Mein Kinojahr 2020 : November Noir – Teil zwei

Eine Chance für die Filme, die es im Oktober nicht geschafft haben oder einen erneuten Durchlauf bekommen sollen? Der November wird düster – die nächsten sieben Filme von meiner Liste, bei denen sich einige bestimmt fragen, was daran denn „noir“ sein soll, folgen jetzt, als Fortsetzung von dem am 8. November veröffentlichten Teil eins.

Sieben Filme – für jeden Tag einen, zum Teil in Schwarz-Weiß, und alles aus dem letzten Jahrhundert. Die Grundstimmung ist melancholisch oder gar düster, und die Helden sind nicht immer die Guten. Eher sind die Guten die Bösen, oder die ganze Situation ist aussichtslos und lässt nur Verlierer zu.

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Außer Atem + Im Schatten des Zweifels + Himmel ohne Sterne + Der dritte Mann + Ich kämpfe um Dich + Das Mädchen und der Kommissar + Vier im roten Kreis

(Fortsetzung folgt)

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Außer Atem (1960): Noch jemand, der wie Romeo und Julia sein möchte. Doch anders als die kindliche Holly in „Badlands“, will die amerikanische Studentin Patricia (Jean Seberg) erst noch herausfinden, ob sie nun den Autodieb Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) liebt oder nicht. „Ich weiß nicht, ob ich unglücklich bin, weil ich nicht frei bin – oder ob ich nicht frei bin, weil ich unglücklich bin“ – während sie tiefschürfende Gedanken wälzt, ist der Bogart verehrende Michel eher einfach gestrickt und würde sich für das Nichts entscheiden, wenn er zwischen diesem und dem Leiden zu wählen hätte. Nachdem der Ganove bei einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschossen hat, sucht er Unterschlupf bei Patricia. Und schon bald heftet sich die Polizei den beiden bei ihrer ziellosen „Flucht“ quer durch Paris an die Fersen.

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Im Schatten des Zweifels (1943): Es kann sich nur um Gedankenübertragung handeln – kaum denkt Charlie Newton (Teresa Wright) daran, wie schön es wäre, wenn ihr Onkel und Seelenzwilling Charles (Joseph Cotten) zu Besuch käme, da steht er auch schon vor der Tür. Doch die anfängliche Begeisterung wandelt sich in pures Grauen, als sich die Anzeichen verdichten, dass der liebe Onkel kein ehrbarer Geschäftsmann, sondern ein Serienmörder ist, den die Polizei schon seit einiger Zeit sucht und ihn nun gefunden zu haben glaubt; und als der Onkel seiner Nichte gegenüber sein wahres Gesicht zeigt, muss sie um ihr Leben fürchten.

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Himmel ohne Sterne (1955): In diesem Drama aus dem geteilten Deutschland steht eine Flucht im Mittelpunkt, die so nicht geplant war. Noch ist der eiserne Vorhang nicht befestigt, also besucht die Fabrikarbeiterin Anna Kaminski (Eva Kotthaus) aus dem thüringischen Broditz immer wieder heimlich ihren kleinen Sohn, den sie bei den Großeltern in Oberfranken nicht ganz freiwillig zurücklassen musste. Eines Tages reicht es ihr. Kurzerhand entführt sie das Kind in den Osten, doch unterwegs werden sie getrennt, und ausgerechnet der bayerische Grenzpolizist Carl Altmann (Erik Schumann) hilft bei der Familienzusammenführung. Bald schon verlieben sich die beiden ineinander, doch ihre heimlichen Treffen auf einem verfallenen Bahnhof im sogenannten Niemandsland werden zusehends gefährlicher. Die Hoffnung haben die Liebenden schon lange verloren, und so gibt es nur noch eine Lösung: die gemeinsame Flucht, aber diesmal von Ost nach West, und zwar mit der gesamten Familie Kaminski. Ich ahnte da bereits, dass dies kein gutes Ende nimmt – doch dass es dann als erstes den russischen Soldaten Mischa (Horst Buchholz) erwischen muss, der einen Passierschein für Anna und ihr Kind organisieren konnte, empfand ich geradezu als zynisch.

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Der dritte Mann (1949): Nicht nur Berlin war nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt, sondern auch Wien. Die Stadt liegt zu großen Teilen in Trümmern, und der Schwarzmarkt floriert. Und mit ihm das Verbrechen – in dieses Milieu gerät der amerikanische Westernautor Holly Martins (Joseph Cotten), als er von einem alten Freund Harry Lime (Orson Welles) eingeladen wird – nur kommt es nie zu einem Treffen, da Lime bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Dessen Todesumstände machen Martins stutzig, und er beginnt auf eigene Faust zu recherchieren und muss bald erfahren, dass Lime ein skupelloser Penicillinfälscher ist, der es in Kauf nimmt, dass Menschen durch das gepanschte Medikament zu Schaden kommen oder ihr Leben verlieren. Die Flucht durch die Kanalisation und die Trümmerhaufen Wiens ist mit ihren starken Kontrasten und überdimensionalen Schatten legendär, aus einer diagonalen Perspektive heraus gefilmt, erzeugen eine düstere und bedrohliche Stimmung. Das klassische Beispiel für einen „Film noir“ schlechthin.

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Ich kämpfe um Dich (1945): Amnesie! Der Mann, der nichts mehr weiß und glaubt, einen Mord begangen zu haben, wird in diesem Psychothriller von Gregory Peck verkörpert. Ingrid Bergman spielt die Psyhologin Dr. Petersen, die sich Hals über Kopf ihn ihn verliebt hat und das Geheimnis seiner Identität lüften möchte. Eine Konfrontation mit der triggernden Umgebung und Situation soll dabei Licht ins Dunkel bringen. Ohne die hypnotische Musik würde der Film (und vor allem der sonst so harmlos und gentelemanlike erscheinende Hauptdarsteller) weit weniger bedrohlich wirken – man unterschätze nie die Stimmung, die so ein Theremin erzeugen kann. Kleines, aber interessantes Detail am Rande: Die Traumsequenz wurde von Salvador Dalí entworfen. Das fand ich spannender als die Suche nach der Szene, in der Hitchcock einen winzigen Auftritt hat. Für einen winzigen Augenblick gibt es sogar einen roten Farbklecks in dem in Schwarz-Weiß gefilmten Drama mit starken Kontrasten: Wenn sich die Mündung eines Revolvers direkt auf die Kamera richtet und die Hand den Abzug betätigt.

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Das Mädchen und der Kommissar (1971): Für Max (Michel Piccoli), Kommissar und ehemaliger Richter, wird sein Wunsch, die Verbrecher auf frischer Tat zu ertappen, zur fixen Idee. Getrieben von seiner Obsession, manipuliert er die Prostituierte Lili (Romy Schneider) und sorgt so dafür, dass sie wichtige Details über hohe Einzahlungen bei einer kleinen Bankfiliale an ihren Liebhaber, Kopf einer Bande von Kleinkriminellen, weitergibt. Dass ein weiteres Bandenmitglied als Zuträger von Informationen in diesem Spiel mit von der Partie ist, läuft unter „Doppelt genäht hält besser“ und lässt den Plan wasserdicht erscheinen – nicht aber, dass in Max der Beschützerinstinkt für Lili geweckt wird und er sie gegen den Willen des für den Fall direkt zuständigen Kommissars Rosinsky (François Périer) ungeschoren davonkommen lasssen will.

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Vier im roten Kreis (1970): Surprise, surprise! Soeben noch als Kommissar zu sehen, der die Mitwisser einer Bande vor Gericht sehen will, spielt François Périer in diesem Heist Movie nun selbst den Informanten. Diesmal ist keine Bank das Ziel eines Überfalls, sondern eine Gruppe Gangster (Alain Delon, Gian Maria Volonté und Yves Montand), die den Einbruch bei einem Juwelier plant. Der erste ist wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden, der zweite ist ein geflüchteter Häftling und der dritte ein ehemaliger Polizist mit Alkoholproblemen. Letzterer soll für die ersten beiden als Scharfschütze die Alarmanlage ausschalten, und zunächst läuft der Coup auch wie am Schnürchen, doch dann haben sie nicht mit dem Polizisten gerechnet, der ihnen als Hehler getarnt, ins Handwerk pfuscht. „Sie kommen unschuldig auf die Welt, aber sie bleiben es nicht“, lautet zum Schluss die Moral von der Geschicht‘.

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Fortsetzung folgt – ich bin schon gespannt, was ich bei meiner Suche noch so finde. Vielleicht mal etwas moderneres.

4 Kommentare zu “Mein Kinojahr 2020 : November Noir – Teil zwei

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