30 Days Book Challenge : Tag 28 – ein Held/eine Heldin, der/die Dein Herz berührt hat

 

Es ist ein tierischer Held, ein echter Pechvogel, dessen Hauptpläsier die Bosheit war….

und er hat mir schon immer sooooo leid getan !

Jedenfalls, wenn es nach der Tante geht, die mahnende Worte ob seines Ablebens spricht: „Die Bosheit war sein Hauptpläsier. Drum“, spricht die Tante, „hängt er hier.“ Der Arme! Das hat er nun wirklich nicht verdient. Man fängt halt nun mal kein Wildtier und versucht es, mit Gewalt in den eigenen Haushalt zu integrieren. Die Rede ist von

Hans Huckebein, dem Unglücksraben

Hier sieht man Fritz, den muntern Knaben – nebst Huckebein, dem jungen Raben, und dieser Fritz, wie alle Knaben – will einen Raben gerne haben“ – das reimt sich in jeder Zeile. Wilhelm Busch konnte das sehr gut. In der gar traurigen, schaurigen Mär wird der Rabe gefangen und stürzt den Haushalt von Fritzchens Familie, inclusive Spitz und Kater ins Chaos („und Spitz und Kater flieh’n im Lauf, der größte Lump bleibt oben auf.“)

Dass er sich über den guten Likör der Tante Lotte hermacht, wird ihm am Ende zum Verhängnis.

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Die Liste derer, die mitmachen wird länger und länger – hier ist der neueste Stand:

Bette Davis left the Bookshop

wortverloren

Kraut und Kleid

aequitasetveritas

Wortgerinnsel

wortman

vro jongliert

Irgendwas ist immer

Verfilmt & Zerlesen

Anicas Medienwelten

Corlys Lesewelt

Myriade

Ola

Ich lese

Tempest

Norbpress

Eva

Annuschka

Innenreisewege

 

Weitere Neu- und Späteinsteiger sind herzlich willkommen und werden (falls vorhanden) fortlaufend ergänzt.

 

 

 

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„Broken Strings“ : Chapter 36 – Second Life

Wir sehen uns später? Wenn Du glaubst, dass ich das Thema auf sich beruhen lasse, hast Du Dich gründlich geirrt. Und wieso soll ich meine Stimme schonen? Denk nicht mal dran! – Gut gelaunt ging anders.

Der Rüffel vor versammelter Mannschaft war deutlich genug gewesen: Mr. Obercool versus hysterisches, unterkoffeiniertes Miststück. Blamage hin oder her – wenn es etwas zu klären gab, dann jetzt. Mit meiner Vermutung, ihn draußen auf dem Parkplatz zu erwischen, lag ich richtig.

Kaum brennt die Camel, kommt der Bus – aber passen Sie bloß auf, dass der Sie nicht überrollt. Vor allem dann, wenn Sie in der richtigen Laune sind, also auf Krawall gebürstet.

Um fair zu sein, war das stark übertrieben, aber so ähnlich fühlt es sich an, wenn man die noch immer fehlende Antwort einfordern will, aber auf Hundertachtzig ist und außer Kaffee noch nichts im Magen hat. Wie es aussah, war ich nicht die einzige, was das Nüchternsein anging.

Ein französisches Frühstück und ein Anschiss am Morgen, ist das für Dich die ideale Kombination, um den Tag zu beginnen, wenn es mit dem Quickie nach dem Erwachen nicht geklappt hat? – diese Bosheit lag mir auf der Zunge, aber sollte ich mich wirklich auf dieses Niveau hinunter begeben?

Einen solchen Spruch hätte ich noch am ehesten Frank zugetraut, und allein schon das verhinderte, dass ich Mike, der sich gerade die nächste Kippe angezündet hatte, Worte an den Kopf warf, die ich später mit Sicherheit bereut hätte.

Hey, wusste ich doch, dass ich Dich hier finden würde“, eröffnete ich statt dessen die Konversation, allerdings ohne Gewähr auf Erwiderung.

Aber der erste Schritt war gemacht. Jetzt war er am Zug. Und damit meinte ich nicht den nächsten Nikotinschub aus seiner Lucky Strike. Aber außer einem „Hm“ kam erst mal nichts. Der Herr hüllte sich in Schweigen? Mist. Ein sicheres Zeichen, dass seine Laune auch schon mal besser war, dank meines grandiosen Auftritts von vorhin. Da war wohl eine Entschuldigung fällig.

„Sorry, dass ich vorhin so ausgetickt bin. Aber wenn Du wüsstest…“

Wenn ich was wüsste?“

Das lief ja echt wie geschnitten Brot. Nämlich gar nicht. Also eher besch***en. The Devil’s Party would be a so much nicer place.

„Äh. Hm…“ verdammt, warum druckste ich eigentlich so herum?

Jetzt war ich diejenige, die das tat, was ich bei anderen so hasste. Mensch, Andrea, komm endlich zur Sache. Hol meinetwegen nochmal tief Luft, aber dann sag endlich, was Du auf dem Herzen hast.

„Also schön. Das klingt jetzt ziemlich dämlich, aber wenn zum x-ten Mal die gleiche Story ausgebreitet wird… und dabei habe ich ihm schon ein paar Mal gesagt, wie scheiße ich es finde, dass meine Probleme mit Frank vor allen breitgetreten werden. Und jetzt auch noch vor Steve, den das gar nichts angeht.“

Wenn ich schon in Fahrt war, konnte er ruhig den Rest hören und warum ich so aus der Haut gefahren war, als Bradley alle Beteiligten aufgezählt hatte.

„Das war echt nicht persönlich gemeint. Manchmal bin ich so eine blöde Kuh!“

Ja, Süße. Lass alles raus. Mach aus Deinem Herzen keine Mördergrube.“ Der Spott war nicht zu überhören. Nur weiter so. Das lief ja blendend.

Ich machte mich hier gerade zum Obst, und er genoss das Spektakel auch noch. Hatte ich aber auch nur gedacht, denn schon im nächsten Augenblick ließ er die zur Hälfte gerauchte Lucky einfach fallen, und seine Gesichtszüge entspannten sich.

Danke, und ich dachte schon, Du würdest gar nicht mehr zu mir kommen und …“

Was? Mich bei ihm entschuldigen? Ihm hinterherlaufen, weil ich diesen Unfrieden zwischen uns nicht aushielt? Ihm in die Arme fallen? Shit happens – genau das tat ich nämlich gerade, und als Krönung der Inkonsequenz war ich auch noch so „clever“, ihn zu küssen. Hä? Ich hatte wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

… wow! Was war das denn?!“ keuchte er genauso atemlos wie ich, als ich ihn losließ.

Schön, dass ich Mr. Obercool aus der Fassung gebracht hatte. Diese Methode musste ich mir unbedingt für später merken. Mein Triumphgefühl währte jedoch nur kurz. Von wegen aus der Fassung bringen. Das war nur der Auftakt zu einer weiteren Umarmung, und diesmal ging sie von ihm aus.

Was mich wirklich beruhigte, war das sonore Brummen des Motors. Nichts gegen Marks Liebe zu Oldtimern und das schwarze Schätzchen, in dem ich jetzt schon ein paar Mal mitgefahren war, aber das Platzangebot im Ford war unschlagbar, egal wie die neue Anordnung der Passagiere aussah. Oder war es doch wieder die alte? So langsam verlor ich den Überblick, wie oft ich schon Bäumchen wechsle Dich bei der Wahl meines Transportmittels gespielt hatte.

Meinen Kram hatte ich schnell verstaut. So langsam hatte ich den Bogen raus, wie man Gepäcktetris spielte, wenn die Claims abgesteckt waren – sowohl im Kofferraum als auch bei der Verteilung der Sitzplätze: Ryan hatte es sich bereits auf dem Beifahrersitz bequem gemacht, und Brian als unser Fahrer schlürfte noch einen Kaffee, bevor es losging. Da Mike und ich einen Teil der Strecke, die über Richmond und Sidney führte, bereits kannten, hätten wir ein ausgezeichnetes Navigationssystem für unseren Fahrer abgegeben, aber warum sollten wir?

Wenn Brian den Weg erklärt haben wollte, konnte er sich gerne an seinen Beifahrer wenden, oder an John, der dafür strategisch günstiger saß, weil er hinter Ryan Platz genommen hatte. Je weniger sie uns beachteten, desto besser.

Aus dem Smalltalk hatten wir uns schon bald ausgeklinkt. Im vorderen Teil wurde lautstark über die kommende Eishockeysaison debattiert, und da konnte ich nicht mitreden. Was war ich froh, dass die beiden uns ignorierten, denn mit Sport jeglicher Art konnte man mich jagen; ganz im Gegensatz zu Mike, der sich zwar für Autorennen begeisterte, aber ebenso wie ich der falsche Gesprächspartner für Eishockey und anderen Mannschaftssport war.

Nach Reden war uns beiden nicht, und dass John in seiner Ecke hinter dem Beifahrer vor sich hin döste, wirkte nicht gerade gesprächsfördernd. So langsam breitete sich die Schläfrigkeit auf den hinteren Plätzen aus und führte dazu, dass ich mich lieber an Mike kuschelte anstatt mich gegen die harte Fahrzeugwand zu lehnen.

Okay, Süße, wenn man’s genau nimmt, habe ich nicht ganz die Unwahrheit gesagt, aber lass uns später weiter reden“, flüsterte er mir zu, „wo wir unter uns sind. Dann erkläre ich Dir alles…“ – für fremde Ohren war das, was er mir sagen wollte, garantiert nicht bestimmt.

Dabei wäre es gar nicht notwendig gewesen, seine Stimme zu senken, bei dem Lärm, den unsere beiden Hockeyexperten veranstalteten, fühlte ich mich wie von einem Wahrnehmungsfilter umgeben. Ach ja, ’später‘ – das klang gut, denn dank der Wärme, die von Mike ausging, wurde ich nur noch schläfriger. Seine Worte „…. nachher, auf der Fähre…“ waren das letzte, was ich wahrnahm, als ich mich noch enger an ihn schmiegte, back into your arms and drifting to Morphia’s Waltz…

Mag jemand Kaffee?“ hatte Brian in die Runde gerufen, und diesmal hatte ich nicht nein gesagt, denn aus meiner vorschnellen Fehlentscheidung zugunsten einer teeähnlichen Plörre hatte ich gelernt. Here we go again… Dieselbe Fähre auf derselben Strecke nochmal. Nur war es diesmal hell, freundlich und sonnig und längst nicht so windig wie am Vortag.

Mit einem Pott Kaffee ließ es sich an Deck durchaus aushalten, vor allem, wenn man wie ich einen mollig warmen Doctor-Who-Schal um den Hals trug, den ich mir vergangenen Winter gestrickt hatte. Ja, wenn es so geschneit hat, dass man tagelang nirgendwo durchkommt und man sonst nicht viel zu tun hat… Jetzt war ich froh, dass ich das Teil hatte. Trotzdem wunderte ich mich, warum hier oben so wenige Leute die frische Luft genossen.

Alles Memmen, oder was? Oder gab’s unten eine Gratisaktion, von der ich wieder einmal nichts mitbekommen hatte? Mir war das herzlich egal, auch wenn es so gewesen wäre; eigentlich wartete ich nur auf die Gelegenheit, den Faden da wieder aufzunehmen, wo wir ihn zuletzt verloren hatten, nämlich auf dem Hotelparkplatz. Bei dieser Erinnerung wurde mir ganz anders. Gut, dass wir mühelos Plätze ganz weit vorne am Bug ergattert hatten, so waren wir wenigstens ungestört.

Ich war froh, dass ich saß und mich an meinem Becher festhalten konnte, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass dies hier länger dauern konnte. Ein Snickers wäre jetzt schick gewesen, aber man kann ja nicht alles haben, und zunächst klang das was er sagte, so einfach: Nachdem ich ihn mit meiner direkten Art unmittelbar nach dem Aufwachen dermaßen überrumpelt hatte und aus dem Zimmer gestürmt war, hatte er sich erst einmal überlegen müssen, was er mir eigentlich sagen wollte. Leider aber war ich am Tisch so in die Luft gegangen, dass ihm die Lust darauf vergangen war.

Mein aufgebrachter Zustand hatte sein Vorhaben torpediert, und in meinem Zustand wäre sowieso kein vernünftiges Gespräch zustande gekommen. Irgendwann hätte ich mich bestimmt beruhigt, und bis zum Abend allemal – und deshalb also auch die Bemerkung, ich würde meine Stimme noch brauchen. You’ve already finished before it began… Aber was jetzt folgte, hörte sich nicht nach einem Spaziergang für ihn an. Achtung, es wird kompliziert, dachte ich, als er für einen Moment innehielt.

Okay Süße, leider hast Du vorhin ja schon geschlummert,“ fing er an.

Das konnte ja heiter werden! So umständlich war er doch sonst nicht.

„Und vielleicht hast Du’s ja nicht mitbekommen… Wenn man nach dem Kalender geht, hast Du nicht ganz unrecht, und ich kann verstehen, wenn Du deswegen sauer auf mich bist.“

Aha! Wenn ich deswegen sauer auf Dich bin. Wenn jetzt wieder die Leier kommt, von wegen, wenn das mein ganzes Problem ist… Er wollte mich jetzt nicht wirklich als hysterische Bitch, die aus einer Mücke einen Elefanten macht, hinstellen?

Also gut. Der 10. September. Es war 2016. Da haben John und ich gedacht, jetzt ist alles vorbei.“

Ooookayyy… deshalb sollte ich also unseren Keyboarder fragen, falls ich Mike nicht glaubte. Nach diesem etwas holprigen Einstieg, fasste er sich ein Herz, und ich sollte endlich die Wahrheit erfahren.

Der 10. September 2016 war genau so ein schöner Tag wie heute gewesen: trocken und sonnig. Sie hatten auf ihrer Fahrt von Craigellachie nach Vancouver den Trans-Canada Highway hinter sich gelassen und nur noch ein kurzes Stück auf der 5N vor sich. John hatte seinen Van auf der Mittelspur dahinrollen lassen und sich auf den Feierabend gefreut. Dass sie sich dabei am Rande der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bewegten, gefiel Mike, der auf dem Beifahrersitz seine Checkliste abhakte, zwar weniger, aber im Grunde war auch er froh, dass es nach dieser sich ewig in die Länge ziehenden Fahrt endlich nach Hause ging.

Johns Familie wohnt da oben, und bei der Entrümpelung ihrer Garage waren Teile aufgetaucht, die wir bei der nächsten Gelegenheit zu Geld machen wollten. Mark sollte einen Blick drauf werfen, schließlich ist er unser Experte für Autos.“

Ihr Van war zwar gut gefüllt gewesen, aber nicht überladen. Es gab also nichts, über das sie sich hätten Sorgen machen brauchen.

Wir hätten vorher rausfahren und einen Kaffee trinken sollen.“, fuhr er fort, dann geriet er ins Stocken. „Bridal Falls Waterpark. Ein Paradies für Familien.“

Seine Stimme zitterte. Nanu, so nah war er doch sonst nicht am Wasser gebaut. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung, aber ich hütete mich, ihn zu unterbrechen. „Ein Paradies für Wochenendausflügler.“

Stimmt. Die Bilder hatte ich im Internet gesehen, als ich auf der Suche nach Freizeittipps für die Region gewesen war. Zu verlockend hatte diese gigantische Landschaft aus Pools und Wasserrutschen ausgesehen, idyllisch gelegen zwischen bewaldeten Bergen und dekorativ verschönert durch blaue Plastikdelphine, rote Riesenwasserhähne und quietschgelbe Enten. Wahrlich, ein Paradies für Familien, die richtig viel Spaß haben wollten…

Leider aber auch für Idioten, die mit ihrer ungesicherten Ladung auf dem offenen Pickup durch die Gegend rasen. Was dann kam, hat keiner von uns beiden kommen sehen…“

Oh, Shit, das hatte ich nicht gewollt. Mike war völlig fertig. Was immer auch dann geschehen war, es hatte ihn aus der Fassung gebracht und ihm so zugesetzt, dass er jetzt …

Nimm ihn in die Arme, Andrea, und dann gib ihm ein paar Minuten, meinetwegen auch noch länger, und so hielt ich ihn für eine Weile, bis er die Kraft fand, weiterzureden. Der größte Alptraum eines jeden Autofahrers war wahrgeworden: Der Fahrer des Pickups auf der rechten Spur hatte seine Ladung nur unzureichend gesichert und bei dem hohen Tempo, mit dem er unterwegs war, hatten sich Teile des hinten aufgehäuften Schrotts gelöst und waren fröhlich durch die Gegend gesegelt.

Nicht ganz so fröhlich für John, der den Schreck seines Lebens bekommen hatte, als ihnen ein riesiger Bottich aus verrostetem Metall entgegen geflogen kam, auf die Motorhaube aufschlug und bei diesem Aufprall noch die Windschutzscheibe touchierte, bevor das Objekt nach hinten weiterflog und aus dem Sichtfeld geriet.

Hätte Mike den Van gesteuert, wäre dieser Zwischenfall nicht so glimpflich abgelaufen. Er hätte wahrscheinlich den Kopf verloren und das Fahrzeug irgendwo dagegengesetzt, und so war es John, der am Ende die Kontrolle behalten und den Van trotz heftigen Schlingerns auf dem Seitenstreifen zum Stehen gebracht hatte. Kalkweiß und völlig am Ende mit den Nerven, waren sie ausgestiegen und hatten sich ein gutes Stück vom Straßenrand entfernt in Sicherheit gebracht.

Keine Minute zu früh, denn kaum waren sie von der Straße runter, kam auch schon der nächste Vollidiot angebrettert und schrammte haarscharf an dem Van vorbei. Oh Mann, wie ich solche Möchtegern-Hamiltons hasste. Die beiden hätten tot sein können. Und der Unfallverursacher hätte davon nichts mitbekommen, denn der war längst über alle Berge. Mir das vorzustellen, war für mich der reinste Alptraum. Ich konnte nicht anders, als sein Gesicht mit beiden Händen zu umfassen und ihn behutsam zu küssen. Dann nahm ich ihn in meine Arme und wiegte ihn wie ein kleines Kind. Wie einen Dreijährigen.

Diesen Tag jetzt noch einmal durchleben zu müssen, hätte jeden aus der Bahn geworfen. Wie in diesen Videos auf youtube, in denen der Blitz dort einschlägt, wo kurz zuvor noch jemand gestanden hat, dachte ich, und im übertragenen Sinn hatte es sogar zwei Einschläge dicht hintereinander gegeben. An diesem Tag hatte sein Leben ein zweites Mal begonnen, was vielleicht auch erklärte, dass Mike seit drei Jahren seinen eigentlichen Geburtstag im Juni nicht mehr feierte und John sich seitdem nie wieder ans Steuer gesetzt hatte. An seiner Stelle hätte ich sogar den Beifahrersitz gemieden und nur noch hinten Platz genommen, aber mit traumatischen Ereignissen ging wohl jeder anders um.

Manche gehen bewusst bestimmten Situationen aus dem Weg, andere verdrängen das Erlebte so lange, bis eines Tages die Erinnerung aus dem Hinterhalt zuschlägt und sie nicht mehr ausweichen können – bei den einen früher, bei den anderen später. Mike hatte es jetzt erwischt. Drei Jahre danach. Es konnte kein Zufall sein, dass er ausgerechnet jetzt damit herausgekommen war.

Klar, ich konnte mir ruhig weiter einbilden, dass unser albernes Herumgeblödel beim Chinesen zu diesem Ergebnis geführt hatte. Dennoch, wäre ihm Tage zuvor nicht diese Story wegen seines angeblichen Geburtstages entschlüpft, hätten die Dinge niemals so ihren Lauf genommen. Hätte er geschwiegen, wäre die damit zusammenhängende Geschichte nicht ans Licht gekommen; früher oder später bringt die Sonne so manche unserer Geheimnisse an den Tag, so sehr wir uns auch bemühen, sie unter Verschluss zu halten.

Vielleicht war es aber auch nicht von ungefähr gekommen, dass er diese Entwicklung mit der inszenierten Privatparty ins Rollen gebracht hatte. Von all dem, was mir durch den Kopf ging, sagte ich jedoch nichts. Keiner von uns sprach auf der zweistündigen Überfahrt auch nur ein Wort; sein Rücken an meine Brust gelehnt, hielt ich ihn in meinen Armen und hüllte uns in meinen überdimensionalen Schal ein wie in einen Kokon.

Reglos ineinander versunken, blickten wir in die gleiche Richtung und ließen die in bunten Herbstfarben leuchtende Inselwelt unbeachtet an uns vorbeiziehen. Vielleicht war es mein Herzschlag, den er durch die Stofflagen hindurch in seinem Rücken spürte oder meine gleichförmigen Bewegungen, mit denen ich ihm durchs Haar strich, aber nach und nach wich seine Anspannung, und als der Hafen in Sicht kam, hatte er sich einigermaßen gefangen.

Komm, lass uns zu den anderen gehen“, sagte er mit halbwegs fester Stimme und reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.

Hach, muss Liebe schön sein“, empfing uns Ryan an der Treppe nach unten, als wir uns eng umschlungen näherten.

Hätte er nicht so dämlich gegrinst, wäre ihm sicher aufgefallen, dass Mike stiller war als sonst und auf diesen blöden Spruch von wegen einer modernen Neuauflage von Titanic mit vertauschten Rollen zu den Klängen von „My Heart will go on“ nicht einging.

„So ruhig, Mitchell? Sind wir etwa seekrank?“

Ha ha, toller Witz, Miller. Du kannst es einfach nicht lassen. Wie schön, dass wir heute alle so fröhlich sind, aber nun wundert mich gar nicht, dass sich Euer Sänger bei so viel Einfühlungsvermögen nicht anmerken lässt, wie beschissen es ihm geht. Und damit wäre er in eurem Team dann schon der zweite Kandidat mit Kurs auf den nächsten Zusammenbruch.

Dementsprechend frostig fiel der Blick aus, den ich ihm zuwarf. Wie gut, dass wir nur noch zwei Stunden Fahrt vor uns hatten, während denen er sich gerne weiterhin mit Brian über sein hochspannendes Lieblingsthema in aller Ausführlichkeit unterhalten durfte. Hauptsache, er ging uns beiden bis Parksville nicht auf die Nerven.

Mein stiller Wunsch fand Gehör, denn er wandte sich tatsächlich von uns ab und schloss sich John und Brian an, die sich zum Einsteigen bereit machten. Unserem Fahrer konnte es nicht schnell genug gehen, weiterzufahren.

Na endlich, schrie sein nervöses Trommeln auf dem Autodach förmlich.

Das wunderte mich, denn ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass wir noch gut in der Zeit lagen. Nach meiner Rechnung würden wir am frühen Abend ankommen, die anderen waren lange vor uns losgefahren, und aufgebaut werden sollte erst morgen – Proben inbegriffen. Wozu also diese Eile? Vorhin war Brian doch noch so entspannt gewesen, und jetzt war er wie ausgewechselt. ‚Auf glühenden Kohlen‘ traf es am besten, und ihn in diesem Zustand zu reizen, hielt ich nicht für empfehlenswert.

Mike im Schlepptau, pfiff ich auf die vorherige Sitzordnung und ließ mich auf den Platz in der Mitte der Rückbank fallen. Kaum hatte der die Tür hinter sich zugezogen, drückte Brian aufs Gaspedal und legte einen formidablen Kavalierstart hin. Kunststück, wir waren ja auch die ersten in einer langen Reihe von Autos, die darauf warteten, endlich von der Fähre herunter zu können. Den drohenden Stau zu vermeiden, indem er als erster die empfohlene Umleitung nahm, war seine Devise. Eine weitere Verzögerung wollte er nicht riskieren, ihm reichte bereits die Tatsache, dass aus den zwei Stunden vermutlich drei bis vier Stunden würden, wenn er nicht gewaltig auf die Tube drückte.

Mir war immer noch nicht klar, warum es so ein Drama war, wenn wir statt um sechs erst um acht Uhr ankämen. Auch John, der bisher am ruhigsten von uns allen geblieben war, begann sich zu fragen, was mit unserem Manager los war. Die einzigen, die unbeteiligt aus dem Fenster schauten, waren Mike und Ryan. Der eine, weil er in Gedanken immer noch bei unserem Gespräch an Deck war und meine Hand umklammert hielt – der andere, weil ihm gar nichts anderes übrig blieb und dem Fahrer nicht noch zusätzlich auf die Nerven fallen wollte.

Meine Ansage auf dem Schiff hatte also gewirkt. Doch dadurch wurde die Atmosphäre im Ford nicht besser. Wie John, hatte ich das Gefühl, dass irgend etwas vorgefallen war, das Brian die Stimmung verhagelt hatte. Wir sollten es bald schon erfahren.