# Writing Friday 2021 – Mai, 21. Woche : Geisterstunde

In letzter Zeit habe ich beim #Writing Friday von elizzy nicht mehr mitgeschrieben, weil mir die Inspiration gefehlt hat. Für den 21. Mai habe ich mich für die dritte Aufgabe entschieden:

Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Geister gab es doch nun wirklich nicht, aber…” beginnt.

Nun denn, mal wieder etwas aus dem echten Leben. Denn das bietet manchmal mehr Horror als jeder Film oder Roman.

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Geisterstunde

Geister gab es doch nun wirklich nicht, aber wer konnte schon wissen, ob an den Erzählungen Alisons, unseres Tourguides, nicht doch etwas dran war? Gerade noch hatten wir auf dem Friedhof und ihren Schilderungen von den im späten 19. Jahrhundert ihr Unwesen treibenden Grabräubern gelauscht – nun stiegen wir hinab in die verborgene Stadt, tief unter dem mittelalterlichen Teil Edinburghs.

„Ghosts & Ghouls“ – das Highlight zum Abschluss meiner Kurzreise, die ich ohne meinen Mann unternommen hatte: Die Tour führte von einem der ältesten Friedhöfe der Stadt, auf der Rückseite des Cafés, in dem Joanne K. Rowling eines ihrer Harry-Potter-Manuskripte auf Servietten gekritzelt hatte, hinüber zur George-IV-Brücke, und durch eine unscheinbare Tür, hinter der eine steile, spärlich beleuchtete Treppe auf uns wartete, hinunter in die Eingeweide der Stadt. Am Ende sollten wir noch die Underground City zu sehen bekommen.

Ein modriger Geruch empfing uns bei unserem Abstieg in den Untergrund. Ich wagte kaum, mir vorzustellen, wie hier einst die Ärmsten der Armen in der unterirdischen Stadt dicht aufeinander gehaust hatten. Unangenehm kalt und feucht war es, von frischer Luft weit und breit keine Spur, und ich sah zu, dass ich den Anschluss an die Gruppe nicht verlor – hier unten, metertief unter einer der Brücken die Orientierung zu verlieren, konnte es einen größeren Alptraum geben? Gerade hatten wir uns in einem Halbkreis um Alison aufgestellt, da senkte sie ihre Stimme um eine halbe Oktave, und noch bevor sie uns alle mit verschwörerischem Tonfall in Unruhe versetzte, streifte mich ein unangenehm kalter Luftzug, und in meinem Nacken stellten sich sämtliche Härchen auf, als die verhängnisvollen Worte fielen.

„Ein böser Geist geht hier um, so sagt man.“

Die plötzlich einsetzende Stille war geradezu mit den Händen greifbar, und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Für einen Moment war die Welt eingefroren, und kein Laut kam über meine Lippen. Erst im nächsten Gewölbe kam ich wieder zu mir und konnte spüren, wie sich der Druck von meiner Brust erhob und sich in nichts auflöste. Ob mich die Gruppe weitergeschoben oder sich meine Füße automatisch in Bewegung gesetzt hatten, konnte ich nicht sagen. Das soeben Erlebte fühlte sich so echt und gleichzeitig so surreal an, und Alisons Worte, dass auch in dem Raum, in dem wir uns gerade befanden, ein Geist existierte, ließen mich an meinen Ansichten zweifeln. Zu wirklich hatte sich die Präsenz angefühlt, unter deren Einfluss ich anscheinend gestanden hatte.

Geister gab es nicht? Nachdenklich nahm ich noch einen Absacker, bevor es am nächsten Tag wieder zurück in die Heimat ging.

„Hier, Schatz, der neueste Stern!“ – nanu, dieses Blatt las mein Mann doch sonst nicht, wunderte ich mich, aber schlug neugierig die Zeitschrift auf. Doch es war nicht die Reportage über einen Fotografen, der das Ungeheuer von Loch Ness abgelichtet und seine verblüffend echt wirkenden Aufnahmen mit dem Datum „30. Juni“ versehen hatte, die mich aus meiner Sonntagsruhe riss. Wer Augen im Kopf hatte, konnte schließlich sehen, dass das Monster im See in Wahrheit ein harmloser Gummisaurier in der Badewanne war.

Es war ein Artikel über sogenannten Infraschall. Die in dem Artikel beschriebenen Symptome wie Beklemmung, Unbehagen, Furcht und Druck auf der Brust traten bei extrem niedrigen Schwingungen von 17 Hertz auf und konnten von Windkraftanlagen ausgelöst werden. Oder von dem über die George-IV-Brücke unablässig dahinrollenden Straßenverkehr, und verstärkt durch ihre Pfeiler.

Nein, Geister gab es wirklich nicht.

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Für kurze Zeit habe ich damals wirklich geglaubt, Geister existierten vielleicht doch – aber da es für alles eine wissenschaftliche Erklärung gibt…

Die Schreibthemen im Mai sind: 1) Marlen betritt einen alten Buchladen und entdeckt dabei ein sprechendes Buch. Beschreibe den Buchladen, die Stimmung und lass uns am Gespräch zwischen ihr und dem Buch teilhaben. +++ 2) Eine Wasserleiche taucht beim Badesee auf – schreibe eine Polizeibericht über diesen Vorfall. +++ 3) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Geister gab es doch nun wirklich nicht, aber…” beginnt. +++ 4) Schreibe eine Geschichte und lasse folgende Wörter mit einfliessen: Sonnenschein, Knallbonbon, friedlich, vorwärts, Katze +++ 5) Max darf zum ersten Mal mit seinen Freunden auf den Jahrmarkt. Erzähle von seinem Tag und versuche dabei aus dem Blickwinkel eines 10-Jährigen zu schreiben.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

5 Kommentare zu “# Writing Friday 2021 – Mai, 21. Woche : Geisterstunde

  1. Was für eine tolle Atmosphäre, die du da erschaffst! Ich habe richtig mitgeschaudert. Das klingt nach einem Ausflug, der noch lange in Erinnerung bleiben wird, wissenschaftliche Erklärung hin oder her 😉
    LG Anna

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