# Writing Friday 2021 – Juni, 25. Woche : Rome wasn’t built in a day

Ich gebe zu, ich mache mich so langsam rar beim #Writing Friday von elizzy – schuld daran sind mehrere parallel laufende Schreibprojekte, aber auch in diesem Monat ist es wieder die dritte Aufgabe:

Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Der Himmel verdunkelte sich und…” beginnt.

Heute bin ich mal wieder mit einem längeren Text unterwegs.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Rome wasn’t built in a day

Der Himmel verdunkelte sich und das innerhalb kürzester Zeit.

Mit offenem Mund blieb Angelo wie angewurzelt stehen und starrte reglos vor Entsetzen die Gasse der Balkone entlang bis hinauf zu dem Berg, an dessen Fuß die Stadt lag und auf dessen Gipfel es unheilvoll brodelte. Wieviel Pech konnte ein Mensch haben? Dabei hatte es so gut angefangen, als er mit dem Ticket in die Agentur hineinspaziert war und sich für einen Ausflug in die Antike entschieden hatte. Genauer gesagt, ins Alte Rom. Und er wusste auch schon ganz genau, was er dort als erstes tun wollte.

Eigentlich hätte sein Bruder Ricardo ja die Zeitreise antreten sollen, doch der hatte es mit dem Feiern am Vorabend übertrieben und lag mit einem mörderischen Kater im Bett. Reisen in die Vergangenheit oder in die Zukunft sollte man bei klarem Verstand und mit wachen Sinnen antreten. Dieser Kelch würde an Ricardo vorbeigehen, und wenn er die von zu viel Alkohol verursachte Apokalypse erst einmal überstanden hatte, würde er sich tierisch aufregen. Aber wie hieß es doch so schön, grinste Angelo schadenfroh vor sich hin, Strafe muss sein. Das war seine Chance – da hieß es zugreifen, denn eine solche bot sich ihm nicht jeden Tag. Er hatte schon oft genug hinter seinem älteren Bruder zurückstecken müssen – nun war er an der Reihe.

Das einzige, was seine freudige Erwartung trübte, war der ganze bürokratische Teil mit den vielen Regeln, an die er sich halten und die Verschwiegenheitserklärung, die er unterschreiben sollte. Als ob er später seine Erlebnisse ausposaunen würde! Er war doch nicht lebensmüde. Genießen und schweigen, war seine Devise, auch wenn Angelo sich nicht als Gentleman sah, sondern eher als der Sand im Getriebe oder das eine Puzzleteil, das nicht passen wollte – der Tunichtgut in der Familie.

Er kenne doch seine Schweinchen am Gang, hatte sein Vater den Monolog eingeleitet, mit dem er Angelo auf die vor ihm liegenden Tage vorbereiten wollte und hatte ihm zum Schluss eingeschärft, sich peinlich genau an sämtliche Anweisungen zu halten, die man ihm in der Agentur erteilen würde, vor allem an die zweite Regel: „Reisende Zweiter Klasse müssen sich im Hintergrund halten.“ Schließlich hatte diese Vorschrift ihren Grund. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sich durch irgendeine unbedachte Handlung oder ein falsches Wort von ihm der Lauf der Geschichte ändern würde, bis hin zu einem Paradoxon, das die Existenz seiner Familie bedrohen würde, und damit auch seine. Aber ganz ehrlich: Was sprach gegen ein bisschen Spaß, zum Beispiel bei einem Gladiatorenkampf oder einem Wagenrennen in der Arena? Mit der Sprache sollte es keine Probleme geben. Sein Italienisch war zwar nicht ganz fehlerfrei, aber zur Not konnte er sich auch mit Händen und Füßen verständigen.

Außerdem schrien manche Regeln doch förmlich danach, gebrochen zu werden. Etwas gebrochen schien auch bei dieser vermaledeiten Zeitkapsel einiges zu sein, mit deren Hilfe er nach dem Drücken des Knopfs das Tor zur Vergangenheit öffnete. Dass etwas überhaupt nicht stimmte, wurde ihm in dem Moment klar, als er sich im hellen Sonnenlicht dieses Novembermorgens mitten in einer belebten Gasse vor einer Taverne wiederfand. Um nicht von wie aus dem Nichts auftauchenden Handwerkern, umgerannt zu werden, zog er sich hastig in den Eingang eines erstbesten Hauses zurück und ließ sich auf einem Mäuerchen nieder. „XVII Nov 79“ hatte jemand mit Holzkohle an eine der Säulen geschmiert. Lange konnte das da noch nicht gestanden haben – solche Inschriften waren nichts für die Ewigkeit.

Ewig hatte Angelo im sommerlichen Rom auch nicht bleiben wollen, aber Sommer war das hier nicht, und auch nicht das Jahr, das ihm vorgeschwebt war. Ihn beschlich eine ganz seltsame Vorahnung: Wenn schon der Zeitpunkt nicht stimmte, dann vermutlich auch nicht der Ort. Zögernd schob er sich wieder in die belebte Gasse, und folgte den zur Taverne strömenden Bauarbeitern und Gladiatoren mit den Augen. Sein Blick fiel auf die Unzahl von blutroten Inschriften an den Hauswänden in den Seitengassen, angebracht in den Nachtstunden, damit man von ihrem Treiben nichts mitbekam – ein Treiben, für das der jeweilige Auftraggeber, in diesem Fall ein gewisser Lucian, so manchen großzügigen Obolus springen ließ. Natürlich so diskret wie möglich. Aber ihn zog noch etwas anderes in seinen Bann. Hoch und bedrohlich ragte am Ende der Gasse der Vesuv über ihm auf. Das Zeitportal hatte ihn nach Pompeji verschlagen.

Wie er den Nachmittag herumbrachte, entzog sich seiner Erinnerung. Er wusste nur noch, dass er gerne den Schock mit einem ordentlichen Schoppen Wein hinuntergespült hätte. Aber mit welchem Geld? Mit den römischen Münzen, die er bei sich trug, konnte er hier und jetzt nichts anfangen. Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, denn unverhofft hatte das Glück ihm mit einem Farbeimer und einem Satz Pinsel in die Hände gespielt. Wahlwerbung für Lucian zu betreiben und für das Geschmiere am nächsten Morgen fürstlich entlohnt zu werden – was für ein genial einfacher Plan. Einen Teil der Münzen gab es jetzt schon. „Aber denk dran, wir haben den Einundzwanzigsten, und uns bleiben nur noch wenige Tage, bis…“

Klar, ich bin ja nicht von gestern, ging es Angelo durch den Kopf. Nur noch wenige Tage – und er war der einzige, dem die Ironie in den Worten seines Instruktors auffiel. Beschwingt vom Wein machte er sich ans Werk und freute sich schon auf die kräftige Mahlzeit, die er sich am nächsten Morgen gönnen würde, und vielleicht blieb noch genug Geld für den Besuch der Arena übrig. Soweit er mitbekommen hatte, feierte man morgen den zehnten Jahrestag der Wiedereröffnung. Nachdem man das Verbot zur Aufführung von Gladiatorenkämpfen endlich aufgehoben hatte, war die Freude grenzenlos gewesen. Aber so richtig bergauf gegangen war es erst mit dem Bauboom, der mit dem Pflastern der Straßen seinen Lauf genommen hatte.

Die Nacht neigte sich ihrem Ende zu, schon färbte sich der Himmel rot, doch der zu erwartende Gesang der Vögel wollte sich nicht einstellen. Angelo schenkte dem keine Beachtung, viel wichtiger waren ihm die pompejanischen Münzen, die nun in seinem Beutelchen klimperten. Müde, aber guten Mutes, zog es ihn zurück in die Taverne, die er jetzt schon zu seinem Stammlokal erklärt hatte. Wie der Eintopf mundete – gierig schaufelte Angelo die dampfende Mischung aus Lammfleisch und ihm unbekanntem Gemüse und Getreide in sich hinein, gönnte sich noch einen Becher Wein und zahlte die Rechnung, bevor er sich auf den Weg zur Arena machte. Wenn er sich ranhielt, konnte er vielleicht noch einen der begehrten Plätze zur Jubiläumsdarbietung ergattern. Ein markerschütterndes Grollen und Beben ließ ihn mitten in der Bewegung innehalten. Der Vesuv war erwacht. Früher als gedacht. Fassungslos beobachtete er die immer höher aufsteigende schwarze Säule aus Rauch und Asche. Gleich würde es Bimsstein regnen…

Porca Miseria! Er musste schleunigst weg, doch seine Füße gehorchten ihm nicht. Wie in Zeitlupe drehte sich Angelo in die entgegengesetzte Richtung und stolperte die Gasse der Balkone entlang. Nicht lange, dann prasselten auch schon die ersten heißen Steinchen von oben auf die Stadt und die sich entweder fliehende oder in den Häusern verschanzende Bevölkerung herab. Wie es endete, kannte Angelo aus dem Geschichtsunterricht – begraben unter einer meterhohen Schicht porösen Gesteins, um dann von der pyroklastischen Flut das Lebenslicht ausgelöscht zu bekommen, so durfte es für ihn nicht enden. Doch war eine Flucht überhaupt möglich? Jetzt, wo es drauf ankam, wollte ihm das Codewort einfach nicht einfallen. Statt dessen erinnerte er sich leider nur zu genau an die dritte Regel für Zeitreisende: „Verlieren Sie Ihr Leben am Zielort, haben Sie hier nie existiert. Die Auflösung Ihrer Existenz wird nicht dokumentiert.“

Er lief und lief… lief, bis er nicht mehr konnte… Lief, bis es zu spät war. Asche und Fetzen giftigen Gases hefteten sich an ihn, nebelten ihn ein und erschwerten seine Sicht auf den Weg vor ihm. Seine Augen wurden trübe, immer dichter werdende Schwärze breitete sich vor ihm aus – Schwärze, so bitter wie dunkle Schokolade.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

1300 Wörter, um genau zu sein – für eine Zeitreisegeschichte, die nicht nach Plan verlaufen ist.

Die Schreibthemen im Juni sind: 1) Ein Pilz berichtet aus seiner Sicht über die vielen Wanderer, die seinen Weg kreuzen. +++ 2) Hendrik kommt in Südafrika an – er hat sich für eine Safari angemeldet. Er schreibt seine Erfahrungen und Gedanken über diesen 3-Wöchigen Urlaub in sein Reisetagebuch. Lass uns einen Blick hineinwerfen. +++ 3) Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Der Himmel verdunkelte sich und…” beginnt. +++ 4) Schreibe eine Geschichte und lasse folgende Wörter mit einfliessen: Hund, Jagd, Kieselsteine, Wald, Gelächter +++ 5) Maja verliebt sich das erste Mal, sie schreibt dies in ihr Tagebuch. Ihr Tagebuch plaudert uns diese Gedanken fröhlich aus – schreibe aus der Sicht des Tagebuchs.

Und hier sind die Regeln dazu: Jeden Freitag wird veröffentlicht. +++ Wählt aus einem der vorgegebenen Schreibthemen. +++ Schreibt eine Geschichte/ein Gedicht/ein paar Zeilen – egal, Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben. +++ Vergesst nicht, den Hashtag #Writing Friday und den Header zu verwenden, schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch. +++ Habt Spaß und versucht, voneinander zu lernen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s