„Broken Strings“ : Chapter 54 – Separate Ways

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Michael Vincent Mitchell

18.061990 – 05.11.2019

Rest in peace

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Diese Annonce hat es nie gegeben, aber so, wie die Dinge lagen, hätte er ebenso gut auch tot sein können. Oder ich. Denn genauso fühlte ich mich, als sie mich in den Flieger setzten: innerlich abgestorben. Ein nicht vorhandenes Visum war es, was mir letztendlich den Hals brach. Natürlich nicht wortwörtlich, sondern nur bildlich.

Im Grunde ist Computerisierung etwas Feines. Man gibt alles direkt am Bildschirm ein und muss nur noch auf „send“ drücken. Dann geht alles an die Einwanderungsbehörde, und wenn die Antwort da ist, dass die Daten mit dem Reisepass verknüpft sind, ist alles in Butter.

Im Normalfall und wenn man konzentriert bei der Sache ist – was in meinem Fall Brian Kelly leider nicht gewesen war. Dieser eine Anruf, der ihm dazwischen gekommen war und der dazu geführt hatte, dass er vergessen hatte, sich davon zu überzeugen, dass alle Daten auch tatsächlich übermittelt worden waren, und die Antwort der Behörde. Welche Antwort?

Die Erneuerung meines Visums war im Nirgendwo gelandet, ohne dass auch nur einer von uns davon erfahren hatte. So entspannt ich die meisten Kanadier bisher auch erlebt hatte, so wenig Spaß verstand man hier beim Thema „illegale Einwanderung“. Der Officer, dem im Krankenhaus beim Abgleich der Daten die fehlende Verknüpfung in meinem Pass aufgefallen war, bildete da keine Ausnahme.

Und so stand ich unter ständiger Überwachung, ehe ich mich’s versah; aber diesmal nicht durch die Ärzte des General Hospital, in das man mich eingeliefert hatte, weil es von der Unfallstelle nur wenige hundert Meter entfernt lag, sondern durch Uniformierte, die außer den Ärzten niemanden zu mir ließen.

Meine Sachen, dir mir durch das Klinikpersonal ausgehändigt wurden, hatte jemand von der Band vorbeigebracht. Wer das war, konnte ich nur raten. Mike war es vermutlich nicht gewesen. Welchen Grund hätte er auch dazu gehabt? Ich tippte auf Brian, der meine Aufenthaltserlaubnis verschlampt hatte. Aber mir genaueres mitzuteilen, dazu sah sich keiner bemüßigt. Genau so stellte ich mir Quarantäne vor, auch wenn die Dauer meines Aufenthalts nur eine Frage von wenigen Tagen war und nicht von Wochen. Kontakt zur Außenwelt hatte ich außer zu den Ärzten keinen.

Für mich waren sie die einzigen mit Herz. Ihrer Ansicht nach stand ihnen ein Urteil über mich nicht zu, und niemand durfte mir die notwendige Behandlung verweigern. Schon weil sie mich nicht wie eine Kriminelle behandelten, fühlte ich mich etwas weniger wie eine Aussätzige, wofür ich ihnen dankbar war. Mein Anspruch auf ein Minimum an medizinischer Versorgung, bis es für mich nach Hause ging: Was an Kosten alleine dafür zusammenkommen würde, wollte ich mir lieber nicht vorstellen. Dazu war ich viel zu niedergeschlagen.

Ich würde es noch früh genug erfahren und finanziell bestimmt noch lange genug daran zu knabbern haben. Rein äußerlich sah man mir nicht viel an, doch schlimmer als die Prellungen und Schnittwunden waren meine inneren Verletzungen, besser gesagt die Blutungen, die der Zusammenstoß mit dem SUV ausgelöst hatte.

Um mich vor dem kompletten Zusammenbruch zu bewahren, hatten sie mir starke Beruhigungsmittel verabreicht, und angesichts meiner Schmerzen war die Dosis höher als im Normalfall, doch zur Ruhe zu kommen, fiel mir nur schwer, denn meine Gedanken fuhren Achterbahn.

Ihr seid echt das Letzte“ Mikes Verachtung, die er mir nur zu deutlich gezeigt hatte. Wenn Du wüsstest, wie lange ich darauf schon gewartet habe…“ Ryan und seine Worte, mit denen er versucht hatte, mich zur größten Dummheit zu verführen. „Wenn er das mit Euch beiden vermasselt, ziehe ich ihm höchstpersönlich die Ohren lang.“, „Ihr seid so ein tolles Paar!“ John, wie er mir seine Bewunderung für uns gestand. Du weißt was man über Schlangen sagt?“ „Sie sind kein Fan von Shopping?“ „Nein, das andere – dass sie sich gerne an dem bedienen, was anderen gehört“ Unser Ausflug zu viert, bei dem wir im Chinarestaurant hemmungslos herumgealbert hatten…

Und so ging es endlos weiter, wie eine tibetanische Gebetsmühle… Der Hamster im Laufrad… Irgendwann fiel ich in einen Schlaf, schwer wie Blei und ohne Träume.

Wie viele Tage braucht man, um halbwegs wieder so weit hergestellt zu sein, um einen zehnstündigen Flug zu überstehen? Unter normalen Umständen hätte ich „zwei Wochen, wenn nicht noch mehr“ geantwortet, aber normal war an der ganzen Situation gar nichts. Angefangen bei der Befragung, die anfing, nachdem die Wirkung der Medikamente abgeklungen war.

Die immer gleichen und einander ähnelnden Fragen: Wieso ich das Land nicht sofort nach Ablauf meiner Work-and-Travel-Genehmigung verlassen hatte… Weshalb ich mich nicht rechtzeitig um ein normales Touristenvisum gekümmert hatte… Warum ich mir ausgerechnet den Winter als Reisezeit ausgesucht hatte… Und die spannendste Frage, die den Officer am meisten beschäftigte: Wie ich bloß auf die Idee gekommen war, trotz des entsprechenden Verbots einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen…

Eigentlich wollte ich es nur noch hinter mich bringen, aber worauf diese Fragen abzielten, konnte ich mir denken: Wenn ich jetzt das Falsche sagte, war nicht nur ich dran wegen Verstoßes gegen Einwanderungsgesetze, sondern auch Brian und seine Kollegen wegen Schwarzarbeit.

Ohne einen Anwalt sag ich nichts, dieser Ratschlag aus amerikanischen Krimiserien half mir nur bedingt weiter. Welchen Beweis hatten sie denn schon?

Offiziell war ich immer noch privat in Vancouver. Als Mikes Freundin, jetzt wohl eher seine Ex-Freundin. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass von ihm eine brauchbare Aussage kommen würde, falls man ihn befragte. Und ob man sich die Mühe machen würde, umfassende Ermittlungen einzuleiten… nein, da war es doch die günstigere, schnellere und elegantere Lösung, mich in meine Heimat abzuschieben, nachdem ihnen die Ärzte grünes Licht gegeben hatten.

Meine Heimat: Offiziell wurde diese durch meinen Pass definiert, doch im Grunde hatte ich immer die Meinung vertreten, dass sie da war, wo mein Herz sich zu Hause fühlte. Home is where the heart is.

Jetzt aber fühlte ich mich wie entzwei gerissen, mein Herz zersprungen und seine Stücke über die ganze Welt verteilt… Wie sich das anhört, weiß ich ganz genau: Früher hätte ich mit den Augen gerollt, wenn ich so etwas zu lesen bekommen hätte. Aber nun steckte ich selbst mittendrin.

Einen Teil ließ ich gerade für immer hinter mir, ein anderer wartete in Frankfurt auf mich. Wussten sie dort überhaupt von meiner plötzlichen Rückkehr? Meine Leute hatte ich schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, da war es das Mindeste, dass ich sie darüber informierte.

Durch die Aufregung und Ungewissheit der letzten Tage hatte ich nicht daran gedacht, aber noch war es nicht zu spät. Aber mein Telefon war tot und ich musste warten, bis der Akku wieder aufgeladen war.

Anzahl ungelesener Nachrichten…“ ungeduldig wartete ich auf das Signal meines Smartphones, „… Null.“

Nach gefühlten Stunden des Wartens erschien das ersehnte „100%“ auf meinem Display. Normalerweise wäre jetzt eine Kaskade von Signaltönen auf mich eingeprasselt – als Zeichen, dass eine Nachricht nach der anderen in meinen Speicher strömte. Aber so sehr ich auch wartete, es tat sich nichts. Ungläubig starrte ich auf das Gerät: Nichts! Keine SMS, keine WhatsApp. Nicht von Mike. Nicht von Brian. Von niemandem. Nicht einmal von Jenny oder Nico, aber das hatte ich nicht anders erwartet. Schließlich konnten sie ja nicht hellsehen. Höchste Zeit, das zu ändern.

Ruf sie an, sagte ich mir und scrollte mich durch meine Kontakte.

Wohlweislich mied ich die Favoritenliste. Mikes Namen ganz oben vor Augen zu sehen, würde mir nur einen weiteren unnötigen Stich versetzen. Wegen des miserablen Handyempfangs hatte es nur wenig Sinn, Jenny anzurufen. Eine schriftliche Nachricht war die einzig brauchbare Alternative. Gerade hatte ich eingegeben, wann ich voraussichtlich in Frankfurt ankommen würde, da ertönte ein Signal. Endlich. Ein Lebenszeichen…

♪♫ ♪♫ ♪♫ How you remind me ♫ ♪♫ ♪♫ ♪ in Form eines Klingeltons, den ich auf Anhieb erkannte: Mark.

Sorry, Andrea, das hätte nicht passieren dürfen. Dass es so endet, tut mir unsagbar leid. Ich weiß, dass es Dich nicht tröstet, dass ich Brian deswegen zusammengefaltet habe, Mike für einen Idioten halte und Ryan zum Teufel wünsche…“

Seine Entschuldigungsarie war tatsächlich kein Trost für mich, genauso wenig wie die Nachricht, dass Mike dem Drummer eine verpasst hatte und danach ohne ein Wort verschwunden war. Wohin, das konnte sich jeder denken, aber ich wäre jetzt die Letzte gewesen, von der er angerufen werden wollte. Es wäre auch völlig sinnlos gewesen, denn als ich die Kontaktliste öffnete, fehlte sein Name. Diesen hatte er aus dem Speicher gelöscht, bevor er Mark meine Sachen ausgehändigt hatte.

… such nicht nach den Nachrichten, die Ihr Euch gegenseitig geschickt habt. Auch den Chatverlauf hat er komplett bereinigt….“

Oh ja, Mike hatte ganze Arbeit geleistet. Dieser Zug war endgültig abgefahren, und die abgekoppelten Waggons auf einem toten Gleis zum Stehen gekommen.

… er wollte sogar, dass wir alle Dich aus unseren Kontakten werfen, aber das erscheint mir nicht fair. Schließlich war ich nicht dabei und kann mir deshalb kein Urteil erlauben. Und was eventuell eingehende Nachrichten angeht – falls Dich unser Drummer anfunkt, lösch es. Und zwar ungelesen. Mit dem sind wir fertig!“

Der Rest bestand aus den in solchen Situationen üblichen Worten; und auch wenn es vermutlich die letzten waren, rechnete ich es Mark hoch an, dass er den Anstand besaß, sich von mir zu verabschieden und mich vor weiteren Unannehmlichkeiten zu warnen, insbesondere von Ryan, diesem elenden Heuchler.

Auf unglaubwürdige Entschuldigungsversuche konnte ich verzichten – oder auf Links zu Videos auf youtube, womöglich zu Songs wie „Separate Ways“ von Journey, was eigentlich Mikes Spezialität gewesen war. Aber damit war es ein für alle Mal vorbei. Ungelesen löschen? Mit Vergnügen, denn jegliche Versuche von seiner Seite würden ohnehin zu nichts führen.

Hatte nicht damals jemand gespottet, dass Mark der bessere Manager als sein Bruder sei? Vielleicht hatte er oder sie damit gar nicht so falsch gelegen, aber diese Erkenntnis war im Nachhinein betrachtet, für mich nutzlos. Genauso nutzlos wie die Frage, wie es für OxyGen weiterging, falls es die Band überhaupt noch gab. Mark hatte Ryan zum Teufel gewünscht? Na hoffentlich. Und wenn das hieß, dass er hochkant bei OxyGen rausflog, umso besser; auch wenn ich wusste, dass meine Genugtuung darüber nicht lange anhalten würde.

Am meisten schmerzte mich der erlittene Verlust und die Gewissheit, dass von Mike nichts mehr kommen würde. Von ihm nicht, und auch nicht von seinem besten Freund. Das wurde mir mit jedem Kilometer, den ich meinem Bestimmungsort näher kam, so richtig bewusst, und ich wollte nur noch eines: diesen Alptraum hinter mir lassen und den Flug endlich hinter mich bringen, auch wenn ich der Begegnung mit Jenny mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Ich nahm noch eine von den Tabletten, die man mir im Krankenhaus mitgegeben hatte und schloss die Augen.

Noch etwas benommen durch das langsam abklingende Beruhigungsmittel und die Auswirkungen der Zeitverschiebung, erwachte ich aus meinem Schlummer und folgte mechanisch den Anweisungen des Kabinenpersonals. Den Weg durch den halben Flughafen, die Gepäckabholung und durch den Zoll legte ich wie ferngesteuert zurück. Erst der Anblick des vertrauten Gesichts meiner besten Freundin in der Ankunftshalle brachte einen Funken Leben in mich zurück.

Ohne dass auch nur ein Wort nötig war, blieben wir voreinander stehen und sahen uns lange an. Die Frage, wer nach den letzten Wochen nun den ersten Schritt machen sollte, spielte keine Rolle mehr. Jenny verstand meinen Kummer auch so, ohne dass ich etwas sagte. Behutsam nahm sie mich in den Arm und hielt mich so lange, bis Nico mit einem Transportwagen für mein Gepäck auftauchte.

Auch auf der Fahrt nach Hause und in meinem alten Zimmer, das mir während meiner langen Abwesenheit fremd geworden war, wich sie nicht von meiner Seite und hielt meine Hände, bis mich nicht nur die Müdigkeit einholte, sondern auch die Gewissheit, dass ich zwar vieles verloren hatte, das mir alles bedeutet hatte, ich aber immer noch Menschen hatte, die mich liebten: Freunde und Familie. Mein sicherer Hafen, auch wenn ich eine zeitlang etwas anderes geglaubt hatte. Menschen, die zu mir hielten, egal wie groß der Mist auch war, den ich gebaut hatte. Und das würde mir keiner nehmen. Dafür würde ich sorgen, auch wenn es dafür Zeit brauchte. Viel Zeit.

Ende