ABC -Etüden – Woche 3 & 4 – Etüde 3 : Aufgegabelt – Etüde mit Triggerwarnung

Wie viel man aus meiner Wortspende zu Christianes ABC-Etüden (Lautsprecher, orange und erschüttern) machen kann, war mir gar nicht bewusst, als ich sie eingereicht habe.

Die Idee stammt aus meinem reichhaltigen Fundus persönlicher Erinnerungen und behandelt ein eher nicht so erfreuliches Thema und geht mit einer Triggerwarnung einher: Wer mit Beschreibungen von Verkehrsunfällen ein Problem hat, sollte diese Etüde lieber nicht lesen.

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Aufgegabelt

Ein sonniger Tag im August – schade nur, dass die Sommerferien vorbei sind – und ich radele nach Hause. Vor Freude auf das Mittagessen, das Mama täglich für meine Schwester und mich kocht, nähere ich mich der Kreuzung, an der ich nach links abbiegen muss. Da vorne wird es kniffelig: Nur ein paar Zentimeter zu weit rechts oder links, und man gerät mit dem Vorderreifen in die Straßenbahnschienen. So ein Mädchenfahrrad ist schließlich kein BMX-Rad, mit dem man über Stock und Stein… Der Rest meiner Gedanken verschwindet im Dunkel, als mich ein dumpfer Schlag von hinten erschüttert.

Als ich schließlich wieder zu mir komme, nehme ich zunächst nur die Dreizehn-Uhr-Nachrichten aus den vorderen Lautsprechern wahr, während mich Sanitäter aus dem Auto auf eine auf dem Bürgersteig ausgebreitete Decke heben. Derweil läuft die Fahrerin, die mich „auf die Hörner genommen“ hat, aufgelöst herum und stammelt „mein Auto, mein Auto“, doch ich kann nur daran denken, dass es ein Uhr mittags ist und meine Mama mit dem Essen auf mich wartet.

„Ich geh‘ dann mal. Ist ja nicht weit“, sage ich und versuche mich aufzurichten. Dass es in Wirklichkeit 750 Meter bis nach Hause sind, verdränge ich in dem Moment, und ein Sanitäter kann mich gerade noch aufhalten, bevor sie mich in den Rettungswagen schaffen.

Später werden sie sich fragen, wie mich die Fahrerin in meinem türkisen T-Shirt und gelb-orange gestreiften Shorts übersehen konnte und warum sie während der 250 Meter langen Strecke nicht gebremst hat. Schließlich war es ein sonniger Tag im August.

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Damit komme ich auf 253 Wörter, die ich um ein Nachwort ergänze. Auch wenn ich niemandem eine solche Nacht auf der Intensiv- und zwei Wochen auf der Kinderstation, mit wochenlangem Schleudertrauma danach wünsche – den Unfall habe ich ohne bleibende Langzeitschäden überstanden, und ich war damals meinen Eltern dafür dankbar, dass sie mich danach nicht in Watte gepackt und mir das Fahrradfahren verwehrt haben.

11 Kommentare zu “ABC -Etüden – Woche 3 & 4 – Etüde 3 : Aufgegabelt – Etüde mit Triggerwarnung

  1. Lieber Himmel. Das wünsche ich auch keinem. Ich bewundere im. Nachhinein deine Eltern, die dürften noch ein paar Ängste mehr ausgestanden haben.
    Was war mit der Fahrerin los, weiß man das? Heute würde man vermutlich auf Handy beim Fahren tippen … 😕
    Erschrockene Grüße 😁🌧️🍷🍪👍

  2. Ohje, das klingt traumatisch. Ich hatte bis jetzt nur einen größeren Fahrradunfall. Blöderweise hat mich niemand aufgehalten einfach weiterzulaufen danach. Adrenalin ist schon was krasses. Aber zum Glück trotzdem alles gut gegangen.

  3. Liebe Ulrike,
    wie gut, dass dir wohl bei dem Unfall sämtliche Schutzengel zur Seite gestanden haben! Meine Tochter hatte als Kind ebenso einen Unfall, der ebenfalls ohne weitere Folgeschäden abgelaufen ist. Dein Beitrag hat mich daran erinnert. Schlimm finde ich es immer wieder, wie wenig Rücksicht doch manche Unfallverursacher nehmen und nur ihren eigenen Schaden bejammern. Dafür sollten sie nochmal extra bestraft werden finde ich.
    Ich danke dir fürs Lesen lassen und wünsche dir einen angenehmen Start in den Samstag!
    LG Heike

    • Die Dame stand wohl ziemlich unter Schock – allzu hoch habe ich ihr Verhalten nicht gehängt, aber dafür waren meine Eltern außer sich. Das einzige, was ich meinem Vater damals übel genommen habe, war dass er mir den Kontakt zu dem Jungen untersagt hat, den ich auf der Krankenstation kennengelernt habe.

      • Das kann ich mir auch gut vorstellen, das mag ich mir auch am liebsten so vorstellen, dass die Dame unter Schock stand. Alles andere wäre fatal. Ich kann deine Eltern sehr gut verstehen. Mir ging es nach dem Unfall meiner Tochter ebenso.
        Und ja! Das „leidige“ Thema mit den Vätern und ihren Töchtern *lächel* Sie würden am liebsten alles was irgendwie nach Jungs aussieht, ins Pfefferland jagen. Schade, dass du den Jungen, der dir damals wohl gefallen hat, nicht weiter kennenlernen durftest.
        Liebe Grüße
        Heike

      • Das glaub ich dir aufs Wort! 😉 und da ist es nicht gerade tröstlich, zu wissen, dass fast jedes Mädel in dem Alter die gleichen Probleme mit Papa hat.
        LG Heike

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 05.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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