Das Alphabet | Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 – I see stars

 

My stars!

Einer ist mir noch zum Etüdensommerpausenintermezzo von Christiane eingefallen, als ich mich gestern mit meinem nächsten Beitrag für den #writing friday beschäftigt habe. Zur Zeit tut Abkühlung not, und wo ist es kühler als im Weltraum?

Der Weltraum – unendliche Weiten: Mein zweites Alphabet driftet ab… into the outer space. Möge die Kreativität auch weiterhin mit euch sein. Mich erinnert die Illustration übrigens an die Initialen, mit denen die Kapitel der Unendlichen Geschichte von Michael Ende anfangen:

Und wo ich persönlich nicht so recht weiterwusste, habe ich andere Quellen zu Rate gezogen. Bei den mit einem Stern *)gekennzeichneten Begriffen gilt: Fragen Sie nicht mich nach Details oder ausführlichen wissenschaftlichen Erklärungen, sondern lieber wikipedia und/oder einen Astrophysiker.

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Sternenkunde von A bis Z

Astronomie: Hieß es nicht früher Himmelskunde – im Gegensatz zur Erdkunde, der Geographie? Sternenkunde trifft es vermutlich besser, und den Anfang des astronomischen Alphabets könnte genausogut auch eine App machen, die ich auf mein Handy laden kann, um sofort zu wissen, auf welchen Himmelskörper mein Smartphone zeigt. Leider habe ich noch keine App gefunden, die mir zusagt.

Beteigeuze/Betelgeuze: Der Riesenstern im ohnehin schon markanten Sternbild des Orion befindet sich auf der linken Seite, im Verhältnis zum Stern an der Spitze auf ungefähr zehn Uhr. Ohne ihn als Quell der Inspiration, wären wir vermutlich nicht in den Genuss von Klassikern wie „Per Anhalter durch die Galaxis“, „Planet der Affen“ und „Beetlejuice“ gekommen, auch wenn mit letzterem Tim Burton diesen schönen Namen doch arg verballhornt hat.

Challenger-Katastrophe: Die häßlichen Seiten der Raumfahrt. Der 28. Januar 1986 war ein schwarzer Tag für die bemannte Raumfahrt, denn kurz nach dem Start zerriss es die Raumfähre in 15 Kilometern Höhe. Die gesamte Besatzung kam bei diesem Unglück ums Leben, und an die Bilder erinnere ich mich heute noch.

Delta-Quadrant: Wenn mich Astronomie oder Astrologie nicht weiter bringen, sollte ich es mal mit Science-Fiction versuchen. Im Delta-Quadranten findet sich die Besatzung der Voyager, unter der Führung von Captain Janeway wieder und ist nun verzweifelt auf der Suche nach einem schnelleren Weg nach Hause.

Eisriesen *): Neptun und Uranus sind die beiden äußersten Planeten unseres Sonnensystems, nachdem man Pluto im Jahr 206 offiziell den Planetenstatus aberkannt hat und dieser nun zu den Zwergplaneten zählt. Wegen ihrer immensen Größe und ihrer Zusammensetzung aus flüchtigen chemischen Verbindungen (auch Eis genannt) zählen sie zu den Eisriesen: Neptun hat das 58fache Erdvolumen, Uranus das 65fache) – und beide erscheinen auf Voyager-2-Aufnahmen von 1986 und 1989 blau. Wenn man den Planetenweg zwischen Hainburg und Seligenstadt am Main entlang radelt, muss man jedenfalls ganz schön lange strampeln, bis man die beiden Metallkugeln erreicht hat. Dann hat man sich auf jeden Fall ein Eis verdient.

Finsternis: Mondfinsternisse habe ich schon einige gesehen – diese kommen öfters vor. Meine Ausbeute an Sonnenfinsternissen ist dagegen eher gering. Was war ich aufgeregt, als ich am 11. September 1999 mit dem ICE nach Stuttgart fuhr und dann eine riesige Enttäuschung erlebte, als sich der Himmel zuzog und es in Strömen zu regnen begann. Die totale Sonnenfinsternis konnte man nur anhand der einsetzenden Dunkelheit erahnen. Gesehen habe ich dafür jede Menge Regenschirme, die im Blitzlichtgewitter lustig bunt flackerten. Ähnlich meine verpasste, diesmal ringförmige Sonnenfinsternis am 3. Oktober 2005 auf Ibiza: Kurz bevor es losgehen sollte, versperrten Wolken die Sicht und zogen erst wieder fort, als das Spektakel, das man nur erahnen konnte, vorbei war.

Geklappt hat es dann leider erst im März 2015, und das war dann auch die letzte – totale Sonnenfinsternis -, die ich nicht nur zusammen mit meinem Mann erleben durfte, sondern vermutlich auch für den Rest meines Lebens. Es sei denn, ich hätte die Möglichkeit, nächsten Juni nach Nordkanada zu reisen, doch wegen Corona wird vermutlich nichts draus. Um sicherzugehen, könnte ich auch bis 2022 warten, dann gibt’s in Europa eine partielle, oder bis 2023 – dann gäbe es eine hybride, allerdings in Australien. A propos Corona – mit K geschrieben, bezieht sie sich auf den Strahlenkranz bei einer totalen Sonnenfinsternis.

Gravitation: Angeblich soll Sir Isaac Newton hinter ihr Geheimnis gekommen sein, als er unter einem Baum saß und ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Er ist nicht der erste, der sich mit diesem Phänomen beschäftigte – neben einer Reihe anderer Namen in ihrer Entdeckungsgeschichte ist auch der Galileis verbürgt. Galileo Galilei wird auch von David Randolph Scott zitiert, als er als Commander der Apollo-15-Mission mit einer Feder und einem Hammer beweisen möchte, dass Objekte im luftleeren Raum gleich schnell fallen, egal wie groß oder schwer sie sind.

Heliozentrisches Weltbild: „Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten“, diese Eselsbrücke veranschaulicht, in welcher Reihenfolge – von innen nach außen gesehen – die Planeten um die Sonne kreisen: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto. Okay, seit 2006 sind es nur noch acht, und die Suche nach einem richtigen neunten Planeten geht weiter. Aber wie auch immer: Diesen Wissensstand zu erreichen, war harte Arbeit, denn lange Zeit herrschte das geozentrische Weltbild vor, demzufolge Sonne und die anderen Planeten um die Erde kreisen. Seit der Antike in Stein gemeißelt, drohte Ungemach, wenn man davon abwich, denn da verstand die Kirche keinen Spaß. Diese Erfahrung musste auch Galileo Galilei machen, der von der katholischen Kirche verurteilt wurde. Sie konnten nicht verhindern, dass sich das heliozentrische Weltbild, in dem die Planeten um die Sonne kreisen, nach und nach durchsetzte. Am 31. Oktober 1992 wurde Herr Galilei dann von Papst Johannes Paul II rehabilitiert (Quelle: http://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/speeches/1992/october/documents/hf_jp-ii_spe_19921031_accademia-scienze.html), aber da war er schon seit Jahrhunderten tot, und seine Erkenntnis schon lange in Wissenschaft und Allgemeinbildung fest verankert.

Internationale Raumstation ISS: Eine Zeitlang konnten wir die sogar von unserem Garten aus sehen, aber permanent da drin leben und arbeiten möchte ich nicht – da bekommt das Wort Home Office doch gleich eine ganz andere Bedeutung. Die aktuelle Besatzung wird sich vorerst zwar keine Gedanken über Corona machen müssen, aber rund um die Uhr einen Gehörschutz tragen zu müssen, stelle ich mir auch nicht so lustig vor. Und ob ich es so prickelnd finde, permanenter Strahlung ausgesetzt zu sein oder Gefahr zu laufen, von einem Sonnenwind erwischt zu werden… dann doch lieber hier unten bleiben und mir die Sterne von der Erde aus anschauen.

Jungfrau: Die hellsten Sterne dieses zweitgrößten Sternbildes, am Himmel „angesiedelt“ zwischen Löwe und Waage (wie im Horoskop), sollen angeblich eine liegende Person darstellen. Ein Schelm, der Unanständiges dabei denkt.

Kassiopeia: Dieses sehr auffällige Sternbild in W-Form, das man bei uns das ganze Jahr über bewundern kann, wird in anderen Sprachen auch mit einem C geschrieben.

Leoniden: Warum ich diesen Strom von Sternschnuppen noch immer mit den Perseiden (Laurentiustränen) verwechsele, ist ein bisher ungelöstes Rätsel. Hätten die Leoniden nämlich etwas mit dem Sternbild des Löwen zu tun, würde man sie nicht erst im November sehen, sondern bereits im August. Aber dieses Jahr werde ich beide beobachten, das habe ich mir vorgenommen. Kurzinfo zum Bild – Leonid Meteor Storm 1833 – painting by Edmund Weiß – E. Weiß: ““Bilderatlas der Sternenwelt““ (1888) * “’Description:“‘ Leonid Meteor Strom, as seen over North America in the night of November 12./13., 1833. * Copyright expired (book printed in 1888, author died in 1917) {{PD-Old}} – das sieht fast aus wie bei den Niagarafällen:

M4: In England ist das eine Autobahn mit mautpflichtigem Teilstück (Expressway) – im Weltraum ist das ein Kugelsternhaufen – eine Ansammlung von unzähligen Sternen, die auf Fotografien eindrucksvoll wirken. Ich hatte als Kind ein Buch über Sterne und Planeten, in denen einige Kugelsternhaufen abgebildet waren – in rot und blau. Ich war fasziniert.

Nächtliche Beobachtungen mit bloßem Auge: In Ballungszentren wegen der vielen Lichtquellen extrem schwierig; besser ist der dran, der sein Glück auf dem Land versucht. Ein gutes Fernglas kann unterstützend wirken, ideal wäre jedoch ein Teleskop. Bonne chance.

Orion: Dieses Sternbild ist so markant – ich würde es jederzeit und überall wiedererkennen… auch auf der Südhalbkugel; in Papua-Neuguinea zum Beispiel gelten seine Gürtelsterne als Kanuinsassen.

Pferdekopfnebel: Mit dem bloßen Auge ist er nicht sichtbar – dazu braucht es schon ein Teleskop, um den wie einen Pferdekopf geformten Emissionsnebel in seiner vollen Schönheit bewundern zu können.

Quasar *): Abgeleitet von dem englischen Begriff „quasi-stellar radio source“, ist damit der Kern einer aktiven Galaxie gemeint – oft befinden sich dort Schwarze Löcher, eine Briefmarke der Deutschen Post aus der „Astrophysik“-Serie trägt die Bezeichnung „Schwarzes Loch / Quasar“.

Roter Planet: Umgangssprachliche Bezeichnung für unseren nächsten Nachbarn, den Mars. Erforscht wird er jedenfalls schon fleißig, und vor einiger Zeit wurden Leute im Radio befragt, ob sie sich denn vorstellen könnten, an einer Expedition zum Mars ohne Rückfahrkarte teilzunehmen. Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Erinnern kann ich mich an keine – ich wäre zum damaligen Zeitpunkt womöglich mitgeflogen, wenn man mich gefragt hätte. Heute sähe meine Antwort vermutlich anders aus. Auch wenn die Vorstellung aus unzähligen Science-Fiction-Büchern und -Filmen bestimmt hochgradig spannend und faszinierend ist, in absehbarer Zeit wird es zu einer Bewohnbarmachung des Mars vermutlich nicht kommen (PS: Ein Internet-Joke über Leben auf dem Mars gibt es auch schon.)

Schwarzes Loch: Wer dort hineingezogen wird, ist verloren. Ein Entkommen ist unmöglich, aber was genau passiert, wenn man hineingerät, möchte ich so genau dann lieber doch nicht wissen. Die einen sagen so, die anderen so, aber das Ende wird kein gutes sein, und vielleicht ist einem das Schicksal vorher schon gnädig. Das ist die zweite hässliche Seite der Raumfahrt – Gefahren überall.

Teleskop: Lange Zeit stand es unbenutzt in einer Ecke, doch jetzt wird es wieder zum Einsatz kommen, wenn ich in meinem nächsten Urlaub den nächtlichen Himmel nach Sternen, Planeten und Meteoren absuchen möchte.

Uranus *): Der andere Eisriese in unserem Sonnensystem. Als siebter Planet mit 1,9 Millarden Kilometern Entfernung von der Sonne, wälzt sich dieser blassblaue Koloss auf seiner Umlaufbahn um die Sonne und braucht dafür rund 84 Jahre. Wenn ich das richtig verstanden habe, dauert dann ein Polartag 42 Jahre, denn nach jedem halben Umlauf ist einmal die Nord- bzw. Südhalbkugel der Sonne zugewandt. Dafür rotiert er schneller um die eigene Achse als die Erde. Aber das fällt bei der Länge eines Uranusjahres auch nicht groß ins Gewicht. Viel spannender fände ich die Frage, ob man denn darauf leben könnte, wenn man das wollte. So schön der Anblick von 27 Monden auch sein mag, aber leider, leider muss ich jetzt alle Neugierigen (und mich selbst) enttäuschen. Schon allein wegen der langen Polartage bzw. -nächte. Und die Atmosphäre soll auch nicht unbedingt so gesund sein. Hauptsächlich Methan. Wohlfühltemperaturen sehen auch anders aus, bei mehr als zweihundert Grad unter Null könnte man hier so einiges an Lebensmittel frisch halten, aber für wen? Starke Winde wären jetzt auch nicht mein Fall – gegen die waren Orkan Kyrill und Hurrikan Katrina laue Lüftchen.

Venus: Lange Zeit wusste ich nicht, welchen Stern ich da allabendlich bewundere, der vor meinem bloßen Auge so hell erstrahlt und die Ähnlichkeit von drei Punkten auf einem Haufen hat, bis mir eine Freundin erklärt hat, um welchen Himmelskörper es sich tatsächlich handelt.

Weltraum, der: Unendliche Weiten… Spielplatz für Science Fiction und Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen. Forschung und Spekulation; Astronomie und Astrologie… die menschliche Vorstellungskraft ist vielfältig.

X-ray Dim Isolated Neutron Stars (XDINS) *): befindet sich ein massereicher Stern in seiner Entwicklung im Endstadium, spricht man von einem Neutronenstern; ein XDIN ist zwischen 100.000 und 1.000.000 Jahren alt und befindet sich in der sogenannten Abkühlungsphase.

Yed Prior *): Nein, das ist nicht der Oberste der Yedi-Ritter, sondern der Eigenname eines Sterns im Sternbild „Schlangenträger“, wo er mit Yed Posterior einen sogenannten Doppelstern bildet: Vordere Hand und Nachfolgende Hand. Alternativ fällt mir zum Ypsilon noch die im Dunkeln leuchtende Sternkarte aus dem Yps-Heft ein, die ich als Kind geschenkt bekommen und über meinem Bett aufgehängt habe – damit ich auch nachts in die Sterne gucken konnte, wenn der Schlaf nicht kommen wollte.

Zenit: Nicht nur die Sonne kann an diesem höchsten Punkt (meist gegen Mittag) stehen, sondern auch andere Himmelskörper wie z.B. die Kassiopeia. Wenn die Laurentiustränen fallen, ist genau diese Zeit die beste zur Beobachtung – nachts, zwischen zwei und vier Uhr. Im Erdkundeunterricht habe ich gelernt, dass am Äquator die Sonne stets zur gleichen Zeit im Zenit steht, so wie sie auch stets zur gleichen Zeit auf und unter geht.

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Gereimt hat sich heute nichts.

Aber dafür hat dieser Ausflug in den Orbit und darüber hinaus vielleicht bei dem/der ein oder anderen für Abkühlung gesorgt. Ich habe jedenfalls sehr darauf geachtet, der Sonne nicht zu nahe zu kommen, denn davon hatten wir jetzt reichlich. Mit Sternchen markierte Begriffe werden hier nochmal genauer erklärt: EisriesenQuasarUranusXDINSYed Prior .

„Broken Strings“ : Chapter 44 – (Don’t you) put the blame on the messenger

 

Natürlich war es nicht meine Schuld gewesen, dass der ganze Aufbau in sich zusammengefallen war. Trotzdem blieb da dieses komische Gefühl, so lange die Suche nach der Ursache andauerte.

Eine Woche mag keine lange Zeit sein, doch mir kam sie vor wie ein Monat: Eine Woche, in der man in einem winzigen Nest im Nirgendwo gefangen und für die anderen der Buhmann ist – in früheren Zeiten hätte man den Überbringer schlechter Nachrichten umgehend ins Jenseits befördert. Heute hieß es zwar „Don’t you put the blame on the messenger“, doch da ich bei der Befragung keine gute Figur gemacht hatte, durfte den Schlamassel ich ausbaden.

Wer hatte von der Instabilität gewusst? Ich natürlich, und dass ich nicht schon zu Beginn des Konzerts mit der Sprache herausgerückt war, hatte niemand verstanden. Jetzt war ich das Kollegenschwein, das versucht hatte, von sich selbst abzulenken und den Lichttechnikern zu unterstellen, dass diese ihren Job nur unzureichend erledigt hatten. Don’t you put the blame on the messenger? Nein, wir suchen uns einen anderen Sündenbock… Wie lächerlich war das denn?

Nicht lächerlicher, als Ryan zum Boten zu erklären, weil der mit seiner blöden Bemerkung vom wackelnden Haus das Unglück angeblich erst herbeigeredet hatte. Mit so einem abergläubischen Geschwätz brauchte man Lee nicht zu kommen. Für sie stand fest, dass ich die Böse war und der Drummer der arme Kerl, der sich heldenhaft zwischen mich und den tonnenschweren Metallschrott geworfen hatte und jetzt deswegen traumatisiert war.

Traumatisiert? Ach, wirklich? Da hatte ich einen ganz anderen Eindruck. Dass sich ausgerechnet das „arme Opfer“ zu meinem Fürsprecher aufschwang, trug nicht zur Verbesserung ihrer Stimmung bei. Ihrer Meinung nach wäre ich am besten auf der Stelle von der Bildfläche verschwunden.

Ein bißchen schwierig, dachte ich, wenn man am Arsch der Welt hockt und keiner den Chauffeur für einen spielen will.

Aber dieser kurze Moment der Genugtuung und Ryans Versuche, mich davon zu überzeugen, dass ich für das Dilemma nichts konnte, trösteten mich nicht darüber hinweg, wie unangenehm mir die ganze verfahrene Situation war. Sollte mich Lee doch mit Verachtung strafen, wenn wir uns über den Weg liefen, aber dass meine Kollegen nur das Nötigste mit mir sprachen, machte mir mehr zu schaffen. So langsam lagen bei uns allen die Nerven blank.

Ich glaub’s nicht“, stöhnte Brian gequält auf. „So langsam könnten sie doch endlich mal damit rausrücken, was Sache ist.“

Sein Blick auf den Terminkalender sprach Bände. Am kommenden Samstag sollten OxyGen eigentlich in Victoria spielen, und nun saßen seine Leute noch immer mehr als sechshundert Kilometer entfernt fest, ohne zu wissen, woran sie waren. Dem Rest der Band ging es nicht anders. Untätig herumzusitzen, kam für sie nicht in Frage, also probten sie für den nächsten Auftritt, von dem sie hofften, dass er wie geplant stattfinden würde.

Leider musste ich Mark und Danny Recht geben: So lange Brian das Sagen gehabt hatte, war zwar auch nicht immer alles rund gelaufen, aber im Ungewissen hätte er seine Leute nicht gelassen. Hinzu kam noch ein weiteres Problem. Die Fahrzeughalle der McIntyres bot ihnen zwar genug Platz zum Üben, aber es waren gehäuft auftretende Stromschwankungen, die für unwillkommene Zwangspausen sorgten. Der erste, der genug davon hatte, war John.

„So kann ich nicht arbeiten“, rief er genervt und stürmte mir entgegen.

Nanu, wo will der denn hin?“ wunderte ich mich und ließ den Schwamm sinken, mit dem ich gerade die Scheiben des Impala bearbeitete. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Er will sich die Elektriker schnappen“, verkündete Ryan, der ihm gefolgt war und nun im Türrahmen lehnte, um sich eine Zigarette anzuzünden. „Vielleicht kommen sie ja dahinter, warum wir ständig ausgebremst werden.“

Aha, der nächste, den dieser Zustand nervt, dachte ich, und ich wette, es dauert nicht mehr lange, bis noch einer das Handtuch wirft. Immerhin war das heute schon das zweite Mal, dass sie keinen Strom mehr hatten.

Und was, wenn nicht?“ Die Frage kam mir spontan über die Lippen.

Wenn was nicht…“ Nanu, Mr. Miller, sind wir heute etwas schwer von Begriff oder ist die Frage rhetorisch gemeint? „So, so. Rhetorisch… Aha.“

Mist. Warum hielt ich meine Gedanken nicht besser unter Kontrolle? Natürlich erwartete er auf diese Frage keine Antwort, darauf hätte ich ohne weiteres gewettet – aber nicht darauf, dass er die halb gerauchte Zigarette wegwarf und lässig auf mich zu schlenderte. Vielleicht etwas zu lässig.

Vorsicht, mein Freund – noch ein Schritt, und Du schließt Bekanntschaft mit dem Inhalt meines Eimers… und ich kann Dir eins garantieren: Marks Wagen ist schon lange nicht mehr geputzt worden.

Aber vielleicht musste ich gar nicht so weit gehen; den mit Putzwasser getränkten Schwamm hatte ich noch in der Hand. Wenn er frech wurde, würde ich ihm eine kalte Dusche verpassen. Das schien er zu ahnen und griff danach.

Och nö, nicht wieder dieses Spielchen! Schnapp Dir den Eimer, Andrea, und sieh zu, dass Du Land gewinnst.

Aber diesen Wettlauf würde ich gnadenlos verlieren, denn  die Tür wurde erneut aufgerissen und es erschien jemand im Eingang, der von dieser Szene einen falschen Eindruck bekam. Warum war ich nicht schneller gewesen und hatte diesen dämlichen Eimer ausgekippt?

Dann hätte Mike nicht so reagiert: Der Blick, den er seinem Kollegen zuschoss, sprach Bände – das Eis in seiner Stimme unterbot die so schon niedrigen Außentemperaturen locker um einige Grad Celsius: „Hey, Miller, Dein Typ wird verlangt. Für ’ne Unplugged-Session.“

Das bezweifelte ich doch sehr. Mir war ein Rätsel, was er hatte. Mike war schon die ganze Woche über so komisch gewesen, und nun würde nicht mehr viel fehlen, dass er in die Luft ging. Eifersuchtsdrama 2.0 – das war der Moment, vor dem mir am meisten graute. Wir waren ohnehin schon alle gereizt, da brauchte keiner von uns noch einen nichtigen Anlass als Funken, der das Dynamit zur Explosion brachte.

Und jetzt zu Dir“, wandte er sich mir mit gefährlich leiser Stimme zu.

Oh Shit, das klang gar nicht gut. „Dass Ihr Euch beide so gut versteht, ist ja was ganz neues.“

Dass wir uns so gut verstehen? Geht’s noch?

Aber Mike war noch nicht fertig. „Es gefällt mir gar nicht, dass er neuerdings um Dich auffallend oft herumscharwenzelt.“

Ach – und jetzt war ich daran auch noch schuld, oder was? Mich ärgerte, dass ich so naiv gewesen war und nicht mitbekommen hatte, was hier wirklich gespielt wurde. Aber war ich verantwortlich dafür, wenn sich andere sich nicht im Griff hatten? Wohl kaum. Aber eins wusste ich mit Sicherheit: Mein Versuch, Ryan davon zu überzeugen, dass er sich seine Annäherungsversuche in Zukunft sparen könne, war komplett danebengegangen.

Manche Dinge änderten sich eben nie: nicht nur meine Bereitschaft, im Zweifel dem Angeklagten eine Chance zu geben, nur um später festzustellen, dass ich wieder einmal viel zu gutgläubig gewesen war; sondern auch Mikes Eifersucht, von der ich geglaubt hatte, dass er sie abgelegt hatte und die völlig unbegründet war. Ach, wirklich? meldeten sich bei mir erste Zweifel, wer wirklich einen Grund sucht, findet auch einen. Selektive Wahrnehmung nannte man das wohl.

Man sieht nur, was man sehen will, und in seinem Fall spielte sich die Show, die ich ihm damals nach unserem Billardturnier geliefert hatte, erneut vor ihm ab. Ich musste ihm nur in die Augen sehen, um zu erkennen, dass alle meine Beteuerungen, dass seinen Kollegen und mich nichts verband, verschwendete Zeit waren. Noch einer, der ein Talent dafür hatte, sich in Dramen jeglicher Art hineinzusteigern – darin waren wir uns sehr ähnlich. Aber sollte ich deshalb meinen Ärger über sein Misstrauen hinunterschlucken? No way! Angriff war immer noch die beste Verteidigung.

Hallo??!!! Komm mal wieder runter – wir haben uns ganz normal unterhalten…“

Normal. Aha.“

Spar Dir Deinen Sarkasmus“, fauchte ich zurück und pfefferte den Schwamm in den Eimer. Jetzt war ich wirklich sauer. „Was Du mir unterstellen willst, ist echt das Letzte!“ Wütend funkelte ich ihn an.

Dir unterstelle ich gar nichts“, gab er zurück und kam langsam auf mich zu. „sondern ihm.“

Was?“ entfuhr es mir. Ich hatte mich wohl verhört. Gerade noch hatte Mike mir praktisch vorgeworfen, dass ich kurz vor dem Seitensprung stand, und nun ruderte er zurück? Ja, war ich denn im falschen Film? Wie ich aussah, wenn mir die Gesichtszüge entgleisten, wollte ich lieber nicht wissen.

Andie, ich bin nicht blind. Glaubst Du, ich sehe nicht, was er vorhat?“

Wie war das nochmal mit der selektiven Wahrnehmung? Dann sag das ihm und nicht mir, wollte ich antworten, aber das musste warten, denn plötzlich waren wir nicht mehr unter uns. John war zurückgekommen, dicht gefolgt von Lee.

Schön, dass ich Euch alle hier treffe. Das macht es so viel leichter“, fing sie an. Was machte es leichter? Und was meinte sie mit „es“? Wenn sie uns auf diese Weise zu einer Krisensitzung zusammentrommeln wollte, dann hatte sie eine komische Art. Und tatsächlich – mit meiner Einschätzung lag ich richtig, denn sie hatte uns eine wichtige Mitteilung zu machen. Hoffentlich redete sie nicht um den heißen Brei herum und kam gleich zur Sache. Auf eine Verlängerung des momentanen Zustandes legte nämlich keiner von uns Wert.

Okay, Leute, ich mach’s kurz. Das Ergebnis der Untersuchung ist endlich da.“

Sie hielt ein mehrseitiges Pamphlet in die Höhe, abgesegnet, -gestempelt und unterschrieben von offizieller Stelle Jetzt wurde es wirklich spannend.

„Ich überspringe die technischen Details… ’nach eingehender Untersuchung kommen wir zu der Erkenntnis, dass Materialermüdung der Streben im oberen Drittel den Einsturz verursacht hat und menschliches Versagen ausgeschlossen werden kann.‘ Tja, wie ich die Sache sehe“, jetzt ging ihr Blick in Richtung von Bradley und Kevin, „liegt es nicht an Euch, sondern an der Location selbst, und da sieht man eindeutig den Veranstalter in der Pflicht.“

Gab’s denn vorher keine Inspektion?“, unterbrach Brian ihre Ansprache. „Oder regelmäßige Kontrollen?“

Die Frage war berechtigt, aber die Antwort darauf machte uns auch nicht schlauer.

Diesem Gutachten nach liegt die letzte Generaluntersuchung erst zwei Monate zurück, und da hat man keine Beschädigungen irgendwelcher Art feststellen können, sonst wäre die Location nicht abgenommen worden. Aber macht Euch am besten selbst ein Bild“.

Und damit überreichte sie Brian ein zweites Exemplar des Schreibens, das er in seiner Tasche verstaute. Er würde sich später darum kümmern; doch im Moment interessierte ihn eher, was aus dem kommenden Wochenende werden würde. Jetzt war sie da: die Chance, Lee festzunageln. Mike kam ihm jedoch zuvor.

Hey, Lady, was ist denn nun mit unserem Auftritt in Victoria? Wenn unsere Techniker aus der Nummer raus sind, kann es doch wie geplant weitergehen. Wir haben immerhin schon den Vierundzwanzigsten.“

Guter Punkt“, antwortete sie. „Fangt am besten schon mal mit Packen an.“

Leute, Ihr habt Lee gehört. Wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit“, klinkte sich Brian ein, lauter als sonst, dem die Einmischung seines Kollegen nicht passte, „das gilt auch für Dich, Mitchell.“

Doch der war an mir vorbei spaziert, ohne mich zu beachten und bereits auf dem Weg nach draußen – vertieft ins Gespräch mit unserer Managerin, die offensichtlich genauso ungern Lady genannt werden wollte wie ich: „Lady? Waren wir nicht längst per Du?“

Das musste Mike sich nicht zweimal sagen lassen; er sprühte gerade vor Charme und war die Herzlichkeit in Person. Sprachlos blickte ich den beiden hinterher. Was war denn das für eine neue Taktik?

Du hast beschlossen, mir die kalte Schulter zu zeigen, Sweetheart? Na warte, wenn Du das Spiel so spielen willst… Ein Pfiff riss mich aus meinen Gedanken.

Na, da hol mich doch der Teufel!“

Irritiert fuhr ich herum und starrte Danny an, der seinen Gedanken freien Lauf ließ und den beiden ebenfalls hinterher schaute „Isn’t it romantic? – So freundlich war Lee doch früher nicht….“

Jetzt war ich es, die ihn anstarrte. Was hatte das denn zu bedeuten? Isn’t it romantic? – Einen solchen Spruch hätte ich allenfalls von seinem Kollegen am Schlagzeug erwartet, aber nicht von ihm. Begeisterung klang anders. Schon begann ich mich zu fragen, was in ihn gefahren war, da fiel mir das Gespräch wieder ein, das Brian mit mir nach meinem Komplettabsturz geführt hatte.

War da nicht das Gerücht gewesen, dass er und Lee etwas miteinander gehabt hatten und deswegen ihr Freund Dylan kurz vorm Durchdrehen gewesen war? Wie sich jeder hatte denken können, war an dem Gerücht nichts dran gewesen.

Ach, wirklich? kam mir da plötzlich ein Gedanke… Höre ich da etwa einen Hauch von Eifersucht heraus? Kann es vielleicht sein, dass da zwischen Euch beiden doch etwas war und Du vielleicht immer noch Gefühle für sie hast? Komische Vorstellung…

Ja, wirklich sehr komisch – denn auf wen sollte er auch eifersüchtig sein? Auf Mike? Das kam mir noch absurder vor, und wenn ich nicht so verstimmt gewesen wäre, hätte ich sogar darüber lachen können. Aber andererseits… wenn ich mir die beiden so ansah…

so freundlich war Lee doch früher nicht… Vielleicht nicht zu Dir, aber zu Mike…

Ach, Blödsinn! Jetzt sah ich wirklich schon weiße Mäuse. Dennoch beschloss ich, Lee in Zukunft etwas näher ins Visier zu nehmen.