Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #1: Still ruht der See

Die ABC-Etüden gehen in die wohlverdiente Sommerpause, doch was wäre eine Sommerpause ohne das Etüden-Intermezzo ? Alle eingereichten Wörter hat Christiane in den Lostopf geworfen und daraus die folgenden zwölf gezogen, von denen wir sieben auswählen dürfen:

DachbegrünungEigentorFliegenklatscheGlühwürmchenKonzertLebensgeister
RegenSimilaungletscherSommerlochWasserläuferWetterleuchtenWillkür

Die Länge ist diesmal egal, aber die Geschichte sollte an einem echten Gewässer spielen und darf gerne Aufnahmen des besagten Gewässers enthalten – Zeit haben wir dafür bis zum 5. September, aber ich wollte nicht so lange warten.

Da ich letztes Jahr eine Erinnerung an Toronto im Gepäck hatte, bleibe ich heute in der Heimat.

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Still ruht der See

Schrecklich, diese Hitzewelle! 

Das einhellige Stöhnen meiner Kollegen im letzten Team-Meeting über den ersehnten, Abkühlung versprechenden Regen im Ohr, grinste ich zufrieden in mich hinein. Nein, Sommer in der Stadt war kein ungetrübter Spaß. Der viele Beton, das viele Grau – wohl dem, der eine kühle Oase sein Eigen nennen konnte. Vielleicht kam deshalb der Trend zur Dachbegrünung, Bienenstöcke inbegriffen, nicht von ungefähr. Aber warum sollte ich mich mit einem grünen Dach begnügen, wenn auf mich ein ganzes Idyll wartete? Ein Stückchen Land, das mir keiner nehmen konnte und bei dem ich mich nicht wie meine Kollegen fragen musste, ob ich meine Urlaubsreise wie geplant durchziehen konnte und welche Überraschungen nach der Rückkehr auf mich warteten. Ganz entspannt konnte ich mich auf den Weg machen und es mir im Liegestuhl auf der Terrasse gemütlich machen, ohne dass mich jemand nach meinem aktuellen Status fragte. Hier konnte ich die Seele baumeln lassen, und das beste daran war der Weiher in nächster Nähe. 

Gutgelaunt machte ich mich schon wenige Tage später auf den Weg ins Wochenende. Gleich nach Feierabend warf ich eine kleine Tasche ins Auto, verriegelte die Haustür und legte meine Lieblingsmusik ein. Der Seerosenteich! Im Geiste sah ich mich schon mit einem Glas Wein in der Hand auf einer Bank am Weiher sitzen und den Wasserläufern beim Flitzen über die spiegelnde Oberfläche zusehen, während die Frösche zu einem Konzert der ganz besonderen Art anstimmten. Ohrenbetäubend und überwältigend – für andere kam das Zusammenspiel ihrer sonoren Stimmen einer Kakophonie gleich, für mich war es Musik in meinen Ohren, die stets aufs neue meine Lebensgeister weckte. Wenn dann noch der Vollmond in sattem Orange über dem Horizont hing und dem großen Auftritt der Fledermäuse die vollkommene Kulisse bot, dann war ich in einer anderen Welt. Eine Welt, wie für mich gemacht. 

Das Wetterleuchten über dem Feldberg, das sich jäh in mein Blickfeld schob, ließ mich nichts Gutes erahnen. Ein Sommergewitter an meinem ersten Abend dieses verlängerten Wochenendes, noch dazu ohne Regen, hatte mir gerade noch gefehlt; eine solche Kombination konnte verheerende Folgen nach sich ziehen – wenn Blitze in die zundertrockenen Wälder einschlugen, konnte man nur noch beten. Dann doch lieber vom Himmel stürzende Wassermassen, auch wenn es im ungünstigsten Fall nach einem solchen Spektakel noch schwüler war als in tropischen Regenwäldern… Trockenen Fußes erreichte ich meine Hütte und schloß gerade noch rechtzeitig das Tor im Zaun, bevor die ersten Tropfen den ersehnten Wolkenbruch einleiteten. Gebannt verfolgte ich das Schauspiel am stockdunklen Himmel und erfreute mich an dem Stakkato der Blitze, die paarweise die Wolken im Sekundentakt in weißes und violettes Licht tauchten. Aus dem Glas Wein am See würde heute nichts mehr werden. Ermattet sank ich auf mein Bett. Noch Stunden später war das Grollen in weiter Ferne zu vernehmen.

Verschieben wir’s auf morgen… Der Gedanke war tröstlich und Motivation zugleich. Mit einem besonders edlen Tropfen, Korkenzieher und meinem schönsten Kristallglas in der Tasche, zog ich los, als sich meine Nachbarn ringsum in ihre Wohnwagen, Hütten und Wohnmobile zurückgezogen hatten. Die Pause zur blauen Stunde – diese Tageszeit war mir die liebste. So langsam kam um mich herum alles zur Ruhe; jetzt hatten die Kreaturen der Nacht ihre Zeit.

Als erste begannen die Glühwürmchen ihren lautlosen Tanz. In hauchzartem Grün irrlichterten sie die in samtblaues Zwielicht getauchten Wege entlang, und ich folgte ihnen andächtig. Welch ungeahntes Glück, die Stille genießen zu dürfen. Eine Stille, die ich noch nie als so greifbar empfunden hatte. Nur noch wenige Schritte trennten mich von dem Platz meiner Träume. 

Still ruht der See – für meinen Geschmack etwas zu still, denn etwas Entscheidendes fehlte an diesem Abend: das Froschkonzert. Nicht einer der quakenden Gesellen war zu hören. Hatte ich mich im Monat geirrt, und die Zeit ihrer alljährlichen sommerlichen Sinfonie war noch gar nicht gekommen? Ratlos stellte ich meine Tasche auf der nagelneuen Bank ab, die ein edler Spender gestiftet haben musste, und ließ meine Blicke über das Ufer schweifen. Es dauerte eine geraume Weile, doch dann sah ich es: Pflöcke aus Metall, die vor Wochen noch nicht dagewesen waren. 

Den ehemals frei zugänglichen Weiher umgab nun ein solider Maschendrahtzaun mit einem abschließbaren Tor in dessen Mitte. Die mit Getöse verbundenen Bauarbeiten hatten die Tiere vertrieben.

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Sieben Begriffe, verpackt in 700 Wörter – das ist meine Sommerpausen-Etüde. Vielleicht schreibe ich noch eine mit den übriggebliebenen Wörtern, von denen ich nicht wusste, wie ich sie sinnvoll unterbringen kann.

PS: Wie gerne hätte ich meine Füße noch ein letztes Mal in diesen Seerosenteich getunkt, aber wie so viele Teiche und Tümpel, ist auch dieser inzwischen umzäunt. Vermutlich wollte die Stadt, die dafür verantwortlich ist, ganz sichergehen und verhindern, dass dort unbeaufsichtigt spielende Kinder hineinfallen und ertrinken. An lauen Abenden kann man dort immer noch sitzen, sogar auf neuen Bänken, dennoch ist für mich das Flair unwiederbringlich dahin. Was jedoch bleibt, ist die Erinnerung daran. Übrigens sind mir die Koordinaten des Weihers nicht bekannt, aber dafür die des benachbarten Ortes (50° 21′ 25“ N – 8° 32′ 13“ O).

Projekt ABC – N wie Nein

Achtung, Schleichwerbung! Die meisten kennen sicher die Produkte von „ja!“ Doch vor Ostern habe ich es gefunden – das Gegenstück dazu – und zwar in dem von mir am häufigsten besuchten Supermarkt:

nein! – Dieses Produkt ist mein symbolisches N zur fotografischen Aktion von wortman.