immer noch wurmte, dass ich den Job nur wegen meiner Affäre mit Mike bekommen hatte. – Oh, wow! Was für eine Neuigkeit, lasst uns diese Sensation feiern!

Oh Mann, Stewart. Und ich dachte, wir würden mal was wirklich Neues erfahren“, reagierte ich dann auch prompt entsprechend.

Die Story von meiner angeblichen Bevorzugung kannte doch inzwischen jeder; und Steve wahrscheinlich auch schon längst. Neu für uns aber war, dass Frank lieber selbst jemanden aus seinem eigenen Dunstkreis an meiner Stelle platziert hätte. Der Typ, mit dem Frank so ausgiebig telefoniert hatte, war selbst scharf auf den Job gewesen, weil er hoffte, auf diese Weise einen Fuß in das Business zu bekommen und eine steile Karriere hinzulegen. Schön blöd!

Ich konnte mir sehr gut vorstellen, welche Worte bei dem Gespräch zwischen Frank und dessen Kumpel gefallen waren – ‚dahergelaufene Tussis, die glauben, dass der Weg nach oben durchs Bett führt und mit dieser Masche auch noch durchkommen…‘ Neid, Dein Name ist Parker, in giftgrünen Buchstaben vor schwefelgelbem Hintergrund. Der Weg nach oben. Aha. Klar, ich hatte mir Mr. Mitchell an Land gezogen, um einen schlechtbezahlten und zeitlich begrenzten Aushilfsjob zu ergattern, und da mir der Womanizer Number One so unglaublich schwer widerstehen konnte…

Was glaubst Du denn, wie oft Brian ihm verklickert hat, dass das nie zur Debatte stand?“ Ja, wie oft wohl, ging es mir bei Kevins Gegenfrage an Steve durch den Kopf. Der hatte nicht glauben können, was Kevin ihm zu erklären versucht hatte. Gut, dass ich davon nicht jedes Wort mitbekommen hatte, sonst wäre ich so rot angelaufen wie eine Bloody Mary.

Ich glaube, er will das nicht verstehen“, warf Bradley ein und wendete sich nun mir zu: „Typen wie er brauchen jemanden, den sie schikanieren und an dem sie ihren Frust ablassen können. Und da bist Du ihm gerade recht gekommen.“

Okay, fein. Lasst uns Franks Mobbing mir gegenüber zum Thema machen.

„Aber weißt Du, was ich am wenigsten kapiere? – O nein, bitte nicht – „Dass Du das so lange für Dich behalten hast.“

Verdammt nochmal, sollte das ein Verhör werden? Wie schlimm konnte der Tag noch werden? Dabei hatte er doch gerade erst angefangen. Verstimmt verschränkte ich meine Arme vor der Brust und schob meinen Becher von rechts nach links. Genervtes Trippeln mit der Fußspitze unter dem Tisch.

„Musst Du diese alte Geschichte schon wieder aufwärmen?“ nörgelte ich dann auch prompt zurück.

Ja, weil es ja sonst keiner tut. Wir alle haben die blauen Flecken und die Schrammen gesehen. Ich, Ryan, Mike…“

Oh Mann!“ fuhr ich dazwischen, „Hör mir bloß auf mit denen!“

Vielleicht kam meine Antwort eine Spur zu scharf bei ihm an, oder ich war zu laut gewesen – plötzlich wurde es um mich herum ganz still. Shit. Das war genau die Situation, die ich schon in Filmen so peinlich finde: Jemand lästert über einen anderen vor versammelter Mannschaft, und dieser steht dann ohne Vorwarnung in Hörweite und bekommt alles brühwarm in aller Ausführlichkeit mit. Der formvollendete Sprung in den nächsten Fettnapf. In Wannengröße.

Lasst mich raten – entweder Ryan oder Mike waren aufgetaucht und waren Zeuge meines Ausbruchs in voller Lautstärke geworden. Meinetwegen. Sollten sie doch. Spätestens jetzt wusste der letzte Blöde, dass ich geladen war. Oh ja, das kann ich gut: Mich so richtig in etwas hineinsteigern. The Queen of Drama Queens.

Schon Deine Stimme, Süße. Du brauchst sie heute Abend noch“, ließ Mike trocken in die Runde fallen. „Wir sehen uns später.“

Der Meister des Sarkasmus hatte gesprochen und den Raum verlassen, und er hatte mich ganz schön blöd dastehen lassen. Was ich vor allem nicht verstand: Wieso würde ich meine Stimme heute Abend noch brauchen? Wollte er mit seiner ausstehenden Antwort, die mir zu lange gedauert hatte, wirklich bis zum Abend warten und mich so lange schmoren lassen? Das Singen konnte er nicht gemeint haben, denn die nächste Show war für den 17. September geplant. Ein Dienstag – Vive la France! An Dienstagen war das Publikum ohnehin schon kleiner als an anderen Tagen, und bei unserem Konzert im ersten Kaff auf Vancouver Island konnten wir uns ausrechnen, wie gut besucht die Hütte wirklich war.

Nein, mein Freund – das wollte ich dann doch schon vorher geklärt haben. Welche Ausmaße Schwelbrände annehmen konnten, hatte ich während meiner Ausbildung gelernt, und darauf konnte ich getrost verzichten.