Serienmittwoch bei Corly # 136 : Biografien oder wahre Begebenheiten

 

Beim aktuellen Serienmittwoch auf dem Blog von Corly gibt es ein Thema, das bei mir voll ins Schwarze getroffen hat, denn es geht darum, wie wir Biografien oder wahre Begebenheiten im Film finden. Das Leben schreibt die besten Geschichten? Vielleicht stehen deshalb Bio-Pics und Filmproduktionen, die sich auf wirkliche Ereignisse beziehen, bei mir hoch im Kurs.

Zuletzt hatte ich mit „Soul Surfer“ so ein Erlebnis – die Geschichte der Surferin Bethany Hamilton, die bei einem Angriff durch einen Hai ihren linken Arm verliert und der durch eiserne Disziplin, die Unterstützung durch Freunde und Familie und nicht zuletzt durch ihren tiefen Glauben ein sensationelles Comeback gelingt… sensationell waren für mich auch die Bilder von Hawaii,wo der Film zumeist spielt.

Nach diesem Einstieg komme ich nun zu den Filmen, die mir noch lange nach dem Kinobesuch bzw. dem DVD-Abend in Erinnerung geblieben sind, bevor ich mich ganz zum Schluss dem Film widme, der noch auf meiner Liste steht. Getrennt nach Kategorie, habe ich zur größeren Übersichtlichkheit jeweils sechs Filme ausgewählt.

 

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Wahre Ereignisse

Beste Geschichten“ trifft hier nur bedingt zu. Gut kann ich gerade bei dem Film ganz oben auf der Liste die furchtbaren Ereignisse, die sich heute zum neunten Mal jähren, nämlich nicht finden.

Utøya 22. Juli: Am 22. Juli 2011 kamen bei dem Massaker auf der norwegischen Insel 69 Menschen ums Leben, die Zahl der Toten erhöhte sich um die acht Personen, die bei der Explosion einer Autobombe in Oslo starben.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance: Der Wettlauf zwischen Ford und Ferrari beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahr 1966, mit Christian Bale und Matt Damon

Deepwater Horizon: 2010 brannte im Golf von Mexiko die Ölplattform Deepwater Horizon. Bei dem Film mit Mark Wahlberg als Chefelektriker Mike Williams habe ich Rotz und Wasser geheult.

Amy und die Wildgänse: Wie die 14jährige Amy einem Schwarm Kanadagänse mit Hilfe eines Ultraleichtflugzeugs das Fliegen beibringt, zeigt dieser herzerwärmende Film für die ganze Familie

Im Namen des Vaters: Daniel Day-Lewis als Gerry Conlon, der wegen erpresster Geständnisse und fingierter Ermittlungsergebnisse im Zuge der neuen britischen Anti-Terror-Gesetze zu lebenslanger Haft verurteilt wird und zusammen mit den „Guildford Four“ in den Hungerstreit tritt, um zu seinem Recht zu kommen.

Green Book – Eine besondere Freundschaft: Eine Konzerttournee durch die amerikanischen Südstaaten der Sechziger Jahre – mit Mahershala Ali als schwarzer Jazzpianist Don Shirley und Viggo Mortensen als sein weißer Chauffeur Tony Vallelonga. Der Titel des Films bezieht sich auf den „Negro Motorist Green Book“ gerannten Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die Tankstellen, Restaurants und Unterkünfte auflistet, die auch farbige Kundschaft akzeptieren.

 

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Biografien

Die meisten Biopics, die ich bisher gesehen habe, drehen sich um Musiker und Musikerinnen (Johnny Cash, The Runaways, u.a.) – diese sechs Filme sind 50:50 auf porträtierte Damen und Herren verteilt

Die Queen: Helen Mirren als Königin Elizabeth II, in der Regierungskrise

Frida: Salma Hayek spielt die mexikanische Malerin Frida Kahlo.

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen beschäftigt sich mit den für das Mercury- und das Apollo-Programm der NASA wicbtigen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson (Taraji P. Henson, Octavia Spencer und Janelle Monáe)

M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit: Aus Briefen, Tagebüchern und Interviews zusammengestellter Dokumentarfilm über den niederländischen Grafiker M. C. Escher (1898-1972), der sich selbst eher als Mathematiker sah.

Mystify : Michael Hutchence: Aus Interviews, Material aus dem privaten Archiv des Künstlers und Konzertmitschnitten zusammengesetzter Dokumentarfilm über den 1997 verstorbenen Sänger der australischen Rockband INXS.

Rocketman: Der im Musicalstil gedrehte Film hat den Werdegang von Elton John (Taron Egerton) zum Thema.

 

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Was noch fehlt

Kursk: Vor zwanzig Jahren sank das russische Atom-U-Boot K-141 Kursk. Der Film schildert die Ereignisse danach. Wann ich den Film mit Colin Firth in der Hauptrolle als Commander sehen werde, steht aber noch in den Sternen.

„Broken Strings“ : Chapter 39 – Unlucky numbers

 

Wenn es darum ging, sich um Entscheidungen herumzudrücken, war ich nicht die Einzige. Brian war es genauso unangenehm, dass ich das lästige Thema erneut ansprach. Dabei hätte doch ihm am allermeisten an einem ordnungsgemäßen Ablauf gelegen sein müssen. Dass in einem Monat das Ende der Fahnenstange erreicht war, wusste er selbst nur zu gut, und ihm war auch klar, dass irgendwer jetzt endlich mal langsam in die Gänge kommen musste, anscheinend aber hatte er ein ganz anderes Zeitgefühl als ich. Vier Wochen schienen für ihn ein länger Zeitraum zu sein als für mich.

Vier Wochen? Da kann noch viel passieren“, orakelte er.

Mir schwante, dass er mit der Organisation meiner Angelegenheiten so lange warten wollte, bis er keine andere Wahl mehr hatte. Klar, dachte ich, Dir läuft ja auch nicht die Zeit davon, sondern mir, und ich fühlte mich allmählich wie ein Alien. Ein Alien mit Lover, der genauso sorglos in den Tag hinein lebte wie die anderen.

Ja, verschließ auch Du ruhig Deine Augen vor den Tatsachen. Umso heftiger ist das Erwachen.

Leider war mir weder nach Scherzen noch nach Schadenfreude zumute. Und da ich bei Brian auf Granit biss, sah ich ein, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel ausrichten konnte. Konzentriere Dich statt dessen lieber auf heute Abend, tönte meine innere Stimme, und sieh zu, dass Du Dir keine peinlichen Schnitzer leistest. Denn wenn es eines gab, das ich tun konnte, dann meinen Job so zu erledigen, dass sich außer mir auch kein anderer für mich zu schämen brauchte, und am wenigsten Sue.

Sie hatte endlich begriffen, dass ich niemals die Absicht gehabt hatte, sie zu verdrängen, und so verstanden wir drei uns inzwischen besser denn je. Wenigstens etwas gutes, dachte ich, während ich mit einem Knoten im Magen registrierte, dass auch dieser Monat zu Ende ging.

Wie schnell doch die Zeit verflog – Zeit, in der es Sue zunehmend besser ging, so dass für sie eine reelle Chance bestand, wieder auf die Bühne zurückzukehren. Natürlich nicht den ganzen Abend lang, sondern vorerst nur bis zur Pause. Ich war auf Stand-By eingestellt, für den Fall, dass ich doch bereits früher einspringen musste.

Das erste Wochenende im Oktober war dafür der ideale Zeitpunkt. Ein Konzert in der Nähe von Vancouver, fiel mir wieder ein. Die Location stand schon lange fest. Anhand der Anzahl der verkauften Tickets würde es der ganz große Abend werden.

Hoffentlich endet der nicht vorzeitig mit einem großen Knall.

Aber meine Kollegen waren zuversichtlich. Mike drückte mir sein Smartphone in die Hand: „Hier, Süße, lies selbst“ – Gespannt scrollte ich mich durch den Artikel, den er wer weiß wo ausgegraben hatte: … Zweitausend verkaufte Tickets…“, „… dank der hervorragenden PR von Lindsay Cooper…“, „… unglaublicher Fan Support…“ – bla bla bla, verdrehte ich die Augen.

Und dann überfiel mich die Erkenntnis. O Schreck, 2000 Tickets! Hatte ich wirklich richtig gelesen? Hektisch sprang ich zurück an den Beginn des Artikels, der in der Vancouver Sun unter der Rubrik ‚Arts & Life‘ erschienen war. Die Vancouver Sun… wer auch immer dieser noch relativ unbekannten Band zu einem Online-Artikel in einer der meistgelesenen Zeitungen Kanadas verholfen hatte, der hatte meinen Respekt verdient.

Ich musste nicht lange überlegen, bis ich dahinterkam, dass dafür niemand anderes in Frage kommen konnte als die in dem Artikel genannte und von mir anfangs so respektlos als PR-Tante bezeichnete Fotografin. Natürlich hatte auch sie ihre Kontakte, und die wiederum ihre, und so weiter und so fort…

Ein Artikel in der Vancouver Sun – wow!“ war alles, was ich herausbekam. „Ist Dir klar, was das für Euch heißt?“ reagierte ich fassungslos, während ich ihm das Phone wieder zurückgab.

Klar ist es das“, klinkte sich Mark, der unser Gespräch mitbekommen hatte, ein. „Endlich zahlt sich die Schinderei aus.“

Na klasse, immer schienen da, wo Mike und ich uns aufhielten, Ohren aus der Luft zu wachsen. Diesmal war es der Songschreiber von OxyGen. Wenigstens konnten wir bei ihm sicher sein, dass er seiner Antwort keine dummen Bemerkungen folgen lassen würde. Bei unserem Drummer war ich mir da nicht so sicher. A propos. Wo war der überhaupt?

Die Frage hätte ich mir auch sparen können, denn die Antwort lag bereits auf der Hand: Bei seinem neuen Best Buddy, um auf den Überraschungserfolg anzustoßen. O nein, mein Freund – so hatten wir nicht gewettet. Ein Fall von Gedankenübertragung?

Du wartest hier, Süße“, sagte Mike, drückte mir hastig einen Kuss auf die Wange und verschwand nach drinnen, wo er das Schlimmste zu verhindern hoffte.

Zweifelnd blickte ich ihm hinterher. Na, das ging ja gut los. Schon am frühen Morgen einen bechern? Und das vor der Probe, wo am Abend zum ersten Mal wieder Sue ans Mikrofon zurückkehren würde, mit mir als Back-Up, wie besprochen.

Das wird schon“, murmelte Mark ihr beruhigend zu und legte einen Arm um ihre Taille.

Einen solchen Zuspruch hätte ich jetzt auch gebrauchen können; aber was konnte ich auch von einem Tag, der schon merkwürdig begonnen hatte, anderes erwarten?

Na gut“, seufzte ich und ließ die beiden stehen, „dann mach‘ ich mich jetzt am besten auch mal auf die Suche.“

Dass ich auf alles gefasst war und angesichts der Uhrzeit so langsam schwarz für die Proben sah, musste ich den beiden ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Wie ich vermutet hatte, waren keine Instrumente zu hören, wie ich es von einer Probe eigentlich kannte. Nicht einmal Danny, der sonst keine Gelegenheit zum Spielen auf seiner heißgeliebten Gitarre ausließ, war zu hören. Im Gegenteil: Es war verdächtig ruhig. Zu ruhig für meinen Geschmack.

Ich warne Dich, Mike Mitchell, kochte ich vor mich hin, wenn Du Dich dem Trinkgelage angeschlossen hast, schleife ich Dich eigenhändig nach draußen und mach Dir dort die Hölle heiß. Oh ja, im Ausmalen von katastrophalen Szenarien und Hineinsteigern in diese war ich richtig gut. Ich sah sie schon vor mir, die Wodkaflasche, wie sie immer leerer wurde…

Wie man sich doch täuschen kann! Noch eine weitere Ecke, an der ich abbiegen musste, und dann sah ich sie vor mir: John, Ryan und Mike, wie sie über einem ausgedruckten Plan brüteten. So viel Eintracht? Das fand ich ungewöhnlich. Die Szene erinnerte mich an eine konspirative Sitzung, und mein Eindruck verstärkte sich noch, als ich näher kam und Mike, wie von der Tarantel gestochen, hochfuhr und versuchte, das Papier verschwinden zu lassen. Zu spät. Ich hatte es schon gesehen und griff danach, in dem Versuch, es an mich zu bringen.

Leider aber hielten die Kerle zusammen und entfernten das Corpus Delicti aus meiner Reichweite. Was zum Teufel wurde hier gespielt? Wir sind doch nicht mehr in der Grundschule, wo wir einen aus der Klasse ärgern, indem wir ihm die Mütze klauen und die uns gegenseitig zuwerfen… Der Wisch befand sich nun in Ryans Händen, der ihn seelenruhig zusammenfaltete und in seiner Gesäßtasche deponierte, während Mike sich zwischen uns stellte und mich an den Schultern festhielt.

Halt, Süße, bevor Du in die Luft gehst“, fing er umständlich an. „Ich muss Dir was sagen.“

Na hoffentlich, dachte ich. Eure kindischen Spielchen gehen mir nämlich langsam wirklich auf die Nerven. Ich war es so leid, die Luft anzuhalten und den Kopf einzuziehen, weil sich bereits das nächste Desaster ankündigte.

Du kannst Dich doch bestimmt noch an dieses Wochenende erinnern, als dieser Simon-Cowell-Verschnitt uns auseinander reißen wollte“, fuhr er fort. Dieter Bohlen trifft es zwar eher, aber bitte, wenn Du nur endlich zum Punkt kommen würdest…

Ja. Und?“ Meine Ungeduld hätte der letzte Depp meinem Tonfall entnehmen können, aber Mike ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Und an das, was wir hinterher besprochen haben?“

Ja, dass nichts und niemand die Gruppe auseinanderbringen würde.“ So weit konnte ich mich noch erinnern.

Das auch“, war Mikes rätselhafte Antwort darauf.

Ich hasste kryptische Andeutungen. Angestrengt durchkämmte ich meine Hirnwindungen. Aber ohne Erfolg. Mich so auf die Folter zu spannen, machte mich kein Deut schlauer.

Na, dann will ich deiner Süßen mal aus der Patsche helfen“, kam es von Ryan. „Ich kann das Elend nicht mehr mit ansehen. Du willst doch Andrea nicht wirklich dumm sterben lassen?“

Danke, Ryan, wie überaus hilfreich. Auf diese Erklärung war ich jetzt wirklich gespannt. Aber bitte ohne langes Blabla. Meiner stummen Bitte kam er auch sogleich nach. Er redete von den Extrawürsten. Die Extrawürste… Irgendwo in meinem Kopf machte es Klick. Auf einmal ergab alles einen Sinn. Keine Alleingänge, dafür aber auch keine Bevormundung durch den Manager, und – was für mich das wichtigste war – keine Duette mehr.

Nein! Sag, dass das nicht wahr ist. Und ob das wahr war: leider nämlich doch. Aber für wen?

Nie wieder, habt Ihr geschworen!“ zischte ich wütend. Ich fasste es nicht. „Und kommt mir jetzt nicht mit den zweitausend Fans. Die können auf solche Mätzchen nämlich sehr wohl verzichten. Also daher Eure Heimlichtuerei mit dem Plan.“

Dem Plan, den sie mir vorenthalten wollten. Was für eine riesige Verarsche! Wenn ich schon Teil des abgekarteten Spiels sein sollte, dann wollte ich auch wissen, was dieses Trio Infernal hinter unserem Rücken ausgeheckt hatte.

Und jetzt her mit dem Ding, Ryan – aber ein bißchen zackig. Oder soll ich ihn mir selber holen?“

Mach doch. Ich warte.“

Worauf Du wetten kannst – von wegen, ‚wir spielen keine Spielchen’… jetzt kannst Du was erleben.

Dass ich mich an Mike vorbeischob und zwei, drei, vier Schritte nach vorne tat, hatte keiner von ihnen erwartet. Wenn mir der Geduldsfaden riss, kannte ich nichts. Vor allem keine Hemmungen. Sie konnten ruhig merken, dass ich mich nicht abschrecken ließ. Und einschüchtern schon gar nicht. Es war John, der dazwischen ging, bevor es eskalierte.

Er zog Ryan das Blatt aus der Hosentasche, nahm mich an die Seite und zog seinen Kollegen verbal die Ohren lang: „Da Ihr beide ja nicht in der Lage seid, Tacheles zu reden, übernehme ich jetzt.“

Endlich hatte jemand Erbarmen. „Also, der Plan sieht so aus…“

Auf den ersten Blick hatte er nichts auffälliges an sich. Bis auf den Passus „Duett“ – an der Stelle, wo Mike für gewöhnlich „By my side“ oder eine andere Ballade sang. Am meisten aber irritierte mich die fettgedruckte Überschrift in Blockbuchstaben: SONDERVORFÜHRUNG VS & RC. Und noch bevor ich fragen konnte, was VS & RC bedeutete und warum nur ein Teil der Band etwas von einer Sondervorführung wusste, füllten hauchzarte Klänge einer Akustikgitarre den ganzen Raum aus, und für einen Augenblick blieb die Zeit stehen.

♪♫ When you were here before, couldn’t look you in the eye… you’re just like an angel, Your skin makes me cry… ♫ ♪

CREEP?! Wer hatte sich diesen abgeschmackten Witz ausgedacht, und warum? Vor mir stand Mike und sang „unser Lied“ vom Soundcheck, das niemals für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen war, begleitet von Danny und seiner Akustikgitarre Jetzt sollte es bei einer Sondervorführung zum Einsatz kommen – für ein kleines Publikum, das sich zusammensetzte aus Fans, die die Tickets bei einer Verlosung der Vancouver Sun gewonnen hatten, Leuten von der Zeitung selbst und, für mich die größte Überraschung: von einem Plattenlabel.

RC steht für Record Company“, erklärte John, nachdem die Musik verklungen war. „Vorhin kam ein Anruf von einer Celia Crawford von Spirit Chase Records.“

Namen von Plattenfirmen sagten mir nichts, außer es handelte sich um die ganz großen. Von dieser hatte ich noch nie etwas gehört, aber das hatte ich ja auch nicht bei der von Brandon Cole.

„Viel hat diese Celia Crawford, oder CeCe, wie sie sich genannt hat, ja nicht gesagt. Nur dass jemand von ihrem Label auf einem unserer Konzerte war und ihr davon so lange in den höchsten Tönen vorgeschwärmt hat, bis CeCe sich selbst ein Bild von uns machen wollte. Deshalb die Sondervorstellung – nur ist sie zur Zeit noch in Nova Scotia unterwegs und schafft es nicht zu unserem Auftritt heute Abend. Aber dank der Vancouver Sun gibt es den Termin morgen, und zu dem bringt sie ihre Assistentin mit.“

Zwei Frauen von einem kleinen Label, das noch kleiner war als VC Star Records und sich auf Bands in den Bereichen Folk und Rock konzentrierte. Manchmal nahmen sie auch Künstler unter Vertrag, die ihr Publikum mit Anleihen an Punk und Rockabilly begeisterten. „Change keeps us moving on“, schien ihr Motto zu sein, und deshalb wollten sie bei Spirit Chase Records nun auch noch auf Sounds im Stil der 80er Jahre setzen. Obwohl das glaubwürdiger klang als das, was sich der andere Scout für seine Firma vorgestellt hatte, war ich skeptisch.

Wenn die bisherigen Konzerte doch so toll gewesen waren, wozu brauchten sie dann bei der Show am nächsten Tag noch „Creep“, gesungen im Duett, von Mike und mir? Mir hatte schon der Versuch mit „Shallow“ gereicht, und deshalb war ich so froh gewesen, als sie nach der Pleite mit Mr. Cole beschlossen hatten, dass es solche Showeinlagen nicht mehr geben würde.

Hoch und heilig hatten sie es geschworen, und kaum rief eine exzentrische Tussi von einem Plattenlabel an, war plötzlich alles vergessen? Und wer hatte die Arschkarte? Natürlich ich, denn wenn ich mich querstellte, war es meine Schuld, wenn es mit dem Vertrag nichts wurde?

Dann gebt Gas und haut rein!“ Aha, Danny vervollständigte unser Quintett, mit einem Spruch, der schon so einen Bart hatte. „Und zeigt mal, was Ihr beide drauf habt.“

Was wir beide drauf haben? – Als ob Du das nicht schon längst wüsstest…

Hatte er etwa schon unsere Jam Session vergessen? Oder die Probe, bei der wir die One-Woman-Show der PMJ-Coverversion mit Hayley Reinhart am Mikrofon in ein Doppel mit verteilten Rollen verwandelt hatten? Was war ich doch beruhigt, dass ich bei dieser Extra-Einlage vor ausgewähltem Publikum nicht ganz alleine die Stimmbänder zum Vibrieren bringen musste.

Und wenn die Stimme versagte, half nicht Wick Blau, sondern Danny Rodriguez mit seiner E-Gitarre? Das hatte hatte ja auch schon bei „Shallow“ funktioniert. Warum nicht auch hier?

Hey, Leute, das wird super!“

Brians Applaus beruhigte mich überhaupt nicht. Auch nicht, dass sein Bruder und der Rest der Gruppe der gleichen Meinung waren. Als eine von zwei Backgroundsängerinnen die Band vor einem zweitausendköpfigen Publikum zu unterstützen, war etwas, womit ich mich gerade so arrangieren konnte. Da stand ja auch nicht ich im Mittelpunkt, und zu sehen waren Madlyn und ich auch nicht ständig.

Aber im Zentrum der Aufmerksamkeit eines kleineren, aber sehr speziellen Kreises von Leuten zu stehen? Das altbekannte Problem – mein größter Alptraum stand mir bevor, und dabei hatte ich den unangenehmsten Teil daran noch gar nicht realisiert: Die Sondervorstellung bei der Vancouver Sun fiel auf ein Datum, das ich am liebsten übersprungen hätte.

Der 6. Oktober. Ein Sonntag. Ein Tag, den meine Welt nicht brauchte. Morgen jährte sich dieses grässliche Datum zum zehnten Mal. Angeblich kommt ja Jubiläum von Jubeln, aber danach war mir nicht zumute. An jedem verdammten Sechsten des Oktobers zündete ich in der Kirche eine Kerze für Sean McAllister an.

Eine Kerze für meinen Vater, dessen Herz an diesem Tag nach sechsunddreißig Stunden im künstlichen Koma nach einem Infarkt für immer zu schlagen aufgehört hatte. Multiples Organversagen – als Spender nicht geeignet. Was das bedeutete, hatte ich mit meinen zehn Jahren noch nicht begreifen können. Dazu hatte es die folgenden Jahre gebraucht.

Zehn Jahre waren eigentlich eine lange Zeit. In der Theorie. Tatsächlich aber fühlte ich mich, als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt und mein Leben an diese Stelle zurückgespult. Natürlich kann kein Mensch in Wirklichkeit die Zeit nach Belieben vor- oder zurückspulen, auch nicht langsamer oder schneller laufen lassen, auch wenn ich mir das noch so sehr wünschte, wie zum Beispiel jetzt: Bitte einmal per Knopfdruck diesen einen Tag überspringen…