Das Alphabet | Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 – August

 

Die ABC-Etüden sind in der Sommerpause, und deshalb gibt es bei Christiane das

Etüdensommerpausenintermezzo,

bei dem es diesmal eine besondere Herausforderung gibt – das Alphabet.

Zu einem Oberthema – in meinem Fall „Reisen“ – gilt es nun, ein Alphabet aus Begriffen zu kreieren, die mit allen 26 Buchstaben anfangen, und zu denen dann beschreibende Sätze oder Geschicht(ch)en entstehen sollten, siehe Illustration oben… Eine Aufgabe, die mich an meinen singenden, klingenden Adventskalender vom Dezember 2019 erinnert und die mich zu einer Etüde inspiriert hat, die von Wilhelm Buschs naturgeschichtlichem Alphabet in 26 Zweizeilern beeinflusst wurde, wenn auch arg holprig. Et voilà – lasset die Reise beginnen.    

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Reisefieber von A bis Z

Australien, Hawaii und Tennessee – An diesen Orten war ich noch nie.

Basler Fasnacht zum Morgestraich – Fürs nächste Jahr buch‘ ich das gleich!

In Cornwall war es wunderschön – Zum Jubliäum wollt‘ ich’s seh’n…

Doch leider heißt es #stayathome – Da reicht’s nur für den Kölner Dom

Englisches Frühstück mag ich sehr – Drum hol ich mir die Bohnen her.

Französisch lernen ist beschwerlich – Doch für Québec ist’s unentbehrlich.

Gemse, Steinbock, Mumeltier – Findet am Großglockner ihr!

Höhenangst ist nicht der Hit – will ich zu Aussichtspunkten mit.

Im Intercity durch das Land – Bringt manche glatt um den Verstand.

Jersey und die Channel Islands – Kenn ich nicht, dafür die Highlands.

Erst Kamerun, dann Dänemark – An einem Tag: das ist kein Quark!

Läuten die Glocken in der Früh – Sind’s beim Almabtrieb die Küh‘

M4-Expressway ist was Feines – Die Maut dafür etwas Gemeines.

Mit dem Nachtzug nach Toulouse – ist ohne Schlafplatz kein Genuss.

Obers, Marillen und Paradeiser – Damit bin ich in Wien der Kaiser.

Pandababys in Berlin – Würd ich gern seh’n, ich komm nur nicht hin.

Québecs Altstadt war das Ziel – Mir war jedoch der Kitsch zu viel.

Rechtsverkehr kann man sich sparen – Will man in Irland Auto fahren.

Schwarze Strände, grünes Land – Dafür ist Lanzarote bekannt.

Toronto hat mich fasziniert – Drum bin ich dort auch viel spaziert.

Urlaub machen, das muss sein – Und im Taunus ist’s auch fein.

Vier Sterne für Schottland in manchem Jahr – Drum war ich auch so oft schon da.

Whiskytasting in der Destille – Und zwar auf Islay, das ist mein Wille.

Xmal hab ich es versucht – Und doch nicht im Internet gebucht.

Yalla Yalla – Eil Dich, Eil Dich“? – Muße im Urlaub ist unvergleichlich!

Zimmer mit Aussicht hab ich gerne – Um zu genießen den Blick in die Ferne.

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Holpern du musst, wenn du reimst? Lyrische Meisterleitungen sehen zwar anders aus, aber wenigstens kann ich sagen, dass ich es versucht habe und dass alle Buchstaben einen Bezug zum Oberthema haben. Mission accomplished – Ziel erfüllt.

„Broken Strings“ : Chapter 42 – Should I stay or should I go

 ♪♫ ♪ Everything you do for me, everything I do for you… the way you see the world… no one else comes close to you. ♪♫ ♪

SOUNDCHECK IN ZEHN MINUTEN !!!“ dröhnte Bradleys Stimme über den Lautsprecher durch den Saal, der eigentlich eher eine mittelgroße Halle war, die hauptsächlich für Sportveranstaltungen genutzt wurde, schließlich war Craigellachie nicht gerade riesig.

Mit der Inventur unserer Ausrüstung beschäftigt, war ich so vertieft in den Song „Everything“ auf meinem mp3-Player gewesen, dass mich das Feedback aus den Boxen schmerzhaft zusammenzucken ließ. Seufzend schaltete ich das Gerät aus und verschwand aus dem Backstagebereich, um mir einen Kaffee zu holen. Nun gehörte die Bühne allein dem Team, und für mich war erst einmal eine längere Pause angesagt.

Der Laden auf der anderen Straßenseite hatte neben Burgern und Hähnchenteilen auch sogenannte „Iced Capps“ und „Creamy Chills“ im Angebot: geeiste Cappucinos in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wie Vanille, Matcha oder Karamell und eiskalte Milchshakes, einer süßer als der andere. Aber mir stand weder nach einem Kaffee mit Oreos oder einem kreischend pinken Erdbeer-Shake der Sinn – mir war auch so schon kalt genug.

Fröstelnd kuschelte ich mich in meinen überdimensionalen Schal und rieb die eiskalten Finger aneinander. Nichts ging über einen schönen Becher starken, schwarzen Kaffee. Das Fast-Food-Lokal war gut besucht, nur von der Band war niemand weit und breit zu sehen. Und dabei liebten sie diesen Burgerladen wie die meisten ihrer Landsleute. Kein Wunder, hier sahen die Milchshakes wirklich so aus wie auf dem Foto, und hätte „Falling Down“ hier gespielt, hätte Michael Douglas mit Sicherheit keinen Tobsuchtsanfall bekommen und in die Luft geballert.

Okay, niemand, den ich kannte, war hier? Auch gut. So konnte ich erst einmal in Ruhe durchschnaufen und die letzten Tage Revue passieren lassen und vor allem das tun, was ich schon vor drei Tagen hätte tun sollen, ich Feigling.

Sieh es als unbezahltes Praktikum‘, hatte Brian gesagt, als wir uns am Montag zusammengesetzt hatten. Dass ich keiner bezahlten Arbeit nachgehen durfte, sprach seiner Meinung nach jedoch nicht dagegen, dass ich mich nicht doch hier und da nützlich machte, selbstverständlich auf völlig freiwilliger Basis. Dafür brauchte ich für die Übernachtungen und die Verköstigung nichts zu bezahlen.

Dass wir von Dienstag bis Donnerstag in Craigellachie in keinem Hotel unterkommen würden, sondern bei Johns Familie, hatte er in seine Kalkulation selbstverständlich einfließen lassen, der Sparfuchs! Unbezahltes Praktikum? Genau so fühlte es sich für mich an. Im Prinzip hatte ich auch kein Problem damit, und doch nagte ein Punkt an mir: Jetzt hatten wir schon Mittwoch, und ich hatte es immer noch nicht übers Herz gebracht, zu Hause anzurufen und meinen Leuten mitzuteilen, dass es ein Wiedersehen so bald nicht geben würde.

Und was das Herz anging… „Herz über Kopf“ schickte ich an Jenny per WhatsApp. Ich wusste, sie liebte diesen Song und würde wissen wollen, wie es mir ging und wann sie mich am Flughafen abholen sollte.

Eine WhatsApp statt eines Anrufs war ja auch so bequem: Ja, rede Dir ruhig ein, dass Du nur deshalb nicht anrufst, weil zu Hause jetzt schon alle tief und fest schlafen. Du willst ja nur auf Zeit spielen und hoffst, dass sie Deine Botschaft erst in ein paar Stunden liest. Wie heldenhaft.

„Herz über Kopf“ war ja auch so viel besser als „Should I stay or should I go“ geeignet, um auszudrücken, dass meine Würfel längst gefallen waren.

Stay: Von wegen ’süßes Leben‘. Arktische Temperaturen, stundenlanges Herumhängen, ohne wirklich etwas zu tun zu haben, abgesehen von den wenigen Stunden, die mein Liebster und ich für uns haben würden. Ach ja, und die Supernanny zu spielen. Jenny würde stocksauer sein, Nico und alle anderen zu Hause nicht minder fassungslos. Wenn Sie das wollen, drücken Sie auf den roten Knopf!

Go: Zu Hause warteten meine Familie und meine Freunde, und ganz besonders Jenny und Nico, die sich womöglich mit der Hochzeit nicht viel Zeit lassen würden, und allein das war es schon wert. Blöd nur, dass ich diesen Moment der Freude nicht mit dem teilen konnte, den ich am meisten wollte. Tausende von Kilometern würden uns trennen, und … Gehen heißt Grün – entscheiden Sie sich also für den grünen Knopf, wenn Sie bereit dafür sind!

Wenn Sie bereit dafür sind… Aber war ich das wirklich? Wie lange würde die Freude meiner Leute zu Hause über meine Wiederkehr andauern?

Bei Jenny spielte nun Nico die erste Geige, und es war nur eine Frage der Zeit, bis unsere gemeinsamen Treffen immer weniger wurden, bis wir uns nur noch zu besonderen Festlichkeiten sehen würden. An diesem Punkt hatte mein Verstand dann endgültig ausgesetzt.

Hey, flüsterte die Traumtänzerin, die Farbe der Liebe ist doch auch Deine Glücksfarbe: Folge dem roten Steinweg. Der rote Apfel ist der süßeste. Push. The. Button. Now.

Und so hatte ich mich für „Stay“ entschieden, um den direkten Weg ins Irrenhaus zu wählen. Nur konnte ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Ich wusste nur eins: Nachdem ich diese drei Worte an Jenny abgeschickt hatte, ging es mir nur unwesentlich besser, denn ich war mir sicher: Das gibt Ärger.

Ich musste mir dringend ein Argument zurecht legen, mit dem ich das Übel abmildern konnte. Dass mir das ‚unbezahlte Praktikum‘ dabei als erstes in den Sinn kam, sah ich als glückliche Fügung. Denn im Grunde war es das ja auch, und außerdem war ich an diesem Punkt schon einmal gewesen, nur dass es damals noch Work & Travel geheißen hatte.

Brian war der Auffassung, dass ich mit eisigen Temperaturen spielend zurecht kam? Wie schlecht er mich und den Auftakt zu meinem Jahr in Kanada doch kannte. Work & Travel am Arsch der Welt, mitten im kalten Winter und ohne kochende Leidenschaft, die die langen Abende um einiges erträglicher gemacht hätte. Das sah jetzt komplett anders aus. Ich konnte das Ende des Konzerts kaum abwarten, denn dann würden wir beide endlich… Huch!

♪♫ ♪♫ ♪♫ Enjoy the silence ♫ ♪♫ ♪♫ ♪, blökte mein Smartphone unvermittelt los, und ich wusste, dass er nun da war, der Stress: Jenny war am Apparat, und sie war fest entschlossen, mir mit neun Stunden Zeitunterschied die Ohren durchs Telefon langzuziehen: „DAS IST NICHT DEIN ERNST!“

Jenny war nicht nur stocksauer – sie war außer sich. „Ach ja – wie war das nochmal? ‚Niemals würden wir uns für einen Kerl verbiegen’… Und jetzt? Kaum kommt ein heißer Typ daher, drehen wir uns um 180 Grad.“

Gut, dass ich saß und der Becher vor mir auf dem Tisch stand, sonst hätte ich ihn fallen lassen. Anders herum wäre ich an ihrer Stelle auch nicht erfreut gewesen, aber dass sie gleich so übertreiben musste; aber vor allem konnte sie sich meiner Meinung nach schön selbst an die eigene Nase fassen. Hier kochte nicht nur der Kaffee, so langsam war ich selbst so weit.

„Ach ja“, ahmte ich ihren Tonfall nach, „DAS sagt ja nun genau die Richtige!“ Doch dieser Seitenhieb war nicht dazu geeignet, Jenny zu besänftigen. Im Gegenteil, sie geriet immer mehr in Fahrt.

Wie meinst Du das denn?“

Creating a password, musste ich plötzlich denken, als ich wieder ihr Gejammer im Ohr hatte, was sie am liebsten mit Nicos verdammten Drumsticks anstellen würde, wenn sie dieses nervige Getrommel noch länger ertragen müsste… Wie respektlos:

50EffingBoiled CabbagesShovedUpYourA*****IfYouDon’tGiveMeAccessImmediately…“

Oh Lord, nein, dieses Kopfkino blendete ich lieber aus. Lass uns darüber lieber kein Wort verlieren. Statt dessen erinnerte ich sie an eine ganz andere Unterhaltung, die wir lange vor meinem Abflug nach Kanada geführt hatten.

„Meinen Bruder hättest Du doch früher mit dem Arsch nicht angeguckt, und jetzt dieser Sinneswandel. Erst die Verlobung, und in ein paar Monaten folgt dann die Hochzeit? Du bist doch nur sauer, weil ich auch die verpassen werde.“

Ha ha. Dir ist wohl der Erfolg zu Kopf gestiegen…“

Welcher Erfolg? Ich hatte keine Ahnung, was sie damit andeutete, aber inzwischen war auch ich so richtig in Rage, und so ging das noch eine Weile weiter. Just keep walking! Ruhig sitzenbleiben konnte ich schon längst nicht mehr und lief mitten in unserer erhitzten Diskussion einfach los, bevor in diesem Fast-Food-Lokal noch mehr neugierige Zuhörer ihre Ohren extra weit aufsperrten, obwohl sie unmöglich davon auch nur ein Wort verstehen konnten.

Inzwischen waren wir auf einem ganz neuen Level angekommen, ein Wort gab das andere, und am Ende war ich diejenige, die das rote Hörersymbol malträtierte und das Smartphone schnaubend vor Wut in meine Hosentasche stopfte. Wann hatte mich zuletzt jemand dermaßen auf die Palme gebracht?

So aufgebracht, wie ich war, brauchte mir niemand mit „Keep calm“ oder „Cool down“ zu kommen, den leeren Kaffeebecher hatte ich längst weggeschmissen, und wenn ich mich nicht bald abreagieren konnte, würde ich platzen.

KICK!

Der erstbeste Gegenstand, der mir vor die Füße kam, war ein Mast, Teil des Gestänges, das die Beleuchtung für die Bühne halten sollte. Der wackelte nun bedenklich. Aber ob beweglich oder starr montiert, mein Fuß konnte keinen Unterschied feststellen. JAUL! Get the f*** off.

Aber hallo! Na, heute sind wir aber stürmisch unterwegs,“ quatschte mich da jemand von der Seite an, während ich auf dem Hosenboden saß und mir stöhnend den schmerzenden Fuß hielt. „Hach, ich liebe ja temperamentvolle Frauen. Da wackelt das ganze Haus!“

Sülz! Sülz! Sülz! Auch das noch – einen passenderen Moment hatte er sich wohl nicht aussuchen können. Warum musste ich auch ausgerechnet jetzt unserem Drummer in die Arme laufen?

Oh, geh Ford: Am liebsten hätte ich auf der Stelle ein Passwort für ihn kreiert – mit Drumsticks. Mist! Das Bild wurde ich jetzt wohl für den Rest des Abends nicht mehr los, noch ein unangenehmer Nebeneffekt meines Streits mit Jenny, für die ich nun endgültig gestorben war.

Anstatt dumm zu daher zu quatschen, hilf mir lieber hoch…

Ach, der Herr konnte Gedanken lesen oder verstand auf Anhieb, was ich mit meinem ausgestreckten Arm signalisierte. Ächzend kam ich auf die Beine und konnte gerade noch ein knappes „Danke“ zwischen meinen zusammengepressten Zähnen hervor quetschen, bevor ich ohne ein weiteres Wort davon humpelte, auf der Suche nach Eis, um mich selbst notdürftig zu verarzten.

♪♫ When my love said to me, meet me down by the gallow tree ♫ ♪

Wie schön, zur Abwechslung mal wieder die Songs zu hören, die am Anfang auf der Setlist gestanden hatten, bevor die große Änderungswut ausgebrochen war. Und das lag nicht nur daran, dass „Belfast Child“ neben „New Years Day“, „Don’t change“ und „Don’t stop believing“ einer meiner ganz großen Favoriten war.

Andächtig saß ich auf einer der Materialkisten, deren Inhalt ich am Nachmittag neu sortiert hatte und wippte den Rhythmus mit dem Fuß mit, dem es nach dem zusätzlich von Bradley organisierten Eis nun endlich etwas besser ging. Dass ich ihm vorgeflunkert hatte, ich wäre auf dem Weg vom Kaffeeholen in einem Schlagloch umgeknickt, schob ich auf meinen falschen Stolz. Das kommt davon, wenn man zu einer Notlüge greift, weil man sich nicht die Blöße geben und gestehen will, dass der wahre Grund für einen anschwellenden Knöchel nur die eigene Dummheit ist.

Wäre ich mal bloß besser bei der Wahrheit geblieben. Aber ändern ließ sich das jetzt nicht mehr, also konnte ich ebenso gut versuchen, an etwas anderes zu denken und mich auf die Show zu konzentrieren, besonders auf die Lichtshow. Es war schon eine Weile her, dass OxyGen in einer kleineren Halle gespielt hatten, in der als besonderes Extra eine Discokugel von der Decke baumelte.

Eine Discokugel… ernsthaft? Wann hatte ich zuletzt so ein Relikt aus den 70er oder 80er Jahren gesehen? Die Jukeboxen in den verschiedenen Bars und Pubs fand ich ja schon altmodisch, aber dieses glitzernde Etwas, das Bradley und Kevin versucht hatten, in ihre Show zu integrieren, und das sich eigentlich hätte drehen sollen…

Ja, eigentlich. Aber irgend etwas war mit diesem Teil nicht in Ordnung. Mal drehte es sich und reflektierte weiße und gelbe Lichtpunkte gegen die Wände und ins Publikum hinein, dann wieder blieb es ruckartig stehen und bewegte sich keinen Millimeter weiter. Irgendetwas lief hier komplett falsch, dachte ich, je länger ich die Metallkonstruktion betrachtete, die mir plötzlich gar nicht mehr so stabil vorkam. Final Destination 6?

Worauf wartest du, meldete sich mein innerer Alarm, sag Bradley oder Kevin Bescheid, aber beide konnte ich nirgendwo sehen.

Völlig egal, ob ich umgeknickt war oder mein Fuß Bekanntschaft mit Metallstreben geschlossen hatte, aber dass ich einen Aufenthalt auf der Bühne nicht mehr für sicher hielt, so lange das Ding da oben wackelte wie das Hinterteil einer Ente, mussten die beiden auf jeden Fall erfahren. Entschlossen fummelte ich mein Handy aus der Hosentasche und tippte die ersten von beiden Nummern ein.

Es tutete dreimal, dann ertönte eine Bandansage: „♪♫ ♪♫ ♪♫ Barcelona ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ : „Dies ist die Mailbox von Bradley Jackson. Nein ich bin nicht in Barcelona, sondern gerade anderweitig beschäftigt. Hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton, und ich melde mich, sobald ich frei bin.“

Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Verdammt, geh endlich ran, knurrte ich und versuchte mein Glück auf der anderen Leitung. Doch auch bei Kevin meldete sich nur die Mailbox. Wo waren denn bloß alle, wenn man sie wirklich mal dringend brauchte? Am liebsten hätte ich den Stecker gezogen, um das Konzert abzubrechen, denn ich befand mich in Alarmbereitschaft, fürchtete aber auf der anderen Seite, wie in „Final Destination“ für verrückt erklärt zu werden.

So unter Strom gestanden hatte ich schon einmal, und zwar letztes Jahr bei dem Unfall mit dem Elektrozaun. Du kannst keinen erreichen? Geh sie suchen, die können ja nicht weit sein. Zeig ihnen Deine Entdeckung, und vielleicht übertreibst Du mal wieder; sie werden Dir sagen können, ob Grund zur Sorge besteht.

Vorsichtig ließ ich mich von der Kiste gleiten und bewegte mich in gefühltem Schneckentempo, doch mehr gab mein trotz der dicken Eispackung schmerzender Fuß nicht her. Die Band war bereits bei der Ballade des Abends angelangt, als ich endlich fündig würde. Dave hatte zwar mit dem Aufbau nichts zu tun gehabt, aber vier Augen sehen immer noch bekanntlich mehr als nur zwei. Er schickte mich zurück zu meinem alten Platz und holte Kevin als weiteren Sachverständigen hinzu.

Okay, sechs Augen – noch besser! Vor Aufregung gestikulierend, wies ich die beiden auf die Discokugel und den für meinen Geschmack zu stark wackelnden Rahmen hin, doch zu meiner Verblüffung konnten weder Kevin noch Dave etwas ungewöhnliches daran erkennen.

Brad und ich haben eigenhändig nochmal alle Schrauben nachgezogen“, erwiderte Kevin achselzuckend, als ich ihn ungläubig anstarrte. Meinte er das jetzt ernst oder hatte er bloß keine Lust, die Stabilität ein zweites Mal zu prüfen oder gar derjenige zu sein, der im Ernstfall für einen Abbruch des Konzerts verantwortlich war?

Dann hol ihn her, damit er sich Euer Werk ein zweites Mal ansieht.“

Euer Werk, oh oh, das hätte ich nicht sagen sollen, denn freundlich klang das nicht, und richtig – er reagierte dementsprechend beleidigt, indem er mir den Vogel zeigte.

Du spinnst doch. Aber bitte,“ lenkte er ein, als er meinen flehenden Blick sah,, „wenn Du unbedingt meinst…“

Natürlich meinte ich das, und war heilfroh, als er mit Bradley zurückkam. Doch auch er musste mich enttäuschen.

Wir haben jede Schraube eigenhändig kontrolliert. Und ein wenig Spiel ist doch immer“, versuchte er, mich zu beruhigen, nachdem er einen Blick auf die fragliche Stelle geworfen hatte.

So langsam zweifelte ich an meinem Verstand. Die Blicke, die Kevin und er sich zuwarfen, sprachen Bände. Unsere liebe Andrea sieht so langsam Gespenster. Final Destination lässt grüßen. Und damit ließen sie mich stehen. Wie aufs Stichwort, erklang der Refrain des letzten Songs dieser Show.

♪♫ ♪ I’m standing here on the ground, the sky above won’t fall down… ♪♫ ♪

Ich sah die Menge toben und hörte doch nur mit halbem Ohr hin. Bombenstimmung. Da wackelt das ganze Haus, fielen mir Ryans Worte vom späten Nachmittag wieder ein. Ja, die Stimmung hätte besser nicht sein können, und vielleicht entwarf ich ja wirklich ein Horrorszenario; dennoch…

Gut, dass jetzt nur noch der Teil mit den Zugaben kam, dachte ich und betete im Stillen, dass der Rest des Konzerts genauso reibungslos ablief wie die zwei Stunden davor und uns nicht der Himmel auf den Kopf fiel, so wie in dem Song. Reibungslos? Für die anderen vielleicht, aber nicht für mich.

Ich saß wie auf glühenden Kohlen und hoffte, dass OxyGen endlich mit ihrem Auftritt fertig wurden, aber anstatt wie jede andere Band einfach nochmal die drei beliebtesten Songs ihres Repertoires zu spielen, hatten sie sich in den Kopf gesetzt, „Highland Cathedral“ in der „extra extended version for two guitars and bass“ zum Besten zu geben.

Auf der Bühne standen jetzt nur noch Danny, Mark und Brian, und sie dachten gar nicht daran, es bei der normalen „extended version“ zu belassen, sondern mussten diese Version unbedingt noch um ein Solo für eine Bassgitarre verlängern.

Donnernder Applaus und Standing Ovations – ich war überglücklich, als nach einer Weile endlich die Hallenbeleuchtung anging und Kevin die bunten Strahler über der Bühne ausschaltete, als Signal, dass der Tag für das Team noch nicht vorbei war. Ich stand in der für mich vorgesehenen Ecke und rollte sämtliche Kabel, die Dave mir brachte, so ordentlich wie möglich auf und verstaute diese ein einer weiteren Kiste, die noch während der Zugaben eilig herbeigeschafft worden war.

Wenigstens waren die Roadies so schlau gewesen, sich dabei von der zweifelhaften Metallkonstruktion fernzuhalten. Obwohl Kevin, Bradley und Dave bereits wussten, wovor mir am meisten graute und sie der Ansicht waren, dass ich maßlos übertrieb, entging ihnen meine Nervosität nicht, und nachdem ich ihnen das Versprechen abgenommen hatte, beim Abbau besondere Vorsicht walten zu lassen, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf unsere Tontechnikerin.

Dass sich Leslie zu uns gesellen würde, hielt ich für unwahrscheinlich, aber man konnte nie wissen, und ich hoffte, dass das auch so blieb, denn noch war der Kelch nicht an uns vorbei gegangen. Groß war meine Erleichterung, als sie grünes Licht zum Abtransport ihrer Ausrüstung gab, nachdem sie sich um ihren Teil gekümmert hatte.

Ich reichte ihr noch eine Flasche aus der Kühlbox in meiner Nähe, dann wünschte sie uns allen eine Gute Nacht und verließ die Halle. Wieder eine Person mehr, um die ich mir keine Sorgen machen musste. So langsam wurden es immer weniger.

Leider hatte ich das aber auch nur gedacht. Mir wurde eiskalt, denn plötzlich hörte ich Schritte hinter mir, die zu jemandem gehörten, dem es anscheinend egal war, in was für ein Minenfeld er sich begab. Oder er hatte keine Ahnung. Jemand von der Band!

Warne ihn, Andrea, durchfuhr es mich wie ein Blitz, er muss so schnell wie möglich weg von hier.

„Runter von der Bühne“, rief ich und drehte mich um.

Ryan. Was wollte der denn hier? Seelenruhig machte er sich an seinem Drumkit zu schaffen. Hatte er mich denn nicht gehört? Ohne zu überlegen, machte ich einen Satz nach vorne und forderte ihn nochmal auf, endlich von der Bühne zu verschwinden. Ohne Erfolg. Er kehrte mir weiter den Rücken zu und nahm mich nicht einmal wahr.

Noch zwei Schritte, dann war ich bei ihm und tippte ihm auf die Schulter. Wie von der Tarantel gestochen, schoss er in die Höhe und fuhr wütend herum. Wäre nicht Eile geboten gewesen, hätte ich mit Genugtuung registriert, dass ich ihn aus der Fassung gebracht hatte, aber für ein solches Geplänkel war jetzt nicht der passende Zeitpunkt.

Verdammt, Andie, was soll das?“ rief er und riss sich die Stöpsel aus den Ohren. Kein Wunder, dass er mich nicht gehört hatte. „Musst Du mich so erschrecken?“

Du wirst gleich noch viel mehr erschrecken, wenn Du erfährst, was hier los ist, dachte ich und wiederholte mich erneut: „Du sollst runter von der…“ – weiter kam ich nicht mehr.

Ein ohrenbetäubendes Geräusch übertönte uns. Wie angewurzelt blieben wir beide stehen und starrten in die Richtung, aus der es kam. Oh Shit! Mit einem hässlichen Knirschen neigte sich über unseren Köpfen eine der Gerüststangen, die schon während des Konzerts in Bewegung geraten war, wie in Zeitlupe zur Seite.

WAS ZUM… – zwei Dumme, ein Gedanke. Doch keiner von uns vervollständigte den angefangenen Ausruf des Entsetzens. Noch bevor ich das ganze Ausmaß der Zerstörung erfassen konnte, wurde ich von Ryan herumgerissen und fand mich nur Sekundenbruchteile später mit dem Rücken an der Wand wieder.

Sehen konnte ich nichts, aber dafür hörte ich umso deutlicher das infernalische Getöse, mit dem die Discokugel auf dem Boden aufschlug und einzelne Teile des Aufbaus in sich zusammenstürzten.