ABC -Etüden – Woche 6 & 7 – Etüde 5 : Watermelon Sugar

Jetzt wird’s wild. Den Rekord vom Vormonat werde ich wohl nicht mehr toppen, trotzdem habe ich noch eine fünfte Etüde in petto – mit den von wortman gespendeten Wörtern blockieren, Affe und neu

… eingebaut in eine Kurzgeschichte mit 265 Wörtern – die hübsche Illustration stammt wie immer von Christiane.

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Watermelon Sugar

Ausgerechnet Charlotte!

Lucy verstand die Welt nicht mehr. Babysitter für eine Dreizehnjährige sollte sie spielen und sie zum Konzert begleiten! Dabei hatte sie sich so auf diesen Samstag gefreut, doch nun blockierte – nein, torpedierte – dieses Gör, das alle paar Monate einen neuen „Crush“ hatte, ihr schon lange geplantes romantisches Wochenende mit Alex.

Jetzt hatte sich Charly, wie sie sich nannte, unsterblich in Harry Styles verguckt und von ihren Eltern zu Weihnachten Konzertkarten geschenkt bekommen. Was hatten die wohl gekostet? Obwohl – geschenkt war noch zu teuer bei diesem langhaarigen Affen, aber wenigstens war Charlys Justin-Bieber-Phase vorbei, sonst hätten sie sich womöglich noch stundenlang bei eisigen Temperaturen in der Schlange anstellen oder gar dort nachts campieren müssen. Zum Glück war es warm, da fiele das Warten vor der Halle nur halb so ätzend aus. Trotzdem: Für Lucy war dieses Weichspülergedudel keine Musik. Ihr reichten die Bilder von kreischenden Mädchen auf seinen Konzerten – selbst Affen waren zivilisierter, um bei dem Bild zu bleiben.

In der Halle konnte es Charly kaum noch erwarten, ganz weit nach vorne zu kommen. Lucy blieb lieber an dem zum Treffpunkt erklärten Getränkestand stehen. Falls wir einander im Getümmel verlieren, hatte sie Charly erklärt, aber etwas ganz anderes gedacht, denn die Frage war nicht falls, sondern wann.

Hier waren Sicht und Akustik besser, und was die Getränke anging, so saß sie hier direkt an der Quelle. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Außerdem wurde außer den obligatorischen Brezeln auch Wassermelone angeboten. Vielleicht war der Abend ja doch kein Totalausfall.

Während der nächsten zwei Stunden sollte Lucy noch so manche Überraschung erleben.

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Weichspülergedudel würde ich diese Musik zwar nicht nennen, und vom Verhalten der Fans auch auch nicht auf den Künstler schließen – trotzdem ist Charlottes Crush nicht meiner. Und der einzige aus unserer Familie, der mal jemanden zu einem Konzert begleiten musste, war mein Mann – als Begleitung zu Rock am Ring, und als Babysitter bei einem Green-Day-Konzert.

ABC -Etüden – Woche 6 & 7 – Etüde 4 : vor dem Brexit

Etüde Nummer vier mit den von wortman gespendeten Wörtern blockieren, Affe und neu beschäftigt sich zur Abwechslung mal mit wirklichen Affen und nicht nur mit sprichwörtlichen…

… eingebaut in eine für sich alleine stehende Kurzgeschichte mit einer Punktlandung von exakt 300 Wörter (ohne die Überschrift) – die hübsche Illustration stammt wie immer von Christiane.

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Vor dem Brexit

Die ganze Nacht waren sie durchgefahren, nun standen sie am Strand und kamen gerade noch rechtzeitig zum Sonnenaufgang. „Der Felsen von Gibraltar – Heimat unzähliger Affen“ las Marc vom Display seines neuen Smartphones ab, während Suzanne ihr Badetuch im Sand ausrollte. Kurz darauf stießen sie mit einem Glas Rioja auf den vor ihnen liegenden Tag in der britischen Exklave auf spanischem Boden an.

„Besuchen Sie Gibraltar, so lange es für EU-Bürger ohne Pass oder Visum noch geht“ – damit kamen sie den Spekulationen im Freundes- und Familienkreis darüber, was nach dem Brexit noch ging, geschickt zuvor. Weniger geschickt war das zweite Glas Rioja gewesen – mit ihrer beider Fahrtüchtigkeit war es nicht mehr weit her, aber wenigstens hatte der Alkohol ihr Urteilsvermögen noch nicht vollständig blockiert. Ein Spaziergang zur Seilbahn und dann damit hinauf auf den berühmten Affenfelsen war jetzt genau das Richtige.

Hui, wie das schaukelte. Kam’s von der schwankenden Kabine oder vom Rioja? Egal – froh, endlich oben angekommen zu sein, war Suzanne von dem Ausblick überwältigt. Freie Sicht bis nach Afrika – der Gedanke, ein Foto davon zu schießen, war zwar verlockend, trotzdem ließ sie das besser bleiben; denn so drollig die Berberäffchen auch sein mochten, fand sie doch, dass die Smartphones besser bei ihr und Marc aufgehoben waren als im Warenlager der diebischen Tierchen.

Schon bald waren sie umringt von den pelzigen Gesellen. Nicht füttern, hatte Marc seiner Freundin eingeschärft, und so hatten sie darauf verzichtet, irgendwelche Snacks mit nach oben zu nehmen. Gut, dass sie ihre Telefone sicher verstaut hatten, atmete Suzanne angesichts der Belagerung hörbar auf, als sie plötzlich wie durch einen Nebel ein verräterisches Klimpern wahrnahm. „Die Schlüssel! Verdammter Mist!“ Marcs entsetzter Schrei ließ sie mit einem Schlag nüchtern werden.

Noch nie war ihnen der Weg zurück zum Auto so lang vorgekommen.

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Den Tipp, Smartphone oder Kamera nicht zu benutzen, wenn mir beide wichtig sind, und den darin auftauchenden Satz vom Warenlager mit gestohlenen Handys habe ich irgendwo im Internet gelesen, weiß aber nicht mehr wo. Aus diesem Grund habe ich selbst darauf auch verzichtet, Bilder von meiner Schiffsfahrten entlang der Niagarafälle oder auf dem Sankt-Lorenz-Strom zu schießen: Wäre mein Smartphone nass geworden oder gar über Bord gegangen, hätte ich nicht mehr weiter gewusst.