ABC-Etüden – Woche 42 & 43 – Etüde 1: Schöner Wohnen

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Der Herbst geht in die Vollen – nicht mehr lange, und wir dürfen uns an den Adventüden erfreuen. Doch noch läuft alles wie gewohnt auf Christianes Blog und ihren ABC-Etüden, zu denen die aktuelle Wörter (Biedermeier – niederträchtig – flöten) von Puzzleblume gespendet wurden.

Dass ich die Adventüden erwähnt habe, kommt nicht von ungefähr; Christianes hübsche Illustration erinnert mich an Springerle und daran, dass ich so langsam mit der Weihnachtsbäckerei anfangen sollte. Die Reifröcke waren an der Inspiration für diese Etüde nicht ganz unschuldig.

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Schöner Wohnen

„Im Biedermeier (1815 bis 1848) stand der Rückzug ins Private hoch im Kurs“, leitete der Begleittext zu den Bildern im neuesten Katalog zu den unter den Hammer kommenden Objekten über. Obwohl sie fast nie zu solchen Auktionen ging, ließ sich meine Freundin Christa den Katalog immer noch regelmäßig schicken.

Förmlich hingerissen hielt ich den Atem an. Was für schöne Möbelstücke!

Allgemein als hausbacken oder konservativ verschrien, war mir dieses Einsortieren in Schubladen schon immer geradezu niederträchtig vorgekommen, denn besonders die Stühle mit ihren in ansprechenden Farben gestreiften Polstern und sanft geschwungenen Beinen hatten es mir angetan. Schlicht, elegant und gleichzeitig gemütlich… kein Wunder, wenn sich wegen eines Vulkanausbruchs das Klima weltweit so veränderte, dass einem nur die Flucht nach drinnen blieb.

Trotz der schönsten Sonnenuntergänge hielten sich die meisten in jenen Jahren lieber drinnen auf, also sollte es gemütlich sein. Besonders bei Soiréen mit Hausmusik, bei denen aber anscheinend niemand flötete, sondern Klavier spielte… ein solcher Abend musste wunderbar sein, doch Christa holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Ich weiß selbst, dass bei Dir finanziell nichts geht“, unterbrach sie meine Träumerei – sie hatte beruflich mit Antiquitäten zu tun und kannte die Preise, aber sie wollte auf etwas anderes hinaus. „und ich kenne Deine nostalgische Ader, aber gemütlich waren damals wohl nur die Sitzmöbel.“

Verstohlen rieb ich mir das Hinterteil, das mir schon bei der Vorstellung von abendfüllenden Hauskonzerten in Korsett und Reifrock wehtat. Da konnte man nicht bequem genug sitzen, und dennoch schielte ich im Geiste nach meinen Neuerwerbungen aus der aktuellen Kollektion einer bekannten österreichischen Modedesignerin, die ich zu so einer Auktion tragen würde: eine Bluse mit den für die zu versteigernden Möbel aus jener Epoche so typischen Streifen und eine sündteure Jeans – bequem und trotzdem stilvoll, und als Teile aus der sogenannten Biedermeier-Kollektion zudem noch passend.

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300 Wörter für den Ausflug in die Welt des guten Geschmacks. Obwohl Geschmack und guter Stil ja Ansichtssache sind – denn nichts ist so vergänglich wie die Mode, und wenn ich allein schon an die Damenhüte aus dieser Zeit denke… die Trägerinnen solcher Schuten dürften kein größeres Gesichtsfeld gehabt haben als Pferde mit Scheuklappen.

PS: Die Modekollektion dieses Namens gibt es übrigens wirklich, und die Teile sind wirklich sehr kostspielig, aber eine gestreifte Bluse kommt in ihr nicht vor (dafür aber so ein Kleid).

PPS: Manchmal braucht es keinen Vulkanausbruch wie den des Tambora 1815, der für ein Jahr ohne Sommer sorgte – bei der Pandemie, die wir seit letztem Jahr haben, spielte sich über Monate das Leben doch ebenfalls drinnen ab.

6 Kommentare zu “ABC-Etüden – Woche 42 & 43 – Etüde 1: Schöner Wohnen

  1. Bei der Modekollektion gehe ich bestimmt gleich mal vorbei, das möchte ich zu gerne mal sehen, auch wenn mein Lebens- und Kleidungsstil dem so gar nicht entspricht.
    Danke für den Ausflug in die andere Zeit! 😁👍
    Übrigens bist du bei mir nicht im Reader, nur zur Info (Veröffentlichung zurückziehen, halbe Stunde warten, dann noch mal versuchen? 🤔).
    Wolkenverhangene Sonntagmittagkaffeegrüße 😁☁️🍂🍁☕🍪👍

  2. Wieder einmal etwas in/aus den Etüden gelernt. De5 1815 „gestohlene“Sommer z.B., war mir bisher gar nicht bekannt.
    Ob das damals wohl auch so ein großes mediales Ereignis war wie Corona bei uns?

  3. Sehr interesssant, die zeitgeschichtlich eingeflochtene Klimakatastrophe im Europa der frühen Biedermeierzeit.
    Schöne Dinge, die man sich nicht leisten kann, wenigstens auf Bildern zu bewundern – wer kennt das nicht?
    Mir gefällt, wie du die Ereignisse der Gegenwart mit der Vergangenheit durchwoben hast.

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 44.45.21 | Wortspende von wortverdreher | Irgendwas ist immer

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