„Broken Strings“ : Chapter 48 – Sunset at the top

Du hast Dich um alles gekümmert…“ wiederholte ich seine Antwort. „… und warum habe ich davon nichts mitgekriegt?“

Tja“, räusperte er sich, „das haben Überraschungen so an sich. Aber ernsthaft: Ich glaube, das Ganze hat angefangen, als ich gesehen habe, wie Du Kellys Maschine bewundert hast. Ich wette, Du wärst selber gerne damit gefahren.“

Gut beobachtet, Mr. Mitchell, dachte ich bei dieser Eröffnung. Nun wollte ich auch den Rest hören, denn ich war neugierig, wie weit seine Beobachtungsgabe noch ging. Ich musste nicht lange warten: Ihm war meine Enttäuschung, dass sich Mark und Sue für meinen Vorschlag nicht begeistert hatten, nicht entgangen, und so hatte sein Plan konkrete Formen angenommen.

So, und jetzt mach die Augen zu. Auf Dich wartet nämlich noch der letzte Teil der Überraschung.“

Ach, du Schreck, was kam als nächstes?

„Nicht blinzeln, Süße.“

Jetzt mach’s nicht so spannend, hibbelte ich mit geschlossenen Augen und hörte Mike hinter mir mit einem Stück Papier knistern.

„So. Jetzt. Augen auf. Et voilà…“

Mein Blick fiel auf zwei ausgedruckte Online-Tickets. Aber wie zum…

„Sorry, dass es heute morgen nicht schneller ging, aber Chris hatte ein Problem mit dem Drucker. Beinahe hätte es nicht geklappt…“

Tickets für die Space Needle?“ stieß ich ungläubig hervor.

Ja, was dachtest Du denn?“ erwiderte er. Ob ich geglaubt hatte, dass er mit mir hierher gefahren war, nur um mir das Panorama zu zeigen? Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was ich glauben sollte.

„Ein Ausflug nach Seattle wird doch erst durch eine Besichtigung der Space Needle perfekt. Außerdem wäre das so, als würdest Du den Aufenthalt im Basislager der Expedition auf den Mount Everest vorziehen.“

Da kannte er mich aber schlecht. In meinen Augen war Perfektion ohnehin überbewertet. Und so, wie es Leute gab, denen allein die Trekkingtour zum Everest und dessen Anblick von unten reichte, war ich schon glücklich darüber, dass er mir diese Freude hatte machen wollen.

Der gute Wille zählte, und so hielt sich meine Enttäuschung, dass der romantische Abend zu zweit dann doch anders ablief als von ihm geplant, so ziemlich in Grenzen.

Schade. Ich hätte Dir so gerne das volle Programm geboten. 360 Sunset At The Top…“

Statt der Weinverkostung mit Häppchen bei Sonnenuntergang im Drehrestaurant saßen wir bei einer Tasse Kaffee an einem Fensterplatz im Café hoch oben im Turm und studierten die Karte mit ihren Burgern, Sandwichs und anderen Snacks. Etwas teuer, der ganze Spaß hier.

Ob sich hier etwas drehte oder nicht, war mir gleich; ich war froh, dass wir überhaupt noch einen Platz ergattert hatten, und dann noch einen so guten. Bestimmt war in der sogenannten Wine Bar auch nicht weniger los. Für ein romantisches Dinner wäre sie in meinen Augen der falsche Ort gewesen wie das Atmos Café.

Ich finde es ja unheimlich lieb von Dir, dass Du mich gerne zu diesem ‚Sunset Wine Experience‘ einladen wolltest, aber das hier ist Amerika, und da ich noch nicht 21 bin…“

Ich weiß, aber…“

Nichts ‚aber‘ – schau mal,“ deutete ich auf einen Punkt in der Beschreibung des Events, das ihm ursprünglich für unseren gemeinsamen Abend vorgeschwebt war,

Seating is limited and tables are shared… ich glaube, diesen Verlust kann ich verschmerzen.“ Und den Sonnenuntergang sehe ich mir sowieso lieber draußen an, fügte ich in Gedanken hinzu, wobei ‚draußen‘ relativ war.

Die sich drehende Aussichtsplattform war in meiner Vorstellung um Längen spannender als ein Tisch in der Bar oder im Restaurant. So überwältigend ich den Blick von dort oben auch fand, am Ende war ich dann doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Mann, war mir schwindelig, und dabei hatte ich doch gar nichts getrunken.

Es ist halt doch etwas anderes, sich in der Theorie den Gang über so einen Glasboden in luftiger Höhe vorzustellen oder dann tatsächlich dort drauf zu stehen. Die 184 Meter zwischen meinen Füßen und dem Straßenpflaster hatten völlig ausgereicht, um beim senkrechten Blick nach unten meinen Puls in die Höhe schnellen zu lassen.

Hey, Du siehst ja völlig fertig aus.“ stellte er erschrocken fest und nahm mich in die Arme.

Woher sollte er auch wissen, dass ich mich geirrt hatte, was mein gespaltenes Verhältnis zu großen Höhen betraf? Zwar konnte ich ohne Probleme aus einem Flugzeug schauen und stundenlang die Wolken unter mir betrachten oder beim Wandern den Blick vom Gipfelkreuz in die Ferne schweifen lassen, aber kaum setzte ich auch nur einen Fuß auf eine Gittertreppe, egal in welcher Höhe, zog sich in mir alles zusammen. Schon allein der Gedanke, dass unter mir nichts war als Luft, ließ mich transpirieren und mein Herz schneller schlagen.

Aber nicht vor Freude, sondern vor Unbehagen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Wenn ich geglaubt hatte, dass ich mich mit einem Spaziergang über den Glasboden meiner Angst erfolgreich stellen würde, dann war dieser laienhafte Versuch einer Konfrontationstherapie gründlich danebengegangen.

Die Schweißperlen auf meiner Stirn und meine klammen Handflächen sprachen Bände. Soviel zum Thema ‚wir schießen ein Selfie ganz oben‘ – da hätte ich mich vor den anderen ja schön blamiert. So hatte ich mir unseren Ausklang des Nachmittags nicht vorgestellt, und Mike vermutlich auch nicht.

Lass uns ein Stück gehen, Süße“, sprach er, „so können wir unmöglich weiter fahren. Und dann sollten wir zusehen, dass wir irgendwann noch etwas Richtiges in den Magen bekommen.“

Wie gut, dass er nicht auf sofortige Einkehr in ein Restaurant bestand. Während wir langsam und eng umschlungen am Ufer des Sees entlang wanderten, verlangsamte sich mein Herzschlag, und ich wurde nach und nach ruhiger. Ob es an ihm lag oder an dem Panorama unter dem ins Schwarz gleitenden Himmel, ich hätte mit ihm noch ewig so weitergehen können. Hunger hatte ich keinen, auch wenn Mike das anders sah. Dass ich so wenig aß, gefiel ihm gar nicht.

Seiner Meinung nach hatte ich es nicht nötig, auf meine Linie zu achten. Speckröllchen? Papperlapapp, so ein Unsinn, ich liebe jedes Pfund an Dir. Ich dagegen war von seiner Schmeichelei nicht überzeugt. Wenn ich das mit den Burgern und flüssigen Zuckerbomben noch weiter einreißen ließ, würde ich noch mehr zulegen als in den letzten Wochen und Monaten.

Wann ich zuletzt auf einer Waage gestanden hatte, entzog sich meiner Erinnerung, aber so wie es aussah, durfte ich mir in absehbarer Zeit neue Sachen kaufen; eine wärmere Jacke brauchte ich ohnehin, wenn ich vorhatte, noch länger hier zu bleiben. Und neue Hosen eine Nummer größer waren bestimmt auch nicht von Nachteil. Bequem waren meine Jeans schon lange nicht mehr.

Entweder hatte ich sie zu heiß gewaschen oder das viele Fast Food hatte bei mir angesetzt. Probier’s mal mit gesünderer Ernährung, Andrea. Wie wär’s zur Abwechslung mal mit Salat?

Nur Salat?“ wunderte sich Mike, als der Kellner unsere Bestellungen aufnahm.

Für ihn ein Steak und für mich nur Salat, und dazu nur Wasser? Das ging in seinen Augen gar nicht.

„Na gut“, seufzte er, als er begriff, dass alles Zureden bei mir nichts half. „Dann probier doch wenigstens von meinem Steak. Nur einen Bissen. Mir zuliebe.“ – Bitte Bitte – Quengel – Drängel – Welpenblick… das konnte er ja so gut.

Na schön – weil Du’s bist. Bitte!

Lustlos kaute ich auf dem Stückchen Fleisch herum, das er mir von seinem Porterhouse-Steak abschnitt. Wenigstens war es nicht mehr blutig. Die Bezeichnung „Stückchen“ empfand ich als einen Witz. Probierportion XXL traf es angesichts der 800 Gramm auf seinem Teller da schon eher. Obwohl seine Bestellung ja wirklich verlockend aussah, verging mir beim Anblick dieser Menge fast schon wieder der Appetit.

Hast Du wirklich so großen Hunger oder reizt Dich eher das Angebot des Hauses „Wer unseren Top-Klassiker inklusive Beilagen restlos schafft, bekommt ihn gratis“?

Allerdings war bei dieser Herausforderung Hilfe nicht erlaubt, auch nicht in Form des Happens, den er mir zuschob. Noch so einen, und ich würde platzen.

Schon besser“, nickte er zufrieden. „So, und jetzt noch einen Bissen für…“ Erneut wanderte die Gabel zu mir herüber.

Stop! Bitte..“ bremste ich ihn und griff nach meinem Glas. „Ich kann nicht mehr.“ Meine Hände zitterten.

Nachdenklich musterte er mich: „Kann es sein, dass Du nervös bist? Das würde so einiges erklären…“

Nervös? Ich? Einiges erklären? Worauf wollte er hinaus? Ratlos aktivierte ich meine kleinen grauen Zellen. Vergeblich. Dafür trat ein Funkeln in seine Augen – die imaginäre Glühbirne, die in Comics immer dann erscheint, wenn jemandem ein Licht aufgeht. Jetzt sah auch ich sie.

Aber natürlich. Das ist es. Du bist aufgeregt wegen morgen…“

Wegen morgen… ach ja, wie hatte ich vergessen können, dass wir schon sehnlichst erwartet wurden. Mariangela Mitchell, die nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen di Mauro angenommen hatte und sicherlich nicht damit rechnete, dass ihr Sprössling sie in Begleitung besuchen kam.

„Wenn’s nur das ist,“ versuchte er mich zu beruhigen, „Mum wird Dich mögen. Hab keine Angst.“

Das glaub ich erst, wenn’s soweit ist… Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass das Kennenlernen der Familie für einen von uns zum Fiasko geriet.

Was in gewissen Hollywoodfilmen teilweise zum Schreien komisch wirkt, war im wahren Leben für mich schon öfters das Grauen gewesen, vor dem ich am liebsten schreiend davongelaufen wäre. Warum sollte es jetzt anders sein? Halloween stand vor der Tür – was für ein passender Zeitpunkt für eine solche Horrorshow.

Reiß dich zusammen, Andrea, so schlimm wird es schon nicht werden. Dementsprechend unruhig hatte ich geschlafen, der Kaffee am nächsten Morgen hatte mir auch nicht geschmeckt, und das spartanische Frühstück, das ich mir förmlich hineinzwängen musste, hätte ich am liebsten ganz übersprungen. Aber mit leerem Magen aufs Motorrad zu steigen, war auch keine Option.

Zwei Pancakes und ein Becher Kaffee, das muss für den Rückweg reichen, redete ich mir ein, und versuchte, das mulmige Gefühl, mit dem ich auf den Sitz hinter Mike geklettert war, auszublenden und mich einzig auf die vor uns liegende Fahrt zu konzentrieren. Diese zog sich länger hin als erwartet, und je näher wir Vancouver kamen, desto schlimmer wurde es.

Noch mehr Kaffee in diesem Zustand? No way. Aber dass ich zusammenklappte und von der Indian fiel, wollte mein Fahrer auch nicht riskieren, also steuerte er das nächste Schnellrestaurant hinter der kanadischen Grenze an. Fünfzehn Minuten, und nicht mehr. Hinter dieser Anweisung steckte ein durchdachter Plan.

Legen Sie ausreichend Pausen ein. Aus welchem schlauen Ratgeber hatte er das denn? Und stand darin auch, dass wir ein rollendes Verkehrshindernis auf zwei Rädern bilden sollten? Dass er aus Rücksicht auf mich heute zur Abwechslung mal langsamer fuhr, fand ich rührend, aber erstens hätte das Wetter nicht besser sein können, und wenn wir uns zweitens in diesem Schneckentempo fortbewegten, würden wir nie ankommen.

Sag bloß, Du hast es eilig, wunderte ich mich über mich selbst, heute morgen wünschst Du Dir noch, dass der Augenblick niemals kommt, und jetzt kann es Dir nicht schnell genug gehen?

Lass uns nur schnell tanken und dann weiterfahren“, bat ich Mike, als er zu einem weiteren Zwischenstopp ansetzte.

Ja, lass uns weiterfahren und es so schnell wie möglich hinter uns bringen… Dieser Wunsch kam nicht mehr bloß von meiner Aufregung; inzwischen begann es sich zu rächen, dass meine Garderobe auf ein Minimum zusammengeschrumpft war, denn ich fühlte, wie ich immer mehr zu einem Eiszapfen mutierte. Ich wollte nur noch eins: ins Warme.

Hey, es ist nicht mehr weit. Nur noch über den Fluß und dann die nächste Ausfahrt rechts nach Killarney“, erklärte mir Mike. „Dann am Golfplatz vorbei, und wir sind da.“

Golfplatz? Killarney? In meiner Vorstellung entstand ein Bild von grünen Hügeln und malerischen irischen Landschaften, doch die Realität sah anders aus: Links ein Schrottplatz und eine Holzhandlung, rechts ein Asphaltmischwerk und zwei Recyclinghöfe, damit hatte ich nicht gerechnet, als wir den Fluss überquerten.

Ich hatte schon schönere Aussichten genossen und sagte mir, dass es noch schlimmer wohl nicht werden würde. Und tatsächlich sah es auch ganz danach aus, als wir nach der stundenlangen Fahrt endlich in die kleine Seitenstraße in der Nähe des Parks einbogen und vor dem Haus am Ende der Straße einbogen.

Ding Dong! Kaum hatte Mike den Klingelknopf losgelassen, wurde auch schon die Tür aufgerissen. Willkommen im Hause di Mauro: Ein Schwall italienischer Worte prasselte auf Mike ein, und noch ehe er Piep sagen konnte, hatte sie ihn an ihre Brust gezogen und ihm links und rechts zwei dicke, fette Schmatzer auf die Wangen gedrückt. Viva la Mamma!

Noch hatte sie nicht realisiert, dass ihr heiß und innig geliebter Jüngster nicht alleine auf ihrer Schwelle stand – die nicht enden wollende Umarmung ließ darauf schließen, dass sie sich schon länger nicht mehr gesehen hatten. Aber es würde nicht mehr lange dauern, bis sie mich wahrnahm. Am besten wappnete ich mich für die Begrüßung, von der ich nicht wusste, wie sie ausfallen würde, aber wahrscheinlich nicht so stürmisch wie die zwischen ihr und Mike.

Solange ich nicht misstrauisch beäugt oder mir das Gefühl gegeben wurde, unerwünscht oder gar lästig zu sein, war ich schon zufrieden. Aber falls doch, würde ich lieber nach Vancouver zurücklaufen oder trampen, auch wenn ich nicht wusste, wohin. Irgendein billiges Hostel würde sich schon finden. Aber dazu bestand zum Glück kein Anlass.

Nachdem seine Mutter ihn losgelassen hatte, übernahm Mike kurzerhand die Vorstellungsrunde. In einem für meine Ohren perfekten Italienisch. Überrascht ließ ich meine Blicke zwischen Mutter und Sohn hin und her wandern. Gegen so viel Redegewandtheit, noch dazu in einer Sprache, die ich nicht beherrschte, würden meine wenigen aus dem Wörterbuch zusammengeklaubten Brocken nicht die geringste Chance haben.

Bongiorno, Signora di Mauro“, radebrechte ich in meinem schlechtesten Italienisch, dessen ich fähig war. Oh Gott, war dieser Moment peinlich! Please, let the earth devour me…

Mrs. di Mauro trat einen Schritt zurück und beäugte mich, dann hellte sich der Ausdruck in ihrem Gesicht auf. Mit einem herzlichen Lächeln schloss sie auch mich in ihre Arme, wenn auch nicht ganz so überschwänglich wie ihren Sohn.

„Signora? Aber nicht doch…“

Sie will mir doch nicht schon vor dem ersten Kennenlernen das Du anbieten? war mein erster Gedanke, aber wie heißt es doch so schön? Andere Länder, andere Sitten.

 „… warum so förmlich? Sag doch einfach Mariangela zu mir… aber was rede ich. Warum kommt Ihr nicht erst mal rein? Ihr seht so aus, als könntet Ihr einen Caffè vertragen.“

Ach ja, jetzt einen schönen starken Kaffee, das wär’s, geriet ich ins Träumen und folgte unserer Gastgeberin ins Haus, die sich mir kurz darauf erneut zuwandte.

„Bitte, nehmt Platz.“

Davon wollte Mike jedoch nichts hören. Mit den Worten, dass er heute schon genug gesessen hatte, geleitete er seine Mutter gentlemanlike an den Tisch und rückte ihr den Stuhl zurecht, damit sie es bequem hatte. Danach kam ich genauso formvollendet an die Reihe. Das Kaffeekochen übernahm er.

Wenn es mit der Gesangskarriere nichts wird, Mr. Mitchell, dann können Sie immer noch als Barista anheuern, dachte ich, als ich ihm dabei zusah, wie geschickt er mit dem achteckigen Topf hantierte, so als hätte er jahrelang nichts anderes getan. Kurze Zeit später standen vor uns auch schon drei unterschiedlich große Tassen, aus denen ein betörender Duft aufstieg. Mit jedem Schluck des schwarzen Muntermachers spürte ich, wie meine Befangenheit von mir wich. Entspannt ließ ich meine Blicke durch die gemütlich eingerichtete Wohnküche schweifen.

Gardinen gab es an den Fenstern ebenso wenig wie eine Decke auf dem Tisch, und doch wirkte der Raum nicht kahl oder nüchtern, sondern warm und einladend, dank der hier und da verteilten Vasen, gefüllt mit Sonnenblumen. Blumen in Gelb, Orange und Gold, zum Leuchten gebracht durch das hereinströmende Sonnenlicht. Wie hatte ich nur glauben können, dass ich hier nicht willkommen sein würde?

Es sollte ja Eltern geben, die ihre Kinder ganz für sich haben wollten, Mariangela gehörte zum Glück nicht zu dieser Sorte. An ihrem Strahlen konnte ich sehen, wie sehr sie sich freute, ihren Jungen endlich wieder einmal zu sehen. Liebevoll strich sie ihm eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht – noch etwas, das sie gemeinsam hatten. Jetzt, da ich die beiden so einträchtig nebeneinander sitzen sah, sprang mir ihre Ähnlichkeit geradezu ins Auge. Sein gutes Aussehen hatte Mike eindeutig von ihr geerbt.

Hey Süße“, flüsterte mir später am Abend Mike zu, als ich mich schläfrig auf der Wohnzimmercouch zusammenrollte. Seine Mutter hatte mir Kissen und Decken dagelassen und war längst zu Bett gegangen. „Was habe ich Dir gesagt? Sie mag Dich. Wen sie einmal in ihr Herz geschlossen hat…“

Während ich es mir unter den Decken gemütlich machte, ließ er sich auf dem Fußboden vor mir nieder und reichte mir ‚als letzten Absacker‘ eine Tasse von dem Tee, den seine Mutter vor dem Schlafengehen zubereitet hatte. Eine Gewohnheit, die sie trotz der Trennung von Mikes Vater beibehalten hatte, weil ihr Kaffee am Abend mit zunehmendem Alter immer schlechter bekam.

Tee am Abend – so very british, dachte ich, und definitiv kein italienischer Moment im Leben. Na, heute lassen wir aber kein Klischee aus, wunderte ich mich über mich selbst.

Typisch italienisch, weil es für meine Landlady nicht in Frage kam, dass Mike und ich uns ein Zimmer teilten? Unverheiratete Paare in einem Zimmer? Niente! In diesem Punkt kannte sie kein Pardon, so sehr Mike auch versuchte, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Hier biss er leider auf Granit, denn gegen seinen Charme war sie immun.

Na schön, hatte ich gedacht, meinetwegen. Dann schlafen wir für die Dauer unseres Aufenthalts eben getrennt. Für die paar Tage würde es schon gehen. Sollte er ruhig in seinem alten Zimmer wohnen. Besser er als ich, denn er kannte das Haus in- und auswendig. Ehe ich Gefahr lief, mich nachts auf dem Gang zur Toilette zu verlaufen oder im Gegensatz zu ihm nachts lose Dielenbretter zum Knarren zu bringen und das halbe Haus aufzuwecken, zog ich dann doch lieber den Platz auf dem Sofa vor.

Zum Gäste-WC waren es praktischerweise nur ein paar Schritte. Also alles easy. Herzhaft gähnte ich und nahm einen letzten Schluck, von dem ‚Absacker‘.

Du bist doch nicht etwa schon müde?“, kam es von ihm zurück.

Rhetorische Fragen waren sein Spezialgebiet. Seine Augen funkelten verdächtig. Diesen lauernden Blick kannte ich, und mir wurde klar, was er im Schilde führte. Tee mit einem Schuss Brandy als Absacker… extra lange aufgebrüht und mit einem extra großen Schuss. This is not ‚very british‘.

Alles easy? Wessen Einfall das wohl gewesen war? Aus Mariangela di Mauros Spezialitätenkabinett für besondere Anlässe stammte diese Geheimzutat doch bestimmt nicht!

Ach, ach, mir wird so wunderlich, so leicht und so absunderlich… Hicks! Schämen Sie sich, Mr. Mitchell! Haben Sie wirklich geglaubt, ich durchschaue Ihre rabenschwarzen Absichten nicht? Mich erst betrunken machen und dann zu mir unter die Decke kriechen, in der Hoffnung, dass ich keinen Widerstand leiste?

Widerstand gegen Ihre Hände, die Sie offenbar nicht von mir lassen können und auf Wanderschaft schicken… Und kommen Sie mir bloß nicht damit, dass Sie mich nur festhalten, damit ich nicht von der Couch falle – nicht, wenn es sich um alle möglichen und unmöglichen Stellen an mir handelt. Übung auf der Rückbank macht den Meister oder die Meisterin, denn das kann ich genauso gut wie Sie… Ja, ja, die Bosheit ist nicht nur Dein Hauptpläsier, mein Schatz…

Eek! Shriiieeeek! Die Sprungfedern quietschten. Das Geräusch ging mir durch Mark und Bein. Oh Shit! Mit einem Schlag war ich hellwach. Einer allein konnte unmöglich so einen Krach verursachen, dazu gehörten immer zwei. Wenn uns nun jemand gehört hatte?

Erschrocken fuhr ich in die Höhe und schob Mikes Hände weg. Ich hatte zwar einen leichten Schwips, aber wenn ich meine Ohren nur weit genug aufsperrte, würde ich bestimmt herausfinden, ob die Luft rein war. Viel Erfolg hatte ich damit nicht, denn einen Augenblick später zog mich Mike erneut zu sich herunter.

Entspann dich, Süße“, raunte er mir verführerisch ins Ohr. Oder was er dafür hielt. Entspann Dich? So betrunken war ich dann doch nicht, um nicht zu erkennen, wohin die Reise ging.

Wenn ich Dich schon nicht nach oben lotsen kann, dann müssen wir eben mit dem Sofa hier unten vorlieb nehmen,“ schnurrte er eine halbe Oktave tiefer und versuchte, mich zu sich herumzudrehen.

Ganz schlechte Idee. „Ach ja?“ Diese Position war mir nicht geheuer. Bestimmt würde ich auf dem Fußboden aufschlagen, und dieser Knall Tote aufwecken. „Und was, wenn Deine Mutter uns nun hört?“ Unter mir ächzte das Sofa. Nanu, werden wir jetzt etwa leicht panisch? Entspannen, entspannen… wie zum Teufel sollte ich mich denn dabei entspannen? Mike hatte leicht reden!

Keine Panik! Das wird sie nicht.“ Nicht? „Glaub mir, Mum hat einen gesegneten Schlaf. Wenn sie erst mal eingeschlummert ist, könnte nebenan eine Bombe einschlagen, und sie…“

Details waren nicht nötig. Ich konnte es mir auch so vorstellen. Der feste Schlaf, um den ich ihn beneidete, war eine weitere Gemeinsamkeit zwischen ihm und seiner Mutter.

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