Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #2: ab in den Norden

In der Sommerpause der ABC-Etüden dürfen wir trotzdem weiter kreativ sein, denn aus den folgenden zwölf ausgelosten Wörtern sollen wir uns mindestens sieben herauspicken, um eine Etüde von beliebiger Länge zu schreiben:

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister
Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür

Spielen sollte die Etüde an einem Gewässer unserer Wahl.

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Ab in den Norden

„Das darf doch alles nicht wahr sein!“ stöhnte Schrödinger genervt  vor sich hin und hätte beinahe vor Wut in sein Lenkrad gebissen. „Da will man einmal zur Erholung an die See fahren, denkt bei dem milden Wetter an nichts böses, und dann das!“

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren… Über Nacht waren die für Februar ungewönlich hohen Temperaturen buchstäblich in den Keller gestürzt und hatten für ein Verkehrschaos allererster Güte gesorgt. Der Willkür des Wetters konnte sich niemand entziehen.

Regen hatte sich irgendwo vor Lübeck in Blitzeis verwandelt, und sofort hatten sich mehrere Laster quergestellt. Nun verstopften sie die Autobahn seit Stunden. Er konnte von Glück sagen, dass ihm dank seines Abstechers mit Übernachtung und Weinkauf in Sommerloch der Ausbruch dieses Pandämoniums erspart geblieben war, doch nun durfte er, wie hunderte andere auch, dessen Folgen in einer kilometerlangen Schlange ausbaden. Die edlen Tropfen, die er in diesem winzigen Ort in der Nähe des Nahetals bei einem befreundeten Winzer erstanden hatten, nützten ihm in seiner misslichen Lage nichts, denn Alkohol am Steuer, auch wenn sie noch so lange hier festhingen, das ging gar nicht.

Warum war er nicht ins Ötztal gefahren? Da hätte er wenigstens Ski fahren und sich den Similaungletscher, von dem ihm Ingrid schon so lange vorschwärmte, aus der Nähe ansehen können. Statt dessen starrte er ins eintönige Grau, das nur dann und wann von den flackernden Rücklichtern seines Vordermanns in leuchtendes Rot getaucht wurde. Blendendes Rot – je weiter der Nachmittag fortschritt, desto trüber entwickelten sich seine Aussichten. Wenn er mit dieser Höllenfahrt bei minus 20 Grad nicht ein Eigentor geschossen hatte.

Österreich wäre so viel näher gewesen – er hätte jetzt bei einer schönen Tasse Tee kuschelig im Warmen sitzen und sich an dem Bergpanorama der Ötztaler Alpen erfreuen können. Mit dem dazu passenden Krimi über die Gletschermumie hätte er sich wohlig gruseln und dann ins Reich der Träume hinübergleiten können, so sanft und lautlos wie die Wasserläufer, die sich im Sommer in seinem Gartenteich tummelten.

Doch nun lief er Gefahr, sich in dem alten Volvo mit seinen vielen Macken und der spinnenden Heizung selbst in eine Gletschermumie zu verwandeln – so wie er in seinen überdimensionalen Schal in allen möglichen Weißtönen eingewickelt war, konnte man leicht auf diesen Gedanken kommen. So ein Unsinn, wies er sich selbst zurecht – so betagt, als dass man ihn als Mumie bezeichnen konnte, war er doch nun wirklich nicht. Das bewies schon der Sender, den er vorhin erst gewechselt hatte, weil ihm das Schlagergedudel zunehmend auf die Nerven gegangen war.

Der Stau war schon schlimm genug, da musste er sich nicht auch noch Helene Fischer oder Florian Silbereisen geben. Anscheinend hatte man sein stummes Flehen erhört, als er schon nach wenigen Sekunden fündig wurde: ein Mitschnitt von Rock am Ring. Das Konzert vom Anfang hatte er verpasst, jetzt dröhnten ihm Rammstein in voller Lautstärke entgegen – der „Radau“, wie Ingrid seine Lieblingsmusik nannte, weckte seine Lebensgeister

Erst Rammstein, in der nächsten Sendung dann AC/DC, und zum Schluss die Hard’n’Heavy Top 40 – zwischenzeitlich von den aktuellen Verkehrsmeldungen unterbrochen – ja, so war der Stau schon nicht mehr ganz so nervig, und grenzenlose Erleichterung brach sich bei Schrödinger Bahn, als die Abfahrt zur A20 nach Rostock immer näher kam und sein Ziel in greifbare Nähe rückte. Das Wetterleuchten hinter Lübeck nahm er schon gar nicht mehr wahr, als er nach fast zwölf Stunden vor seiner Pension zum Stehen kam.

Der Wind war mörderisch und hätte ihn um ein Haar von den Füßen gerissen. Faszinierend, dass die Dachbegrünung der Heidekate, in der ein mollig warmes Zimmerchen auf ihn wartete, dem tosenden Wind überhaupt standhielt, aber er war viel zu erledigt, um sich über dieses kleine Wunder Gedanken zu machen. Endlich angekommen – jetzt war nur noch eines wichtig: sein weiches Bett, und um alles weitere würde er sich morgen Gedanken machen. 

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Bis auf die beiden Wörter „Fliegenklatsche“ und „Glühwürmchen“ habe ich jahreszeitenbedingt habe ich fast alle Wörter untergebracht: Herausgekommen ist eine, auf eigenen Erfahrungen beruhende Etüde mit einer Länge von 634 Wörtern. Auch wenn es jetzt Sommer ist, habe ich mich bewusst für ein winterliches Thema entschieden, in dem sogar das Sommerloch seinen Platz hatte – als 400-Seelen-Dorf bei Bad Kreuznach, wo es immerhin sieben Winzer gibt.

Die Bilder zeigen die Ende Februar auf einen halben Kilometer Breite zugefrorene Ostsee in der Nähe von Scharbeutz und Timmendorfer Strand. Es war eine schöne Woche, nur auf die doppelt so lange Anfahrt von zwölf statt sechs Stunden dank der drei Staus hätte ich gerne verzichtet.

Media Monday #524 : Heiter bis wolkig

Heiter bis wolkig, so lässt sich die vergangene Woche zusammenfassen. Von strahlendem Sonnenschein (wortwörtlich) bis hin zu bedrohlichen Gewitterwolken (im übertragenen Sinn) war alles dabei. Was es noch so gab, versuche ich in die aktuellen sieben Lückentexte des Media Monday von Wulf einzubauen.

Media Monday #524

1. Montag. Die Kinos öffnen wieder und ich verschaffte mir erst einmal einen Überblick, was in welchen Kinos läuft. Nachdem ich auf das Angebot des Cinemaxx keine Lust verspürte (Otto Waalkes als Catweazle, echt jetzt?), habe ich erst mal bei der DVD-Komplettbox von Game of Thrones zugegriffen. Acht Staffeln im dekorativen Schuber, dazu konnte ich einfach nicht Nein sagen.

2. Dienstag. Nachdem im vergangenen Jahr zig Filme verschoben worden sind, nahm ich mir vor, mir einen Film anzusehen, der garantiert ganz neu ist und den ich noch nicht auf meiner Liste hatte. Welcher das war und wie ich in fand, bringt Text 6) ans Licht.

3. Mittwoch. Eine Serie nur etappenweise anzusehen, ist für mich immer noch komisch, schließlich muss ich nicht auf meine Schwester warten, bis sie mal vorbeikommt, um sich mit mir zusammen „Black Sails“ anzugucken – aber gemeinsam macht’s mehr Spaß. Ist fast ein wenig wie früher Kino.

4. Donnerstag. Wie sich Autor*innen einem Thema nähern, kann wie im Fall von „Jojo Rabbit“ mein Interesse wecken, oder wie bei dem Trailer zu „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ eher nicht. Ich kann mich noch vage an das Buch erinnern, das wir in der Schule durchgenommen haben, und vielleicht ist es auch schon zu lange her, aber als so altklug habe ich das Mädchen dann doch nicht in Erinnerung.

5. Freitag. Ich glaube ja nicht, dass dieser Abend für einen Ausflug nach Frankfurt für mich Sinn ergeben hätte. Zum einen war ich von der anstrengenden Woche viel zu kaputt und daher schon früh im Bett anstatt mich in eine Vorstellung um 21 Uhr zu setzen; und zum anderen war der Starkregen ein weiterer KO-Faktor für mich.

6. Samstag. Der Gewinner des Goldenen Bären wäre jetzt nicht meine erste Wahl gewesen, aber ich fand den Trailer zu „Bad Luck Banging or Loony Porn“ so witzig, dass ich mir dieses Werk dann doch nicht entgehen lassen wollte. Allerdings hätte mir das Prädikat FSK 18 für diese rumänische Satire zu denken geben sollen: Nachdem das private selbstgedrehte Schlafzimerfilmchen einer Lehrerin und ihres Ehemannes aus ungklärten Gründen auf einer Pornoseite gelandet ist und die minderjährigen Schüler und Schülerinnen es auf dem Handy herumgezeigt haben, muss die Schuldige vors Tribunal eines eilig anberaumten Elternabends treten. Bei der Zusammenkunft tun sich Abgründe auf und unter dem Deckmantel der ums Wohl der lieben Kinderlein besorgten Eltern offenbart sich, wie die Mehrheit tickt. Von Verschwörungstheoretikern bis hin zu Holocaustleugnern ist alles dabei. Angebracht ist im Übrigen wirklich das „FSK 18“, da der Gegenstand des Skandals tatsächlich in epischer Breite über die Leinwand flimmert, inclusive der dazu passenden, mehr als deftigen und nicht gerade liebevollen Wortwahl. Mich hat eher das Ende und auch die scheinbar sinnlosen auf der Straße mitgefilmten Impressionen aus dem modernen Bukarest verwirrt.

7. Sonntag. Zuletzt habe ich meine erste Sommerpausen-Etüde und meine Advents-Etüde geschrieben, und das war verblüffend einfach, weil ich die Idee quasi schon im Hinterkopf hatte und nur noch in Worte kleiden musste – das Beitragsbild mit der Seerose lieferte die Inspiration dafür.