7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 – Juli … #2

Die ABC-Etüden gehen in die Sommerpause, und deshalb hat Christiane das

Etüdensommerpausenintermezzo

initiiert, bei dem wir aus zwölf Wörtern sieben auswählen dürfen. Dabei spielen Länge, Zeit und Ort keine Rolle, aber es gibt zwei Bedingungen. Die erste gibt die Mindestzahl der vorgegebenen Wörter (7 von diesen 12:

Blaupause – Diätwahn – Herzschmerz – Kantine – Kommentar –
Ohrenkneifer – Sahnewölkchen – Stoppelfeld – Strandkorb – Vulkan – Windjammer – Zwischentöne

aber es dürfen auch mehr sein). Die zweite lautet:

#stayathome, #supportyournachbarschaft – Wenigstens ein Teil eurer Geschichte spielt an einem echten (öffentlichen) Ort, den man wiedererkennen kann, den ihr gut kennt. Damit hatte ich ursprünglich zwar im engeren Sinne euren Wohnort gemeint, aber das will bestimmt nicht jede*r und es wohnt ja auch nicht jede*r in einer größeren Stadt.

Ich weiß nicht, wie ihr das am besten löst. Die Idee ist jedenfalls, dass jemand, der eure Geschichte liest, an diesen Ort kommt, sich umschaut und denkt: Aha, ich erkenne das Setting wieder. Und ich würde ziemlich gern mit euch durch – keine Ahnung – Berlin, Bremen, Hamburg, Köln, Frankfurt, Hannover, Freiburg, Wien etc. … irgendeine Strandpromenade eines Kaffs an Nord-, Ost-, Boden-, Neusiedler See ? oder Adria ? Laufen … „

Mehr als sieben Wörter konnte ich in meiner ersten Juli-Etüde nicht unterbringen. Damit auch die anderen nicht zu kurz kommen, reiche ich eine zweite Etüde nach. Think Big!

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Diese Stadt ist ein Moloch

Der erste Eindruck zählt, denkt sie, als sie endlich die Ankunftshalle hinter sich gelassen hat. Ein Taxi hat sie schnell gefunden, um ein Haar hätte sie sich blamiert, als sie vorne Platz nehmen wollte, wo bereits eine Tasche lag – das Lunchpaket des Fahrers. Hierzulande sitzen Fahrgäste hinten; auf einen entsprechenden Kommentar hat der Fahrer verzichtet – vermutlich hat er alle Nase lang Leute wie sie, die das nicht wissen. Andere Länder, andere Sitten, und in diesem Fall ein ganzer Kontinent – aber wenigstens wird auf der rechten Straßenseite gefahren, und nicht links, wie sie gedacht hatte. Das kommt davon, wenn man glaubt, dass die Queen das Staatsoberhaupt ist. Aber nun gut, sei’s drum, jetzt ist sie auf dem Weg in die Stadt und zu ihrem Hotel.

Eine Stunde hat die Fahrt gedauert. Um sechzig Dollar ärmer, betritt sie das riesige Foyer, um einzuchecken. Es dauert noch, sagt man ihr. Also begibt sie sich in den Speisesaal, in den die Kantine zu Hause fünfmal hinein passen würde. Aber an daheim wollte sie eigentlich nicht schon wieder denken; sie hat sich so lange schon auf diese Reise gefreut, bei deren Planung sie mit alten Gewohnheiten gebrochen hatte. Lebe jetzt und nicht irgendwann, war das Motto, mit dem sie in das neue Jahr gestartet war. Und auch wenn sich ab und zu immer noch der Herzschmerz meldete, piepegal! Du kannst Dich nicht ständig in Watte packen, aus Furcht, von der Trauer überrollt zu werden. Das ist jetzt Deine Zeit – die schlechten Energien schickst Du in die Sommerpause und machst endlich Deine Träume wahr…

Kaffee gibt’s hier nur im Becher, was für eine Enttäuschung – aber die Dessertauswahl ist ein Traum. Gegen die üppigen Kuchen und Torten hat der Diätwahn keine Chance; und ein weiterer Beweis, dass hier alles größer ist als in der Heimat. In erster Linie hat sie dabei an die Entfernungen gedacht; jetzt fragt sie sich, ob sie nicht lieber auf Entdeckungstour gehen soll, anstatt auf ihren Zimmerschlüssel zu warten. Bis zu dem gewaltigen See mit seiner Strandpromenade, an der sie bei ihrer Fahrt zum Hotel entlanggefahren ist, ist es zu Fuß bestimmt kein Katzensprung; auf dem Weg zum See zwischen den Häuserschluchten dieser Millionenstadt dampfgegart zu werden, stellt sie sich nicht verlockend vor. Wie war das nochmal mit dem ersten Eindruck? Summer in the City? Zwei Millionen Einwohner, viel Beton und wenig Grün, hatte sie im Taxi gedacht – diese Stadt ist ein Moloch. In der Schwüle der sommerlichen Hitze wähnt sie sich auf der Oberfläche eines Vulkans.

Zu ihrem Erstaunen bleibt das Gefühl, gegen gallertartige Luftmassen ankämpfen zu müssen, schon nach den ersten Metern auf der Hauptstraße aus. Bin ich denn die Einzige, der das Klima nichts ausmacht, fragt sie sich. Vielleicht ist es auch die Aussicht auf eine frische Brise von der Harbourfront, die sie beflügelt und neue Energie verleiht. Von wegen Betonwüste, von wegen Häuserschluchten… links von ihr kommt ein viktorianisches Theater in Sicht. Allmählich beginnt sie, auf Zwischentöne in der Architektur zu achten, und als sie eine halbe Stunde später mit dem Wassertaxi zu der größten der Inseln mit ihren ausgedehnten Parklandschaften übersetzt, entfaltet sich vor ihren Augen das Panorama der Skyline. Der Centre Island Park ist nicht mehr weit. Als das Boot anlegt, dauert es nicht lange, bis sie ganz für sich ist und ein Plätzchen gefunden hat, an dem sie entspannen und dem Gezwitscher der Vögel lauschen kann.

Die Enten im Wasser vor ihr gehen auf Tauchstation, in der Ferne glitzert die Skyline in unterschiedlichen Farben und mit dem Fernsehturm, auf den Steinen zu ihren Füßen sonnt sich ein Ohrenkneifer. Niemals hätte sie gedacht, dass auf sie am Ende doch noch so ein Idyll auf sie warten würde. Diese Stadt ist ein Moloch? Jetzt vielleicht nicht mehr.

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Vom beschaulichen Sonderburg in Dänemark zur größten Stadt Kanadas – die anderen fünf Wörter, die ich in der ersten Etüde ausgelassen habe, sind bei dieser Erinnerung an meine Reise aus dem letzten Sommer zum Einsatz gekommen. Auf die Aufgabe, die am 2. August folgt, bin ich schon sehr gespannt.

10 Kommentare zu “7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 – Juli … #2

  1. Spannend. Danke dir, da bin ich gerne mitgekommen! 🙂 Ich erinnere mich, dass du schon mehrmals von deinem Kanada-Trip geschwärmt hast … wie schön! Und auch schön, dass du auch die letzten Wörter verwerten wolltest 😉
    Liebe Grüße, vielen Dank
    Christiane 😀

  2. Pingback: Alphabet | Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 | Irgendwas ist immer

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