Mein Kinojahr 2020 : Die monumentale Mogelpackung

 

Gigantomanie in Schwarz-Weiß und Farbe !

Der Juli fängt ja schon gut an, denn eigentlich gehört der erste Film auf dieser Liste noch in den Juni. Eigentlich hatte ich an dem Abend etwas anderes vor, und meinen Monatsrückblick schon abgeschlossen… deshalb nehme ich diesen Nachzügler mit in den Juli, der sich zum Monat der Filmklassiker, Monumental- und Schwarz-Weiß-Filme (mit einem Sternchen markiert) entwickelt hat. Außerdem hält dieser Monat den absoluten Rekord, denn in diesem Juli habe ich mehr Filme auf DVD gesehen als Kinofilme im letzten Jahr. Dementsprechend lang ist auch dieser Beitrag.

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Eins, zwei, drei *)

Die Frau, von der man spricht *)

Cleopatra

Belle de Jour – Schöne des Tages

Bonnie & Clyde

Die Nacht des Jägers *)

Sein Mädchen für besondere Fälle *)

Die Erfindung der Wahrheit

Pitch Perfect 1 und 2

Metropolis *)

High Rise

Match Point

Wahrheit oder Pflicht

Das Totenschiff *)

The Artist *)

Eine total, total verrückte Welt

Nur ein kleiner Gefallen

Muriels Hochzeit

Infam *)

A cure for wellness

Porträt einer jungen Frau in Flammen

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Eins, zwei, drei (1961) : C.R.McNamara (James Cagney) ist überfordert. 15 Jahre hat er sich von der Coca-Cola-Firmenleitung über den ganzen Globus schicken lassen, und wünscht sich doch nichts sehnlicher, als endlich die Leitung für ganz Europa übertragen zu bekommen. Jetzt hätte er gerne ein heißes Wochenende mit seiner Sekretärin Ingeborg (Lieselotte Pulver), während Frau und Kinder verreisen.

Statt dessen drückt ihm der Vorstandsvorsitzende Töchterchen Scarlett aufs Auge, damit die keine Dummheiten macht. Von wegen! Nach sechs Wochen stellt sich heraus, dass diese in Ost-Berlin heimlich geheiratet hat – den waschechten Kommunisten Otto Ludwig Piffl (Horst Buchholz) und nun plant, mit ihrem Gatten nach Moskau überzusiedeln; und ausgerechnet jetzt wollen die nichtsahnenden Eltern ihr Töchterchen besuchen, und  Otto – durch eine Intrige von McNamara in Ost-Berliner Haft gebracht – muss schleunigst wieder her. Es gilt, einen Skandal zu vermeiden, denn Scarlett ist schwanger…

1961 wurde dieser Klassiker in Schwarz-Weiß unter der Regie von Billy Wilder gedreht, und die Dreharbeiten wurden von der Geschichte eingeholt, denn am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer, und mit Verfolgungsjagden durchs Brandenburger Tor hindurch war’s fürderhin Essig. Mit der herrlich schrillen und temporeichen Satire über den Kalten Krieg, die haufenweise Klischees durch den Kakao zieht, habe ich am 30. Juni den Monat ausklingen lassen.

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Die Frau, von der man spricht (1942): Sam Craig (Spencer Tracy) und Tess Harding (Katharine Hepburn) als bodenständiger Sportreporter und weltgewandte politische Journalistin, die für dieselbe Zeitung arbeiten und ziemlich überstürzt eine Blitzheirat zwischen Tür und Angel bzw. einer Lücke in Tess‘ vollem Terminplan eingehen. Doch eine Ehe ist das für Sam schon recht schnell nicht mehr, ist er doch eher ein Anhängsel denn ein Partner auf Augenhöhe. Irgendwann reicht es dem Herrn, und er empfiehlt sich just in dem Moment, als Tess zur Frau des Jahres ernannt wird. Ein peinlicher Moment für Tess, die nun in Erklärungsnot gegenüber der Presse gerät – erst, als ihr Vater mit Tess‘ Tante, der weltberühmten Feministin Ellen Whitcomb den Bund fürs Leben schließt, begreift Tess den Sinn der Ehe: eine Lebensgemeinschaft und keine Zweckverbindung, in der jeder eigenständig schaltet und waltet wie er will.

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Cleopatra (1963): „Als die Römer frech geworden“ vs „Walk like an Egyptian“. Ein monumentales Werk mit vier Stunden Laufzeit; für mich zu monumental – von allem zu viel. Der teuerste Film aller Zeiten, der mir viel zu in die Länge gezogen war. Gut, dass sich das Epos auf zwei DVDs verteilt, so konnte ich mir es an zwei Abenden anschauen. Einen Oscar hat „Cleopatra“ für die Ausstattung bekommen; die Kostüme sind beeindruckend, so beeindruckend, dass ich das Gefühl hatte, die Kostümbildner haben mit ihrem Hang zur Übertreibung unfreiwillig für einen Filmfehler gesorgt: Mitten im Streitgespräch zwischen Cleopatra (Elizabeth Taylor) und Antonius (Richard Burton) wechselt nicht nur der Schauplatz, sondern auch Cleopatra gleich zweimal ihr Gewand. Wenn es um monumentale Produkitonen geht, fand ich „Vom Winde verweht“ um Längen spannender.

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Belle de Jour – Schöne des Tages (1967): Eine Frau und ihr Doppelleben. Sévérine Sérizy (Catherine Deneuve) ist mit einem Arzt verheiratet, einem netten Mann. Vielleicht etwas zu nett, denn Madame hat es gerne gröber und sieht sich nicht imstande, mit ihrem Mann über ihre Fantasien zu sprechen. Statt dessen lebt sie diese an Nachmittagen in einem Etablissement aus und nennt sich Belle du Jour (Schöne des Tages) – dass sie mit der Zeit Gefallen an ihrem Doppelleben findet, wird ihr zum Verhängnis, denn dadurch wird sie nicht nur erpressbar, sondern einer ihrer Kunden, der Kriminelle Marcel, will sie ganz für sich allein und versucht, ihren Mann umzubringen, wird aber auf der Flucht von der Polizei erschossen. Und die Moral von der Geschicht‘? Keine Ahnung, denn ich grübele immer noch, was davon real und was Fantasie war, denn die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und den immer gewalttätiger werdenden Tagträumen Sévérines verwischen zusehends, mit Fortschreiten der Handlung, und am Ende war ich nicht schlauer als zu Beginn.

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Bonnie & Clyde (1967): Ein weiterer Film aus demselben Jahr, aber ein ganz anderes Kaliber, und obwohl ich schon vorher wie z.B. bei Titanic weiß, wie er ausgeht, habe ich mich nicht eine Minute gelangweilt. Die Geschichte ist ja auch eine erstklassige Räuberpistole. Bonnie Parker (Faye Dunaway), der ihr langweiliges Leben und ihr verhasster Job als Serviererin schon lange zum Halse heraus hängt, erwischt den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Clyde Barrow (Warren Beatty), als er das Auto ihrer Mutter stehlen will und wittert in dieser Begegnung die Gelegenheit, endlich ihr ödes Kaff hinter sich zu lassen.

Gemeinsam fahren sie in gestohlenen Autos quer durch die Vereinigten Staaten, um Banken auszurauben, begleitet von ihren nach und nach hinzukommenden Komplizen, dem Mechaniker C.W. Moss, Clydes Bruder Buck (Gene Hackman) und dessen Frau Blanche. Schon bald gehört die Barrow-Bande zu den meistgesuchten Verbrechern, auf die hohe Kopfgelder ausgesetzt sind, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Geschichte ein blutiges Ende im Hinterhalt nimmt – durchsiebt von Maschinengewehrsalven. Zwei Oscars hat dieser Film 1968 verliehen bekommen (Beste Kamera und Beste Nebendarstellerin), und das mit der Besten Kamera kann ich nachvollziehen. Auch nach 52 Jahren zeichnet sich das Filmmaterial durch eine farbliche Brillianz aus, die späteren Produktionen, fehlt.

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Die Nacht des Jägers (1955): Gleiche Ära, und wieder ist ein junges Paar auf der Flucht, doch diesmal ist der Ansatz ein völlig anderer. Die Gejagten sind zwei Kinder, die Geschwister Pearl und John Harper. Verfolgt werden sie von ihrem Stiefvater, dem Wanderprediger Harry Powell (Robert Mitchum), einem psychopathischen Serienmörder. Der hat es auf das Geld abgesehen, das sich in Pearls Puppe befindet. Der Film entfaltet in den Nachtaufnahmen entlang des Flusses eine eigenartige, traumhafte Stimmung, die stellenweise in einen echten Alptraum umschlägt.

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Sein Mädchen für besondere Fälle (1940): Verfilmung des Bühnenstücks „The Front Page“ von 1928 – aus dem Klappentext: „Als die Sensationsreporterin Hildy Johnson (Rosalind Russell) verkündet, dass sie der Zeitungswelt den Rücken kehren will, um sich mit ihrem langweiligen Verlobten (Ralph Bellamy) an den heimischen Herd zurückzuziehen, ist ihr ehrgeiziger Chefredakteur und Ex-Mann Walter Burns (Cary Grant) wild entschlossen, sie zum Bleiben zu überreden – und ihr Herz aufs Neue zu gewinnen.“ – Um dies zu erreichen, soll sie einen Artikel über den zum Tode durch den Strang verurteilten Earl Williams schreiben. Der bricht jedoch aus und sucht ausgerechnet im Pressezimmer des Gerichtsgebäudes Unterschlupf…

Was sich wie ein Drama anhört, ist eine temporeiche Komödie mit stellenweise überlappenden Dialogen und Anspielungen. In einer Szene beschreibt Burns einer kurvenreichen Blondine den im Taxi wartenden Verlobten: „He looks like that fellow in the movies, you know … Ralph Bellamy!“ oder ein anderer Insiderjoke von Cary Grant: Als er wegen Entführung verhaftet werden soll, beschreibt er das grausame Schicksal der Person, die ihm zuletzt begegnet ist: Archie Leach (Cary Grants bürgerlicher Name). Und als der Name Sweeney fällt, geht es mir wie Hildy, der bei dieser Nennung Sweeney Todd in den Sinn kommt.

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Die Erfindung der Wahrheit (2016): oder auch „Die über Leichen gehen“ – nein, der von mir verliehene Alternativtitel bezieht sich nicht auf Journalisten, sondern auf Lobbyisten, die versuchen, Senatoren auf ihre Seite zu ziehen, wenn es um einen neuen Gesetzentwurf geht. In diesem Fall ist es zunächst dein Waffenhersteller, der an eine Lobby-Firma herantritt, für die skrupellose Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) arbeitet, die gegen ein neues Gesetz ist, dem zufolge man in Zukunft Waffen nur noch kaufen kann, wenn man ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen kann. Prompt wechselt Elizabeth gegen ein fürstliches Salär die Seiten und steht bald schon im Fokus einer Anhörung des Senats – Madame soll gegen Ethikregeln verstoßen haben. Damit ist sie zwar nicht die einzige, die nicht davor zurückschreckt, zu drastischen Mitteln wie Abhörung der Gegner, Schwören von Meineiden zu greifen, aber man unterschätzt sie gnadenlos: beim Plot-Twist am Ende der Anhörung tun sich Abgründe auf.

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Pitch Perfect (2012): Auf den Punkt gesungen oder „von der Kollateralschäden in der ersten Zuschauerreihe verursachenden, schnarchnasigen Gurkentruppe zum Überraschungshit des kommenden Finales im Highschool-A-cappella-Contest“ … diesmal wollen es die Barden Bellas, die weibliche Gesangsfomation der Barden University wissen: Nachdem sie einen unrühmlichen Auftritt beim letzten Wettbewerb hinlegen und sich nur mit Ach und Krach mit den immer gleichen uralten Hits aus den 90ern vonWettbewerb zu Wettbewerb hangeln, kommt mir einigen neuen Sängerinnen frischer Wind in das angestaubte Ensemble, und erst mit einer radikalen Neuausrichtung steigen ihre Chancen, es der rein männlichen Konkurrenz von der gleichen Uni auf der Bühne zu zeigen.

Statt großem Drama war mir nach einer leichten Komödie mit Musik, und große Überraschungen habe ich nicht erwartet. Was ich bekommen habe, waren Gesangsharmonien und Untertitel, dank derer ich nun auch mal die Texte einiger Songs aus de Radio verstehen kann; außerdem einen Aha-Moment mit der Darstellerin Elizabeth Banks, die in „Die Triute von Panem“ als Effie Trinket zu sehen war. In „Pitch Perfect“ heißt sie Gail Abernathy-McKadden und kommentiert die Wettbewerbe von der Reporterloge aus, mit einer nicht ganz so quietschigen Stimme wie als Effie in „Panem“. Von „Pitch Perfect 2“ war ich weniger begeistert – jede Menge verachtender Sprüche von einem Moderator, und Product Placement für Volkswagen in deutscher Sprache, na ja…

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Metropolis (1927): Wir springen 40 Jahre zurück, aber diesmal tauchen wir nicht in die Vergangenheit ein, sondern in die Zukunft, in die futuristische Stadt Metropolis, an deren Spitze es sich die Elite gutgehen lässt und ein Leben in Saus und Braus führt, während tief unten die Arbeiter in Zehn-Stunden-Schichten schuften und nie das Licht der Sonne sehen, denn dort befindet sich auch ihre Stadt. Hier wird sogar die Zeit unterschiedlich gemessen: 24 Stunden für die einen, 20 Stunden für die anderen. Und dazwischen die Maschinen, die niemals stillstehen. Anders als H.G. Wells, der von dem Monumentalfilm nicht angetan war, haben sich etliche andere Künstler davon inspirieren lassen, wie z.B. angeblich Madonna für das Video zu ihrem Hit „Express Yourself“.

Die DVD-Version aus unserer Stadtbücherei ist 144 Minuten lang – statt des unvollständigen Meisterwerks von Fritz Lang hatte ich hier tatsächlich den kompletten Film in den Händen, ergänzt um sehr ausführliches Bonusmaterial, das davon berichtet, wie man in Buenos Aires auf die verschwundenen Szenen gestoßen ist und wie der Film restauriert wurde. Uff! Ein Abend vor dem Fernseher reichte bei mir nicht – ich habe dafür mehrere Abende gebraucht. Abgesehen von der Handlung, die mitunter religiös-verkitschte Züge annimmt, wurde ich mit eindrucksvollen Bildern von schwindelerregenden Perspektiven und durch mehrfache Belichtung erzeugten surrealen Stimmungen belohnt. Ein anderes Thema sind die Massenszenen und Monumentalbauten, die mich stellenweise an den Größenwahn des Deutschen Reichs erinnert haben. Dennoch wäre ich gerne bei der bundesweiten Aufführung der restaurierten Fassung 2011 dabei gewesen. Auf einer großen Leinwand wäre „Metropolis“ ein ganz anderes Erlebnis als zu Hause vor dem Fernseher (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/83/Metropolis1927-logo.svg/456px-Metropolis1927-logo.svg.png)

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High Rise (2015): Futurismus 2.0 – während in „Metropolis“ die Gesellschaft einer ganzen Stadt in zwei Klassen eingeteilt ist, konzentriert sich in „High Rise“ diese Sozialstruktur auf ein einziges Gebäude – ein Hochhaus, das die gesamte Infrastruktur einer Stadt besitzt. Die Nummer der Etage zeigt den Status in der sozialen Hierarchie an. In den unteren Stockwerken haust die sogenannte Unterschicht und muss sich wie die Arbeiter in der unterirdischen Stadt von Metropolis mit einem Minimum an Licht begnügen. Weiter oben wohnt die Elite oder jene, die sich dafür halten. Ganz oben im 40. Stock residiert der Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons), der das Ensemble aus insgesamt fünf Türmen entworfen hat. Die sollen sich irgendwann um einen künstlichen See gruppieren – doch ob es jemals dazu kommt, ist schwer vorstellbar.

Kann zu Beginn Royal dem neu in die 25. Etage eingezogenen Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) die Stromausfälle und defekten Apparate noch als Kinderkrankheiten verkaufen, offenbart sich bald schon das wahre strukturelle Problem. Fäulnis und Verwahrlosung greifen immer mehr um sich und münden in Verwüstung und Gewaltexzessen. Jeder gegen jeden – das soziale Experiment eines Gebäudekomplexes als Schmelztiegel schlägt vollkommen fehl, und am Ende regieren Chaos, Anarchie und Wahnsinn. Da wirkt es geradezu grotesk, wenn irgendwann ein Streifenpolizist vorfährt und sich vorsichtig erkundigen möchte, ob alles in Ordnung sei, da der Eingangsbereich ein wenig unaufgeräumt aussähe. Dabei ist schon angesichts der brennenden Autos und Müllberge auf dem Parkplatz vor dem Wohnturm das genaue Gegenteil erkennbar.

Nachempfunden soll der Turm u.a. der von de Architekten Le Corbusier entworfenen Unité d’Habitation in Marseille sein – mich erinnert diese Beschreibung eher an den von Oscar Niemeyer entworfenen Wohnblock „Edifício Copan“ in São Paulo, in dem 5000 Menschen leben und das als größtes Wohngebäude Lateinamerikas eine eigene Postleitzahl hat.

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Match Point (2005): Manchmal trifft das Glück die Falschen… Dass ich mir mit diesem Drama/Thriller, bei dem es auf Details ankommt (besonders am Anfang), einen Film von Woody Allen an Land gezogen habe, habe ich erst gemerkt, als bereits der Vorspann lief. Man beachte die Ausführungen eines Tennisspielers über das Phänomen des Matchballs, der für einen Moment genau auf dem Netz verharrt, bevor er auf die eine oder andere Seite fällt und damit über Sieg oder Niederlage entscheidet, je nachdem auf welcher Seite er herunterkommt. Früher hätte ich einen großen Bogen um seine Filme gemacht, aber inzwischen ist es mir egal, wer bei einem Film Regie führt, so lange mich die Handlung interessiert, auch wenn die das Rad nicht neu erfindet.

Jonathan Rhys Meyers spielt den Tennisprofi Chris Wilton, Opernliebhaber und begeisterter Leser Dostojewskis. Wilton heiratet in eine Familie der Londoner High Society ein und fängt noch während seiner Verlobungszeit eine Affäre mit Nola Rice (Scarlett Johansson), der Verlobten seines Schwagers. an. Die Geschichte läuft aus dem Ruder, als Nola von ihm schwanger wird und ihn zunehmend unter Druck setzt, seiner Frau endlich die Wahrheit zu sagen und sich von ihr zu trennen. Inspiriert durch Dostojewskis Roman „Crime and Punishment“ entwickelt er einen perfiden Plan…

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Wahrheit oder Pflicht (2018): Charaktere in Horrorfilmen haben selten Glück. Aber nach dem ganz großen Drama mit Starbesetzung zum Thema „Glück“ hatte ich nach einem anstrengenden Tag Lust auf etwas Leichteres und vor allem Kürzeres – denn dieser Horrorfilm mit mir völlig unbekannten Schauspielern dauert nur 96 Minuten. In diesem Teenie-Horror-Spektakel erwischt das Böse eine Gruppe Collegestudenten, die beim Springbreak in einer verfallenen mexikanischen Kirche das beliebte Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ spielen. Doch im Gegensatz zum dem sonst üblichen zweifelhaften Partyspaß, ist diese Version erschreckend echt: Wer bei „Wahrheit“ lügt oder bei „Pflicht“ die Ausführung der Aufgabe verweigert, stirbt. Ein Dämon zieht die Fäden, und er verfolgt sie bis nach Hause… Auf „Rotten Tomatoes“ hat der Film schlecht abgeschnitten, aber da mir das ohnehin egal ist, und ich mich trotzdem ganz angenehm gegruselt habe, war der Abend kein Fall für die Tonne.

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Das Totenschiff (1959): Kann man noch mehr Pech haben? Als der Seemann Philip Gale (Horst Buchholz) morgens nach einer Nacht in Antwerpen in den Hafen zurückkehrt, erfährt er, dass sein Schiff zwei Stunden zu früh ausgelaufen ist, und auf einem anderen, auf dem er anheuern kann, findet er nicht, weil eine Prostituierte ihm neben dem gesamten Bargeld auch seine Papiere gestohlen hat, während er schlief. Es verschlägt ihn auf die Yorikke. Leise rieselt das Sägemehl… Rettungswesten oder -boote sind auf diesem Seelenverkäufer Fehlanzeige, und der morsche Rettungsring taugt noch nicht mal zur Dekoration. Recht schnell erkennt Gale, dass man ihn verschaukelt hat, denn Boston ist nicht der nächste Hafen. Doch es kommt noch schlimmer – außer dem Bootsmann hat die heruntergekommene Besatzung keine Ahnung, dass ihr skrupelloser Kapitän vorhat, das Schiff nach Abwicklung eines Waffendeals havarieren zu lassen. Dabei gehen die beiden schon vorher über Leichen – als ihr Komplize bei dem Komplott nicht mitmachen will, lassen sie ihn nachts über Bord gehen. Doch davon ahnt Gale nichts – der will einfach nur weg. Da scheint ein gefälschter Pass der ideale Ausweg aus seinem Dilamma zu sein. „Hunger zu haben, ist menschlich – keine Papiere zu haben ist unmenschlich“: Doch das vermeintlich selbstlose Angebot hat einen Preis.

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The Artist (2011): Be silent behind the screen – solche Regeln hatten mit Aufkommen des Tonfilms ausgedient, denn der war Durchbruch und verhalf dem Stummfilm zu einem Dasein auf dem Abstellgleis. Und weil sich der alternde Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) beharrlich weigert, mit der Zeit zu gehen, findet seine Karriere ein jähes Ende. Geräusche im Film sind ihm ein Greuel, und folglich erscheinen sie auch viel zu laut – der Aufschlag eines vom Himmel trudelndes Blattes auf den Boden gleicht einer Explosion. Ein vom Nachbartisch belauschtes Interview mit der von ihm entdeckten Nachwuchsdarstellerin Peppy Miller (Bérénice Bejo), in dem sie „Weg mit dem Plunder! Macht Platz für die Jugend!“ verkündet, trifft ihn schwer, und der Weg nach unten ist kaum noch aufzuhalten – die Ehe kaputt, das Vermögen dank des Börsenkrachs futsch, sein erster Film als Regisseur ein Flop an den Kinokassen, bei einem Brand verliert er um ein Haar sein Leben. George ist am absoluten Tiefpunkt angekommen, doch dann hat Peppy, die ihn schon lange liebt, eine Idee… Schon lange wollte ich ihn sehen, den mit mehreren Oscars und Golden Globes ausgezeichneten Beinahe-Stummfilm in schwarz-weiß und im Stil der Zeit, in der er spielt. Jetzt hatte ich die Chance dazu und war begeistert. Für mich ist der mehr Hommage an das ganz große Hollywood-Kino als „Once upon a time in Hollywood.“ – Darauf einen Dujardin!

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Eine total, total verrückte Welt (1963): Es geht um 350.000 Dollar, und sie sind unter einem großen W vergraben. Die Zeugen dieser Worte trauen ihren Ohren nicht und bekommen sogleich tellergroße Augen. Die Jagd nach dem Geld beginnt, und jeder will zuerst am Ziel sein. Gier und Dummheit bringen die Glücksjäger in immer absurdere Situationen, und so rechnen sie nicht mit dem Joker, der unverhofft im Spiel auftaucht. Grotesk ist nicht nur die Länge des Films: Von den 210 Minuten in den Previews sind bei der Premiere noch 193 Minuten übrig geblieben, die dann noch einmal gekürzt wurden – für die US-Fassung auf 182 Minuten und für die deutsche Fassung auf 154 Minuten. Die reichen für meinen Geschmack auch, denn länger heißt nicht immer besser, was übrigens auch für die ellenlange Liste der Schauspieler gilt, von denen einige nur sehr kurze Auftritte haben: The Three Stooges, Jerry Lewis, Buster Keaton, Peter Falk… und das sind nur die kleinen und noch winzigeren Nebenrollen. In den Hauptrollen glänzen u.a. Spencer Tracy, Mickey Rooney und Terry-Thomas (der durfte in amerikanischen Komödien meistens den britischen Snob geben und diesen übertrieben affektiert darstellen). Die Komödie „Rat Race – der nackte Wahnsinn“ erinnert mich sehr an dieses Spektakel, das mit einer Schneise der Verwüstung endet.

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Nur ein kleiner Gefallen (2018): Vorsicht, wenn beste Freunde von euch „nur einen kleinen Gefallen“ verlangen. In dem Fall ist es Emily, die ihre beste Freundin, die Vloggerin Staphanie darum bittet, auf ihren Sohn Nicky aufzupassen und danach spurlos verschwindet. Während die Polizei im Dunkeln tappt, ermittelt Stephanie mit Hilfe ihres Vlogs auf eigene Faust. Als in einem See in Michigan Emilys Leiche gefunden wird und Stephanie Ungereimtheiten entdeckt, ermittelt sie heimlich weiter und kommt nicht nur Emilys Geheimnis auf die Spur, sondern einem perfiden Verbrechen. Klingt nach ganz großem Drama ohne große Überraschungen, hat aber durchaus seine komischen Momente und einige Wendungen, die ich so nicht vorhersehen konnte.

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Muriels Hochzeit (1994): Muriel Heslop (Toni Collette) ist für alle nur eine Null und lebt ohne Selbstwertgefühl in einer Traumwelt, bis ihr eines Tages ein Blankoscheck in die Hände fällt, der für ihren Start ins Berufsleben gedacht ist. Als Kosmetikvertreterin für die Geliebte ihres Vaters arbeiten? Nein, danke – Muriel gönnt sich lieber einen Luxusurlaub und trifft dort eine ehemalige Schulkameradin. Die frischgebackenen Freundinnen verlassen ihr Kaff, das irgendwo an der australischen Küste liegt, und starten in Sydney durch, doch dann wird bei Rhonda ein Tumor festgestellt, und da Muriel aus finanziellen Gründen eine Scheinehe mit einem südafrikanischen Sportprofi eingeht und somit als Mitbewohnerin für Rhonda ausfällt, muss diese wieder zurück in den verhassten Heimatort. Doch schon bald merkt Muriel, dass die Traumhochzeit nicht zur Traumehe führt und es langsam Zeit wird, mit den Lügen aufzuhören.

Toni Collette, die meistens in Nebenrollen zu sehen ist, hat hier die Hauptrolle in dem schrillen und gleichzeitig nachdenklichen Film, dessen Soundtrack zum Großteil aus ABBA-Songs besteht.

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Infam (1961): Verleumdung und ihre Folgen. Als die frustrierte Schülerin Mary aus schierer Bosheit ihrer Tante weismacht, ihre beiden Lehrerinnen Karen (Audrey Hepburn) und Martha (Shirley Mac Laine) seien ein Liebespaar, nimmt eine Lawine ihren Lauf, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Dass die gesamte Elternschaft die Mädchen vom einen auf den anderen Tag ohne Erklärung von der Schule nimmt und die beiden Schulleiterinnen vor dem Aus ihrer Existenz stehen, ist nur der Anfang… Der Skandal, ausgelöst von dem Mädchen, das auch vor Erpressung einer Mitschülerin nicht zurückschreckt, damit diese die Lüge aufrecht erhält, zerstört nicht nur die beruflichen Karrieren, sonder auch das Leben der Betroffenen. Verfilmung des Bühnenstücks „The Children’s Hour“ von Lillian Hellman, das 1934 am Broadway seine Uraufführung hatte.

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A cure for wellness (2016): Eigentlich ist Horror eher was für den Oktober. Aber warum eigentlich nicht. Horror in Heilanstalten – ein beliebtes Thema. In diesem Sanatorium in den Schweizer Bergen für Gutbetuchte scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Alles ist so friedlich, alle sind happy – zu schön, um wahr zu sein. Das findet auch Mr. Lockhart, der im Auftrag seines Arbeitgebers den Firmenchef Pembroke nach New York zurückholen soll, doch es ist wie im Song „Hotel California“: You can check out every time you like but you can never leave“. Ja, hier will anscheinend niemand weg, aber etwas stimmt mit dieser Einrichtung gar nicht. Vor allem nicht mit dem Wasser… Schlecht fand ich „A cure for wellness“ nicht, aber auch nicht überragend, trotz beeindruckender Bilder… aber mit 147 Spielzeit vor allem zu lang.

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Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019): Die Premiere! Meinen letzten Kinobesuch in diesem Jahr hatte ich am 28. Februar – vor Corona; ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen, und es ist Sommer. Der ideale Zeitpunkt für Open-Air-Kino. Diesen Film kannte ich noch nicht, aber mir wurde so viel Gutes davon erzählt, dass ich jetzt Lust auf dieses im 18. Jahrhundert angesiedelte Kostümdrama bekam. Belohnt wurde mein Ausharren auf dem Industriegelände bis 21:30 Uhr durch einen angenehm temperierten Sommerabend mit Unmengen von Glühwürmchen und einen Film, der selbst so schön ist wie ein Gemälde.

Eine Malerin und ihr Modell, das nicht porträtiert und schon gar nicht verheiratet werden möchte, also soll Marianne die rebellische Héloise heimlich malen. Im Laufe der einen Woche auf der abgeschiedenen Insel vor der bretonischen Küste lernt man einander langsam kennen, und als die holde Mama abreist, lodern bald nicht nur die Flammen im Kamin oder auf besagtem Gemälde… Eine sehr geschmackvolle Inszenierung mit musikalischer Untermalung, die mein Interesse an klassischer Musik neu geweckt hat. Gewonnen habe ich die Einsicht, dass ich gezielt nach Veranstaltungen dieser Art suchen sollte – verloren habe ich den Verschluss meines Ohrsteckers, aber den kann ich verschmerzen.

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Das war der Juli – und mit 22 Filmen (einer davon im Kino, der Rest auf DVD oder im Fernsehen) der mengenmäßig herausragendste… vielleicht wird die 22 ja doch noch meine neue Glückszahl.

Kleine Details am Rande: Das Lied „Ausgerechnet Bananen“, spielt die Tanzkapelle in „Eins, Zwei, Drei“ im Hotel Potemkin, und Bonnie Parker summt eine Zeile daraus in „Bonnie und Clyde“. In beiden Filmen aus dem Zeitungsmilieu gibt es einen Pinky. Und in „Nur ein kleiner Gefallen“ erklingt in einer Szene eine französische Ballade über Bonnie & Clyde.

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