ABC-Etüden – Woche 42 & 43 – Etüde 4: Zu später Stunde

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Nicht alles ist, was es zu sein scheint. So auch bei den ABC-Etüden (auf Christianes Blog) mit den folgenden drei Wörtern von Puzzleblume: Biedermeier – niederträchtig – flöten.

Mir war zur Abwechslung mal wieder nach einem gruseligen Schauplatz.

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Zu später Stunde

Süß flötete die Amsel über Patrick im Baum.

Vogel müsste man sein, seufzte er, oder irgendwie anders der Wirklichkeit entfliehen. Die Gläubiger saßen ihm im Genick, und er traute sich kaum noch nach Hause.

„Ich weiß, wo dein Haus wohnt“: Ein Pflasterstein, eingewickelt in die Nachricht in blutroten Lettern, niederträchtig durch sein Schlafzimmerfenster geschleudert, der Fußboden übersät mit Tausenden von Scherben, das war das Signal gewesen, seine Liebste in Sicherheit zu bringen. Niemals würde er sich verzeihen, wenn Tatjana in Juris Fänge geriet. Sie heimlich woanders unterzubringen, war einfach gewesen nun gab es nur noch eines: Den „Geist der Rose“ am ältesten Teil des Friedhofs aus der Epoche des Biedermeiers dem Mittelsmann zu übergeben. Ciao, Sorgen! Dass der rosa Diamant nicht echt war, würde nur dem versiertesten Profi auffallen. Ein eiskalter Hauch wehte Patrick vom Seitenportal des Gottesackers entgegen. Hoch über ihm thronte ein Engel auf der Friedhofsmauer.

Das letzte Mal war dieser noch nicht dagewesen.

Mit einem mulmigen Gefühl taxierte Patrick das marmorne Antlitz der Statue, und noch im selben Moment spürte er, wie sich die Nackenhärchen aufstellten und eine Gänsehaut seinen ganzen Körper überzog. Dass der Engel sich bewegt hatte, musste er sich eingebildet haben. Real dagegen war Leon, der am vereinbarten Ort mit hochgeschlagenem Kragen seines Trenchcoats ziellos auf und ab lief und dabei an seiner Zigarette zog. Nur noch wenige Schritte, dann hatte er es. Die Tattoos auf seiner Haut pulsierten unangenehm, und dann geschah es: Wie aus dem Nichts stellte sich ihm der Engel in den Weg und breitete die Schwingen aus. Ein heller Blitz, und Patrick war verschwunden. Fassungslos rieb sich Leon die Augen und trat eilig den Rückzug an, als sich der Engel ihm zuwandte.

Nur eine Packung Zigaretten war das einzige, was zurückblieb. In der Nähe flötete eine Amsel ihr einsames Lied.

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300 Wörtern für eine Schauermär, passend zu Halloween.

5 Kommentare zu “ABC-Etüden – Woche 42 & 43 – Etüde 4: Zu später Stunde

  1. Wie? Wo? Was? WTF?
    Biedermeier hab ich schon für vieles gelesen, Friedhöfe sind mir neu – geschwungene Grabsteine? 🤔😉😁
    Danke, sehr spannend, nur gruselig fand ich es nicht 😉
    Morgenkaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

  2. Unerwartet und spannend. Die Schauermär stelle ich mir als Hörspiel vor, mit der Amsel, Schritten im knirschenden Friedhofskies, Feuerzeugklicken und dann irgendeinem unheimlichen Finalgeräusch, bevor die Amsel wieder flötet. Was man aus dem „Biedermeier“ alles herausholen kann ist wirklich faszinierend.

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 44.45.21 | Wortspende von wortverdreher | Irgendwas ist immer

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