Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #2: ab in den Norden

In der Sommerpause der ABC-Etüden dürfen wir trotzdem weiter kreativ sein, denn aus den folgenden zwölf ausgelosten Wörtern sollen wir uns mindestens sieben herauspicken, um eine Etüde von beliebiger Länge zu schreiben:

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister
Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür

Spielen sollte die Etüde an einem Gewässer unserer Wahl.

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Ab in den Norden

„Das darf doch alles nicht wahr sein!“ stöhnte Schrödinger genervt  vor sich hin und hätte beinahe vor Wut in sein Lenkrad gebissen. „Da will man einmal zur Erholung an die See fahren, denkt bei dem milden Wetter an nichts böses, und dann das!“

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren… Über Nacht waren die für Februar ungewönlich hohen Temperaturen buchstäblich in den Keller gestürzt und hatten für ein Verkehrschaos allererster Güte gesorgt. Der Willkür des Wetters konnte sich niemand entziehen.

Regen hatte sich irgendwo vor Lübeck in Blitzeis verwandelt, und sofort hatten sich mehrere Laster quergestellt. Nun verstopften sie die Autobahn seit Stunden. Er konnte von Glück sagen, dass ihm dank seines Abstechers mit Übernachtung und Weinkauf in Sommerloch der Ausbruch dieses Pandämoniums erspart geblieben war, doch nun durfte er, wie hunderte andere auch, dessen Folgen in einer kilometerlangen Schlange ausbaden. Die edlen Tropfen, die er in diesem winzigen Ort in der Nähe des Nahetals bei einem befreundeten Winzer erstanden hatten, nützten ihm in seiner misslichen Lage nichts, denn Alkohol am Steuer, auch wenn sie noch so lange hier festhingen, das ging gar nicht.

Warum war er nicht ins Ötztal gefahren? Da hätte er wenigstens Ski fahren und sich den Similaungletscher, von dem ihm Ingrid schon so lange vorschwärmte, aus der Nähe ansehen können. Statt dessen starrte er ins eintönige Grau, das nur dann und wann von den flackernden Rücklichtern seines Vordermanns in leuchtendes Rot getaucht wurde. Blendendes Rot – je weiter der Nachmittag fortschritt, desto trüber entwickelten sich seine Aussichten. Wenn er mit dieser Höllenfahrt bei minus 20 Grad nicht ein Eigentor geschossen hatte.

Österreich wäre so viel näher gewesen – er hätte jetzt bei einer schönen Tasse Tee kuschelig im Warmen sitzen und sich an dem Bergpanorama der Ötztaler Alpen erfreuen können. Mit dem dazu passenden Krimi über die Gletschermumie hätte er sich wohlig gruseln und dann ins Reich der Träume hinübergleiten können, so sanft und lautlos wie die Wasserläufer, die sich im Sommer in seinem Gartenteich tummelten.

Doch nun lief er Gefahr, sich in dem alten Volvo mit seinen vielen Macken und der spinnenden Heizung selbst in eine Gletschermumie zu verwandeln – so wie er in seinen überdimensionalen Schal in allen möglichen Weißtönen eingewickelt war, konnte man leicht auf diesen Gedanken kommen. So ein Unsinn, wies er sich selbst zurecht – so betagt, als dass man ihn als Mumie bezeichnen konnte, war er doch nun wirklich nicht. Das bewies schon der Sender, den er vorhin erst gewechselt hatte, weil ihm das Schlagergedudel zunehmend auf die Nerven gegangen war.

Der Stau war schon schlimm genug, da musste er sich nicht auch noch Helene Fischer oder Florian Silbereisen geben. Anscheinend hatte man sein stummes Flehen erhört, als er schon nach wenigen Sekunden fündig wurde: ein Mitschnitt von Rock am Ring. Das Konzert vom Anfang hatte er verpasst, jetzt dröhnten ihm Rammstein in voller Lautstärke entgegen – der „Radau“, wie Ingrid seine Lieblingsmusik nannte, weckte seine Lebensgeister

Erst Rammstein, in der nächsten Sendung dann AC/DC, und zum Schluss die Hard’n’Heavy Top 40 – zwischenzeitlich von den aktuellen Verkehrsmeldungen unterbrochen – ja, so war der Stau schon nicht mehr ganz so nervig, und grenzenlose Erleichterung brach sich bei Schrödinger Bahn, als die Abfahrt zur A20 nach Rostock immer näher kam und sein Ziel in greifbare Nähe rückte. Das Wetterleuchten hinter Lübeck nahm er schon gar nicht mehr wahr, als er nach fast zwölf Stunden vor seiner Pension zum Stehen kam.

Der Wind war mörderisch und hätte ihn um ein Haar von den Füßen gerissen. Faszinierend, dass die Dachbegrünung der Heidekate, in der ein mollig warmes Zimmerchen auf ihn wartete, dem tosenden Wind überhaupt standhielt, aber er war viel zu erledigt, um sich über dieses kleine Wunder Gedanken zu machen. Endlich angekommen – jetzt war nur noch eines wichtig: sein weiches Bett, und um alles weitere würde er sich morgen Gedanken machen. 

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Bis auf die beiden Wörter „Fliegenklatsche“ und „Glühwürmchen“ habe ich jahreszeitenbedingt habe ich fast alle Wörter untergebracht: Herausgekommen ist eine, auf eigenen Erfahrungen beruhende Etüde mit einer Länge von 634 Wörtern. Auch wenn es jetzt Sommer ist, habe ich mich bewusst für ein winterliches Thema entschieden, in dem sogar das Sommerloch seinen Platz hatte – als 400-Seelen-Dorf bei Bad Kreuznach, wo es immerhin sieben Winzer gibt.

Die Bilder zeigen die Ende Februar auf einen halben Kilometer Breite zugefrorene Ostsee in der Nähe von Scharbeutz und Timmendorfer Strand. Es war eine schöne Woche, nur auf die doppelt so lange Anfahrt von zwölf statt sechs Stunden dank der drei Staus hätte ich gerne verzichtet.

12 Kommentare zu “Etüden-Sommerpausen-Intermezzo #2: ab in den Norden

  1. Die elegante Unterbringung des „Sommerlochs“ in der Geschichte habe ich auch gleich bewundert … 👍😃.
    Mir ist es noch nie gelungen, eine vereiste Ost- oder Nordsee zu sehen, aber das muss faszinierend aussehen. Nur die An- und Abfahrt kann bei solch einem Wetter natürlich zum Alptraum werden. …

    • ein wegweiser zu diesem ort ist mir früher ständig begegnet, wenn ich bei meinem freund mitgefahren bin – der hat dort in der nähe immer seine eltern besucht.

      da gibt’s übrigens auch noch einen winzigen ort mit 75 einwohnern, der den lieblichen namen Katzenloch trägt.

  2. Eigene Erfahrungen in Geschichten zu packen, lässt diese immer gleich lebendiger werden. Wobei…auf so einen 12-Stunden-Stau könnte ich auch verzichten, mir reicht schon das normale Verkehrscgaos, wenn wur da „hoch“ fahren.

  3. Die Geschichte ist mehr als nachvollziehbar – bei Wettereinbruch auf der A1, herzlichen Glückwunsch! 😉 Und die Bilder sind wirklich großartig!!!! Ich kenne die vereiste Nordsee, habe aber (glaube ich) keine digitalen Fotos davon. Die vereiste Elbe ist auch nett 😁
    Dass „Sommerloch“ ein Ort ist, ist allerdings die absolute Krönung 👍👍👍
    Übrigens sagt das Kleingedruckte, dass die Geschichte zum Teil an einem Gewässer spielen soll, und ich finde, du übererfüllst alle Vorgaben mit Glanz 😉👍
    Herzliche Mittagskaffeegrüße 😁🌞🌡️⛲☕🍪👍

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