„Broken Strings“ : Chapter 40 – Sonderprogramm

 

Mach Dir keine Sorgen. Das kriegen wir hin.“

Wie gerne hätte ich Marks Optimismus geteilt, aber vor lauter Lampenfieber und Nervosität wurde mir immer schlechter, je näher unsere Sondervorstellung kam. Im Prinzip hatte er zwar recht. Was sollte auch schon passieren, wo doch den größten Teil die Band stemmte, vor allem er und Danny.

Da Celia Crawford eine Vorliebe für folkig-rockige Klänge mit einer Prise Punk und neuerdings auch Wave hatte, und somit eine Schwäche für Bands wie die Pogues oder die Dropkick Murphys, würde das Instrumentalstück „Highland Cathedral“ bestimmt super bei ihr ankommen.

‚Der Oberknaller‘, hätte Jenny jetzt gesagt. Aber die war nicht hier, um mir das Händchen zu halten. Dabei hätte ich gerade jetzt jemand Unbeteiligtes gebraucht. Jemand, der verstand, wie gespalten ich zu unserem geplanten Duett stand. Ich kam mir vor wie bei ‚Canada’s got talent‘, und wenn wir es versiebten, dann sprang der Buzzer viermal an – vier Kreuze in rot, der Knock Out. Und da würde es keine Rolle spielen, ob das Duett „Shallow“ hieß oder „Creep“.

Mark hat recht“, versuchte Mike, mich zu beruhigen, „denk einfach an diesen einen Tag, als Du ganz alleine da oben gestanden hast und ich dazu gekommen bin.“

Welche Szene er meinte, wusste ich genau. Wie von selbst waren die Töne an diesem Tag aus uns heraus geflossen. Nur war das damals eine Probe ohne Zuschauer gewesen und die Idee dazu aus einer Laune heraus entstanden – und mit dem, was vor uns lag, nicht zu vergleichen. Außerdem konnte man spontane Eingebungen nicht wiederholen, ohne dass dabei Murks herauskam. Und wenn sie doch recht hatten?

An der Tatsache, dass wir zusammen am Mikrofon stehen würden, änderte sich im Grunde nichts, nur an der Anzahl der Leute um uns herum.

„Achte nicht auf sie. Auf nichts und niemanden. Außer auf mich.“

Ja, Andrea, ergänzte ich in Gedanken, in der Hoffnung, dass sich meine Aufregung dadurch etwas legte, Du weißt, was Du kannst, also achte darauf, dass Du Deinen Einsatz nicht verpasst. Und dann sieh nur Deinen Partner an und vergiss alles um Dich herum. Egal, wer da sitzt.

Und wenn etwas schief ging? – Egal. Na ja, ganz egal vielleicht nicht, aber Du bist nicht alleine Schuld, wenn dieser Nachmittag eine Pleite wird.

Stimmt. Um mich herum gab es genügend Profis, die wussten, was sie taten. Oder es zumindest wissen sollten.

Ein Saal, in den locker ein Sinfonieorchester hinein gepasst hätte, doch hier befanden wir uns nicht auf dem Gelände eines lokalen Radiosenders, sondern auf dem weitläufigen Areal einer bedeutenden Tageszeitung, bei der kulturelle Veranstaltungen kein Nischendasein fristeten. Sogenannte Meet & Greets hatte es hier schon viele gegeben, und ich wollte gar nicht wissen, wer im Lauf der Jahre dabei schon zu Gast gewesen war. Celine Dion, Avril Lavigne, Nickelback, Alanis Morrissette, von den unzähligen Nachwuchstalenten einmal abgesehen… natürlich fand sich immer jemand, der einem von den glorreichen Zeiten der Vergangenheit vorschwärmte, aber das war das letzte, was ich hören wollte.

Viel mehr interessierte mich, wie die Show ablaufen sollte. Brighter than a thousand suns? Ein hell erleuchteter Saal konnte es ja wohl auch nicht sein, aber Bedingungen, wie bei den letzten unserer Shows würde es genauso wenig geben. Es ging kein Weg daran vorbei: Das sehr kleine Publikum, das aus höchstens hundert Personen bestand, hätte einen hervorragenden Blick auf mich, und ich auf das Publikum. Tausend Tode würde ich sterben.

Und als ich schon durchzudrehen glaubte, erklangen aus dem Hintergrund die ersten Akkorde eines Klaviers, die unsere Coverversion im Stil der Vierziger Jahre einleiteten. Die Version, an der ich mich bei unserer Probe versucht und in die Mike nach dem Refrain eingestiegen war. Und obwohl wir nicht abgesprochen hatten, dass außer unseren Stimmen nur Pianoklänge zu hören sein würden, erreichte diese diese Änderung das, was mir den ganzen Tag über nicht gelungen war. Mein Puls verlangsamte sich, und wie ein Mantra kehrten Mikes Worte vom Vormittag zu mir zurück.

Achte nicht auf sie. Auf nichts und niemanden. Außer auf mich.

Die Wirkung war verblüffend: Wie aufs Stichwort fiel die Nervosität von mir ab, als ob ein Igor den entscheidenden Schalter umgelegt hätte. Von der vielköpfigen Menge in meinem Blickfeld wendete ich mich ab und dafür meinem Gesangspartner zu, der auf meinen Einsatz wartete. Achte auf nichts und niemanden. Außer auf mich…

♪♫ ♪ When you were here before, Couldn’t look you in the eye, You’re just like an angel, Your skin makes me cry. You float like a feather, In a beautiful world… ♪♫ ♪

Den Text kannte ich im Schlaf und hätte ihn mit geschlossenen Augen singen können. Dennoch widerstand ich der Versuchung. Und schaute ihm, wie vor unserem gemeinsamen Auftritt besprochen, direkt in die Augen, als er bei der nächsten Strophe an die Reihe kam.

♫ ♪ ♫ … I don’t care if it hurts, I want to have control, I want a perfect body, I want a perfect soul … ♫ ♪ ♫

What the hell are we doing here? Ein bißchen spät, sich das zu fragen, wo es doch nur eine Antwort geben konnte: Die Herausforderung zu meistern und die Leute, auf die es heute ankam, zu überzeugen.

But I’m a creep, I’m a weirdo. What the hell am I doing here? I don’t belong here…

John hatte schon nach der Hälfte des Satzes aufgehört zu spielen, nun waren es nur noch unsere Stimmen, die verhallten und auf Stille trafen. Eine sekundenlange Stille, die mir endlos vorkam. Vergeigt. Mist. Das hatten wir anscheinend schon besser drauf gehabt – nur zu verständlich, wenn jetzt die Special Guests das Weite suchten. Gut, dass jemand ein Einsehen hatte und das Licht hier vorne dimmte. So war die Blamage nicht ganz so groß.

Dafür aber das Déjà-vu, als mir Mike das Mikrofon aus der Hand nehmen und mich an sich ziehen wollte. Glaub mir, Baby, Du gehörst absolut hierher? – Träum schön weiter, und dann…

Donnernder Applaus! Entgeistert ließ ich das Mikrofon fallen und blickte mich fassungslos um. So totenstill, wie es eben noch gewesen war, hatte ich fest damit gerechnet, ausgebuht zu werden, und jetzt das?!

Kneif mich, sonst glaub ich’s nicht“, stieß ich Mike an, der mein Mikrofon gerade noch aufgefangen hatte, bevor es zu Boden gehen und ein unschönes Geräusch produzieren konnte.

Ich hab‘ sogar eine noch bessere Idee, funkelten seine Augen zurück, und er nahm mich in seine Arme, um mich lange und heftig zu küssen. Sehr lange. Und sehr heftig. Auch eine Methode, jemanden in die Realität zurück zu holen, wenn Kneifen flachfällt, weil die betreffende Person schon genügend Schrammen und blaue Flecke hat.  

Diesen Bann zu brechen, erfordert eine ungeheure Energiemenge – für die einen liefert die ein Kuss vor über hundert Leuten, für die anderen begeistertes Klatschen und Standing Ovations von genau diesen hundert Leuten.

Besser?“

Dass er mich das fragte, noch dazu mit einem unverschämten Grinsen! ‚Besser‘ war eindeutig der falsche Ausdruck – Erleichterung traf es eher. Doch die währte nicht sehr lange. Das Konzert war nämlich hiermit beendet, was übrigens auch für die Möglichkeit galt, sich zurückziehen zu können.

Aber das war mir bereits in genau der Sekunde klar geworden, als die ersten zu applaudieren begannen. Ich konnte mir natürlich einreden, dass der Beifall nicht mir persönlich galt, sondern dem Gesamtkonzept, das änderte aber nichts daran, dass ich in das Meet & Greet einbezogen wurde, und das passte mir gar nicht.

Jetzt aber einfach unterzutauchen, konnte ich aber auch nicht bringen. Dazu steckte ich viel zu tief drin. Wie heißt es doch so treffend? Mitgefangen, mitgehangen.

Das wird schon,“ flüsterte mir Mike aufmunternd zu. „Du hast Dich während unseres Duetts wacker geschlagen, da überstehst Du den Rest des Abends auch noch. Außerdem waren wir doch gar nicht so übel.“

Das fand auch Celia Crawford, die wir CeCe nennen sollten. Nach dem Misserfolg mit Brandon Cole war ich vorsichtig geworden. Es ging zwar nicht um mich, aber wer wusste schon so genau, was Leute im Schilde führten, die mit jedem gleich per Du waren und persönliche Spitznamen oder Abkürzungen nur zu freigiebig verteilten.

Womöglich war ich hoffnungslos hinterm Mond, und das war in dieser Branche so üblich. Unsicher, wie ich die ganze Situation einschätzen sollte, beschloss ich, mich lieber abseits zu halten und gar nichts zu sagen oder wenigstens nichts dummes.

Zur Not konnte ich mich immer noch in meinen buntgestreiftes Monster von einem Schal wickeln und Stimmprobleme vortäuschen. Aber das war nicht nötig.

Mit Eurer Version von der Highland Cathedral könntet Ihr direkt Runrig Konkurrenz machen!“ strahlte CeCe und zückte ihre Karte. „Meine Assistentin hat mir nicht zu viel versprochen. Das war echt top!“

Man sollte niemals die Assistentin unterschätzen, dachte ich. Besonders die nicht, die über sämtliche Schritte der Konkurrenz bestens orientiert war und nun die Chance für ihr Label gekommen sah, weil sie bereits geahnt hatte, dass Mr. Coles Plan gar nicht gut bei Brian und seinen Kollegen ankommen würde.

Sich nur die Kirsche von der Sahnehaube zu picken, geht gar nicht“, fuhr sie fort. „Bei mir gibt’s nur eins: Entweder Euch alle zusammen oder keinen von Euch. Ganz oder gar nicht. Wir sind zwar nicht so groß wie VC Star Records und können Euch nicht den Mega-Deal anbieten. Aber wir stehen voll und ganz hinter unseren Leuten und können Euch mit unseren Connections weiter bringen.“

Ich grübelte noch darüber nach, wie das mit den Connections gemeint war, da setzte sie noch einen oben drauf. „Und vor allem geht uns das dämliche Motto ‚Sex Sells‘ am Allerwertesten vorbei, das gewisse Leute ja ganz groß schreiben.“

Aha, ein Seitenhieb auf den schmierigen Konkurrenten, der zum Glück kein Thema mehr war. War ich zu Beginn noch skeptisch gewesen, wurde mir diese Frau immer sympathischer. Viel verstand ich ja nicht von dem Smalltalk, den sie mit Brian und dem Rest der Band wechselte, aber wenn ich nicht völlig danebenlag, hatten wir dieses Zusammentreffen im Prinzip Lindsay Cooper zu verdanken, die am anderen Ende dieser Kette von Kontakten saß.

Frauen müssen zusammenhalten?

Der Gedanke war gar nicht so abwegig. Anscheinend war der Anteil Frauen, die bei Spirit Chase Records etwas zu sagen hatten, höher als anderswo in dieser Branche.

War nett, Euch kennenzulernen. Also, Jungs, Ihr wisst jetzt, woran Ihr seid. Überlegt es Euch und meldet Euch in den nächsten Tagen. Meine Karte habt Ihr ja. Und alles weitere besprecht Ihr am besten mit meiner Assistentin.“

Aber à propos… wo steckte die überhaupt? Seit unserer Begegnung mit CeCe hatten wir sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Ach, da hinten ist sie ja. Und wie immer schwer beschäftigt.“ CeCe winkte ihr quer durch den Raum zu.

Die Gesuchte winkte zurück und kam näher, das Smartphone am Ohr. Von weitem erinnerte sie mich an Pink, nur dass sie größer und schlanker war und dunkle Haare hatte. Und haufenweise Tattoos, mit denen sie der Sängerin locker Konkurrenz machen konnte. Was für eine Erscheinung, gegen die Pink im direkten Vergleich aus der Nähe betrachtet, optisch den Kürzeren zog.

Wow, war alles, was ich im ersten Moment dachte, als sie dann endlich vor uns stand. Hoffentlich gingen ihr die Herren nicht wegen ihres attraktiven Äußeren auf den Leim, ohne vorher die Vertragsbedingungen gründlich studiert zu haben. Wie war das nochmal mit dem dämlichen Motto ‚Sex Sells‘, das Euch am Allerwertesten vorbeigeht?

Ja, ja, wer’s glaubt, seufzte ich – jedenfalls schien sie genau Brians Typ zu sein, oder warum starrte er sie die ganze Zeit über mit offenem Mund an? Zu meiner Verwunderung verhielten sich die anderen genauso seltsam, mit Ausnahme von Mike. Er war der einzige, der nicht in plötzliche Schockstarre verfallen war.

Schön, dass wir Dich jetzt auch kennenlernen“, begrüßte er sie freundlich, „wo CeCe uns in den höchsten Tönen von Dir vorgeschwärmt hat“.

Okay, dieses Kompliment war vielleicht etwas dick aufgetragen, aber wenn die anderen nur Maulaffen feil hielten anstatt sich wie normale Menschen zu benehmen, musste ja einer den Anfang machen. Offensichtlich wirkte dieser Wink mit dem Zaunpfahl aber, denn jetzt war es CeCe, die das Gespräch wieder aufnahm, auch wenn für ihren Geschmack alles wesentliche längst gesagt worden war.

Ach ja, wie unhöflich von mir. Manchmal bin ich aber auch vergesslich. Also, Leute, darf ich Euch vorstellen? Meine Assistentin – Lee Channing.“

So sieht man sich wieder“, entfuhr es Ryan, der als erstes die Fassung wiedergewonnen hatte. „Ich glaube, die Vorstellungsrunde können wir abkürzen. Wir kennen uns bereits.“

Wie – Ryan und Lee kannten sich? Das waren wirklich interessante Neuigkeiten, aber noch steigerungsfähig.

Da muss ich Miller recht geben, CeCe. Wir kennen uns tatsächlich. Von früher.“

Das wurde ja immer besser. Aber groß schien seine Freude über das Wiedersehen nicht zu sein. Auch Danny und Mark hatten schon glücklicher ausgesehen.

„Tja, Lee, dass wir uns nochmal über den Weg laufen würden, hätte ich auch nie gedacht. Was für eine Überraschung!“

Offensichtlich keine angenehme, und dann machte es bei mir plötzlich Klick.

Bei Celia Crawfords Assistentin handelte es sich um die Lee: die ehemalige Sängerin von OxyGen, die vor dem großen Gig abgesprungen war, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Um jetzt wieder aufzutauchen.