„Broken Strings“ : Chapter 43 – Crash Boom Bang

 

Ohrenbetäubender Lärm, gefolgt von einer gespenstischen Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Wer hätte da nicht die Augen geschlossen? Am liebsten hätte ich die ganze Welt ausgeblendet, und nicht bloß nur für einige Minuten. Aber dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt. Mich einfach in die Wirklichkeit zurückzuholen, wäre ja auch zu einfach gewesen. Als ob es nicht gereicht hätte, dass mir das Herz bis zum Hals klopfte; anscheinend war da oben jemand der Meinung, dass mein Leben eine ordentliche Portion Ironie brauchte: Da hatte ich Ryan Miller vor dem drohenden Einsturz warnen wollen, und dann war er es, der mich statt dessen gerettet hatte.

Andrea! Bist Du okay?“ Mit seltsam belegter Stimme strich er mir vorsichtig die Haare aus dem erhitzten Gesicht, dann rückte er näher. Noch näher. Zu nahe für meinen Geschmack.

Wenn man sich auf begrenztem Raum so eng beieinander wiederfindet, wie Colin Farrell und Jessica Biel in „Total Recall“, dann kann man schon mal auf dumme Gedanken kommen. Nur noch wenige Zentimeter trennten uns voneinander, und ich konnte sehr deutlich sehen, worauf dies hinauslief.

Offenbar war ich nicht die einzige mit erhöhtem Adrenalinspiegel. Ich in Deinen Armen? Vergiss es, dachte ich und sah mich trotzdem nicht imstande, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Was, wenn das noch nicht alles gewesen war und genau dann noch mehr von oben herunterkam, wenn ich dabei war, die Bühne zu verlassen?

Ryan… nicht…“ brachte ich gerade noch heraus, als mir klar wurde, dass er mich nicht nur deshalb noch immer in seinen Armen hielt, weil er mich gerade davor bewahrt hatte, von den herabstürzenden Teilen erschlagen zu werden. Wie in Zeitlupe beugte er sich zu mir herunter. Schraub Deine Erwartungen besser auch runter, dachte ich, als er meinen Namen flüsterte.

Andie, ich…“

Und mitten hinein platzte Mike: „Hey, Miller! Wird das heute noch mal was?“

Seine Ausgelassenheit blieb ihm im jedoch Halse stecken. „OH SHIT! Was ist denn hier passiert?“

An seiner Stelle hätte ich beim Anblick dieses Schlachtfeldes genauso reagiert.

„Mein Gott, Süße. Ist alles in Ordnung? Dir ist doch hoffentlich nichts passiert?!“

Und dann war er mit wenigen Schritten bei mir und schloss mich fest in seine Arme. Oh my, lass mir noch Luft zum Atmen, sonst kippe ich um, und wir können Alanis Morrissettes Song ‚Ironic‘ um eine neue Strophe erweitern.

Aber meine Sorge war unbegründet. Die Gefahr, dass einzelne Teile mit Verzögerung auf die Bühne stürzten, bestand nicht mehr. Was auch immer diesen Unfall verursacht hatte, es hatte ganze Arbeit geleistet. War Mike sich eigentlich bewusst, dass er unverschämtes Glück gehabt hatte? Nur ein paar Minuten früher, und er wäre… nein, das wollte ich mir nicht vorstellen.

Insgeheim war ich froh, dass er bei mir war. Noch einen Kuss in mein Haar, dann lockerte er seinen Griff und legte mir einen Arm um meine Schultern, um mich nach draußen zu geleiten.

„… bevor es losgeht.“ Bevor was losgeht? Ratlos blickte ich erst ihn an, dann Ryan. Klasse, ich war wieder mal die einzige, die auf dem Schlauch stand. „Du solltest auch zusehen, dass Du Deinen Arsch hier raus bewegst, Miller“, fuhr Mike fort. „So, wie’s hier aussieht, gibt’s hier bestimmt bald ’ne Untersuchung.“

An Deiner Stelle würde ich zur Abwechslung mal tun, was er sagt,“ pflichtete ihm Brian, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, bei. Das waren ja ganz neue Töne. „Sehen wir zu, dass hier keiner mehr was anfasst und wir schleunigst von hier verschwinden. Ach, übrigens, Ryan – was wolltest Du eigentlich so spät noch hier?“

Ich hörte Ryan noch irgendetwas von vergessenen Drumsticks murmeln, doch den Rest der Unterhaltung bekam ich nicht mehr mit, da Mike entschlossenen Schritts mit mir an der Hand dem Ausgang zustrebte. Er ließ mir gerade noch so viel Zeit, dass ich mir meine Jacke und meinen Schal schnappen konnte, denn zog er mich weiter.

Ich wusste, er wollte so viele Meter wie möglich zwischen uns und den Unfallort bringen – aber wozu diese Eile? Wie, um mich zu vergewissern, dass sich von uns auch wirklich niemand mehr in der Halle befand, drehte ich mich noch einmal um und sah, wie Brian die Halle abschloss. Ab jetzt hätte keiner von uns mehr Zugang, bis ein Expertenteam den Schaden begutachtet hatte.

Alles normal so weit. Falls man es als normal bezeichnen konnte, wenn man gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen war; und als ich den Blick auffing, den Ryan mir zuwarf, wünschte ich mir, ich wäre einfach weitergegangen.

Später in der Nacht, in unserem Zimmer, rollte ich mich zusammen und wünschte mich ganz weit weg. Diesen Schlamassel hatte ich nicht gewollt. Warum nur war ich auf diesen Deal eingegangen?

Es war ja auch so einfach gewesen: Ein Klick, und das gemeinsam am Computer ausgefüllte elektronische Formular, auch kurz eTA genannt, landet Sekunden später bei den Einwanderungsbehörden. Dann muss man nur noch darauf warten, dass die Daten mit dem Reisepass verknüpft werden, und alles ist in Butter. Andere hätten gejubelt. Meine Stimmung dagegen war im Keller.

Wieder und wieder hörte ich dieses grässliche Geräusch und hatte mit einem Mal wieder eine Meldung vor mir, die vor zwanzig Jahren durch sämtliche Zeitungen gegangen war: „dpa Offenbach – Während einer Märchenvorstellung im Offenbacher Capitol-Theater ist eine Spiegelkugel von der Decke gestürzt. Zwei Frauen (34/67) wurden schwer verletzt.

Sie hätten auch tot sein können, und beinahe wäre das gleiche heute auch mit uns passiert – wenn nicht… Mein Magen zog sich zu einem Knoten zusammen. Kein Wunder, dass ich nicht bei der Sache war und ich Mike nur wie durch einen Schleier wahrnahm. Bald schon merkte er, dass ich seine Zärtlichkeiten nicht erwiderte. Ich ließ ihn nur ungern im Regen stehen, aber ich war einfach nicht in der Stimmung. Am liebsten hätte ich diesen Tag komplett gestrichen.

Hey Süße, was ist los?“ flüsterte er und zog mich in der Dunkelheit an sich.

Was sollte ich darauf antworten, und vor allem: wo anfangen? Heute war zu viel passiert: mein Streit mit Jenny, meine Vorahnungen, die von gleich drei Leuten als Übertreibung abgetan worden waren, dann der Einsturz selbst und schließlich die Szene mit Ryan… mein Hals war wie zugeschnürt, und ich war nicht in der Lage, auch nur einen vernünftigen Satz zustande zu bringen.

„Michael, ich…“ war alles, was ich heraus brachte.

Michael. Aha…“ Zwei Worte – ein trockener Kommentar, mit einem Anflug von Sarkasmus… „So hast Du mich noch nie genannt.“

Das stimmte, aber was seine Reaktion betraf, so hatte ich mich geirrt. Das war kein Sarkasmus – Mike war weder zum Flirten noch zum Streiten aufgelegt, er war beunruhigt, und noch während er das sagte, gab er mich aus seiner Umarmung frei, richtete sich auf und fasste mich an den Schultern. Dann drehte mich zu sich herum. „Andie, sieh mich an. Was ist los?“

Widerstrebend kam ich seinem Wunsch nach, blieb ihm aber die verlangte Erklärung schuldig. „Nichts“, stammelte ich nur und wich seinem Blick aus.

Los, Andrea, reiß Dich zusammen, und wenn Du jetzt was falsches sagst, haben wir ein gewaltiges Problem. Doch ich hätte wissen müssen, dass er sich damit nicht zufrieden geben würde.

Nach nichts sieht mir das aber nicht aus.“ beharrte er. „Rede mit mir, Süße. Okay, was ich vorhin gesehen habe, ist…“

… ja, das war wirklich nicht schön“, unterbrach ich ihn.

Ich konnte mir schon denken, worauf er anspielte. Uns beide in inniger Umarmung zu sehen, mit einem Schrotthaufen zu unseren Füßen, war garantiert ein unvergesslicher Anblick für ihn gewesen. Aber dass ich im Begriff gewesen war, die Notbremse zu ziehen, als er auf der Bildfläche aufgetaucht war, hatte er bestimmt nicht mitbekommen. Oder etwa doch?

Leg jetzt bitte nicht diese Platte auf, flehte ich innerlich; das Chaos in meinem Innern war schon groß genug, da brauchte ich nicht auch noch ein Eifersuchtsdrama.

Nicht schön?“wiederholte er fassungslos. „Diese Schneise der Verwüstung? Andie, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Miller und Du – Ihr seid sonst echt nicht die besten Freunde, und heute, da…“

Anscheinend war auch er nicht fähig, in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen. Ich war also nicht als einzige reichlich durcheinander.

Weißt Du“, fing ich an und nahm nun endlich Blickkontakt auf, bevor ich fortfuhr, „wenn Ryan nicht gewesen wäre, läge ich jetzt unter den Trümmern.“

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen, denn dann wäre ich gar nicht erst in Versuchung geraten, die Bühne an dieser Stelle zu überqueren.

„Und wenn ich mir vorstelle, dass Du an seiner Stelle aufgetaucht wärst…“

Hier versagte meine Stimme. Warum konnte ich den Mund nicht halten? Meine schlimmsten Befürchtungen hatte ich doch eigentlich für mich behalten wollen, aber nun war die Katze aus dem Sack. Hätte ich sie doch bloß drin gelassen, denn kaum waren die Worte draußen, brach ich wie auf Knopfdruck zusammen.

Ich musste ihn gar nicht erst fragen, ob ich mich an ihn anlehnen durfte; wortlos zog er mich an sich und wiegte mich in seinen Armen wie ein Kind. Das hatten wir vor ein paar Wochen doch schon einmal gehabt, nur anders herum, aber so am Boden hatte ich mich auch noch nie gefühlt.

„Nimm mich einfach nur in den Arm“, schniefte ich schließlich, als die Tränen so langsam versiegten.

So lange Du willst“, murmelte er und hielt mich weiter eng umschlungen. Vermutlich sollte ich ihm noch dankbar sein, war das letzte, was ich dachte, bevor ich einschlief.

Schlaf ’ne Nacht drüber, am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wirklich?

Wer solche Weisheiten in die Welt setzte, musste ein unerschütterlicher Optimist sein. Was jetzt an der Welt anders sein sollte, war mir ein Rätsel, nachdem Ryan und ich um ein Haar erschlagen worden wären. Zu behaupten, dass ich nach diesem Erlebnis gut geschlafen hätte, wäre eine glatte Lüge gewesen; konnte ich ja schon froh sein, überhaupt durchgeschlafen zu haben. So fühlte ich mich immer dann, wenn ich nachts wirres Zeug geträumt hatte, mich aber später an Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte.

Aber wenigstens war der Kaffee, den mir Mike in die Hand drückte, ein Lichtblick: An diesem trüben Morgen, der nichts gutes verhieß, war er wohl auch der einzige. Seufzend inhalierte ich das verführerische Aroma und dachte an die vor uns liegenden Stunden. Wenn Mike richtig mit seiner Vermutung lag, dann war es mit dem Abbau der noch heil gebliebenen Ausrüstung Essig: So, wie’s hier aussieht, gibt’s hier bestimmt bald ’ne Untersuchung, hallten seine Worte vom vergangenen Abend in mir nach.

Davon war auszugehen, denn bis zum Eintreffen der Sachverständigen war die Halle gesperrt. Für den Betreiber der Location eine herbe Enttäuschung, und auch Brian fühlte sich damit alles andere als wohl. Wenn schön getaktete Zeitpläne durcheinander geraten, ist das in den seltensten Fällen ein Grund zur Freude; aber ihm bereitete die Tatsache, dass der Wechsel zu SCR bereits jetzt schon unter keinem guten Stern stand, Magenschmerzen.

Nur zu verständlich, auch mein Magen rebellierte. Verdammt, so empfindlich reagierte ich doch sonst nicht auf Kaffee, der mir bisher nicht stark genug hatte sein können. Ein Schuss Milch würde die Stärke dieses Gebräus sicher erträglicher machen; und dabei war ich doch gar nicht der Typ für Café au Lait. Aber irgendwann ist immer das erste Mal.

Eine weitere Premiere war das Auftauchen von Lee Channing, die als neue Managerin Brians Anruf zum Anlass genommen hatte, sich noch in der Nacht hinters Steuer zu klemmen und nun vor der Tür stand.

„Was sollte ich machen“, hörte ich ihn zu Mark sagen, „nach dem Fiasko mit dem Bühnenaufbau. Wenn es Verzögerungen im Ablauf gibt, muss sie einfach Bescheid wissen.“

Löblich, dass er von Anfang an mit offenen Karten spielte, auch wenn Mark ihm prophezeite, dass es Stress geben würde. So ging das noch eine Weile hin und her, bis Mark mich plötzlich bemerkte und das Thema wechselte.

Café au Lait. Nanu, Andrea.“

Sein Blick in meine Tasse sprach Bände. Unauffällig war das nicht gerade. Daran sollte er noch arbeiten. Denn schließlich war es ja nicht Lee, die in der Küche auf dem Hocker saß, sondern nur Mikes Freundin, und es war kaum anzunehmen, dass ich auf direktem Weg zu Lee ging, um ihr alles brühwarm zu erzählen.

„Bist Du Dir sicher, dass es Dir auch wirklich gut geht?“ fuhr er fort.

Ob es mir gut ging? Was war denn das für eine Frage? Nicht mal seinen Kaffee konnte man morgens in Ruhe trinken…

„Du bist schon seit gestern Abend so komisch.“

Weil ich meinen Kaffee ausnahmsweise mal nicht schwarz trank wie sonst? Hey, ich heiße nicht Mark Kelly, der stets das Gleiche bestellt.

„Ich und komisch. Aha.“ erwiderte ich trocken. „Dir ist aber schon klar, dass ich gestern Abend noch auf der Bühne war, als…“

Shit. Sorry, Andrea. Das war gedankenlos von mir….“

Das war es wohl, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Brian ihm nicht schon längst alles erzählt hatte. Aber die Story hatte sich wahrscheinlich sowieso schon längst herumgesprochen, und ich konnte mir denken, wer dafür gesorgt hatte.

Keine Angst, ich dreh‘ schon nicht durch oder klapp‘ vor allen zusammen.“

Dass ich meinen Zusammenbruch schon hinter mir hatte, musste ich den beiden ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

„Aber an Eurer Stelle würde ich mir Gedanken um Euren Drummer machen. Den hätte es nämlich auch fast erwischt.“ … und im Gegensatz zu mir, muss der bald wieder auf die Bühne, ergänzte ich insgeheim. Aber ich hatte mir ganz umsonst den Kopf zerbrochen, denn Lee Channing kam herein, und sie hatte schlechte Nachrichten.

So, Leute. Die Experten sind jetzt da und sehen sich alles in Ruhe an. Natürlich haben sie auch einige Fragen, und so wie es aussieht, wollen sie alles ganz genau wissen. Es kann also dauern.“

Ach ja, wenn es hieß, es könnte noch dauern, waren damit sicher weder Minuten noch Stunden gemeint, sondern Tage. Oder Wochen, wenn man nach Lee ging, bei der es sich so anhörte, als würde das FBI in einem Mordfall ermitteln und eine ellenlange Zeugenliste abarbeiten.

Dabei beschränkte sich in unserem Fall dieser Kreis auf wenige Personen: Bradley, Kevin, Dave, Ryan und mich. Und eventuell noch Mike, aber der war ja erst dazugestoßen, als das Unglück bereits geschehen war.

Na, sie werden ja wohl nicht ewig brauchen“, warf Brian ein, der ihren Ausführungen eher skeptisch gegenüber stand. Aber damit war er bei Lee an der falschen Adresse.

Schraubt Eure Erwartungen lieber runter“, verkündete sie, „ich tu zwar alles, was ich kann, aber im Moment sieht’s eher nicht so gut aus. Und wenn wir Pech haben, fällt der Gig am Wochenende ins Wasser.“

Das glaub‘ ich jetzt nicht“, stöhnte Brian, für den diese Hiobsbotschaft einem Schlag in die Magengrube gleichkam.

Leider doch“, erwiderte sie. „Ihr gewöhnt euch besser dran. Und jetzt entschuldigt mich, Leute, ich muss jetzt los. Wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Bis später.“

Und damit ließ sie uns stehen.

Sollten wir tatsächlich hier sitzen und so lange Däumchen drehen, bis wir endgültig grünes Licht bekamen? Die Show in zwei Tagen würden Brians Leute wohl oder übel in den Wind schreiben müssen, aber was war mit ihrem Auftritt beim Spiel der Grizzlies gegen die Eagles? Bis dahin waren es noch neun Tage, in denen noch allerhand passieren konnte. Hoffentlich war die Untersuchung der Sachverständigen bis dahin abgeschlossen. Ich hatte Brian ja schon öfters ziemlich verpeilt erlebt, aber wenigstens kommunizierte er offen mit seinen Kollegen, doch bei Lee war ich mir nicht so sicher, welche Taktik sie verfolgte.

Wenn sie sich bei wichtigen Informationen genauso bedeckt hielt wie eben, dann wünschte ich OxyGen jetzt schon viel Spaß mit ihrer neuen Managerin. Eine Sängerin, die ihre Bandkollegen im entscheidenden Augenblick hängen ließ? Was ich vom Hörensagen über sie wusste, war für mich Grund genug, die Dame etwas sorgfältiger unter die Lupe zu nehmen. Vertrauen war ja etwas schönes, aber meiner Meinung nach war jetzt Kontrolle angesagt. Also verließ ich die Küche der McIntyres und machte mich auf den Weg zur Halle.

Warum hatte ich angenommen, dass vor Ort hektische Betriebsamkeit herrschen würde? Ohne das Absperrband vor der Tür wäre niemand auf die Idee gekommen, dass der Unfallort eingehend inspiziert wurde, so ruhig war es hier. Von Lee war nichts zu sehen; vermutlich war sie hineingegangen. Aber sollte ich ihr wirklich folgen? Im Gegensatz zu ihr besaß ich keine Autorität, und man würde mich mit Sicherheit hinauswerfen.

Andererseits würden sie wissen wollen, wie sich der Unfall ereignet hatte, und garantiert hatte Lee ihnen schon verraten, wer die Unglücksraben auf der Bühne gewesen waren. Und dann war da noch meine eigene Neugier, die sich gleich darauf auch schon bitter rächen sollte.

Ich hatte die Tür noch nicht erreicht, da wurde sie auch schon aufgerissen, und herausgestürmt kam Ryan, dem ich gerade noch ausweichen konnte, sonst hätte das einen ziemlich heftigen Zusammenstoß gegeben. Na super, er war der letzte, den ich sehen wollte. Konnte ich denn nirgendwo hingehen, ohne dass er auftauchte? Ging das schon wieder los?

Es konnte auch purer Zufall sein, denn für einen Moment stutzte er, weil er anscheinend nicht erwartet hatte, mich zu sehen. „Gut, dass ich Dich treffe – Du bist die nächste.“

Die nächste? Das klang so, als ob die Befragung bereits im Gange war und sie mit ihm angefangen hatten. Wenn er ihnen keinen Blödsinn erzählt hatte, dann durfte ich mich auf ein längeres Gespräch einstellen. Und wer eins und eins zusammenzählen konnte, war interessiert daran, zu erfahren, woher ich wusste, dass jeder, der sich auf der Bühne aufhielt, in Lebensgefahr schwebte.

Den schwarzen Peter wollte ich nur ungern an meine Kollegen von der Technik weitergeben, aber warum sollte ich verschweigen, dass sie meine Bedenken wegen der mangelnden Sicherheit nicht geteilt, sondern mich geradezu als hysterisch dargestellt hatten? Meinen eigenen Fehler zuzugeben, erschien mir als das kleinere Übel.

Was für eine Rolle spielte es, dass ich in meinem Ärger über das völlig aus dem Ruder gelaufene Gespräch mit Jenny dem Gestänge einen ordentlichen Tritt verpasst und mich dabei selbst beinahe außer Gefecht gesetzt hatte? Meinem Fuß ging es zwar inzwischen besser, aber der Rest von mir wünschte sich weit weg.

Jetzt fang bloß nicht an, durchzudrehen – je schneller Du es hinter Dich bringst, desto besser…

Manchmal musste ich mir selbst in Gedanken in den Hintern treten, damit ich mich zusammennahm. Aber wie war das nochmal mit Leuten, die einen unterwegs aufhalten? In diesem Fall war es Ryan, der gar nicht daran dachte, mich so einfach ziehen zu lassen.

„Ist alles okay bei Dir?“

Eine einfache Frage. Eigentlich. Aber bei Ryan konnte ich nie wissen… Andrea, hör auf, überall weiße Mäuse zu sehen und von anderen das Schlechteste anzunehmen.

Gestern hatten wir uns für einen Augenblick im selben Boot befunden, da war es nur natürlich, dass er wissen wollte, wie es mir ging. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass noch etwas anderes dahinter steckte.