ABC -Etüden – Extra-Etüde 3 für die 5. Textwoche

Wegen des fünften Sonntags im Januar ist es mal wieder Zeit für eine Extra-Etüde – aller guten Dinge sind drei; zumal wir bei dieser Spezialität auf Christianes Blog diesmal sogar unsere Texte maximal 500 Wörter haben können, und nicht wie sonst nur 300; dafür dürfen wir dann fünf der sechs bisherigen Wörter darin einbauen:

Zetermordioweichmütigbacken (Wochen 1&2) — Lautsprecherorangeerschüttern (Wochen 3&4)

In der Woche 1 & 2 kam die Spende von Ludwig Zeidler, in der Woche 3 & 4 von mir.

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Die Premiere

„Letzte Warnung. Gehen Sie auseinander. Lösen Sie die Versammlung auf. Letzte Warnung. Gehen Sie ausein…“ – der Rest der gebetsmühlenartig wiederholten Sätze aus den Lautsprechern am Ende der Straße ging unter im Sirenengeheul und dem Donnern der schweren Einsatzfahrzeuge, das den Asphalt erschütterte. Hinter ihnen ein Transporter, vor ihnen hastig errichtete Barrikaden: Sie saß fest und hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte.

So hatte sich Laura die erste Fahrt ohne Papa oder Mama auf dem Beifahrersitz nicht vorgestellt, und schon gar nicht ihren 18. Geburtstag, zu dem sie das Auto geschenkt bekommen hatte: einen VW-Käfer in orange und in monatelanger Kleinarbeit sorgfältig restauriert. Und jetzt das – eine Großdemo, zefix! Das Zetermordio auf der Straße verdarb ihr die Jungfernfahrt mit dem Käfer und die Vorfreude auf die von Mama liebevoll gebackene Sachertorte gleich mit. Zu Hause fieberten sie bestimmt schon ihrer Rückkehr entgegen.

Wenn nur Tante Emmi nicht einen ihrer hysterischen Anfälle bekam. Onkel Hugo konnte ein Lied davon singen, denn wenn sie erst einmal damit anfing, sich in ein schreckliches Szenario nach dem anderen hineinzusteigern, so weichmütig, wie sie war, dann half nur noch Enzian. Dass Mama noch eine große Flasche davon aus dem Skiurlaub in Reserve hatte, war Glück für ihn, aber Pech für die anderen. Nein, eine aufgelöste Emmi und einen mehr als angeheiterten Hugo wollte sie nicht noch einmal erleben. Zu blöd, dass sie sich nicht nach Hause beamen konnte, um das Schlimmste zu verhindern. Es gab nur einen Weg, doch was sie vorhatte, würde nur funktionieren, wenn die anderen hinter ihr dabei mitspielten.

Vorsichtig stieg sie aus, um die Lage zu sondieren. Hinter dem Transporter staute es sich: ein SUV mit zwei hampelnden Schulkindern auf dem Rücksitz, ein tiefergelegter BMW, ein himbeerroter Smart und ein vollbeladener Pickup – als Fahrer wäre ich auch angesäuert, dachte Laura beim Anblick des genervt telefonierenden Typen am Steuer des BMW. Am meisten tat ihr die Mutter leid, die mit ihren Kindern genug zu tun hatte, und sie beschloss zu handeln, bevor die Lage eskalierte. Tief durchatmen, fasste sich Laura ein Herz und klopfte an die Fahrertür des Transporters.

Wider Erwarten war dann doch noch alles erstaunlich schnell gegangen. Die beiden netten Herren von der Elektrofirma hatten dem Rest der Autoschlange erklärt, worum es ging, und danach Einweiser gespielt. Der Typ im BMW hatte zwar etwas skeptisch geguckt, aber dann doch den Rückwärtsgang eingelegt; Dauercamping mit der Möglichkeit, von einem Wasserwerfer getroffen zu werden, war keine Option für ihn, und erst recht nicht für sein kostbares Fahrzeug.

Es dauerte zwar etwas, weil das Manövrieren des Pickups einem Schleichen über rohe Eier gleichkam, und Laura beim Rangieren ihres Käfers Blut und Wasser schwitzte, aber am Ende war sie froh, dass sie den Teil, der ihr schon bei den Fahrstunden so verhasst gewesen war, ohne Beulen und Kratzer überstanden hatte.

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Simsalabim – 470 Wörter. Ich habe trotzdem alle Wörter untergebracht, denn ich war zu faul, eins wegzulassen.

7 Kommentare zu “ABC -Etüden – Extra-Etüde 3 für die 5. Textwoche

  1. Das Verhalten der Menschen in einem solchen Stau – das würde für einen ganzen, verästelten Roman reichen, wenn du diese Etüde weitere Kreise ziehen lässt, da stecken so viele Möglichkeiten drin!

  2. Du lieber Himmel. Als Fahranfängerin, lang, lang ist es her, hätte mich das nachhaltig traumatisiert, glaube ich. 🤔😕😉
    Wie gut, dass bei dir noch alle über ihren Verstand verfügen und ihn auch einsetzen – und dass der orange Käfer keinen Schaden nimmt!!! 😁👍
    Nachmittagskaffeegruß 😁☁️☕🍪👍

    • Tatsächlich habe ich 1999 mal in einer solchen Klemme gesteckt – Fahrbahnverengung vor einer Brücke in Cornwall, und die Schlange mit mir an der Spitze und die Kolonne, die uns entgegenkam.

      Es gab kein Vorwärtskommen mehr – den Knoten haben wir aufgelöst bekommen, indem jede Schlange für sich zurücksetzte und dann die eine der anderen die Vorfahrt gelassen hat.

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman | Irgendwas ist immer

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