# Writing Friday 2020 – Juli, 30. Woche : Nephthys – Teil 2

 

Wenn’s mal wieder länger dauert: Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer“ – so lautet eine der fünf Schreibaufgaben von elizzy für den #Writing Friday. Da ich noch nicht wusste, wie lang diese Reise wird, als ich mit dem Schreiben begonnen habe, gibt es nur eine Möglichkeit für mich: Ich splitte meine Reise ins alte Ägypten… Nach „Nephthys – Teil 1“ ist heute der zweite Teil dran, anstatt einer der beiden anderen Aufgaben.

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Nephthys – Teil 2

Diese Dekadenz! Aber ich halte mich bedeckt und verhalte mich am besten unauffällig, dann habe ich vielleicht noch eine Chance, von hier fort zu kommen. Unliebsame Zwischenfälle kann ich mir nicht leisten; von den schweren Platten mit den erlesenen Köstlichkeiten ist mir keine heruntergefallen – jetzt muss es nur noch mit der Getränkeversorgung klappen. Doch auf dem schwankenden Schiff nichts zu verschütten, ist gar nicht so einfach, und das flaue Gefühl in meinem Magen beim Blick auf die vorbeiziehenden Häuser macht mir diese Aufgabe nicht leichter.

Mehr Wein!

Ja, Meister, seufze ich, schrei nicht so, ich bin ja nicht taub. Unermüdlich für stetigen Nachschub zu sorgen, mag vielleicht bei anderen funktionieren, aber nicht bei mir, denn von den schweren Krügen werden mir langsam die Arme lahm und die Beine schwer. Da geschieht es. Ich stolpere und werde mit einem unfreundlichen „Dumme Gans“ grob wieder auf die Füße gerissen. Vor Schreck erstarre ich, aber nicht wegen des Sklaventreibers, dem ich in die Fänge geraten bin, sondern wegen Nephthys, die plötzlich an Deck erschienen ist. Jetzt weiß ich, warum mir in den letzten Stunden immer mulmiger geworden ist. Das waren nicht mehrere Standbilder von derselben Gottheit – es ist die gleiche Gottheit, in Stein gehauen, und sie ist lebendig. Jetzt bloß nicht blinzeln…

Zu spät. An Deck bricht die Hölle los. Das von Kleopatra ausgerichtete luxuriöse Bankett für Antonius wird nicht wie geplant stattfinden. Die Panik um mich herum hat das erfolgreich verhindert, und nun bin als nächste ich in Gefahr, bei der Stampede unter die Hufe zu geraten oder aber von Nephthys… Ein Schrei unterbricht meine Gedanken. „Emma! Schnell, Lauf!“ – Run, you clever girl?… wo kommt der denn jetzt auf einmal her? Es wäre nicht so weit gekommen, wenn sich der Doktor nicht so plötzlich in Luft aufgelöst hätte. Aber jetzt ist er da und stößt mich mit Anlauf von Bord, doch der Aufprall auf der Wasseroberfläche bleibt aus. Statt dessen lande ich unsanft auf allen Vieren – in der TARDIS. Fürs erste sind wir zwar in Sicherheit, aber die TARDIS ist immer noch manövrierunfähig.

Große Neuigkeiten: Der Doktor war in der Bibliothek, die doch nicht zerstört worden ist. „Das ist ein Zeichen!“ ruft er euphorisch und rekapituliert seine Befreiungsaktionen der vergangenen Jahre: Leute aus Wänden und Fußböden, in ein unbekanntes W-Lan gezogene Ahnungslose, eine seiner Begleiterinnen aus einer Bibliothek – und jetzt mich. Aus der Welt der Bücher, eigentlich eine Parallelwelt. Eine Lösung muss her, aber dazu muss er wissen, wie ich in ihr gelandet bin. „Was hattest Du zuletzt getan?“ lautet seine simple Frage. Irgend etwas muss meine unbeabsichtigte Reise ausgelöst haben – ein Getränk, ein Buch, ein Song… „Ein Buch, mit dessen Charakteren Du so sehr mitgefiebert hast, dass es Dich in seinen Bann gezogen hat?“

In einem Paralleluniversum sind solche Redewendungen wörtlich zu nehmen. Ob mein Übertreiben mit den dazu passenden Gin-Cocktails dazu beigetragen hat und der Ohrwurm, den ich hatte, der Auslöser war? „Disappear“ – die Ironie lässt dem Doktor ein Licht aufgehen, aber wie er in dieses Bild passt, darüber schweigt er sich aus. „Das ist es! ‚Disappear‘ – und Du verschwindest. ‚Bring me to life‘ – und Du kehrst zurück“. Den Song hätten wir schon mal. Bei dem Buch wird es schon schwieriger, denn in der TARDIS gibt es keine gedruckten Bücher. Dafür aber E-Books. Nun brauchen wir nur noch eins, das in meiner eigenen Zeit spielt. Internet in der TARDIS – echt jetzt? Aber worüber wundere ich mich eigentlich noch? Dass dies hier mit der Realität rein gar nichts zu tun hat, ist mir schon lange klar. Wenn die Lösung in elektronischen Lesewelten zu finden ist, sollten wir eines der unzähligen Portale mit Fanfiction durchsuchen. Bestimmt finden wir eines in meiner Muttersprache, das mich nach 2020 zurückbringt.

Timelord-Technik ist toll: Mit einem Schallschraubenzieher als Filter, stoßen wir auf einen Roman, der zwar nicht alle Kriterien vollständig erfüllt, aber da wir sowieso nicht vom Fleck kommen, lese ich dem Doktor Kapitel für Kapitel vor, und er überlegt sich, an welcher Stelle ich bei diesem Phantasieprodukt der Autorin ins Spiel kommen soll. Irgendwo in den Tiefen der TARDIS hat der Doktor noch ein paar Flaschen Wein liegen, zufällig ist Cabernet Sauvignon die Lieblingssorte der Autorin.

Und das soll funktionieren?“ Skeptisch nehme ich noch einen Schluck aus dem inzwischen dritten Glas. „Du meinst, wenn ich in acht Stunden hier raus spaziere, befinde ich mich in Kanada im Jahr 2019 – ohne Pass, aber mit Mörderschädel?“

Toller Plan – denn gerade sind sie beim Pilotenstreik. Wenn’s dumm läuft, sitze ich auf der anderen Seite der Erde fest, und dann noch ein halbes Jahr zu früh. Und wenn der Doktor die TARDIS nicht mehr zum Laufen bringt? Doch er scheint einen Plan zu haben – und in dem spielt Nephthys die Hautprolle. Sie oder besser gesagt ihr Abbild aus Stein ist keine gewöhnliche Statue, sondern ein Lebewesen, das seine Opfer bei Kontakt in die Vergangenheit schicken kann, um aus dieser Zeitspanne Energie zu gewinnen. In die Vergangenheit? Was soll ich denn da?

Falsch gedacht Emma, wir befinden uns in einer Parallelwelt, und hier ist alles anders: Die Sternbilder. Die Bibliothek, die noch immer existiert. Die Begegnung zwischen Kleopatra und Marcus Antonius, die nicht stattfindet… Beste Voraussetzung, dass Dein Kontakt mit dem Weinenden Engel – denn das ist Nephthys – den umgekehrten Effekt hat.“

Like a halo in reverse… nur dass es kein Halo ist, sondern ein Engel. Na toll, jetzt habe ich einen Ohrwurm.

Acht Stunden später ist es soweit. Bevor wir uns ein letztes Mal umarmen, drückt er mir ein Papier in die Hand, das Gedanken manipulieren soll. Falls unser Plan funktioniert und ich in Vancouver lande, ist dies mein Pass in die Freiheit und nach Hause. Bereit für die Begegnung mit Nephthys trete ich ins Freie und sehe das verlassene Schiff. Ich kann nur vermuten, dass die Passagiere von ihr in eine andere Zeit versetzt worden sind. „Don’t blink!“ – den Befehl, nicht zu blinzeln, missachte ich ganz bewusst. Tatsächlich ist sie nach einem Wimpernschlag bei mir, ich trete ihr entgegen, um mich von ihren ausgebreiteten Schwingen umfangen zu lassen, und tauche ein in die Dunkelheit.

Als ich wieder zu mir komme, sehe ich bunte Lichterketten an den Häusern vor mir. Stöhnend komme ich auf die Beine und kann gerade noch einer bimmelnden Straßenbahn ausweichen. Es ist der Ebbelwoi-Express – ich bin zurück in Frankfurt. Mein Glück kann ich kaum fassen, und als ich den Kiosk im Südbahnhof betrete, werfe ich einen Blick auf den Zeitungsstapel: Wir haben den 22. Mai 2020 – ein halbes Jahr später als geplant, und doch knapp an der Punktlandung vorbei, denn als ich verschwand, hatten wir den Fünfundzwanzigsten. Aber ich will mich über die fehlenden drei Tage nicht beschweren. Ohne den Engel, der etwas zu viel Energie aufgenommen hat, hätte ich nie mehr zurückgefunden.

Über die fehlenden Tage, in denen mich niemand vermisst hat, breite ich den Mantel des Schweigens, aber eines ist klar: Nie wieder werde ich es so mit den Cocktails übertreiben und mir auch nie wieder wünschen, durch die Zeit reisen zu können.

Ende

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Hoffentlich schrecke ich mit meinen ausufernden Texten nicht irgendwann noch jemanden ab, aber inzwischen habe ich eine Vorliebe für Fortsetzungsreihen entwickelt, und die zu splitten.. – diesmal habe ich aus drei Schreibaufgaben der Monate Juni (Aufwachen im aktuell gelesenen Buch) und Juli (Durchschreiten eines Wandschranks / Zeitreise ins alte Ägypten) eine Geschichte in vier Teilen entwickelt – hier ist die Gesamtübersicht, zum Nachlesen: 1/4 Landmädchen, Du bist bekloppt +++ 2/4 Die blaue Tür  +++ 3/4Nephthys – Teil 1 …

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Die Schreibthemen im Juli lauten: 1) Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer. +++ 2) Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter) +++ 3) Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Hund, Badeanzug, rosarot, gehüpft, Eiscreme. +++ 4) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht…” beginnt. +++ 5) Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und grossen Herzen.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

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